18 Januar 2025

Beziehungsponyhof: Film gucken




[ gruselig, ne?

Genau wie unsere Zukunft,
umzingelt von KI. ]

Es gibt ca. 40 unangeschaute Kinofilme auf meiner Festplatte
und sicher ein halbes Dutzend unangefangene oder teil-geschaute
Serien, die noch ihrer Entdeckung harren.

Da ich aus der "nur was ich physisch besitze, ist auch meins!"-
Zeit stamme und zudem seit Monaten leidvoll erfahre, was ein
wirklich schlechtes Internet bedeutet, kamen bisher alle diese
Streamingdienste nicht in Frage.

Nach mehrmonatigem Herumbetteln der Liebsten habe ich uns
dann aber nun doch mal die kleinste Netflixversion abonniert.

Zu niemandes Überraschung hat dieses zusätzliche Angebot das
eingangs geschilderte Grundproblem nicht verkleinert, sondern 
in ganz erheblichem Umfang vergrößert.

Nicht nur erfordert ein auch nur grober Überblick bereits ein
mehrminütiges Scrollen durch die Netflix-Oberfläche.

Zusätzlich bedarf es beziehungsinterner Abstimmung
und eingeübter Kommunikation im Vorfeld der Auswahl.

  • ER will irgendwas mit Raumschiffen oder wenigstens
    Robotern gucken, auf jeden Fall was mit BUMM und
    KAZENG und wenn's geht ohne Gehirnaktivität!

  • SIE will irgendwas mit TrueCrime, wenigstens aber
    mit raffiniert beseitigten Leichen und Profilern gucken.
    Irgendwann einigt man sichauf was Leiseres.
    Frauen interessieren sich oftmals nur,
    wenn möglichst Viele möglichst
    hinterlistig ums Leben kommen,
    ich habe eine ganz vage Ahnung,
    weshalb das so ist.

  • Guck, der könnte passen!
    Och nee, der geht 142 Minuten, bis dahin bin ich
    eingeschlafen!


  • Ok, dann gucken wir die Serie xy weiter.
    Weißt Du denn noch, wo wir stehen geblieben waren?!

    Also ICH bei Staffel 2.
    Ich bin bei Staffel 4. Glaub ich.

    Mist, dann sind das ja Wiederholungen für Dich!?
    Ist doch nicht schlimm, ich guck das gern nochmal!

    Nee dann will ich das nicht, Du pennst mir nach
    20 min weg und spoilerst das nur wieder!

    Man einigt sich. Irgendwas Kurzes / 50 min Dauer

  • Minute 10 in der Serie.

    Ihr Handydisplay leuchtet auf.
    Ah. Die Schwester. Das muss man lesen. Jetzt.
    Und natürlich beantworten.

    "Kannst weiterlaufen lassen, ich krieg das alles mit!"


  • Minute 15 in der Serie.

    Frau steht auf.

    Was??
    Ich brauch 'nen Snack!

    Treppengeschlurfe ins Erdgeschoss.
    Geheime Süßigkeiten-Schublade wird aufgezogen.
    Lautes Geraschel.

    SOLL ICH DIR WAS MITBRIINGEEENNN?


    Ja, Kabelbinder !

    WAAASS?

    JA, NEN MAGENBITTER!


  • Minute 23 in der Serie

    Frau steht auf.

    WAS JETZT WIEDER!?

    Ich hab vergessen zu pinkeln, lass mich!


  • Minute 29 in der Serie

    Instagram Notification popped auf.
    Das Frauenhandy muss entsperrt werden.
    Erneut grell leuchtendes Display in meinem Sichtfeld.

    Denke mir die Zeit hättest Du besser in WoW verbracht,
    da braucht man nur 1 Sache gleichzeitig machen, schön da!

Und so kam es, dass wir uns die letzten Abende auf der Feierabend-
Couch auf lustige Katzenkurzvideos von YT geeinigt haben.

Das ist auch besser für meine Nerven.

Jedenfalls bis zum 15. Video.

16 Januar 2025

Über Stunden


Als Intro ein kurzer Interessewecker.
Oder sagen wir Wachrüttler.

Los geht's.

Stellen Sie sich vor, Sie seien ein ganz normaler
sozialversicherungspflichtig abhängig beschäftigter
Arbeitnehmer in einer Vollzeitstelle:

das sollte Ihnen leicht fallen.

