18 März 2023

7 days & 1 week [03.2023 ]

[ es gab gute Gründe, die "7 days / 1 week"-Reihe
damals nicht weiter zu verfolgen.

Zu viel Text.
Zu viele Fotos.

Aber einmal probier' ich das noch. ]




MONTAG


Ich finde die Unterlegscheibchen aus Metall nicht mehr, die ich
zum Anheben der Spielzimmer-Tür brauche, also fahre ich gleich
morgens in den Baumarkt.

Auf dem Parkplatz treffe ich einen traurigen Golden Retriever
am Steuer eines Vans, der auf sein Herrschen wartet.


Ein paar aufmunternde Worte durch die Scheibe, dann geht es
in den Baumarkt. Federringe brauche ich auch noch.

Zwar werde ich fündig, brauche aber nur 4 Federringe
und 4 Unterlagescheiben.

Die Mindestmenge für die Einzelteilewaage ist jedoch:  20 Gramm.
Alle meine Teile zusammen wiegen:  19 Gramm.
Selbst wenn ich alles zusammenpacke und dem gleichen Artikel.

Und klar, wir sind in Deutschland, daher:
Die Waage verweigert die Ausgabe des Preisklebezettels.
Was tun?

Lösung: Neben der Waage liegt eine einzelne dicke Schraube.
Überlege kurz.
Offenbar war hier schon mal jemand in der genau der gleichen Lage.

Lege die Schraube mit auf die Waage - Zack!  21 Gramm!
Nun kommt der Zettel aus der Maschine.


Es sind diese tausend überflüssigen Kleinigkeiten, die einem
das Leben madig machen heutzutage. Egal, ab zur Kasse.

Zuhause angekommen setze ich die Tür mittels der Unterlegscheiben
etwas nach oben (für den demnächst zu bestellenden Teppich),
danach räume ich die nicht benutzen Scheiben und Federringe auf.

Und finde dabei die bereits zuvor gekauften, verloren geglaubten
Unterlegscheiben und Federringe.

Abends gibt es Salat und Kartoffeln.


DIENSTAG

Zu meiner vierstündigen Präsentation in Bayern hatte ich etwa
30 Teilnehmer eingeladen - Ziel war, inklusive Absagen und
kurzfristigen Erkrankungen auf ca. 22-25 Teilnehmer zu kommen,
dafür war der Raum gebucht.

Mit der Tagungslocation (blind gebucht) habe ich Glück:
Alles ist gut vorbereitet. Das Restaurant ist gut.
Die Lage des Hotels wirkt entspannend.





Ich bin eineinhalb Stunden vor Beginn da und richte alles her.

Der Beamer zeigt einen Timer.
Es läuft sanfte Musik aus meinen Raumlautsprechern.

Getränke und Schreibzeug liegen auf jedem Tisch, es gibt einen
separaten "Beratungsideen"-Tisch, wo ich jede meiner
(selbst entworfenen) Kundenberatungsmappen 1x als gebundenes
Muster ausgedruckt habe.

Es gibt Visitenkarten, Fortbildungsprogramme und Tarifbücher,
QR-Codes zu meinen Sharepointseiten und was noch alles.


Als die Veranstaltung beginnt, sitzen im Raum: 10 Menschen.

Davon vier sogar aus ein und derselben Agentur.
Somit sind von meinen ca. 42 Agenturen anwesend:  Ganze 6.

Das ist ein Schlag. Das bin ich nicht gewohnt.
Egal. Pokerface aufsetzen und Show starten!

Das Feedback nach vier Stunden ist toll.
Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Ich räume den Raum auf, setze mich ins Auto
und genieße eine sanft ausgeleuchtete, entspannte
Heimfahrt, die mich an merkwürdigen Orten vorbeibringt
und viel Zeit zum Musikhören lässt. 




 


MITTWOCH

In einem Anfall von "ich will jetzt was kaufen!" hatte ich
neulich nachts vorm PC die größtmögliche Leinwand bei
P0sterL1a bestellt, die sie im Angebot hatten: 130 cm x 50 cm. 

