10 Dezember 2022

vom fremden Pullover

An den merkwürdigsten Orten habe ich bereits
meine Sachen wiedergefunden.

Der Autoschlüssel im Topf vom Drachenbaum.
Das Handy im Kühlschrank.
Das Portemonnaie neben der Lavalampe.

Und die Innentaschen meiner diversen Jacken
sind wahre Zeitmaschinen. Erst neulich fand ich
eine Seilbahnkarte von 2019.

Nur: Immer waren das bisher meine Sachen gewesen:
Was irgendwo auftauchte, war meines.

Diese schöne und auch nachvollziehbare Tradition brach 
neulich ein grauer Wollpullover mit Zopfmuster in der
Größe 58, den ich aus meinem Wäschekorb im Schlafzimmer
beim Sortieren der anstehenden Wäsche zog.

Bereits beim Herausziehen von ganz unten aus dem Wäschekorb
wusste ich: Das da ist kein Teil von Deinen.

Erstens fühlte sich der Stoff ganz und gar unvertraut an,
und ich kenne alle meine Klamotten.

Zweitens würde ich niemals einen groben Wollpulli kaufen.

Dritten würde ich absolut niemals ein Zopfmuster tragen
(die 90er sind vorbei, meine Freunde).

Viertens kaufe ich nie Rollkragenpullis, ich habe in ihnen
das Gefühl, gewürgt zu werden.

Und fünftens habe selbst ich in meinen umfangreichsten
Zeiten nie, nie nie Größe 58 getragen. 

Mein erster Gedanke war:
Der muss irgendwie unten in der gemeinsamen Waschküche
von jemand Anderem mit in meinen Wäschekorb gekommen sein.


Diese Erklärung scheiterte an 3 Punkten:

1. Alle wurden befragt, Keinem gehört der Pulli.

2. Niemand im Haus könnte je Größe 58 tragen.

3. Der Fundort war in meiner Wohnung, nicht in der Waschküche.
Und dort wäre er mir in meinem Wäschekorb 100%ig bereits
im Keller aufgefallen. Außerdem ist Wäsche aus dem Keller
frisch gewaschen und landet nicht nach oben getragen nass
im Wäschekorb.

Ich habe in das Schildchen im Kragen geschaut, da steht
WATSON'S.

Also heißt er jetzt Watson.


Erstmal habe ich Watson gewaschen und zusammengelegt,
vielleicht klärt sich seine Herkunft noch auf.

Noch gehe ich von einer harmlosen Erklärung aus.

'Wäre auch ein bisschen viel Verschwörungstheorie, wollte
man unterstellen, jemand sei in meine Wohnung eingedrungen,
um mir einen fremden Wollpulli in die Wäsche zu legen.

Und so lange ich keine toten Tiere aus meinem Wäschekorb
ziehe, fühle ich mich auch noch ganz sicher^^.



08 Dezember 2022

was Einen verfolgt

 
Schon erstaunlich, was Einen so verfolgt.
Was an Einem dran bleibt, was einfach nicht mehr weg will.

Es gäbe genug "reale" Erlebnisse und Geschehnisse, die
eher das Potenzial hätten, mir anzuhaften, in der Erinnerung
zu bleiben, als ein Comic. 

Vielleicht ist es sogar so, dass mir eine Menge an Dingen,
die ich getan, gesagt, oder unterlassen und nicht gesagt hatte,
wohl besser mal im Kopf, im Gedächtnis geblieben wären
als so ein Comic.

Aber erstens ist es nun mal so - dieser Comic verfolgt mich,
ich denke immer wieder an ihn, seit Jahren, ich hatte das letzte
Bild aus ihm für gute drei Jahre sogar ausgedruckt direkt vor mir,
an meinem Bildschirm.

Jeden Tag sah ich ihn an, jeden Tag gab ich ihm die Gelegenheit,
mich ein kleines bisschen zu foltern, mich mit Nase und Kopf
täglich direkt drauf zu stoßen.

Der Comic ist inhaltlich die Neuerzählung einer Geschichte,
die Jeder kennt:

Der Froschkönig.

Sein Erschaffer heißt Pedro Arizpe - von ihm gibt es auch
fröhliche Comicstrips, aber speziell das Jahr 2015 (aus dem
auch dieser hier ist) scheint eher ein Jahr der Nachdenklichkeit
für den Künstler gewesen zu sein.

In dieser Comic-Version hat der Froschkönig eine Partnerin, 
eine Froschfrau, die von seiner Verzauberung nichts wusste.

Und die weinend und trauernd zurückgelassen wird, in ihrem
Teich, als der Frosch erst geküsst und entzaubert für immer
seine nasse, frühere Welt verlässt.

