14 September 2024

vom Ende der silbernen Jahre

Freilich hatte es auch mal goldene Jahre im Job gegeben.

In denen uns Spezialisten auf gut schwäbisch gesagt
der Rotz die Wange hoch gelaufen war.

In denen die Ziele eines globalen Konzerns noch auf
Wachstum und nicht auf Kosten fokussiert gewesen waren.

Diese "goldene Ära" war so etwa mit den Jahren der
Finanzmarktkrise Mitte der Nullerjahre zu Ende gegangen.

Zudem hatte grandiose risk management -Fehlkalkulation in
unserem Leitprodukt uns zu Beginn der Zehnerjahre einen
sehr hohen zweistelligen Millionenbetrag an Abschreibungen
einhandelt.

Und allerspätestens danach kamen nur noch Vorstände,
die das Kostenthema zur Prio 1 machten und deren
Investitionen ausnahmslos in IT-Systeme flossen, deren Ziel
die Reduzierung von teuren Humanressourcen hatte.

Hinzu kamen Mehrheitseigentümer im Ausland,
die zunehmend schulterzuckend fragten:

     "Was macht ihr da in D eigentlich?
      Wir sind in einem Markt, dessen Kuchen nur noch
       umverteilt wird.
       Und Euer Geschäftsbereich wirft 2% Eigenkapital-
       rendite nach Steuern ab?
       Erklärt uns bitte nochmal ganz genau,
       WESHALB ihr das macht!"


Und eines der Problem war, dass die dort Verantwortlichen
alle 6-9 Monate wechselten, weil sie danach bereits weiter
in der Zentrale der Konzernmutter aufgestiegen und durch
neue aufstrebende Controller von der Uni ersetzt worden waren.

Mit dem Ergebnis, dass wir den immer nächsten Eigentümer-
Entsandten jedes verdammte einzelne Jahr aufs Neue erklären
konnten, wie der Markt hier nun mal tickt.

Ich erinnere mich noch genau, wie der damalige bundesweite
Vertriebschef Deutschlands damals vorne auf der Bühne sagte:

     "Ja, die goldenen Jahre sind vielleicht vorbei - so what,
       freuen wir uns also auf die silbernen!"


Die Personalchefin, die zu diesem Zeitpunkt bei uns wütete,
wurde kolportiert mit der Aussage "wir können diese Umsätze
auch problemlos mit 60% weniger Personal im angestellten
Außendienst machen."


Und letzte Woche fand dann ein bundesweiter VideoCall statt,
mit welchem dann auch die silbernen Jahre zu Ende gingen
und wir alle unsere Jobs zum Jahresende verlieren.

Zwar gibt es -noch- eine Beschäftigungssicherungsvereinbarung
mit dem Betriebsrat.
Aber die zwei Alternativen, die man uns bietet, sind Kacke.

Sie wirken bewusst so gewählt, dass möglichst viele von uns
sie uninteressant finden werden. Und...nun ja, nach Alternativen
suchen werden.

Und welche Erfahrungen man damit macht, mit Ü50 aktiv
auf den Arbeitsmarkt zuzugehen, habe ich die letzten zwei Jahre
ja schon ausgiebig erleben dürfen.

Kurz gesagt: Ich bin am Arsch.

Die einzig wirklich interessante Option außerhalb der zugesagten
Beschäftigungssicherung bei uns intern finden bundesweit
noch min. 10 weitere Kollegen in meiner Lage ebenfalls interessant.

Bei 1 offener Stelle. Bundesweit.
Darauf brauche ich also gar nicht erst hoffen.

Immerhin:
Ich bin es gewohnt, mich in vorgegebene Sachzwänge hineinzumorphen.

Diese Kindheit, wer hätte gedacht, dass sie noch einmal
so sehr nützlich werden sollte.