Anlass war, dass ich auf der Suche nach einem Handyfoto an ein
paar Panoramaaufnahmen meines alten iPhone 8 vorbeisurfte.
Darunter war auch ein Breitbildfoto, das ich in Köln aufgenommen
hatte. Das sollte es werden!

Allerdings war erwartungsgemäß die Fotoauflösung zu gering.
Also verdoppelte ich die Auflösung kurzerhand, und danach wurde 
die Aufnahme vom System auch problemlos akzeptiert.

Als ich heute das Versandpaket auspackte, war ich angenehm überrascht.
Die Qualität war besser, als erhofft.

Und nun schaue ich, wann immer ich die Küche verlasse, auf Köln.
Vielleicht ein Vorgriff auf die Dinge, die da kommen?
Wer weiß.



Zu Essen gibt es heute abend Salzkartoffeln mit Kräiterquark.
Ein Tipp meiner Freundin.



DONNERSTAG

Es geht an die französische Grenze auf eine Kick-Off-Veranstaltung.
Mit Übernachtung.

Sage einer, was er will, bei allen Einsparungen und jährlich
immenserem Kostendruck - aber für Veranstaltungen, auf denen
sich Vorstände auf einer Bühne präsentieren können:

Dafür
ist immer genug Geld da.
Faszinierend.

Die location an sich ist gut, das Hotel ist im Schiffs-Stil
eingerichtet und hat viele Vintage- und Holz-Elemente,
der nächtliche Fußweg ist erträglich, die Betten sind gut.









Mir tut es trotzdem gut, einmal alle Gesichter wiederzusehen,
Gepräche mit neuen Agenten zu führen, im einen oder anderen Fall
auf das "Du" umstellen zu können und ein bisschen zu tanzen.

Auch ist Gelegenheit für die obligatorischen Fotoboxen-Selfies,
die einzigen Bilder, die sich jemals wieder irgendjemand ansehen wird
von so einer Veranstaltung.^^


Wenngleich sowohl das Bier, der Wein und auch die (Fertigmix-)Cocktails
eine solche Katastrophe sind, dass ich die zweite Hälfte des Abends nur
noch Wasser trinke, einfach in Ermangelung relevanter Alternativen.

Und mit Blick auf meinen Schädel am nächsten Tag stellt sich das
auch als genau die richtige Entscheidung heraus, daher gibt es
statt Frühstücksbuffet nur Kaffee und ein Lächeln aus dem Aquarium
des benachbarten Restaurants.



Nach den Buffetsünden des vorherigen Abends gibt es heute daheim
nur Blattsalate mit Sprossen und ein bisschen CousCous ausm Becher.



FREITAG

Der Tag beginnt leuchtend und freundlich, ein gutes Zeichen.


Es gibt immer noch Ernährungssünden aufzuholen,
daher auch heute wieder Salat und Zurückhaltung.
Ausnahmsweise wird mittags mal vor dem PC gegessen.    


Abends gibt es Reste von angebratenem Hähnchenbrustfilet
und Tomate-Mozarella im Olivenölbad. 





SAMSTAG

Putztag again.
Inzwischen fahre ich ja 3 verschiedene Discounter an, um genau
das Zeug zu bekommen, was ich zum Putzen daheim haben will.

Stelle gedanklich -wann immer ich im R0ssmann oder im dm stehe-
fest, wie sehr schwäbisch sozialisiert ich inzwischen geworden bin.
Ein Spätzle-Borg, sozusagen.

Betrachte tatsächlich etwas neidvoll die Abbildungen auf den Reinigern.




Denke mir manches Mal:

SO selbstbewusst wie die WC-Ente und so zufrieden
wie Meister Proper, dieser Johnny Sins der Sanitärreiniger,
SO möchtest Du Dich auch mal wieder fühlen.

Statt immer nur müde, kalte Finger, to-do-getrieben.


Egal. Blaugelbe Handschuhe an, und dann los geht's.


