14 November 2024

zurück in der Vogelsanger Straße

Lächerlich, wie viele Jahre ich diese Straße gemieden habe
wie der Teufel das Weihwasser.

Und das nur, weil ich hier irgendwann in den Neunzigern
die schlimmsten Stunden meines Lebens verbracht hatte. 

Das war richtig schlimm gewesen, damals.
Ich hatte zwar schon irgendwie Zeichen am Horizont
in den Wochen zuvor gesehen.

Dass die Frau, die ich damals über alles liebte, wohl
nicht  so ganz das Gleiche für mich empfand, trotz
innigster Schwüre und Beteuerungen.

Da war ihr Umzug von Bonn nach Köln gewesen.
Zu dem ich meine Hilfe selbstverständlich fix eingeplant hatte.

Und der dann doch ganz plötzlich auf genau das eine Wochenende
vorgezogen worden war, an dem ich genau nicht kommen konnte.

Da war die J.S. Bach -CD, die ich ihr geschenkt hatte mit einem
handgeschriebenen Liebesschwur in wasserfestem Edding drauf.
Welcher 2 Wochen später von der CD-Hülle nahezu vollständig
entfernt worden war.

Da war die Studenten-Abschlussparty gewesen. Auf der mit
einem Mal mein Vorgänger (Hanno) bei ihr da stand
und kurze Zeit später flennend mit ihr auf einer abseits
gelegenen Treppe saß.

Wie ihre Kommilitonin Andrea leicht schwankend die Chance nutzte
und zu mir, der ich allein da stand, zukam und mich beiseite nahm.

Um mir zu sagen, dass ich schnell weit weg laufen solle.
Ich würde hier nur ausgenutzt.
Und ich sei zu lieb für sie.
Und weitaus zu gut für sie.

Aber ich hatte nicht gehört, und nun saß ich da,
an Weihnachten 1998, allein in ihrer Wohnung.

In der Vogelsanger Straße.

Nach 4-stündiger fordernder Fahrt war ich angekommen zu ihr,
damit wir gemeinsam Weihnachten feiern konnten.
Nur wir zwei.
Wie sehr ich mich darauf gefreut hatte.

Wie sichtlich nervös und in Aufbruchstimmung sie gewesen war.
Unerwartet seien Verwandte aus Rumänien bei ihrer Familie
in Ahrweiler eingetroffen.

Da müsse sie sich nur mal sehen lassen, das ginge nicht anders.
In ein paar Stunden sei sie zurück, dann wäre sie ganz da für mich.

Und dann war ich keine 20 min nach meiner Ankunft
wieder allein in ihrer Wohnung gewesen.

Die Stunden vergingen. Nachrichten blieben ebenso aus wie ihr Handy.

Manches Mal stand ich an den bodentiefen Fenstern und schaute
nach unten auf den Platz gegenüber dem Parkhaus, wo mit
Eintreten der Dämmerung immer seltener Paare händchenhaltend
und mit Einkaufstüten beladen aus dem Einkaufszentrum
heraus traten, um nach Hause zu gehen und Kerzen anzuzünden,
Musik anzumachen, Essen zuzubereiten und ihre Zweisamkeit
zu genießen.

Irgendwann waren da nur noch die Beleuchtungen der Straße
zu sehen und niemand kam mehr entlang.

Und da saß ich nun allein, an Heiligabend 1998.

Und wartete.
In der Vogelsanger Straße.
Sie kam an diesem Tag nicht mehr.
Sie kam auch am nächsten Tag nicht zurück.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag schließlich rief sie mittags an,
ganz kurz nur, sie müsse zurück zu den Verwandten, 
ich solle wieder heimfahren, nach BaWü.

Es täte ihr so leid, das sei alles ganz anders geplant gewesen,
nun müsse sie aber mitspielen, ganz sicher mache sie alles
wieder gut, sie käme dafür zu mir, an Silvester, für einige Tage,
dann hätten wir Zeit, nur wir zwei, nur für uns.