Während ich meine Freundin kennengelernt hatte und sie
regelmäßig zu treffen begonnen hatte, war ich noch verheiratet,
und einer der Gründe, nie offen mit meiner Exfrau darüber geredet
haben zu können, war dieser eine Gedanke:

Ihre Trauer, Ihre Enttäuschung zu sehen, bei einem Menschen,
der aus meiner Sicht so sehr das Gegenteil, also Glück, Zuversicht,
Verlässlichkeit, lebenslange Treue verdient hätte,
dieser Gedanke hat mich jahrelang nachts verfolgt.

Und dieser Frosch-Comic war sozusagen die Verbildlichung 
von etwas, das sich ohnehin als unausweichlich abzuzeichnen
begonnen hatte. Und vor dem wegzulaufen als Reaktion
ich mich entschieden hatte.

Die nächste Frage müsste, sollte nun lauten: Weshalb?

Wieso hast Du Dir das angetan, diesen täglichen Horror-Comic,
was war Deine Veranlassung, Dich damit selbst zu quälen?
Welchen Zweck erfüllte diese offensichtlich schädigende
Handlungsweise für Dich?


Gute Frage, immer noch, auch nach der langen Zeit noch.

Vielleicht versuchen wir in Zeiten der Ratlosigkeit und des
Zögerns eine Orientierung zu finden, einen Impuls für eine
Entscheidung herauszukitzeln, der uns das Aktivwerden
vielleicht irgendwie erleichtern könnte, der den zu erwartenden
Schmerz irgendwie überwindbar erscheinen lassen möge.

Vielleicht ist das "wir" an dieser Stelle auch zu sehr
unrechtmäßig vereinnahmend.
Vielleicht bin auch einfach ich nur so.

Vielleicht war es in mir verankert, angelegt, ein wiederkehrend
begangenes Unrecht abzugelten mit wiederkehrend selbst
zugefügtem Konflikt, Leid, ein sich Abarbeiten an der eigens
und vollständig selbst verursachten und fortgeführten Situation?

Kann sein.

Vielleicht überschätze nur ich diese vermeintliche Rolle,
die ich vielleicht einmal eingenommen haben mag im Leben
meiner Exfrau?

Vielleicht überhöhe ich diese Rolle, um eine nachträgliche
Rechtfertigung für meine Entscheidungen zu erlangen.

Und vielleicht hätte die erdrückende Mehrheit aller Anderen
in meiner Rolle, an meiner Statt einen Weg gefunden,
klüger, fairer, direkter, ehrlicher, aufrichtiger zu agieren.

Offen gesagt erscheint mir dieser Gedanke absolut plausibel.

Nicht, dass mich das hier und heute zu einem besseren Menschen
machen würde - Erkenntnis allein vermag das nie.

Aber erstens ist sich selbst zu erkennen und zu begreifen
eventuell nicht der verkehrteste erste Schritt.

Und zweitens vermag ich zwar wirklich keine Aussage darüber
zu treffen, was Andere so quält, was sie treibt, was sie verfolgt.

Aber bei ein paar der Sachen, die das bei mir so tun, bin ich
schon ganz froh in meinem Glauben daran, dass Anderen
diese erspart bleiben.

Und besonders freut mich der Gedanke, dass meiner Exfrau
diese meine speziellen Verfolger erspart bleiben. 

Sie wird dafür andere, mir mutmaßlich unbekannte Verfolger
ihr Eigen nennen.

Aber diese hier, das sind halt meine.
Egal wie albern oder unnachvollziehbar sie 
Manchem erscheinen mögen.



06 Dezember 2022

digisocial detox

 

So nach und nach habe ich angefangen,
mich aus sozialen Medien zurückzuziehen.

Angefangen hatte alles mit einer neuen Handynummer:

Aus irgendeinem gutgemeinten Gedanken heraus hatte
ich Menschen aus meiner "alten Welt", vormals lieb gehabten
oder auch nur wohlbekannten Teilnehmern meines alten,
zurückgelassenen Lebens meine aktuelle Handynummer
zukommen lassen.

Das war schon für die 90% der Menschen nicht mehr sinnvoll,
die sich nach der Trennung und Scheidung für eine Meinung
über mich entschieden hatten, die kaum noch den Verdacht zuließ,
sie würden meine aktuelle Rufnummer überhaupt noch wollen.

Wie sich aber in den letzten 12 Monaten herausstellte,
benötigten auch die verbliebenen anderen 10% sie nicht mehr.

Oder zumindest nicht in der Art und Weise, wie ich das ihnen
zugedacht hatte.
Es war also an der Zeit für eine Adressbuchbereinigung.