     * was müsste passieren, damit Sie in D schlagartig
        einen höheren gesetzlichen Altersrentenanspruch
        bekommen, OHNE dass SIE mehr einzahlen müssten?

     * was müsste passieren, dass die Zahl der psychisch
        bedingten AU-Meldungen gesenkt werden könnte,
        ohne, dass Sie oder sonst wer an seiner konkreten Arbeit
        in D irgendeine Änderung vornehmen müsste?

     * was müsste passieren, damit die GKV-Beiträge
        in D spürbar sinken (statt steigen) würden?


Die Lösung ist immer die gleiche, und sie könnte 
Sie potentiell überraschen:

Deutschland müsste die Arbeitszeitgesetzregelung
des pro Kopf zweitteuersten und zweitreichsten Landes
der EU adaptieren (Dänemark).

Und es müsste nur ein einziges EuGH-Urteil vom Mai 2019
umsetzen, wozu es das deutsche BAG im September 2022
explizit bestätigt und nochmal verpflichtet hat:

     "Arbeitszeit ist ab der nullten Stunde
       tagesaktuell digital zu erfassen."

Googlen Sie
"Stechuhr-Urteil."
Ein kurzer Schritt zur Seite:

Wenn Sie dieser Tage irgendwas über die Arbeitsleistung
der Deutschen / der Europäer / Land X auf der Welt lesen
oder danach googlen, dann führen die Ergebnisse Sie
gerne mal in die Irre mit Schlagzeilen wie...

          "keiner arbeitet so wenig wie die Deutschen"

oder
           "die Deutschen sind öfter krank als der Schnitt
            der Europäer"


...und anderen Gaslighting- / Reframing -Tricks aus der
medialen Manipulationstrickkiste.
die Farbe braun für die Textzitate
war daher nicht zufällig gewählt.
Mal abgesehen davon, dass in diesen Zahleninjurien
nahezu nie die Produktivitätsparameter eines Landes
bzw. eines Arbeitnehmers mit berücksichtigt wurden:

Die Wahrheit ist eine gänzlich Andere:
  • Wir waren vor 10 Jahren bereits in Europa
    die Nation mit den meisten Überstunden überhaupt.

    Es ist kaum glaubhaft, dass wir nun Tabellen-
    Schlusslicht sein sollen, zumal jeder, der hier
    mit liest, von ArbeitsplatzABbau und nicht
    -ZUbau an seinem Arbeitsplatz in den letzten
    10 Jahren berichten können wird.

Jetzt zu Ihren möglichen Fragen:
  • Woran liegt das denn, dass wir ein bindendes EuGH-
    Urteil seit über FÜNF JAHREN nicht umsetzen ?!
Das liegt u.a. daran, dass die FDP dem SPD-Arbeitsminister
Hubertus Heil gesagt hat, wenn er in seinen Gesetzentwurf
Februar 2022 zur Mindestlohnerhöhung und Minijob-Grenzerhöhung
auch die Pflicht zur digitalen Arbeitszeiterfassung mit rein
schreibt, werden sie dagegen stimmen.

Also: Musste Heil den fix und fertigen Gesetzesentwurf
in die Tonne treten.

  • Woran liegt das denn, dass die FDP die Pflicht zur
    Umsetzung eines EuGH-Urteils verweigert ?!
Das liegt daran, dass die Arbeitgeber in Deutschland
das nicht wollen.

  • Weshalb wollen die Arbeitgeber die Arbeitszeit ihrer
    Arbeitnehmer denn nicht erfassen? Überstunden
    mussten doch auch schon bisher erfasst werden ?!
Raten Sie mal. :-)

Bei einer volldigitalen Erfassung kämen ALLE geleisteten
Überstunden ans Licht. In fast allen Branchen wäre dann
Schluss mit "ich stempele aus und gehe zurück an die Arbeit",
wegen der digitalen Verknüpfung von Produktivsystemen und
Zeiterfassungssystemen (von der Verpflichtung zu dieser
Verknüpfung gehen Juristen in den Gremien auch aus).

Bei einer volldigitalen Erfassung käme heraus, in welchem
haarsträubendem Umfang tatsächlich Teile des Wohlstandes
in D finanziert werden: 

Zum Beispiel aus dem Umstand heraus, dass die Arbeitgeber
hierzulande Arbeitsstunden im Gegenwert von 883.000 Vollzeitstellen
(Stand 2023) GRATIS und STEURFREI und OHNE SOZIAL-
ABGABEN einstreichen.