SONNTAG

Ein Tag der Ruhe, tatsächlich mal.
Er beginnt gut.
Nämlich mit einem Königs-Hasen im Morgenkaffee.

Ein kleiner Spaziergang bringt mich zum Imker in der
Nachbarschaft. Heute gibt es keinen Honig zu verkaufen.

Darüber informiert mich die Wächterkatze neben der Kasse,
wo normalerweise der Honig im Freien angeboten wird.


Mittags bereits ich weiteres Essen für die kommende Woche
vor, ich bin ja inzwischen auch ein meal prepper geworden.

Hackfleisch muss weg, also: Frikadellen.
Einmal für den Salat heute, und dann für die Graupensuppe
nächste Woche.

Bei der Geelegenheit röste ich auch gleich neue Nusskerne
für die umfangreichen Salatdosierungen nächste Woche an.
Ohne Körner im Salat geht fast nichts mehr hier.

Mittags gibt es Salat und Frikadellen.
Abends gibt es Salat und Nudelsalat.

Währenddessen lese ich ganz neue und bequeme
Methoden des Abnehmes im Internet kennen.






16 März 2023

von Heisenberg im Weltall

[ sofern Sie den heutigen post für
hochnäsig und verwöhnt halten:

Das ist zwar nicht meine Absicht.
Sie haben aber trotzdem ein bisschen Recht.

Enjoy anyhow.]




Zur Wahl hatten ein VW Passat oder ein Audi e-tron gestanden,
als ich den Termin in der Karosseriewerkstatt ausgemacht und
dabei auch einen Mietwagen bestellt hatte.

Denn so geil diese E-Autos sein mögen, aber für das, was mir
die nächsten 4 Wochen an Strecken bevorstehen würden,
war der Verbrenner einfach viel besser geeignet.

Und außerdem, ich hatte schon fünf VW Golfs.
Da würde ein Passat sich nicht so anders fahren.

Und zudem, 'ist ja nur für ein paar Tage.
Ok, zwei Wochen, wenn's ganz blöd läuft.
Dachte ich.

Tatsächlich hatte ich den Wagen aber volle vier Wochen 
und etwas mehr als 5.000 km an der Backe.
Und ich bestätige hiermit, dass ich wahrscheinlich nicht
wieder in der Lage sein werde, einen VW zu fahren:

In den 17 Jahren seit meinem letzten Golf sind die Haptik
und die Funktionalitäten dieses Autos dermaßen den Bach
runter gegangen, ich hab's kaum glauben können.

Was ich dem Auto zugute halten muss:
Es verträgt Einiges an Kofferraumzuladung, schaltet anständig
durch seine 7-Gang-Automatik, und es hat uns zuverlässig
durch wirklich abenteuerliche Waldwege in Norddeutschland gebracht.




Mir ist schon auch klar, dass der Passat (zumal als Kombi)
für eine Menge Menschen so was wie ein Wunschauto ist,
von dem sie nur träumen können. Schon deshalb, weil diese
Autos inzwischen eben auch ein Schweinegeld in der
Anschaffung kosten.

Dennoch - ich bin ein Vielfahrer und lebe halb in meinen
Autos. Und in dem hier verging echt kein Tag, an dem er
mich nicht mehrmals halb in den Wahnsinn getrieben hätte.

Irritierend erschienen mir schon die diversen Textmeldungen
beim Aussteigen und die ganzen Displaysymbole beim Einsteigen.

Jeden Tag wurde mir aus irgendeinem Grund Heisenberg im Weltall angezeigt.


Und dann die ganzen anderen Skurilitäten, die einem
das Leben hinterm Steuer so madig machen können:

- durchdrehender rechter Reifen in jedem Kreisverkehr. Auch wenn man ganz artig anfuhr.

- beim Funkschlüssel hörte man auf 25 Meter Distanz die Türen klacken. Ekelhaft und billig. 
Früher gabs ein softes, lautloses Schließen der Türverriegelung. Sogar der 2001er Audi A4 konnte das.

