31 Mai 2022

von der stillen Träumerei

Spend all your time waiting
For that second chance
For a break that would make it okay


Neulich las ich davon, das es immer auch eine Entscheidung
sei, zu lieben. Dieser Satz fühlte sich leider wahr an.

Leider, weil sich aus ihm eine für mich unangenehme
Konsequenz ergab: Wenn zu lieben eine Entscheidung war,
dann war es nicht zu tun eben auch.

Und dabei ging es nie darum, nicht zuzulassen, geliebt zu werden
- ich habe diese Möglichkeit oft, gar zu oft gehabt, und vor allem
habe ich sie gar zu oft zugelassen, auch wenn es anständiger,
fairer, ehrenhafter gewesen wäre, sie nicht erst zuzulassen.

Vor Allem wäre es cleverer gewesen, den einen oder anderen
Menschen vor sich selbst zu schützen.

Aber seien wir ehrlich:
Dafür war ich zum einen weitaus nicht anständig genug.
Und zweitens weitaus zu bedürftig.

Ich schüttele manches Mal den Kopf darüber, wie sehr bedürftig.

Was ich aber sicher sagen kann, ist,
dass ich noch von jedem Verliebtsein weiß.

Und -viel relevanter- weiß ich auch noch von jedem Moment,
von jeder einzelnen Situation, die dieses seltene, wunderbare,
schützenswerte Potential in sich trug, zu einer Liebe zu werden.

Es waren wenige, sehr ausgesuchte magische Momente.
Ich erschricke ein wenig, wie wenige, verglichen mit der
Anzahl der Beziehungen, die man einging.

Und wie ich an anderer Stelle schon einmal ausführte,
macht es diese Welt, in der wir leben,
der Magie nicht
gerade leicht, ihr Strahlen zu entfalten.

Einging aus Gründen, die der Captn vielleicht umschrieben
hätte mit so was wie "auf der Suche nach der Richtigen
kann man ja die Zeit wenigstens halbwegs sinnvoll mit
den Falschen zubringen"
Und ich konnte selten Sätze so fühlen wie diesen.

Ist Liebe wirklich eine Entscheidung?

Denn der Initialfunke -und da gebe ich ihrem Einspruch,
den sie mir nannte, sofort Recht- ist eben keine Entscheidung,
der ursprüngliche Funke ist ein Gefühl, das...einfach da ist.
Sofort. Instant.

An jeden Moment, in dem ich sofort bereit war zu lieben,
kann ich mich erinnern. Als wäre er gestern geschehen.

Diese Momente der Liebesbereitschaft, der Entschlossenheit,
es alles zu riskieren und aufzugeben, hier und jetzt,
für das, was man zu bekommen wähnt, sie waren selten.
Eigentlich so selten, dass es verantwortungslos wäre jemandem
zu empfehlen, auf ihr Erscheinen zu warten, zu hoffen.

Und sie sind leicht zu identifizieren:

Der Schmerz an die Erkenntnis ihrer Vergangenheit,
er lässt nicht nach. Nicht nach Monaten, Jahren, länger.
Das ist das Eine.

Das Andere ist das, was ich die lächelnden Tränen nenne.
Der Gedanke an die Berührungen dieser Momente ist immer,
ausnahmslos, frei von Makeln verbunden mit:

Einem sanften Lächeln.
Begleitet von Tränen, die ihre Anwesenheit nicht erklären
können, wollen, brauchen.
Denn ihr Auftauchen ist so zuverlässig wie das Aufgehen
der Sonne am Tag darauf. Sie sind einfach da.
Immer sind sie es.

Und was auch immer präsent, immer da ist:
Die stete Erinnerung an die lange Zeit des Wartens auf diesen
Bruch, diese zweite Chance, die alles gut machen würde.

Diese Hoffnung auf Erinnerungen, die endlich, erlösend aus
den Venen hinaus fließen würden und mich selbst leichter,
schwereloser werden lassen würden.
Für etwas Frieden inside.

Und dann, in den Momenten der Erinnung an Ereignisse,
die es nie gegeben hat, so sehr man sie auch ersehnt hatte,
dann kommen sie:

Die stillen Träumereien,
von denen niemand weiß,
die niemand mehr hören will,
die niemandem mehr zuzumuten sind.
Und die ich mit niemandem mehr teilen möchte.

Ich sehe dann genau vor mir, wie ich einen Menschen
festhalte und so sanft und bestimmend es nur geht, umarme.
Wie ich prallliebesgefüllt vor ihm stehe.

Unsere Köpfe sehr nah beieinander,
seine Nase, sein Gesicht in meiner Halsbeuge,
Sein ruhiger werdender Atem, der mir signalisiert,
dass ich meinen finalen Anlegehafen, meine Rolle,
meine Aufgabe gefunden habe.

Ich tagträume von diesem Stolz in der Brust, die Verantwortung
für dieses Herz übertragen bekommen zu haben, das Gefühl
der Würdigkeit für die mir zugedachte Aufgabe.
Und die Dankbarkeit, die Demut davor.

Das Gefühl anzufassen,
auf jede erdenkliche Art und Weise.

Den eigenen Soll-Zustand zu erleben, zu begreifen.
In dem ich ihn anfasse, fest, an seinen Hüften
zu mir heranziehe, herein hole in seine finale,
endgültige Parkposition an diesem meinen Hafen,
nach dessen Antäuen kein Sturm, keine Unwetter mehr
Schaden oder Unbill ihm je wieder zuzufügen vermag.

Stattdessen sind sie schon wieder da:
Die lächelnden Tränen.
Die den Süßwasserhafen meiner Träume verwandeln,
ihn umwidmen in einen Salzwassersee ohne Anlegestelle,
ohne Boot und Taue. Und ohne Segel.

Und so verbringe ich meine Zeit mit Zimmereiarbeiten.
Konstruiere weiter an kleinen Schönheiten, kleinen
Habseligkeiten.

Deren Aufgabe ist, all das zu kompensieren,
an was es mir fehlt, was ich nicht sein kann.

Denn es gibt immer einen Grund, sich nicht
gut genug zu fühlen, und der will schließlich
gut belegt und bewiesen sein.
Auch mir selbst gegenüber.

Und mit diesen Gedanken im Kopf,
diesen lauten Echos im Herzen von Rufen, die es nie gab,
ticken die letzten roten Minuten im Mai,
welcher doch alles neu machen können soll, hinunter.

Und sie tropfen hinab in den heißen Sand des Juni,
wo sie gleißend verdampfen, wo sie zu einem goldblauweißen
Glitzerreigen im bevorstehenden, terminreichen Sommer werden,
der von den Sehnsüchten der Schatten nichts wissen mag
und welcher uns mit Sinneseindrücken voller Erdbeereislippen,
Freibadspritzwasser und GinTonic-geschwenkten Grillabenden
betäubt, ermuntert, bräunt und in Sicherheit wiegt.

So ist all das Leben.