02 Mai 2025

man spricht deutsh

Die Liebste arbeitet in meiner Nummer 2-Feindgilde:
HR.

Die Nummer 1 aller Feindbilder
ist seit Jahrzehnten besetzt mit:
Marketing.
Ich hörte, das sei aber in jeder Firma so.


















[ SO könnten Sie aussehen ! ]

HR-ler sind für mich ein merkwürdiges Volk:

Die einen machen Recruiting.

Und wer sagt, Vertriebler würden lügen und das
Blaue vom Himmel herunter versprechen, der hatte
noch nie einen recruiting call mit HR.

Die Anderen machen so was wie Unternehmens-
kommunikation
(= anderswo die Newsletter klauen).

Oder Payroll ("schauen wir mal, was diesen Monat an
Gehältern so rausgeht - wir sind da selber schon gespannt,
ob alle Buchungen rechtzeitig reingekommen sind!"
)


Oder Weiterbildung (= Bildungsanbieter-Webseiten
1:1 ins eigene Intranet verlinken, dann Mittagspause).

Oder sie bearbeiten Mitarbeiteranfragen, in dem sie 
Standard-Textbaustein-Antworten zurückmailen,
denen 34-seitige Anleitungen angehängt sind, wie
man in nur 3 Stunden das Problem bitteschön
SELBER im Intranet löst.
Kurz gesagt:
Mein Meinungsbildungsprozess über HR
ist abgeschlossen und in sich kristallin.
Was keinesfalls bedeutet, dass ich die
nicht gerne vögeln tue. Zumindest eine von denen. 

Und doch muss man bisweilen Mitleid haben mit ihnen,
den Hah-Err-lern, denn Sie haben vor Allem mit der
im Umgang schwierigsten Spezies überhaupt zu tun:

     Führungskräften.

Dann kriegen sie von Standortleitern so
vielversprechende Recruiting-Aufgaben wie

"Wir brauchen noch 6 Köche am Standort X,
aber pro Stelle keinesfalls mehr als 38.000 € brutto im Jahr,
aber bitte spätester Beginn bei uns am 01.06.2025!"


"Sir? Sie akquirieren für Dänemark.
Da gibt es erstens keinen Euro.
Zweitens liegt das Mindestgehalt dort schon höher als das,
und zwar in sämtlichen Tarifverträgen. Wie soll das gehen?"


"Was weiß denn ich, SIE sind doch HR!!"

     6 Wochen später.

"Ok Sir, wir haben hier jemand, der doof genug ist, für das
Geld bei Ihnen zu arbeiten - können Sie am Freitag abend
so ab 17 Uhr das Zweitinterview mit uns führen?
Das Erstgespräch erschien uns sehr vielversprechend."


"Freitag abend?? Da bin ich schon im....da habe ich
schon einen anderen Geschäftstermin!!


"Der Bewerber kann aber nur abends nach seiner Arbeit,
denn er ist.... .... ...KOCH !?!"


"Wenn's denn sein muss (grummelgrummel)..."

"Ach ja, der Bewerber kommt aus UK, zieht aber bald um
nach DK. Das Interview ist also auf englisch."


"WIE JETZT, AUF EINGLISCH??! Ich will das nicht,
habt ihr denn Keinen der DEUTSCH SPRICHT!?!?!?"


"Nein?"

"Ja gut, dann macht das keinen Sinn, dann könnt ihr
dem direkt wieder absagen!"


"SIR? Die Anzahl der Bewerbern die bereit sind,
zu IHREM Budget bei uns anzufangen UND
die deutsch sprechen, beträgt null.

Am Standort in Dänemark spricht NIEMAND deutsch.
Im Arbeitsalltag sprechen ALLE dort englisch.

Das EINZIGE Mal, wo diese Person jemals deutsch
sprechen müsste, wäre in diesem einen Vorstellungsgespräch.
Und die Vorlage für Ihre jährliche Personalbeurteilung 
wird ja fix und fertig vom Standort geliefert... ... ..?"


"Wenn's denn sein muss (grummelgrummel)..."

Wenn Sie wüssten, wie oft nicht der Bewerber,
sondern die mit dem recruiting budget hantierende
Führungskraft das Problem ist, und wie oft dieses
Problem die mangelhaften Englischkenntnisse dieses
Personenkreises sind, wäre Ihnen sofort klar, was Sie
auch sonst schon das eine oder andere Mal haben
lesen dürfen:

   Große Teile des sogenannten Fachkräftmangels
   sind begründet in Problemen, die weder quantitativ
   noch qualitativ auf der Bewerberseite lokalisiert sind.


