21 Mai 2022

von den 1.000 Handgriffen


Mein Vater war so alt, wie ich es jetzt bin, als meine
Mutter sich von ihm trennte, und da war ich 7.

Die Ehe hatte schon vor meiner Geburt unter keinem
guten Stern gestanden: Soweit ich das mitbekommen hatte,
war ich das Ergebnis eines One Night Stands gewesen.

Interessanterweise (bzw.: Geschichte wiederholt sich) hatte
mein Vater damals eine Beziehung mit einer anderen Frau,
evtl. war sie auch nur einfach eine gescheiterte "große Liebe".

Jedenfalls -und das hat er mir nur ein einziges Mal erzählt-
war für diese Frau die Sache endgültig beendet, als sie erfuhr,
dass eine andere Frau schwanger sei von ihm.

Das und ein paar andere Voraussetzungen sollten nicht als
"ideal" gelten, will man ein theoretisches "good home" für
jemanden bauen.

Nach der Trennung und wirklich vielen Monaten des Umherziehens,
des Wechsels und -was mich betrifft- "einen Platz Suchens, wo man
möglichs niemandem auffällt und niemandem zur Last fällt"-
kam mein Vater, in jahrelangen Gerichtsverfahren und nach etwa
sechsstelligen Anwaltsausgaben, an den Rand der Selbstaufgabe.

Nachts zog er dann mit seiner Flinte durch den benachbarten
Hochwildschutzpark, zu dem wir einen Hintertürschlüssel hatten,
und suchte einen Grund, sich eben nicht die Knarre an den Kopf
zu halten und abzudrücken.

Und auch das zählte neben einigen anderen seinen Erzählungen
zu jenen Dingen, auf deren Kenntnis ein etwa Zehn- oder Elf-
jähriger wirklich zu gerne verzichtet hätte.
Schon weil der eigene Vater immer etwas sein sollte, zu dem
ein Kind aufschauen kann.

In seinen erschöpfteren Momenten erzählte mein Vater mir von
einer Energie, die ihn durchströme.

Und die ihm dabei helfe, die 1.000 Handgriffe jeden Tag zu
bewältigen, die notwendig seien, um alles zu erledigen.

Die Arbeit, den Haushalt, meine Erziehung.

Mir als Kind erschien das damals gnadenlos übertrieben:
Eintausend Handgriffe? So viele, jeden Tag? Wofür?


Ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen,
klein wie ich war, dass man als Erwachsener so viele einzelne
Handgriffe, Bewegungen, Erledigungen würde machen müssen.

Manchmal taten ihm wohl die Hände weh.
Ich dachte, mein Vater übertreibt.

Heute morgen stand ich gegen 8 Uhr auf, es war ein Samstag.

Weil ich unlängst bei dem neuerlichen Stromausfall hier gute
Erfahrungen damit gemacht hatte, einfach irgendeines der
"nach-dem-Umzug-to-do's" anzupacken und zu erledigen,
machte ich heute damit weiter.

Nichts, was man groß sehen würde, nichts lebenswichtiges.
Dazu kamen Dinge wie "mal kurz Oberflächen abwischen",
eine Pfanne rausholen und etwas zu essen machen,
Kaputtes anschrauben, Lampen instandsetzen, Nachrichten
beantworten, schnell was wegbügeln, Küche saubermachen,
Betten aufschütteln, Esszimmer aufräumen, rollbaren Glastisch
zusammenbauen, Elektromontagen und dies und das.

Und auf einmal war es 18.30 Uhr gewesen.

Ohne große Trödeleien, ohne lange Telefonate, ohne
Enstpannungsphasen, ohne groß Nachrichtenlesen, und ohne
ein wirkliches "Wochenende" war der Tag vorbei gegangen,
gelaufen, geronnen.

Und mir taten (wie jeden Tag die letzten 2 Monate) die Hände weh.
Von den 1.000, womöglich sogar mehr als tausend Handgriffen.