Ein bisschen traurig über dieses Weihnachten hatte ich meine
Sporttasche wieder gepackt und mich in mein Auto gesetzt,
über eine fast leere A3 war ich an diesem Feiertag zurück
gefahren in das einsame, stets distanzierte Umland nördlich
von Stuttgart.



Es blieben die Nachrichten weiterhin aus.
Aber ich wusste ja, bald würde sie kommen!

Es muss so etwa gegen 22 Uhr am 31.12.1998 gewesen sein,
als mir etwas klar zu werden begann.
Dass sie nicht mehr kommen würde.
Dass sie nie mehr kommen würde.

Ich kann mich an jede der Nächte der nächsten Wochen erinnern,
so als seien sie letzte Woche gewesen.

Nur noch 1x war ich danach in der Vogelsanger Straße gewesen.
Bei ihr.
Vor ihrer Haustür.
1x, das ich mir besser erspart hätte.
Denn hinein gelassen wurde ich nie wieder.

Nun laufe ich also wieder hier durch,
ein gutes Vierteljahrhundert später.

Neue Vertriebspartner von mir sind hier um die Ecke,
das Team ist freundlich, harmonisch, eingespielt und
kommt von der Konkurrenz zu uns.

Sie sind neugierig, alles ist neu und spannend für sie.
Sie sind jung, sie sind hungrig, aufnahmebereit.
Sie nehmen jede Unterstützung, die sie kriegen können.

Sie haben eine hübsche Azubiene, die die atemraubendste
Figur hat, die ich jemals außerhalb des Internets zu sehen bekam.
Die Jungs haben unglaublich gute Manieren und mögen es,
wie ich mit ihnen umgehe.

Hier werde ich gerne hin kommen die nächsten Monate.

Und kann etwas tun, was man immer tun sollte,
wirklich immer, und was ich schon vor Jahrzehnten
hätte versuchen sollen:

Schlechte Erinnerungen mit neuen, guten zu überstreichen.



13 November 2024

every day we stray further from God

Herr MiM hatte recht.

Und ich bin (wiederkehrend) froh, dass mein Vater
das alles nicht mehr mitbekommt:

Der rastete schon wegen anderer Kleinigkeiten gleich aus
und DAS HIER würde ihn in seinem Grab zu einer
iranischen Teilchenzentrifuge werden lassen.

Alta !


 

Sieht so aus, als müsste ich die nächste Zeit auf die
Butter in meinem Kaffee verzichten.

Aber es wird schon ein Zeichen gewesen sein,
dass ich heute früh bereits den Sensemann im Kaffee hatte.



12 November 2024

Screenshots 10.2024

   [ Die Tage fallen wie Blätter
und die Heizungsperiode ist da.

Ich trage bereits alles übereinander, 
was ich habe: Der Temperaturbereich +3° bis +9°C
ist für mich die Hölle! Die überfrorene zumindest.

Dem Herrn sei Dank gibt es wärmende 
Bild- und Textnachrichten. Wie Sie sehen. ]














































10 November 2024

eine Session bei Lady Daria

Erst auf den letzten Drücker hatte ich alles vorbereiten können.

Die Dame hatte mir im Vorfeld eine präzise (und lange) Liste
mit umfangreich von mir zu erledigenden Dingen gesendet,
die Einiges an Zeit in der Vorbereitung verlangt hatten.

Entsprechend ausgerüstet stehe ich pünktlich um 14.15 Uhr
vor einem von außen unscheinbaren Privathaus, dessen in
den Innenräumen angebotener Service nur durch eine kleine,
unscheinbare Klingel kryptischer Beschriftung dem Konsultanten
offenbart.

Nach kurzer Zeit wird mir die Tür geöffnet und mich begrüßt
eine sehr schlanke, hochhackige Frau, die mit dem Foto auf
Ihrer Vistienkarte so sehr nichts mehr gemeinsam hat, dass ich
sie im ersten Moment gar nicht erkenne.
Wir betreten Ihre Räumlichkeiten und nehmen Platz.