- sobald man die Scheibe zum Lüften runter ließ, kam sofort ne ECO-Warnung im Display:
"Bitte Scheiben schliessen!"
Was soll dieser Mist? Macht denn irgendwer nicht mit Absicht seine Scheiben runter?

- als ich auf den Lenkradtasten den Tempomat aktivieren wollte 
=> "Bitte betätigen Sie den Zentralhebel!"
=>  überall nachgeschaut: der Zentralhebel fehlt. 
Nicht verbautes Zubehör?
Interessiert doch die Bedienelektronik nicht.
Die ist ausstattungsunabhängig immer gleich.
Thema Produktionskosten.

- ich wollte hands free einen Telefonkontakt aus dem Auto anrufen
=> drücke die Taste "Spracheingabe"
=> "Dieses feature können sie kostenpflichtig freischalten lassen!"
Also dämlicher kann man es nicht machen, den Kunden auf seine leider fehlende Vollausstattung hinzustupsen.

- Klimaanlage im Passat= alles touch screens.
Es gibt keine einzige echte Taste mehr (außer "OFF").
Sie können in die Mittelkonsole daher keine Handys mehr aufrecht hinstellen.
Mindestens 50x habe ich bei dem Versuch, es doch zu tun, die Temperatur auf "HIGH" oder "LOW" verstellt. Und auf "Frontscheibe auftauen". Und auf Umluft.

- überhaupt, diese drecks Klimaanlage.
Einmal mitraten bitte:

Der Temperaturfühler der Klimaanlage für die Innenraumregulierung befindet sich wo?
Richtig! Direkt über dem Handyablagefach.

Handys werden übrigens WARM, wenn sie induktiv geladen werden.
Ergebnis?
Außentemperatur 4°C, die Klimaanlage steht schon auf 25°C (!),
aber der Wagen KÜHLT unangenehm zugig aus allen Konsolendüsen.

Warum?
Wegen der warmen Handys, die direkt unter dem Temperaturfühler liegen!

Lösung: Handys auf den Beifahrersitz legen und danach bittebitte nicht mehr fest bremsen.
Zack!, Temperatur im Auto wird wieder normal.
Manche Ingenieure möchte man einfach nur dampfgaren.

- auch ohne Handys vor dem touch screen ist die Klima eine Qual:
Alles verstellt sich bei der kleinsten Annäherung der Finger.

- nach 5.500 km Gesamtfahrleistung knarzt und kratzt bereits der Heckschiebenwischer. Echte Glanzleistung.

- das Navi im Auto = eine Witz.
Bis da mal eine Route endlich eingegeben war, bis sie dann irgendwohin berechnet wurde, war man bereits losgefahren und im nächsten PLZ-Bezirk angekommen.

Das Display? Nahe an einer 8-bit-Konsole.
Und dann auch noch ein Offline-Navi !
Also ganz wie damals, 1989 mitm ADAC-Straßenatlas auf den Oberschenkeln herumfahren.
Staus vermeiden?
Ja mei. Soll der halt den Verkehrsfunk hören!

- Dann eben lieber über das Handy und G00gle Maps navigieren?
Ja, schön wär's.
Aber ca. alle 15 km disconnected das Auto das CarPlay aufm Handy.
Trotz Kabelverbindung.
Grund? Weiß der Geier.
Die noch laufende Handy-Navigation schaltet sodann ungemeldet auf stumm
 - und ZACK!  Autobahnausfahrt verpasst. Schönen Dank. 

- miminales Überfahren der durchgezogenen weißen Linie?
Der Lane Assist meldet sich tapfer zum Dienst!
Und greift ein. Und das rabiat!

- nervigen Lane Assist daraufhin über das Lenkrad deaktiviert.
=> "Warnung! Müdigkeit erkannt, bitte Pause machen!"

- Radioempfang DAB+= Katastrophe.
Sobald eine 12 Meter breite Brücke kommt = Sender weg.