Und dabei muss ich eben keinen kleinen Sohn noch mit großziehen,
muss all die Dinge, die mit seinem Leben bei mir, seiner Schulzeit,
seinem Großwerden verbunden sind, noch neben dem Alltag
mit abfedern, abfackeln, abarbeiten.

Auf das, was ich bei meinem Vater an Erziehung und Zuwendung
erhalten habe, habe ich nie viel gegeben, ich war immer der Ansicht
gewesen, das hätte man auch besser machen können, nein müssen.

Aber an Tagen wie diesen denke ich manchmal an ihn und verstehe,
wie es ihm an manchen Abenden ergangen seis muss.

Und dann denke ich an die vielen, vielen Handgriffe, die der Wochentag,
die ein Samstag einem alleinerziehenden (und für den Job etwas zu alten)
Vater abverlangt haben werden.

Vielleicht ist das das einzig Gute am Älterwerden:
Dass man eine gewisse Demut und ein verneigendes Verständnis
für die Lebensleistung von Menschen entwickelt, die man seither
zu wenig gewürdigt hatte.


19 Mai 2022

Vom Vader T-Shirt

 
Es gibt Momente, die vergisst man nicht, nie.
Was meine Person angeht, sind das viele Momente.
Gefühlt verdammt viele.

Und wer hätte es anders vermutet, es ist nahezu
kaum ein Erfolgsmoment dabei:
In der erdrückenden Mehrheit sind die peinlichen, die
unangenehm berührenden Erlebnisse gewesen.

Witzig, was die Erinnerung an diese Momente
manchmal in Bruchteilen einer Sekunde wieder hervorruft.

Und sei es nur ein harmloser Tweet.

Nur eine einzige Zeile.
Und wooooosh, katapultiert mich ihr Zeichencode mal eben
vierzig Jahre zurück in die Vergangenheit....

Es muss die 6. Klasse sein.
Ich sitze im Kunstunterricht in einem der oberen Stockwerke
dieses Gymansiums.

Meine wie üblich sorgfältige, gar mit der Sorgfalt eines
Agentenverhörer-Kindes sogar übersorgfältige Vorausplanung
hat es mir ermöglicht, in diesem Halbjahr an genau DEM Tisch
zu sitzen, welcher im perfekten 90°-Winkel steht.

Im 90°-Winkel zu genau jenem Tisch, an dem das
hübsche blonde Mädchen mit den blauen Augen sitzt,
das auf ewig zu lieben ich mich bereits in der 4. Klasse
der Grundschule final für mein Leben entschieden habe.

Nicht so lange her, dass DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK
(Star Wars V) ganz groß in den Kinos gelaufen ist, der Hype
trägt noch, in diesem Frühling.

Neben ihr sitzt -leider- ihre schnepfige dürre Freundin, die ein
Gebiss hat wie Freddy Mercury und die mich (und alle anderen
Jungs) nicht mag.

Und sie findet STAR WARS total albern.

Das ist jetzt doof, denn erst am Wochenende war ich mit meinem
Vater im Kaufhof in Euskirchen, Innenstadt, Fußgängerzone.

Dort habe ich im 3. Stock, Kinderabteilung ein wunderbares,
einmaliges dunkelblaues T-Shirt mit einem riesigen Darth-Vader-
mit-gezücktem-Lichtschwert-Aufdruck gesehen:
Und natürlich so lange gebettelt, bis mein Vater es mir gekauft hat.

Das trage ich jetzt, hier, im Kunstunterricht.
Weil es mir dann aber doch ein bisschen zu peinlich war, trage ich
meine dünne Polyesterjacke darüber, während ich hier so sitze.

Sicher ist sicher.
Die Mädchen kichern eh schon, wenn ich hingucke.

Da erspäht mich von hinterm Lehrerpult der fast kahlköpfige,
Adler-nasige und stets laut krakehlende Ungarn-Flucht-Lehrkörper
Herr Asvanyi.

Weiß der Geier, wie ein Mensch, der so sehr Kinder hasst, Lehrer
werden konnte. Einen hervorragenden Feldwebel hätte er abgegeben.

