17 August 2022

von der Unbeherrschtheit

 
Das Gespräch mit Chef und ChefChef hatte ja
unbedingt in Franken stattfinden müssen.

Weil so was Unwichtiges wie meine berufliche
Zukunft weder kurzfristiger  per MS Teams noch
in live bei mir in der Nähe geht.
Prioritäten halt.

Okay, ich hatte danach noch 30 min um die Ecke
einen Termin mit einem (sehr) ehemaligen Fußballprofi,
und letzterer sollte sich auch als der wesentlich
angenehmere Teil des Tages erweisen.

Ich fahre also sehr früh los, die Strecke nach Franken
ist schlecht berechenbar und weil ich heute aber Glück
habe, komme entsprechend zeitig dort an.
Es sind noch mehr als 45 min bis mein Gespräch beginnt.

Die Backwarenverkaufsstelle nebenan hat auch draußen
Tische, also setze ich mich mir einem Frühstück raus.
Normalerweise frühstücke ich nicht, aber ich bin seit 3h
auf den Beinen, werde heute noch 4h im Auto sitzen und
dazwischen liegen nochmal 9h ganz normale Arbeit.

Außerdem möchte ich in ein Gespräch mit 2 Chefs nicht
ungefrühstückt rein, das kann strategisch dumm sein.

Macht aber nichts, das wird auch nicht mehr helfen,
wie sich bald herausstellt. 


Es ist kein fester Raum für die Besprechung gebucht laut
meinem Chef, also lasse ich ihm eine Sprachnachricht zukommen,
dass ich unten in der Sitzgruppe der Lobby warte, er soll mich
mit rauf in den zweiten Stock nehmen, wenn er ankommt.

Noch ein paar Emails, ein Telefonat mit einer lieben Agentin
von uns, dann tropfen die Minuten weg und es kommt niemand.
Nichts Außergewöhnliches, denke ich mir, je nachdem wann der
losgefahren ist, kann sich schnell mal eine Viertelstunde Delay ergeben.

Tatsächlich höre ich aber erst 25 min nach dem eigentlichen Beginn
unseres Termines von ihm und er fragt telefonisch wo ich bleibe.
Er sei schon oben.

Und ich so "Ich bin dort, wo ich Dir vor 25 min eine WhatsApp-
Sprachachricht gesendet habe, das ich auf Dich warte - schließlich
weiß ich ja gar nicht, wo ich hin soll, wir hatten keinen Raum ausgemacht?"

Nö, die beiden Chefs warten schon oben, hat halt keiner dran gedacht
mir vorher Bescheid zu geben.

Ich nehme also den Fahrstuhl, suche in dem mir fremden Gebäude den
Raum, finde ihn und betrete schon ziemlich angepisst die Besprechung.

Ich eröffne leicht angezickt mit der Feststellung, dass Kommunikation
einer der Bereiche zwischen uns ist, die aus meiner Sicht noch viel
Potenzial für Verbesserung in sich bergen, und ab da geht es auch schon
bergab.

Die Beiden wissen, was ich verändern will.
Die Beiden lavieren.
Ich insistiere und frage, was konkret sie anbieten können zu 01.2023.

Ja, das was ich mir vorstelle, schon mal auf keinen Fall.
Ich frage weshalb.
Sie drucksen herum, der ChefChef sagt, es gibt kein Budget für 
eine zweite Stelle, wie ich sie will.
Bäm.

Ich sage, woanders im Bundesgebiet gibt's die Stelle auch, zweimal.

Er antwortet, wir sind aber größer als die anderen Gebiete und haben
deshalb andere Funktionen mehr besetzt, deshalb gibt es für meine
Wunschstelle kein Budget mehr.

Dann rutscht mir das erste Mal eine Ungeschicklichkeit heraus:
"Das ist dann aber schade für Euch, finde ich."

Ja und überhaupt, ich würde mir von der Stelle völlig falsche Vorstellungen
machen, so wie jener Kollege auf der ersten vorhandenen Stelle die auslebe,
das sei nicht repräsentativ, damit würde ich nicht glücklich.

Ich ziehe auf bereits mehrmals Gesagtes und Geschriebenes das Gespräch
zurück, die Beiden spielen gerade nicht in dem Feld, um das es mir geht.

"Was habt ihr für mich? Ihr wisst, um was es mir geht,
ihr wisst, dass ich mich woanders beworben habe."

Und dann kommt der Chef in den Angriff und schwafelt was davon,
wie ich meinen jetzigen Job erst einmal annehmen und ausleben und
mich darin wiederfinden müsse und blablabla.


Und ich so: "Das hatten wir schon, meine Frage war, Du sagtest
was von zwei Möglichkeiten für mich, welche sind das?"

Und dann sagt der allen Ernstes:
"Ja einmal ist: Du bleibst das, was Du jetzt bist."

...
(Schweigen)
...

und ich so "Und die andere Möglichkeit, die Du erwähntest?"
Und er so: "Ja oder eben nicht."
...
(Schweigen)
...

Und dann falle ich lachend vorneüber, zerschlage damit ein
bisschen Porzellan, aber ich kann nicht anders,
als jetzt und hier den alten 80er-Witz zu erzählen:

"Das ist eine Alternative?! Das erinnert mich an den legendären
Quantas-Airline-Witz - da hat ein Fluggast der ersten Klasse die
vorbeikommende Stewardess gefragt, ob es ein Dessert nach dem
Hauptgang gäbe und sie antwortete mit "Ja."