  • Wieso schreiben die Zeitungen und Gazetten dann
    was von
    "faulen Deutschen" und "wir alle müssten
    mehr arbeiten, um unseren Wohlstand aufrechtzuerhalten"
    ?

Hierzu ein paar Fragen als Steigbügel zum Selberdenken:
  1. wessen Wohlstand genau war mit der Aussage gemeint?
  2. wem gehören in Deutschland die wenigen Verlage?
  3. wer schaltet teure Werbung in den Publikationen dieser Verlage?
  4. wer wäre selbst betroffen von einer umfänglichen Zeiterfassung?
Stellen Sie sich nun vor, jede geleistete Arbeitszeit würde erfasst
und daher würde auch jede Arbeitsstunde bezahlt
(und nichts Anderes ist ja schon Gesetz):

=> Sie würden sofort mehr in ihr Rentenkonto eingezahlt bekommen.

=> die Sozialversicherungen würden auf einen Schlag den Gegenwert
      von 883.000 zusätzlichen Beitragszahlern bekommen, OHNE dass
      ein einziger Euro mehr ausgegeben werden müsste.

=> Sie hätten durch den Freizeitausgleich basierend auf den 2023er-
     Werten (und das waren außer Corona-Zeit die niedrigsten ever) 
     etwa 2,5 Tage im Jahr zusätzlich frei. In den meisten Jahren hätten
     Sie aber 4-5 Tage zusätzlich frei gehabt - eine Zusatzwoche Urlaub.

Und jetzt noch zum finalen Totschlag-Kontraargument:
  • Aber das führt zu Milliarden Mehrausgaben bei
    den Arbeitgebern! Können die sich das LEISTEN ?
    Überlasten wir damit nicht unsere Jobgeber ?

Erneut ein paar Gedanken als Steigbügel zum Selberdenken:
  1. hat derjenige, der Sie beschäftigt, denn nur DANN eine
    tragbare Kalkulationsgrundlage, wenn er Rechtsbruch begeht?

  2. falls ja - hat derjenige, der Sie nicht vollständig bezahlt,
    um selbst zu überleben, ein tragfähiges Geschäftsmodell?
    falls nein -  sollten Sie dort arbeiten wollen?

  3. Sind denn überhaupt LOHNkosten in toto für Arbeitgeber
    das eigentliche Problem im europäischen Vergleich?

    Durchschnittseinkommen Deutschland (Single/netto): € 2.430
    Durchschnittseinkommen Dänemark (Single/netto):    € 3.500

  4. Ist Ihr Eindruck, Ihnen würden die unbezahlten Überstunden mit
    Arbeitsplatzsicherheit, Beförderung, Anerkennung der ganzen
    geleisteten Arbeit und Partnerschaftlichkeit gedankt?


15 Januar 2025

von der Kegelrobbe


Für das bessere Verständnis meines gestrigen High Scores
in Sachen Fettnapftiefe sollte ich vorweg schicken,
dass die Liebste (auch durch mein aktives Mitwirken)
im Laufe unserer Beziehung um die achtzehn Kilo
zugenommen hatte.

Und deshalb fand ich es auch sehr wortgewandt,
durchaus schlagfertig und vor Allem keineswegs
unzutreffend von mir, als sie -beim Runterbringen
von Naschzeug-Tellern auf unserer blauen Treppe
stolpernd - um ein Haar die komplette Treppe
herunterGEKEGELT wäre und ich dann meinte:

"Himmel, pass auf und mach mir hier
  bloß nicht die Kegel-Robbe!"


...

also ICH fand den GUT!

Ja, okay:
Nach Jahren in einer Beziehung muss man auch
nicht mehr jeden Kalendermonat Sex bekommen. 

Hoffen wir mal auf einen günstigen Mai.



[...und diese Injurien widerfahren dem,
der KI nutzen will, um ein passendes
Beitragsfoto zu erstellen. ]


14 Januar 2025

für mehr Schnee im Leben

Es hatte geschneit und für vielleicht einen halben Tag
waren alle Straßen menschenleer. 

Ok, damit war ein bisschen zu rechnen gewesen.

Aber auch der ALDI sah aus wie nach einer Zombieapokalypse.
Ich war so gut wie allein in dem Laden.
Und an der Kasse war ich der Einzige.

Ich glaub, das mach ich jetzt immer so:
Bei stärkstem Schneetreiben einkaufen gehen.

Für mehr Schnee im Leben!






