22 November 2024

von Blumenläden

Es gibt Menschen, die meiden Friedhöfe.
Und aus dem gleichen Grund auch Kirchen.

Argumentation: Da wollte ich erstens nie freiwillig sein,
und zweitens MUSSTE ich immer dahin, wenn einer gestorben war.


Mir geht es so mit Blumenläden.
Irgendwann bin ich nicht mehr freiwillig in sie hinein gegangen.

Tue ich es heute doch einmal, dann nie, weil ich es will,
sondern weil man anderswo eben keine (vernünftigen) Blumen
her bekommt und zu gewissen Zeitpunkten Blumen eben
einfach sein müssen.

An den letzten Blumenladen, in denen ich von Herzen gerne
gegangen bin, kann ich mich noch gut erinnern:

Ich kaufte dort jeden Freitag rote Rosen.
Für DM 50,--.
Ein phänomenaler Strauß war das immer gewesen.
Wundervoll einfach.

Die nette Inhaberin packte ihn mir stets gut befeuchtet ein,
für die stundenlange Fahrt nach Bonn im Auto.

Monatelang war das so gegangen.
Doch irgendwann waren meine Rosen dort, wo ich sie hin
gefahren hatte, nicht mehr gewollt und auch ich nicht.

Zwei Wochen später gab es keine Freitagsfahrten mehr über
die Autobahnen quer durch Deutschland.
Und auch keine Blumensträuße. 

Aber einen Geschenkgutschein musste ich für das Büro dort
besorgen. An einem Freitag, schnell noch eben für den Chef.

Also stand ich wieder am Tresen, wieder freitags mittags.

Und wieder kommt die nette Inhaberin und ich rede mit ihr
und ihr Gesicht wird klein und gesenkt und dann sagt sie
diesen Satz, ich höre ihn wie gestern, er hört nicht mehr auf
in meinem Kopf hin und her zu hallen:

    "Für SIE...keine Rosen mehr...??"

Und dann kann ich auf einmal nicht mehr reden, keinen Ton.

Es schnürt mir die Kehle zu, ich kann ihr nicht mehr
in die Augen sehen, ich könnte es mir ja nicht mal
selber beantworten und ich will eigentlich nur noch hier raus,
weglaufen, und ich will nie nie nie wiederkommen.

Aber ich darf nicht ohne diesen Gutschein ins Büro zurück.

Also muss ich durch das Schlimmste durch, ich muss hier
bleiben, ich muss dem Chef diesen Gutschein mitbringen,
ich kann nicht weg, ich muss das aushalten.

Zum zahlen und bedanken reicht es noch,
es reicht auch noch zum Verlassen durch die Glastür,
ich kann ihren Blick auf meinem Rücken förmlich spüren,
es reicht auch noch bis zum Auto, aber dann nicht länger,
sobald die Fahrertür zugeschlagen ist, schreie und heule ich
nur noch, bis mir meine eigenen Ohren klingeln und die
Heiserkeit mich irgendwann rettet.

Da war ich das letzte Mal in diesem Laden.
Davor das Mal war ich das letzte Mal in meinem Leben
gerne in einem Blumengeschäft gewesen.

Lange hab ich das durchgezogen, etliche Jahre.

Neuen Partnerinnen sagte ich immer was von Hemingway.
Der meinte, er möge Blumen und Kinder, aus diesem Grund
reiße er beiden nicht die Köpfe ab.

Schnittblumen gab's bei mir nicht.
Den Hemingway hab ich dutzendfach zitiert.

Irgendwann fing ich dann aber doch an, der Exfrau
ab und an Blumen mitzubringen.

Vielleicht hatte es mit ihren minimal traurigen Augen
an ihren Geburtstagen und anderen events zu tun gehabt.

Vielleicht hatte es etwas mit den bedauernden Blicken
ihrer Familie zu tun, wenn von mir nie Blumen gab.

Ich mochte das Betreten von Blumenläden nicht wirklich,
aber irgendwann tat ich es doch, ich sah wie sie sich freute,
und das -fand ich- zählte mehr.