Das ist ja offenbar das Gute an DAB+:
Statt Rauschen gibt's einfach Stille, wenn der Sender weg ist.
Das ist doch mal Fortschritt!

- kleine Bergabfahrt, in ein Brückental?
Sender weg. Und zwar alle.

Vielleicht sind Passatfahrer ja auch ganz einfach ein bisschen Aufmerksamkeits-blanchierter als Andere:

Die müssen beim Aussteigen nämlich allen Ernstes quittieren, dass niemand mehr im Auto verblieben ist.


Als die erlösende Email kam, dass mein Dienstwagen endlich
repariert und abholbereit sei, hab ich fast ein bisschen geweint.
Vor Freude.

Danke, Patsy, dass Du mich sicher und unversehrt durch
6 Bundesländer und etliche tausend Streckenkilometer gebracht hast.

Aber ab jetzt gehst Du bitte wieder jemand Anderem auf seine Nerven. :-)


13 März 2023

1,7


Selbst eine Uni zu besuchen?
Das hatte ich mir nicht zugetraut.

Nicht nur, weil ich mich außerhalb von gewohnten, sicheren,
Abläufen und  Strukturen unwohl und verunsichert fühlte.

Sondern auch, weil ich es mir nicht zugetraut hatte,
neben dem Studium noch arbeiten gehen zu müssen,
um zu überleben:

Daheim war mir dutzende Male das Gegenteil glaubhaft versichert worden.
Und von dort war auch absolut keine finanzielle Unterstützung zu erwarten gewesen.

Also hatte ich es bleiben lassen, entgegen manigfachen Rates
meines Umfeldes. Mein Deutsch-Leistungskurslehrer ist
beinahe tobsüchtig geworden, als er hörte, dass ich mich
bei der Bundeswehr verpflichtet hatte.

Aber wie das Leben so spielt (und das tut es manchmal auf 
eine nicht anders als merkwürdig zu beschreibende Art und Weise),
sollte sich für mich doch noch die Möglichkeit ergeben, an
hochschulischen Abschlusswerken mit zu arbeiten.

Mit einer Hausarbeit hatte es angefangen:

Im Freundeskreis aus einem anderen Universum musste
eine ca. 40-seitige Diskussion verfasst werden über das
Pro und contra einer allgemeinen Gebäudeversicherungspflicht
(wie es sie bspw. bis vor 30 Jahren in BaWü gab) bzw. jenes
einer alternativ privaten freiwilligen Versicherung.

Die mit diesem nebenher-Studium in meinen Augen ohnehin
bereits grenzbelastete junge Dame hatte sich persönlich
diesbezüglich noch gar keine Meinung gebildet.

Gleich meine allererste Frage an sie hatte irgendwas zwischen
Unverständnis und Bestürzung ausgelöst:

"Bevor Du mit dem Thema überhaupt anfängst:
Welche Partei wählt Dein Prof.?"


Auch meine Begründung für diese Frage hat sie (fürchte ich)
nicht wirklich kapiert:

Wenn Dein Prof. z.B. grün oder dunkelrot wählt, dann wird er
eine Arbeit, die zum Ergebnis kommt, nach Abwägung 
aller
Fakten wäre eine freiwillige Versicherung zu Preisen des 
freien
Marktes die beste Lösung, niemals mit GUT oder 
SEHR GUT
bewerten, ganz gleich wie sauber Deine Erörterung war.


Anders gesagt: Entscheider -ganz gleich ob im Bildungs- oder im
Kapitalgesellschaftsbetrieb- wollen immer lesen und hören,
dass ihre eigene Position sowieso schon immer die Richtige war.

Und nirgends kann der eigenen Selbstherrlichkeit so umfangreich
und folgenlos gefrönt werden, wie im Hochschulbildungsbetrieb.

Mit einem gewissen Grundvertrauen in meine Person hatte sie mir
ihr getipptes Script (zumindest dessen erste paar Seiten) gegeben.
Und um es kurz zu machen, ich hatte einen roten Fineliner benutzt,
um Korrekturen und Verbesserungsvorschläge anzubringen, und 
die Seiten waren allesamt hinterher mehr rot als schwarz.