13 Januar 2025

vom schwarzen Schweden und dem Pärchentreff

[ ich kann Sie beruhigen:

Fernab Ihrer Erstvermutung wird es hier
heute vollkommen unsexuell im Blog.

Ganz im Gegenteil. ]

Er gehört eigentlich zum Freundkreis der Liebsten.

Kennengelernt hatten sie sich über eine Plattform für
Expats in Deutschland, waren ein paar mal allein 
ausgegangen, waren sich vertrauter geworden.

Sicherlich hätte von ihm aus da mehr draus
werden können. Zumal er als Schwarzer gut in ihr
bis dato praktiziertes Beuteschema gefallen wäre.

Aber die Liebste hatte da bereits alle Hände voll zu tun
als Geliebte eines verheirateten Mannes in 375km Distanz.

Da wollte sie sich nicht gleich den nächsten Pflegefall
mit getrennt lebender Frau und kleiner Tochter und das
auch noch im gleichen Haus residierend antun.

Zu dritt haben wir uns mal zum Essen getroffen in einem
Waldrestaurant. Das war ein netter, freundlicher Abend
gewesen, an dessen Ende ich eine Einladung zu uns nach 
Hause ausgesprochen hatte.

Für beide. Also ihn UND sie, die nicht mit am Tisch saß.

Er hatte freundlich genickt, leise gelächelt und nach unten
auf die Tischplatte geschaut.

Ich hatte mir eingebildet, so etwas wie Erleichterung, 
so etwas wie einen greifbar nahen Wunsch "nach Normalität"
in seinem Gesicht gelesen zu haben.

Etwas, das Paare einfach miteinander machen:
Sich treffen, unterhalten, essen, lachen, eine gute Zeit verbringen.

Wie ich aus den vertraulichen Vorgesprächen von der Liebsten
wusste, war so "eine Normalität" für ihn bisher nicht
im Bereich des Möglichen gewesen.

Obgleich ihm, dem sanften, christlichen Mann aus Schweden
traditionelle Werte wie eine funktionierende Familie, Fürsorge,
Harmonie immer als sehr wichtige Säulen gegolten hatten.

Da muss es für ein Schock gewesen sein, als die Mutter seiner
Tochter irgendwann psychisch die Kurve nicht mehr bekam und
hysterisch wurde. 

Und anfing, ihn zu schlagen. Wieder und wieder ging das so.

Lange hatten sein Glaube und seine Vorstellung von dem, was
Familie sein könnte, sein sollte, ausharren und erdulden lassen.

Irgendwann hatte er es nicht mehr ausgehalten und sich getrennt.
In dieser Zeit hatte er und die Liebste sich kennengelernt,
ohne dass es zu irgendwas Näherem gekommen wäre.

Erst war sie mit Kind ausgezogen, dann wurden die Kinder-
umgangszeiten schwieriger zu organisieren, er hatte eine
fordernde und mit vielen Überstunden verbundene leitende
Rolle bei einem deutschen Chemieriesen.

So nebenher kaufte er ein Haus, fing an es selbst umzubauen,
schrieb nebenher zwei (!) Bachelorarbeiten und irgendwann hatte
er sich breitschlagen lassen und das Kind samt seiner Mutter waren
in dieses neu erworbene Haus mit eingezogen.

Aber: Offiziell immer noch getrennt. 

Szenenwechsel in das Hier und Heute:

Nun stehen wir hier auf dem Feld am Ortsrand, temporär als
Besucherparkplatz genutzt und warten auf die Ankunft des...Paares.
Und ihrer Tochter.

Der Plan ist, zusammen über den Handwerkermarkt zu schlendern,
zu stöbern, für das Kind was zu naschen zu holen und dann zu uns
heim zu laufen für Tee und Gebäck.

Wie Sie sich vielleicht denken können, stehe ich nun hier
auf dem Feld mit einiger Anspannung und hochmotivierter
psychologischer Neugier auf die beiden wartend.

Ich möchte wissen, was das für ein Mensch ist.

Wie jemand, der den Erzeuger des eigenen Kindes schlägt,
so rüberkommt.

Ich möchte wissen, ob man das diesem Menschen irgendwie...
ansieht.

Ich darf mich nicht als wissend outen, natürlich, aber ich spüre,
wie ich innerlich minütlich tiefer in eine Art investigation mode
einsinke.

Bald biegt das Auto der beiden in die Parkplatzeinfahrt ein.
Wir winken die beiden in einen Parkplatz rein, den wir
freigehalten haben.