Dazu ein andermal noch mehr.

30 April 2025

so gut Du konntest


Und morgens um 7 wache ich auf, und da bist Du wieder,
nach Monaten bist Du mal wieder da, in meinem Kopf.

Erinnerungen an Dich laufen nach einem bestimmten
Ritual ab - als allererstes entsinne ich mich der schönen
Momente, die wir als Sohn und Vater hatten.

Es geht dabei um die erste Einfärbung der nun kommenden
Gedanken.
Es geht um "es gab auch diese schönen Momente früher!"
als bewusste Erkenntnis, gleich eingangs einer Kette von
Erinnerungen.

Und es geht um die Quintessenz des Werkes von Byron Katie.

Nicht, dass ich mit ihren Techniken und den "4 Fragen" immer
d'accord wäre, aber ich bin es definitiv mit ihrer Konsequenz.

Diese ist sinngemäß:

"Was ist, sollte man besser lieben, denn es kann
schmerzhaft sein, sich mit der Wirklichkeit anzulegen.
"


Und an anderer Stelle:

"Wie Du behandelt wurdest, was Dir widerfahren ist, kannst
Du nicht ändern, aber Deinen eigenen Umgang damit
kannst Du ändern.
Wenn Du das tust, gewinnst Du die Kontrolle über Deine
Gefühle und Gedanken zurück.
Tust Du es nicht, hast Du die Entscheidung getroffen, es
nicht zu tun, und dann musst Du mit Deiner Entscheidung,
weiter verletzt zu sein, auch leben."


Auf die eigenen Eltern bezogen bedeutet das für mich,
dass ich von folgender Grundvoraussetzung ausgehen will:

"Sie haben getan, was ihnen in dem Moment möglich war.
Sie haben es so gut getan, wie sie konnten.

Nicht, dass es gut im absoluten Sinne gewesen wäre.
Aber so gut es ihnen eben möglich war.

Nicht, dass das eine Sichtweise wäre, welche die Mehrheit
der Außenbetrachter als WAHR bezeichnen würde.

Aber sie ist eine, die mich sanft darüber nachdenken und
schlafen lässt und von allen möglichen Sichtweisen ist es
gewiss jene, die mir am meisten Schmerzen erspart."


Weil ich nie das Gefühl hatte, meine Mutter wirklich 
gekannt zu haben, hatte ich bei der Scheidung meiner Eltern
entschieden, bei Dir bleiben zu wollen.

Es gibt von "Euch" fast keine Erinnerung.
Ich kann mich an keine 5 Momente erinnern, wo ihr je
auch nur im gleichen  Raum gewesen wärt.

Es gab keinen Urlaub mit Euch als Eltern, keinen einzigen
gemeinsanen Spaziergang, nur eine handvoll Erinnerungen
mit Euch überhaupt, und eine davon als schwere Gewalttat.

Vieles von dem, was meine Kindheit ausmachte, wurde mir
im Nachhinein von Dir erzählt, und sehr sicher ist eine Menge
davon falsch oder zumindest so nie passiert.

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter mich auf
keinen Fall bekommen wollte und Du Deine eigentliche Freundin
verlassen musstest, weil Dein Seitensprung schwanger war mit mir.

Immer noch unglaublich, dass Du mir das erzähltest,
als ich noch ein Kind war.

Oder wie Du bis zum etwa 4. Lebensjahr wohl nichts anfangen
konntest oder wolltest mit mir - was Deiner Aussage nach aber
normal sei und wissenschaftlich erwiesen, dass das bei
allen Vätern so sei.

Eure Scheidung, der Rosenkrieg mit jeglichem nur denkbarem
Hass und Härten dem Anderen gegenüber.

Wie Du den gegnerischen Anwalt, der früher mal Deiner war,
im Gerichtssaal zusammengeschlagen hast und der Familienrichter
sich von innen in Panik im Richterzimmer einschloss.

Die Unfähigkeit oder fehlende Bereitschaft, Deinem Kind
für ihn Unpassendes zu ersparen.

Wie zum Beispiel Deine Nächte, wenn Du Dich mit dem Gewehr
nachts aus dem Haus schlichst und durch die Dunkelheit des
Hochwildschutzparkes zogst, um Dir das Leben zu nehmen.

Wie Du Deine panischen Unbeherrschtheiten in luftabdrückenden
Umarmungen mit mir abreagiertest, wenn ein Pfändungsbrief von
einer der Banken oder ein Vollstreckungsbeschluss ins Haus
geflattert waren.