Und: Ich wählte die Blumenkäufe immer anlasslos.
Nie zu bestimmten Daten.
Einfach unerwartet, einfach so.

Anlässlich der Trennung Jahre später fragte ich sie, wann sie
angefangen hätte, mich zu bespitzeln und mir nachzustellen.

Und ihre Antwort war verzögerungsfrei.
    "Ich wusste, dass Du jemand anderes hast,
     als Du anfingst, mir Blumen mitzubringen!"


Das war hart, stimmte nicht, das war nicht die Wahrheit,
aber das war dann auch egal. Tätern glaubt man nicht.

In Blumenläden muss ich hin und wieder zwar immer noch.
Aber ich bin mit ihnen durch.

Das Schlimme an ihnen ist, dass sie alle gleich riechen,
unverändert, seit Jahrzehnten. Sie sind duftende Zeitkapseln.

Sie riechen heute noch genau wie früher.

Sie riechen nach 1997 und guter alter Zeit mit Jugend,
nach Liebe, nach Begeisterungsfähigkeit.

Sie riechen nach alter Lebensfreude ebenso so wie nach neuem Tod.

Ihr Geruch hat schon alte, sorgfältig begrabene Erlebnisse
binnen Sekundenbruchteilen wieder exhumiert,
da ist man noch keine 3 Schritte im Laden drin.

Andere meiden Friedhöfe. Ich meide Blumenläden.


19 November 2024

Nehmt mich mit!

Die letzten Tage sind dutzende Schwärme
von Kranichen über unsere Ortschaft
hinweggezogen, mit teils erstaunlichem
Lärm und Rufen.

Und während ich stumm nach oben schaue
denke ich ganz kurz

Nehmt mich mit!



17 November 2024

6G (KW 45 | 2024)


gebucht |

5 Tage Bildungsurlaub 2025.

Völlig untypisch für mich waren zwischen „ich erfahre davon“
und „ich hab das fertig gebucht und beantragt“ keine 24h vergangen.

Schuld waren das leckere Essen im Hennefer Brauhaus
und meine eloquente Begleitung Frau Mirtana, die mich auf
meinen gesetzlichen Anspruch auf 5 extra Urlaubstage hinwies,
sofern dieser für anerkannte bzw. zertifizierte Bildungsangebote
eingesetzt würde.

Daher werde ich mich im kommenden Jahr für eine Woche ins Kloster
begeben und dort ein MBSR Achtsamkeitstraining absolvieren
(was vermutlich bedeutet, dass ich dort täglich Sex haben werde,
denn ich weiß trotz erfolgter Genehmigung noch gar nicht, wofür
das MBSR steht, ich denke aber dass das B für Bondage und das
S für Sex stehen).  

Ich berichte dann. 


gefreut |

Über den Raben morgens im Kaffee.
Ich mag Raben.




gecomedyt |

In jüngster Zeit waren wir auf 3 events, die im weitesten Sinne
Comedy und Abendunterhaltung zuzuordnen wären.

Und alle 3 wurden von Broadcastern/Podcastern veranstaltet,
die im Prinzip erst durch social media eine gewisse Bekanntheit erlangt hatten.

EL HOTZO - eine höchst knappe 5 minus.

Völlig anders als auf Twitter und in seinem Buchroman
ist El Hotzo live einfach nur schlimm.

Er ist nicht witzig, baut keinerlei Spannungsbögen auf
und hat die Bühnenpräsenz eines Sackes nassen Herbstlaubes.

In Schriftform bete ich den Mann an, aber in Ton und
Präsenz muss man einfach nur abraten von ihm.

SCHUSS MIT LUSTIG - eine 4 minus.

Eine hübsche Profimoderatorin aus Köln, ein sehr bekannter
TrueCrime Podcaster und zwei zu Recht weitaus weniger bekannte
TrueCrime Podcaster sitzen in 4 Kunstledersesseln auf der Bühne
und plaudern über so dies und das, auch ausgewählte Mordfälle.