Türen öffnen sich, ein neugieriges freundliches Kindergesicht
kommt schüchtern zum Vorschein.

Jacken, Mützen, Utensilien werden aus dem Skoda hervorgeholt,
dann ist es Zeit für die erste Begrüßung.
Die Liebste hat schon geschnallt, dass ich irgendwas vorhabe.
Sie guckt mich fragend an.

Wir begrüßen einander.
Auch die Frauen sehen sich heute zum ersten Mal.

Aber gleich die erste Möglichkeit, in der sich die Liebste und
der schwarze Schwede begrüßen, nutze ich um Fakten zu schaffen
für den Fußweg:

Ich spreche sofort das Kind an, frage sie ob sie sich denn schon
Gedanken gemacht hat, was sie essen möchte nachher auf dem
kleinen Handwerkermarkt.

Ob sie auch plant, ein Spielzeug zu kaufen.

Und schon läuft sie wie selbstverständlich neben mir
vorneweg los und wir plaudern drauf los wie Kindergartenfreunde.

Das führt selbstverständlich dazu, dass ihre zuerst verduzt
dreinguckende leicht überrumpelte Mutter irritiert und
behenden Schrittes sogleich zu uns aufholt und mitläuft.

Ich grinse innerlich.
Mein Plan geht auf.

Ich wollte den Täter allein für mich, neben mir haben.
Ich wollte ihn studieren, mit Blicken penetrieren, auskundschaften.

Zwischenziel erreicht.

Kurz drehe ich mich zur Liebsten und dem schwarzen Schweden
um, die nun etwa 15m hinter uns laufen.

Sie schmunzelt.
Sie ahnt was.

Menschen kennenzulernen funktioniert exakt, wie auch
Verkaufsgespräche funktionieren - und  die  kann ich.

Leitsatz: Wer fragt, führt das Gespräch und bestimmt,
was der Gegenüber preisgeben möchte.

Also: Immer dafür sorgen, dass der Gegenüber sich wohl fühlt
und reden möchte.
Und wer etwas tut, weil er es möchte, lässt sich leichter führen. 

Und ich habe vor, zu führen.

Ich packe das gesamte Charmefeuerwerk aus.
Stelle viele Fragen, Mimik und Gestik fahren im höchsten Gang,
signalisieren in wohl abgestimmten Zeitabständen Zustimmung
und Interesse an ihren Ausführungen.

Jede meiner hochinteressiert klingenden Nachfragen wird
konzentriert ton- und geschwindigkeitsmoduliert ausgesprochen.

Ich laufe die entscheidenden 2 Zentimeter zu nah neben ihr her,
die so gerade eben noch keine Verletzung der Privatsphäre
sind, aber bereits ZU NAH für eine Gesprächsdefensive:

Je näher Sie körperlich einem Menschen sind, desto schwieriger
wird es für ihn, anders als persönlich-vertraut (oder gar
ablehnend-konfrontativ) zu sprechen.

Probieren Sie es mal aus:
Treten Sie in Konfliktgesprächen mit 
Nachwuchs,
Partner oder Kollegen nur einen Hauch zu nah
an 
Ihren Gegenüber heran
- sein offensiver Tonfall wird sogleich einknicken.
Ich bin hochmanipulativ am Werk heute.
Und ich liebe jede Sekunde davon.

Immer wieder nutze ich unbeobachtete Sekunden,
um ihren Gesichtsausdruck, ihre Haltung zu scannen.

Es ist ein  Gesicht, was durchaus Leid gesehen und erlebt hat.
Auch, wenn es selbst verursachtes war.

Sie zeigt sanfte Seiten, aber wenn sie kurz erzieherisch mit
ihrer Tochter spricht, kommt eruptiv ganz kurz eine herrische,
unwirrsche Ader mit Gewaltpotential hervor.

Die Frau ist meiner Einschätzung nach körperlich absolut in der
Lage, dem schwarzen Schweden etwas anzutun.
Eine unzierliche, große stabile Erscheinung ist sie.

Ihr Wesen hat freundliche, aber keine fröhlichen Züge.

Ihr Gesicht kann lächeln, aber nicht lachen.

Mit dem Kind geht sie fürsorglich um, aber ich sehe nichts,
was ich als liebevoll kategorisieren würde.

Die Kleine bleibt länger an einem Stand stehen, der Kerzen mit
Tiermotiven auf dem Wachs verkauft.
Ich weiß, dass die Eltern keinesfalls geneigt sind, ihrem Kind
alles was es sieht zu kaufen - sie machen das sehr gut, alle beide.