Aber seine dicke Brille und seine Statur hatten dies wohl verhindert:
Schließlich hatten auch Gulaschkommunisten ihre Standards.

Herr Asvanyi hat mich gesehen und tut, was er am Besten kann
und aus diesem Grund immer tut: Er krakehlt.

Ihn stört: Meine Jacke.

Weshalb ich eine Jacke trage, in seinem Unterricht.
Ich lüge zurück, weil mir kalt sei und denke mir
"oh nein, tu mir das jetzt nicht an!"

Er krakehlt zurück, dass ich die Jacke ausziehen solle.

Zögerlich füge ich mich, alle starren mich an, die Jacke
gleitet im Sitzen an mir herunter und wird hinten über der
Stuhllehne aufgehängt, die Mädels sehen den Lichtschwert-
kampfbereiten Darth Vader und prusten gackernd los,
woraufhin ich in Grund und Boden versinke.

Für den Rest des Schuljahres werde ich den Kopf nicht mehr
nach rechts wenden.

Aber wenn ich erst GROSS bin.
DANN trage ich ein Vader-Shirt.
So OFT und WO ich will!




17 Mai 2022

Marconi plays the mamba

 
Leider 8 Jahre zu spät diese TV-Werbung entdeckt.

Aber man ist nie zu alt für rosa Glitzer-Dreiräder und
singende Katzen im Fahrradkorb.

15 Mai 2022

Das Haus in der Eifel


 "Hier müssen wir unbedingt bald wieder hin!"

hatten wir nach unserem ersten Besuch damals gesagt.

Dabei war es damals, in einem Januar vor mehr als 2 Jahren,
kalt und dunkel in der Eifel gewesen.

Geregnet hatte es außerdem. Der Garten und eigentlich der
gesamte Außenbereich des Finca-artigen Anwesens waren
quasi nicht nutzbar gewesen.

Und so hatten wir uns damals mehr oder minder die komplette
Zeit über in den Spiel-Räumlichkeiten aufgehalten, von
gelegentlichen (und unglaublich unspektakulären) Spaziergängen
durch den nahegelegenen Ort einmal abgesehen.

Der erste Aufenthalt war ein (für sie viel zu teures)
Geburtstagsgeschenk an mich gewesen:
Den kompletten Aufenthalt hatte sie für uns
heimlich organisiert, gebucht, bezahlt.

Und damals hatte ich es schon bereut, nicht die
große Kamera dabei gehabt zu haben:
Alle Aufnahmen waren nur mit zwei DashCams und einem
iPhone 8 entstanden.

Das sollte dieses Mal anders werden, und zudem hatte ich
auf zwei Übernachtungen erhöht - was mir angemessen und
verdient erschien, nach insgesamt mehr als zwei Jahren Corona-
Einschränkungen, einem Arbeitger- und zwei Jobwechseln,
nach einem Umzug, einer Scheidung und was noch Allem.

Diesmal hatte ich mehr Glück:
Die location war absolut unverändert.

Das Wetter war absolut perfekt.

Die Außenanlagen waren verwildert, aber dank
der guten Temperaturen sehr gut geeignet für shots
im Freien.

Die Kirche im Hintergrund bot eine unerwartet interessante
Kulisse für unsere Ideen.

Die Frau war extrem gut aufgelegt und zeigte viel Freude
am Verkleiden, Posen und Ausprobieren.

Und ich selbst hatte nach einigen Monaten Pause von
Aktaufnahmen und Fetisch-sets auch wieder Kribbeln in den
Fotofingern und ein paar Ideen.

Heraus kamen aus 2 wunderbaren Tagen mehr als 1.100 Aufnahmen,
von denen zu meiner Überraschung nicht nur die üblichen 5%
behalten werden konnten, sondern diesmal um die 20%.

Was dadurch in den nächsten Tagen erheblich mehr Zeit in der
Nachbearbeitung erforderte als veranschlagt.

Eine Handvoll haben wir gemeinsam ausgewählt und freigegeben.
Der allergrößte Rest wandert in unsere private Aufnahmensammlung.