Wie schnell der Wechsel der Handyrufnummer vonstatten geht,
wenn man beim gleichen Anbieter bleibt, hatte mich aber
baff erstaunt:

Nicht einmal zwei Minuten.
Die Nummer war schnell rausgesucht, die Email mit der
Bestätigung war für "binnen 24h" angekündigt, sie war aber schon
nach einer Minute da, die neue Rufnummer lief sofort!

Was ich nicht gleich bedacht hatte war, bei wievielen accounts
und logins meine Handyrufnummer hinterlegt war und nun
abgeändert werden musste!
Daran saß ich dann locker 3 Stunden.

Dabei fielen mir eine MENGE selten oder gar nicht mehr
genutzter Accounts auf.

Das nutzte ich zur nächsten größeren Bereinigung:
Löschung von Zugängen, Kündigung von Depots usw.

Und dabei fiel mir auch mal wieder auf, wie sinnlos so
berufliche Netzwerkplattformen sind und -vor allem-
wie unglaublich zeitfressend Instagram und Twitter sind.


Von Facebook hatte ich mich ja schon vor sechs Jahren nach
sehr kurzer Verweildauer zurückgezogen: Die Funktionsweisen
und Ziele der dort verwendeten Algorithmen erschienen mir
geradezu irrwitzig offensichtlich, die Inhalte banal und die
Art und Weise der Artikulationen dort irgendwas zwischen
blamabel und weitaus zu wenig achtsam und wertschätzend.

Twitter nutzte ich eigtl. nur als repost-Sammlung, und bei den
von mir verfolgten accounts ging mir zuletzt die künstliche
Aufgeregtheit, der Aktionismus, die unentspannte Wokeness
und -vor allem- der zunehmend ekelhafte Tonfall auf die Nerven:

Ein Jeder dort hält genau seine eigene Filterblase für den Hort
der Guten und Verständigen.
Damit ist Twitter zu genau dem verkommen, was die user selbst
doch so unbedingt von FB hatten abgrenzen wollen.

Manche mögen Twitter (völlig unabhängig von dem, was der neue
Eigentümer da tut und bleiben lässt) für den letzten funktionablen
Podest der freien Inforamtionen, der unabhängigen Meinungsbildung,
des offenen Diskurses halten.

Ich sage: Wie jede andere social media platform ist auch Twitter
einfach zu gut geeignet, die Gesellschaften zu spalten und deren
Mitglieder sich in irrelevanten Hahnenkämpfen um Misthaufen
verlieren zu lassen, um eine gemeinsame Fokussierung auf das,
was wirklich relevant ist zu verhindern, als dass diese Eignung 
nicht auch perfekt gespielt und genau dafür benutzt würde.

Für Leute, denen ganze Sätze inzwischen zu lang sind, oder
die auch an dem in Twitter oft postulierten Diskurs der Meinungen
kein Interesse hatten (oftmals in Ermangelung einer solchen,
oder mangels Intellekt zur Heranbildung einer solchen), war
Instagram noch ein Anlaufhafen.

Im Prinzip habe ich mich da ab Tag eins nicht wohlgefühlt,
aber meine Verweildauer dort hatte Gründe, die (for sure)
außerhalb des Angebotes oder der Funktionalitäten von IG lagen.
Apropos Funktionalitäten: Die App fürs Smartphone war bis zum
Schluss einfach nur mega Kacke, nur noch unterboten von der
Browseranwendung in Windows^^.


Instagram besteht im Prinzip so gut wie nur noch aus
Selbstdarstellern, falsch dargestellten Realitäten, falschen
Produktinfos und Klickbaits.
Den Einzigen, wirklich den einzigen, den ich da vermissen
werde, ist ElHotzo.

So.
Im Prinzip müsste man, wäre man konsequent, jetzt noch
WhatsApp killen und dann die FB-Hilfeseite aufrufen, auf der
man das Verwenden und erneute Hochladen/Speichern der
eigenen Telefonnummer auf Meta-FB-Servern dauerhaft
unterbinden kann, und anschließend auf einen messenger
umstellen, der Datenschutz ernst nimmt und auf dem eine
Kommunikation ohne Nummernweitergabe und -speicherung
gewährleistet ist.

Den Schritt scheue ich noch.
Noch.

Erstmal freue ich mich über das (spürbar) gewonnene Mehr
an ZEIT am Tag ohne soziale Medien. 
Ich schaue gefühlt viel seltener aufs Display, auch diese Zeit
geht messbar zurück. Der Handyakku hält geradezu verdächtig
länger. Ich shoppe erheblich weniger Blödsinn online.


Und wenn's ganz, ganz gut läuft, habe ich auch wieder
mehr Zeit zum Bloggen :-).