Ich frage die Kleine, welche sie am hübschesten findet.

Sie zeigt auf ihre Favouriten und erklärt mir ganz genau, in
welchen Kinofilmen und Serien die vorkommen und was es 
mit ihnen auf sich hat.

Die Eltern machen keine Anstalten, die auf eine Kaufabsicht
schließen ließen. Ich kaufe drei Kerzen für mich und wir
gehen weiter.

Einige Stände weiter, dann kommen wir an den Reibekuchenstand.
Dieser Reibekuchenstand ist der beste im ganzen Land.
Es gibt NIRGENDS auf dem Planeten so gute Reibekuchen.

An einem anderen Tag habe ich
einmal 16 davon an diesem Stand
gegessen, 
weiß also, wovon ich spreche.

Die Reibekuchen müssen jetzt sein, auch für das Kind,
das lasse ich mir nicht ausreden.

Die Eltern fügen sich meiner Überzeugungskraft.
Die Liebste muss nicht überzeugt, sondern eher noch
zurückgehalten werden.


Das intensive Begutachten der selbstgestrickten Umhängetaschen
an einem der nächsten Stände nutze ich für eine schnelle Runde 
allein über den Markt, zurück an den Stand mit den Kerzen.

Ich habe Glück, alle Kerzen die das Mädchen mochte, sind noch da.

Ich kaufe sie, kaufe noch weitere für meine Nachbarn, kaufe ein
kleines Schäfchen für mein Sofa, dann geht es zurück zu den anderen.

Die Kälte hat sich inzwischen durch unsere Kleidung gegraben.
Wir beschließen, die wenigen Fußschritte zu uns nach Hause
zu laufen.

Es gibt einen kurzen Einwand vom schwarzen Schweden,
aber ihre Reaktion fällt eine Spur zu hart, unnötig schroff
aus, und er verstummt. Es waren nur Nuancen, kaum erkennbar
für einen nicht beobachtenden Zuschauer, aber mir fällt es auf.

Ich mache Tee, die Liebste holt Gebäck.

Mein "Kräuter auf Ingwer"-Tee ist bei ihm ein Volltreffer,
die zweite Tasse muss ich ihm nicht noch groß anbieten.

Die Kleine bekommt heiße Schokolade, die mir mangels Übung
leider nicht so ganz gut gelingt, sodann ihre Kerzen vor sich
auf den Tisch gestellt, während ich dabei aus den Augenwinkeln
heraus ihre Mutter fixiere.

Ich möchte sehen, wie sie jetzt diese Situation meistert
und das mit jemandem, den sie nicht in ihrer Gewalt hat
- nämlich mit mir.

Einen Sekundenbruchteil sieht es so aus, als wollte sie
einen Einwand vorbringen, doch sie ist zu langsam für mich.

Ich schaue ihr sehr tief in die Augen und lächle. "Noch einen Tee für Dich?"

Sie lehnt freundlich und dankend ab.
Der schwarze Schwede entspannt seine Schultern.
Die Kleine erfreut sich an der Bonusrunde Schokolade und Plätzchen.

Die Lage ist safe.

Bald danach bringen wir die Familie zurück zu ihrem Auto,
verabschieden uns, deuten lose ein Wiedersehen an, winken,
dann gehen die Liebste und ich händchenhaltend heim und
ein Grinsen .

"Kann das sein, dass Du sie Dir gleich geschnappt hast,
kaum dass die ausgestiegen waren?"


"Ach? Kam Dir das so vor??"

"Tu nicht so, ich hab's genau gesehen. Einen Moment lang
dachte ich, Du wolltest sie fressen!"

"Nicht fressen. Nur bisschen durchleuchten. Ich wollte wissen,
was das für ein Mensch ist. Du weißt was ich meine."


"Das scheint ja geklappt zu haben, ich hab ein paar Mal
schmunzeln müssen."

"Meinst Du, die besuchen uns nochmal?"

"Kann schon sein."

"Meinst Du, das Thema häusliche Gewalt ist erledigt?"

"Schwer zu sagen. Wir werden's erfahren."


Das war eine Fehleinschätzung, damals vor ein paar Monaten:

Der schwarze Schwede hat sich seit diesem Tag
nie wieder bei der Liebsten gemeldet, ausgenommen eine
"Happy-New-Year" broadcast-Whats-App-Nachricht.