Daraufhin der Fluggast "Was steht zur Auswahl?"
Die Stewardess:  "Ja oder nein."
...
(Schweigen) (keiner außer mir lacht) [ ich find's trotzdem witzig ]

Dann mache ich mir eine kurze Notiz in meine Kladde,
stecke den Kugelschreiber weg, packe meine Schreibunterlagen ein
und verschließe meine Aktentasche.

Fassungslose Gesichter der Chefs.
Was das denn jetzt soll.

Ich so: "Ich hab alles aufgeschrieben, was ich brauche,
ich gehe nicht davon aus, dass weitere Notizen nötig sein werden."

Das stimmt zwar inhaltlich zur Gänze, es zerschlägt aber weiteres
Porzellan und ist taktisch sicher nicht mein Highlight gewesen.
Irritiert bis brüskiert reagieren meine Gegenüber.

Die Beiden reden noch ein paar Minuten auf mich ein,
ich stelle keine Fragen mehr, wiederhole Dinge, die ich bereits
gesagt habe, stelle klar und unmissverständlich heraus, was ich
als meine Kernaufgaben und core skillz verorte und lasse keinen Zweifel
daran, dass ich einer Gelegenheit, dem nachzugehen, nicht aus dem
Weg gehen möchte, wenn sie sich denn ergäbe, dass Letzteres aber 
nicht in meiner Hand läge, weder das Ob noch das Wann betreffend.

Noch ein bisschen reden sie, ich schaue langsam nickend durch ihre
Gesichter hindurch, hier gibt es heute nichts mehr zu gewinnen.

Und irgendwann bemerken sie, dass keine Fragen, keine
Kommentierungen mehr von mir kommen, alles ist gesagt,
wir verabschieden uns höflich und kurz.

Draußen vor dem Gebäude stehen die Bauarbeiter von gegenüber
Schlange für einen Bäckerei-Kaffee an - also keinen weiteren
Durchschnauf-Kaffee für mich.
Ich laufe weiter in das Parkhaus.

Wieder im Auto texte ich einen jungen Agenten an, wir wollten
uns in einer Pizzeria bei ihm um die Ecke treffen.
Ich hab vor ein paar Jahren viel gehalten von ihm und wollte ihn
ein bisschen aus der Ferne supporten.

Auf der Fahrt lasse ich das Gespräch von vorhin Revue passieren.
Mir fallen nacheinander alle taktischen Fehler von mir auf.
Ärgerlich und überflüssig.

Frustriert sein über die Situation im Job und das totale Fehlen
eines Angebotes von den Beiden war das Eine.
Meine heute abwesende Professionalität aber das Andere.

Und für jemanden, der eben aktuell kein anderes Angebot schriftlich
vorliegen hat, fand ich meinen Auftritt eine Spur zu forsch.

Der junge Agent ist pünktlich in der vereinbarten Pizzeria.
Er wirkt desillusioniert, in seine Sprache haben sich Sarkasmus
und bisweilen auch Zynismus eingeschlichen, kein gutes Zeichen.

Er schwärmt von den Insta-Kanälen denen er folgt und die sich
in der gleichen Branche wie wir tummeln. Die er gut fände.

Sehe mir ausgangs der Woche diese Kanäle an und denke "Weia."

Genau nicht, was ein junger Mensch an Motivation braucht.
Aber die schien er ohnehin eingetauscht zu haben gegen etwas, das
ich bei sehr vielen von den älteren Agenten täglich beobachten kann.

Ich reise weiter zu meinem ex-Fußballer-Termin.
Im Anzug und langen Business-Hemd ist es fast nicht auszuhalten,
es ist einer dieser Glutofen-Tage.

Das empfand wohl auch der vor Ort zuständige Agent so,
er hat sich daher für eine sehr leichte Kleidung entschieden
für unseren gemeinsamen Kundentermin.



Wenn ich so manchmal denke, wie schwer ich mich
mit einem "Du" in der Zusammenarbeit  oder auch
mit solcher Kleidung bei unseren Kunden tue, gewinne
ich den Eindruck, dass ich vielleicht doch nicht mehr der
Geeignetste bin, um diese Funktion zu atmen und mit
Leben zu füllen.

Das Gespräch wird einfach und harmonisch laufen.
Der Kaffee, der uns angeboten wird, ist lecker, ich merke
in den ersten 5 Minuten, dass es gut ausgehen wird für uns.

Nach eineinhalb Stunden verabschieden wir uns,
die Sonne hat unsere Autos zu Hochöfen aufgeheizt.

Und als ich zwei Stunden später, nach vielen stillen Gedanken,
Überlegungen, inneren Diskussionen, Zweifeln und Ärger über
den Verlauf des Morgens und meine Unbeherrschtheit schon
fast wieder auf der Bundesstraße Richtung nach Hause bin,
ist es immer noch unerträglich heiß, für halb sieben abends.




Es werden eine lange Dusche und eine Menge
lippenpressender Gedanken, bevor ich heute einschlafen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinterlassen Sie dem Feuervogel an dieser Stelle gerne Ihre Gedanken:
Er freut sich über Ihre achtsame Wortwahl, einen freundlichen Ton und Ihren von Miteinander beseelten Gedankengang.
Und in allen anderen Fällen löscht er kommentarlos.
Falls Sie Probleme haben Ihren Kommentar angemeldet abzugeben: Suchen Sie in Ihren Browsereinstellungen nach "Cookies von Drittanbietern blockieren" und deaktivieren Sie diese Option.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.