Orthographie, Syntax, Ausdruckswesen...alles war so, dass man
das auf wirklich gar keinen Fall jemandem abzugeben hätte empfehlen dürfen.
Sie hatte hart schlucken müssen, als ich ihr die Seiten zurückgab.

Und dann: Fingen wir richtig an, zusammen zu arbeiten.
Die Arbeit wurde eine 2.

Aus irgendeinem Grund, den sie heute selbst nicht mehr
nachvollziehen kann, entschied sie sich ein paar Monate danach
(und entgegen mehrfacher Warnung von mir), auch noch den
Bachelor nachzubuchen und durchzuziehen.

Nochmals zwei Jahre fast keine freien Wochenenden, und bei 
dieser Ausbildung zeigten sich ihre Defizite dann unüerschaubar.
Unausgesprochen hatte sie den Fehler inzwischen selbst erkannt.

Aber nun musste eine Bachelorarbeit abgegeben werden.
Und sie wollte den Abschluss, egal wie, schlechteste Note reicht,
Hauptsache nicht umsonst die zwei Jahre verkackt!

Ich war wieder am Start, die Texte wurden gestrafft, getuned, 
aufgefüllt, die Inhalte optimiert und ergänzt, aber ihre Bereitschaft,
da wirklich halbwegs Qualität abzuliefern, war nahe null.

Ende von Lied, es wurde eine recht knappe 3, ich wurde in
ein Sternelokal zum Essen eingeladen, und heute spricht kein
Mensch mehr davon, und es will auch kein Mensch mehr
daran erinnert werden, aber es spielt schon deswegen keine
Rolle mehr, weil niemand mehr mit einander redet und auch
keine Telefonnummern voneinander mehr hat (und braucht).

Aber diesmal war es etwas Anderes.
Diesmal hatte ich den Menschen, um den es dieses Mal
gehen würde, wirklich lieb.

Diesmal schaute das Universum, dieses neue,
ein bisschen genauer auf mich.

Zuvor hatte ich wenn's reicht drei Jahre lang an meiner
Freundin herumgeredet. Teils tätschelnd, teils insistent,
anfangs sogar drohend.
Schon als ich sie kennenlernte, hatte es geheißen, "ich fange
demnächst mit meiner Masterarbeit an, dann bin ich fertig!"
.

Und dann gingen Monate und Umzüge und Arbeitgeber ins Land,
und sie traute sich immer noch nicht, die MA anzumelden und
somit einen Abgabetermin vorgegeben zu bekommen.

Und dann war es gekommen, wie es hatte kommen müssen:

Die Prüfungsordnung war zum Herbstsemester umgestellt worden.
Plötzlich fehlten Punkte und damit verbunden zu absolvierende Kurse.
Diese mussten erst besucht und bescheinigt werden.
Sonst keine Zulassung zur Masterarbeit.

Tatsächlich hatte ich mich in einen dieser letzten Kurse sogar
als Gasthörer mit eingeschlichen. Ein tolles Gefühl, doch noch
an eine Uni zu kommen! Ich fühlte mich großartig.

Aber noch immer traute sie sich nicht, die MA anzumelden.
Ich musste ein weiteres volles Jahr auf sie einreden, ihr meine
Unterstützung zusichern, zwischendrin neue Fotos von ihr schießen
für Bewerbungen usw.

Aber dann, eines Spätsommers, war es plötzlich soweit.
Eines sonnigen Abends sagte sie am Telefon "Du? Ich hab das jetzt
übrigens gemacht, ich hab die Arbeit angemeldet. Ich habe nun
einen Abgabetermin."


Und dann begann es. 80 Seiten waren abzugeben.
Bücherquellen mussten besorgt werden. Ich fahndete UseNet-
Archive nach Werken durch, die physisch nicht mehr erhältlich waren.
Manches Mal waren auch PDF-Auszüge bei G00gle zu bekommen.