Auf der Visitenkarte:

Eine junge Frau mit offenen, gepflegten Haaren, einer
sehr präzise linierten Augenbrauenpartie in dem
für das Herkunftsland ihrer Eltern mutmaßlich zu erwartenden
prominenten Ausprägungsstil und jugendlich-bunte Kleidung
in gelbem T-Shirt und babyblauem Jackett.

Vor mir sitzend:

Eine Frau mittleren Alters und den härtesten Gesichtszügen,
die ihr absolut faltenfrei gespritztes Gesicht noch auszudrücken
vermag, permanente Augenbrauenlinien, die das Gesicht mit
Scharfschützenpräzision spiegelbilden, streng zurückgebundene
Dutt-Haare, deren Spannung nicht die geringsten Curls auch nur
eines einzigen Haares erlauben, stark geschminkte volumenoptimierte
Lippen, ein schwarzer Rollkragenpullover bis ans Kinn.

Und bei aller unwidersprochenen Attraktivität dieser Frau
die kältesten leuchtblauen Augen, die ich jemals sah.

Man glaubt, dem Nachtkönig persönlich gegenüber zu sitzen.

Das Gesicht bleibt in den ersten Minuten unseres Gesprächs
in einer solch regungslosen Starrheit und Ihr Blick in einer
bewegungslosen Kälte, dass ich tatsächlich irritiert bin und vermute,
jemand könnte evtl. per Fernwartung diesem Roboter gerade den
stand-by-Modus für sein Wochen-update initiiert haben.

Für jemand wie mich, der als Vertriebler bereits in den ersten Sekunden
beurteilt, wie ein Gespräch verlaufen wird, ist diese Situation
absolut die Hölle.

NICHTS an Reaktion im Gegenüber zu erkennen ist eine
zutiefst verstörende Erfahrung.

Es ist -wie ich einmal gelesen habe- außerdem ein erstes Indiz
für die Anwesenheit eines Psychopathen.
Damit ist klar: Ich bin hochgradig interessiert an dieser Frau.

Während die Dame durch meine Unterlagen blättert, betrachte
ich sie intensiv von meiner Seite des Tisches.

Es fehlen hier nur noch die Overknee-Lackstiefel und ein 
Wespentaillen-Lederkorsett plus eine lange strenge Gerte,
dann gäbe sie den Archetyp einer perfekten Domina ab.


Lady Daria ist heute nicht zufrieden mit ihrem neuen Aspiranten:

   - Die Nebenkostenabrechnungen für die neue Wohnung fehlen.

   - Die Wohnraumskizze für das Arbeitszimmer der alten Wohnung liegt nicht bei.

   - Der EkSt-Bescheid für 2022 fehlt.

   - Die Telefon- und Internetkosten sind nicht ordentlich aufgestellt.

   - Keine einziger Eigenleistungsnachweis für nicht erstattete
     Krankenversicherungskosten liegt vor.

     Kurz: Ich war kein artiger Junge.

Und als sie streng nach Spendenquittungen und Bewirtungsbelegen fragt
und ich keinen einzigen vorlegen kann, zieht sie langsam die linke
Augenbraue so hoch, dass man das Botox unter der Haut wie 
Luftpolsterfolie knistern hören kann und ich denke mir

     "Das war's, jetzt holt sie die Gerte, der Rest des Tages
      bringen für Dich Demut und Schmerzen!"


Ich verspreche feierlich, alle meine Versäumnisse umfangreich
zu beheben und sämtliche Lieferwünsche meiner Herrin bis zum
Wochenende ohne weiteres Versagen zu erfüllen, auf dass sie
zu meinem eigenen Wohl künftig gnädiger auf mein Tun herab
schauen möge, und dann kommt er, der Dialog des Jahres
(und ich muss es nochmal betonen, es geht um EINKOMMENSTEUER):

"Sie haben wie ich sehe keinen Schwerbehindertenausweis?"

"Nein, nicht mehr, als Kind hatte ich einen."

"Das sollten wir bald beantragen."

"Ich wusste gar nicht, dass ich einen brauche?"


"Wir sind ja auch noch am Anfang bei Ihnen."


Lady Daria, ich glaube ich bin
in guten, harten Händen bei Euch.