Es wird auf gar keinen Fall versäumt, mehrfach herauszuarbeiten,
dass einer von ihnen längere Zeit im Gefängnis war, zwei von ihnen
homosexuell sind und es einer davon sehr intrinsisch darum geht,
Mordfälle mit queerem Hintergrund in einen nichtsexualorientierten
Kontext zu rücken, weil das oft und gerne zu Lasten der Community
falsch dargestellt werde.


Was alles kein Problem wäre, wären nur das Format, die Personen
und die Inhalte gut. Nichts davon war der Fall. 

MR. BOOMBASTI - eine 2+

Bastian Bielendorfer kann man kennen aus seinen
LEHRERKIND-Büchern sowie den beiden verbreiteten Podcsts.

Die Bücher sind eine glasklare Empfehlung, mit
beiden Podcasts ging es mir so wie mit allen Podcasts:
Ich finde sie schlecht gemacht.

Aber auf der Bühne ist der Mann wieder mega.
Toller, kurzweiliger Abend, dem zur Bestnote lediglich der
Verzicht auf die eine oder andere unappetitliche Anekdote
und weniger Dialog mit dem Publikum (damit kann ich
nichts anfangen) verholfen hätten.

Sehr sehenswert.

gespielt |

Ich habe beschlossen, mir einfach jene Zeit zu nehmen,
die ich gar nicht habe, und habe sowohl World of Warcraft
als auch Age of Empires II wieder angefangen.



Außerdem stand ich letzte Woche erstmals seit 15 Jahren
oder so wieder auf einem Badminton court.



Genauer: Reha-Sport. Mit Rollstuhlfahrern.
Sagen Sie also nie wieder, ich würde es anfangs immer gleich übertreiben.

Okay, ich HABE es gleich übertrieben.
Der nächste Tag fühlte sich an, als hätte ich alle kommenden
Sechzigerjahre übersprungen und sei über Nacht sogleich
in meinen Siebzigern gelandet.

Selber Schuld, ich weiß.

Aber ich hatte sofort am Tag danach ein besseres Körpergefühl.
Und kaum bezähmbare Lust auf Sex. 

geglotzt |
 
Auch, wenn die hiesigen Teamrunden weitaus
interessanter sind als die im Süden: Es gibt immer wieder
längere Passagen, in denen keinerlei Inhalte für meine
derzeitige Funktionsgruppe dabei sind.

Es hat sich dabei als clever herausgestellt,
dass ich zum einen immer ganz hinten im meeting room sitze
und außerdem stets mein iPad dabei habe.

Dankenswerterweise haben ja wenigstens EINIGE WENIGE
von Ihnen (viel zu wenige btw) den ANSTAND, mich mit
erhebendem Selfiematerial zu versorgen, um mir jene langen
und ermüdenden Stunden zu erhellen. 



gestorben |

Der eine Kollege, der mich damals vor 23 Jahren in der
ersten Woche neu in diesem Laden eingearbeitet hatte.

Ok, "eingearbeitet" ist ein unzutreffender Begriff.

Erstens war er sehr zu seinem Unmut außer mir der EINZIGE,
dessen Büro im Flur im Erdgeschoss überhaupt beleuchtet war,
weil alle Anderen erst in der zweiten Januarwoche aus ihren
Winterurlauben zurück kamen.

Und zweitens, weil er absolut NULL Bock auf mich als
'nei g'schmeckten Rheinländer hatte und mir daher mit
knappen Worten das mehrundertseitige Tarifbuch
altbestehender Versicherungsverträge auf den Tisch geknallt hatte,
um sich anschließend wieder wortlos in sein Büro zurückzuziehen.
Für den Rest der Woche.

Nach den ersten Monaten schien ich ihm dann doch ganz in Ordnung
zu sein, das Verhältnis wurde gut, und wir fuhren sogar gemeinsam mit
Zug und Auto auf zentrale Tagungen nach NRW.

Und dann letzte Woche die Email, dass er plötzlich verstorben sei.
Kurz, ganz kurz vor Erreichen seiner Rente.

Lektion des Tages:

Heute könnte der letzte Tag sein.
Mach die Flasche auf.
Iss den Kuchen.
Nimm das Mädchen mit.