8 Kommentare:

  1. Oh. Oh verdammt. Ich erinnere mich, dass wir mal über Halbwertzeiten, Ablaufdaten und Exitstrategien in Deiner Branche bzw Deinem Job gesprochen haben, aber ganz so weit bist Du - glaube ich - grad noch nicht. Ich hoffe für Dich auf Lichtblicke, neue Türen, etwas, das sich auftut.

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    1. Das „noch nicht“ wurde zu einem „nun ist es zu spät dafür“. So ehrlich muss man sein, der Drops ist gelutscht. Erst neulich las ich wieder den Artikel eines Personalberaters und was er von der Einstellung deutscher Firmen zu erzählen hatte wenn es darum ging, Ü50-Mitarbeiter einzustellen. Seine Kurzzusammenfassung war etwa „Wenn es dort irgendwie noch aushaltbar ist, bleiben Sie um Himmels Willen dort, wo Sie jetzt sind!“ Es ist auch nicht so, als fühlte ich mich in dem was ich tue oder in meiner Branche unwohl. Nur gibt es meinen Job den ich mag nicht mehr. Und die, DIE es noch gibt, mag ich nicht.

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  2. Antworten
    1. Ihre Worte "Nur gibt es meinen Job den ich mag nicht mehr. Und die, DIE es noch gibt, mag ich nicht" beinhalten eigentlich alles an Wahrheit.
      Ich erlebte dies ja schon als U50er vor knapp 9 Jahren und bin seitdem rastlos durch 3 Firmen und eine massive Lebenskrise geschliddert. Nun mit 60 erfahre ich, dass der Zug nicht nur abgefahren ist, sondern bald der nächste in meinem Bahnhof einfährt. Einzig die Aussicht auf die Rente in 58 Monaten erhält mich am Leben. Habe ich mich dann nämlich 48 Jahre prostituiert und den Arsch hingehalten. Daher möchte ich noch so lange wie möglich von meiner sauer verdienten Rente was zurück haben...

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    2. Ihre Wortwahl lässt mich darauf schließen, dass Sie mir da schon was VORAUS haben, die innere Ablösung von dem, was verlangt wird, scheint bei Ihnen vollständig vollzogen zu sein.

      Dazu ist es bei MIR noch zu FRISCH, noch nicht lang genug her.

      Es gibt aktuell noch diese Trauerphase vom bisherigen,
      ich drücke das weg, aber ich weiß: Um den Dezember herum, wenn alle "draußen" es per Emailverteiler des Konzerns erfahren und sie dann alle anrufen werden bei mir und ich dann diese Kuhscheiße als Trüffel am Telefon werde verkaufen müssen, dann wird es noch mal ganz schlimm im Kopf.

      Dann werden auch Tränen fließen, aber zum Glück hat die Liebste reichlich Mosel-Riesling geordert.

      Und zum Anderen werden irgendwann meine "sich in die Situation einfügen"-Skills aus Kindheitstagen einkicken und wirken.

      Und wer weiß?
      Vielleicht dauert es gar nicht so lange, bis der nächste Zug in den Bahnhof einfährt und dann mal sehen, was der so an Fracht bringt.

      Ich versuche, interessiert und neugierig zu bleiben.
      Schon deshalb, weil das gegenteilige Verhaltengerne mal alten Menschen unterstellt wird.
      Und das will ich noch weniger sein als "nicht im idealen Job zuhause".

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  3. Mich macht, ganz ab vom eigentlichen Thema, dieser auf gut schwäbisch gesagte Ausdruck wirklich komplett fertig, wie kann denn R*tz die Wange hochlaufen Beschreibung fuer irgendetwas _Gutes_ sein?? Ich bekomme nur bei dem Gedanken sofort Brechreiz und Ekelgaensehaut.

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    1. Das Schwäbische ist vor ALLEM im Metaphern und Gleichnisse-Bereich gerne mal grob und ungeschliffen.

      Ich verweise an dieser Stelle gerne auf die extrem gelungene linguistische Aufarbeitung durch einen Fachmann.

      Lektion 1
      (wichtig - bis zum Ende ansehen!)


      Lektion 2

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