Mit den Wochen und Monaten sah ich ihr eine zunehmende
Verzweiflung an. Es waren Jahre vergangen seit dem Studium,
Jahre auch seit der Bachelorarbeit. Und DIE war nicht besonders gut
gelaufen und bewertet worden.
Es könnte durchaus eventuell knapp werden.

Anfangs war ich davon ausgegangen, nur die Einleitung
zu dem Thema zu schreiben. Vielleicht 8 oder 10 Seiten.
Ja okay, vielleicht noch ein paar Seiten zur historischen Einordnung,
zum Entstehen des technologischen Hintergrundes des Themas,
denn ich war ja live dabei gewesen.

Nur hatte ich von linguistischer Theorie und den sprachlichen
(um es vorsichtig zu sagen) Besonderheiten dieser Thematik
nicht die allergeringste Ahnung.

Etwa zwei Monate vor Abgabetermin wurde mir bewusst, 
dass es eng werden könnte. Die Frau war übermüdet, erschöpft,
des Themas sichtbar leid und kämpfte um ihre Konzentration.
Jeden Abend tat sie das.

Die Texte, die ich zu lesen bekam, dokumentierten syntaktische
Satzkonstrukte, die auf ein "ich weiß auch nicht recht, was das
da jetzt zu bedeuten hat"
schließen ließen.
Der analytische Teil der Arbeit verschlang monströse Zeitmengen.

Es half nichts. Ich musste mich komplett selber einlesen.

Mit zwei Arbeitsunfähigkeitsmeldungen, die uns weitere zwei
Bonuswochen verschafft und den Abgabetermin verschoben hatten,
und die wir in Tag-und-Nacht-Arbeiten im Anschluss an unsere
regulären Arbeitszeiten investierten, wurde es dann 72h vor dem
Abgabetermin wahr.

Aus den geforderten 80 Seiten waren über 200 geworden.
Aus dem "ich bastle mal eine kleine Einleitung und vielleicht noch
ein paar historische Einordnungen"
waren 30 Bücherquellen und
weit über 50 Onlinequellen und -videoquellen geworden.

Im strömenden Regen waren wir gleich morgens eine Stunde an die Uni
gefahren, um das Ding in gebundener Form und als CD (!) abzugeben,
hatten uns anschließend nach Sektfrühstück zum Vögeln ins Hotel gelegt,
bevor wir abends die Steakhaus-Brauerei im Ort leersoffen.

Ich hatte dabei kein so ganz schlechtes Gefühl, wie das ausgeht:

Ein paar der Arbeiten, die wir auch quellierten, waren ebenfalls
Masterarbeiten zu dem Thema gewesen.

Und ich war nach deren mehrfacher Lektüre der Auffassung,
dass wir qualitativ zwar nicht ebenso druckreif veröffentlichungswürdig 
ausgelaufen waren -  aber auch nicht sooo viel schlechter.

Gestern, kurz vor Ablauf der Bewertungsfrist, kam die Email.

Die Frau war so aufgeregt und kurzatmig, dass sie absolut
keinesfalls in der Lage war, die Nachricht auf ihrem Handy aufzumachen.

Also tat ich das.



Siehst Du das da, Papa?
Hast Du doch nicht Recht behalten.
Mal wieder nicht.
Aus mir ist doch noch was geworden, wenigstens ein bisschen was.
Nix mit "Gosse".

Aber so glücklich wie SIE gestern hat KEINE Deiner Frauen jemals ausgesehen.














12 März 2023

Kollege JU-57


Aus einem Grund, den niemand auf der Arbeit so wirklich
versteht, mag ich meinen Kollegen JU-57.

Der Name lehnt an seine Initialen und sein
Alter an, sowie sein üppiges Fahrgestell,
einer JU-52 nicht unähnlich ;-).
Er hat mir (initiativ) auch mal erklärt, wie es zu den 
bestehenden Animositäten zwischen seinen lokalen Kollegen
und ihm kam.
Der Hergang erschien mir plausibel und auch glaubwürdig. 
Nämlich Jobneid unter Männern.
Nevermind.
Allerdings verstehe ich auch unsere Kollegen, weshalb die
allermeisten eher den Kontakt zu ihm meiden:

Die wenigsten von ihnen sind etwas, das ich unter einem
"guten Zuhörer" verstehe. Und er wiederum ist aber jemand,
der sich zwar wirklich interessant und äußerst gewählt artikuliert,
dies aber auch gerne mal sehr ausgedehnt tut:

Telefonate mit JU-57 gehen NIE unter einer Stunde.

Aber tatsächlich war ich ein bisschen in der Bringschuld
ihm gegenüber gewesen: Unseren letzten MS Teams-Termin
hatte ich verpennt, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch ungeplant
auf der Freundin lag.

An seinen nächsten Telefonanruf ein paar Tage später war ich
nicht ran gegangen, ich hatte nicht so viel Zeit und auch keine
lust auf ihn
.

Als er dann Ende der Woche wieder bei mir klingelte, da 
musste ich einfach ran, und außerdem war mir auch nach 
einer guten Dosis Gossip.:-)

Wir sind sofort mittendrin, bei ihm muss man sich nie groß
Gedanken machen über einen Gesprächseinstieg.
Empfehlenswert sind aber ein Zettel und ein Stift.

Das liegt daran, dass JU-57 ab Start bis zum Ziel
einen ca. 95%igen Redeanteil beanspruchen wird und man
die wenigen Pausen (eher Unterbrechungen) von ihm nutzen
muss, um anhand eigener Notizen noch ablesen zu können,
was man selbst eigentlich dazu hatte sagen wollen.^^

Aber wie gesagt: Ich höre ihm gerne zu.
Oft sind wir auch einer Meinung, allerdings kommt er mit
unserem Chef weitaus weniger klar als ich.

Das beruht allerdings auf Gegenseitigkeit.
Und dabei mag eine Rolle spielen, dass JU-57 mehr verdient
bei uns als unser Chef. 

Es geht los, und schon nach kurzer Zeit stellt es sich ale eine
meiner besseren Entscheidungen heraus, dass Bluetooth-Headset
gekoppelt gehabt zu haben - so kann ich durch die Wohnung 
laufen, während ich ihm zuhöre.

Und Kaffee trinken.
Und Betten machen.

Zwischendurch sage auch ich mal ein paar Sätte.

Und irgendwann denke ich mir, so langsam solltest Du
mal die braunen Spitzen vom Drachenbaum 
wegschneiden
und die Palme könntest Du mal wieder ausdünnen.

Faszinierend, was man während eines Gossip-Calls
so alles erledigt bekommt. :-D


Gaaanz zum Schluss rückt er noch damit raus,
worum es ihm (vermutlich) schon die ganze Zeit ging:

Mit meinen eigenen Schulungsveranstaltungen bin ich ihm 
und seinen eigenen etwa 6 Wochen voraus, das weiß er.
Daher habe ich bereits alle "Save the date"-Emails und auch
alle Einladungs-Emails versendet.

Nicht so er.
Ob er meine als Vorlage haben könnte.

A-ha. Dachte ich es mir doch.^^

Vor ein paar Wochen erst war ich in genau der gleichen Lage.
Auch ich hatte einen Kollegen gefragt.
Einen, den ich eigentlich noch lieber mochte.

Und der geantwortet hatte, er hätte da nix.
Was aber nicht stimmte, das wusste ich.

Aber gut, 'muss ja auch nicht sein. 

Und da ich immer gerne Anderen solche Erfahrungen,
die ich selbst gerne nicht gemacht hätte, ersparen möchte,
hab ich JU-57 einfach meine gesendeten Emails weiter
geleitet und fertig.

Nach dem Auflegen stelle ich fest:
Ich sollte öfters mir ihm telefonieren - selten hab ich
so viel Hausarbeit am Stück wegbekommen^^.