Ich erinnere mich an das Nachtlicht im Flur was Du mir
wegnehmen wolltest, um mich nicht zu veweichlichen.
Was musste ich kämpfen für dieses Licht.

Die zu wenigen Umarmungen, die ich bekam.
Dann aber wieder vor Allem aber dieser eine wundervolle
Moment beim sonntags Spazierengehen.

In eisiger Winterkälte, aber bei strahlend blauem Himmel,
alle Felder um uns herum voller Eis und Schnee.

Du mit dem braunen dicken Ledermantel mit dem Fellkragen,
und ich in dicker Jacke, mit vor eisiger Kälte tränenden Augen,
aus Leibeskräften Dir entgegenlaufend,
in Deine weit geöffneten Arme.

Genau hier:



     Dieser eine Moment und diese eine Umarmung.

Die halten.
Die halten gegen alles dagegen.
Die sind, was bleibt.
Von dem ich will, dass es bleibt.

Etliche Jahre erst nach Deinem Tod habe ich meinen Frieden
geschlossen mit Dir, mit uns, mit dem, was war.

Es gibt nun keinerlei Groll, kein Unverständnis mehr,
kein "was hatten Andere in der Zeit?" und kein "hätte es nicht auch?".

Dein Verhalten anderen Menschen gegenüber, egal ob Deinen
Kindern oder Partnerinnen gegenüber, Nachbarn, Fremden,
es war nie ein gesundes:
Du warst pathologisch, und man macht Kranken keinen Vorwurf.

Ich hab viel ferngesehen als Kind.
Später war ich viel im Web.
Und weiß daher:
Andere hatten es schlimmer.
Viel schlimmer.
_____________________________________________________

Also, lass uns für heute zum Ende kommen:

   Du hast es gut gemacht.

Alleinerziehender Vater, in einer Welt, die restlos alles
vermissen ließ, was Dir an Werten und Idealvorstellungen
wichtig war, das muss hart gewesen sein.

Ich bin nun selbst in jenem Alter, in dem Du einen Zehnjährigen
am Bein hattest, und kann schon ohne Kind bestätigen:
Leben ist manchmal ne fiese Sau.
Aber ein bisschen Byron Katie hätte auch Dir gut getan.

Nochmal, in tiefstem Gemütsfrieden:
   Du hast es gut gemacht.

So gut Du konntest.

Und ich?

Habe heute Nachtlichter.
In jedem Gang und jedem Zimmer.

29 April 2025

The Maxx

Frühsommer 1995

Ich sitze seit etwa 9 Monaten in meiner 36qm-
1-Zimmer-Bude gegenüber des Bahnhofs von Asperg.

Den Umzug aus der gemeinsamen 4-Zi.-Wohnung
nach der Trennung von meiner ersten Freundin
habe ich binnen 4 Stunden komplett allein abgewickelt:

Erstens bin ich niemand, der Andere um etwas bittet.

Zweitens besitze ich da noch nicht viel.

Drittens ist niemand mehr hier, den ich kenne und
um etwas bitten könnte:

Mit Ende unserer Ausbildungszeit sind nahezu alle,
die ich kannte, vor Kurzem weggezogen.

Viertens war ich da schon seit Monaten allein in der
alten Wohnung, die Ex war für die letzten Monate unserer
Ausbildung in eine Mädels-WG mit eingezogen.

Wie ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, sollte
mit diesem Umzug eine mehrjährige Phase als
Singlemann beginnen, die von wenig privaten Sozial-
(und vor allem Sex-)kontakten geprägt ist.

Die dafür aber ein umfangreiches Angebot an vielen
einsamen Abenden nach der Arbeit sowie einen stets 
blühenden Strauß an Lambrusco-reichen Nächten bietet.

Wenn ich heute Fotos von mir aus dieser Zeit anschaue:
Unverständlich, dass ich so gar niemanden für mich
zu begeistern vermochte. Geradezu unglaubhaft.


Aber so ist das manchmal im Leben:

Hätte man wirklich gewollt, hätte man auch gemacht.


In diesen Jahren werde ich tausende Stunden vor MTV
und VIVA im Fernsehen verbringen.

Ich werde jedes Musikvideo ansehen,
das in den 90ern jemals rauskam.

Ich werde wissen, welcher Produzent diese Videos
gedreht hat (denn das wird damals noch zusätzlich zu
Künstler, Songname und Albumname mit eingeblendet).

Und ich werde so zum Fachmann für Musik der 90er.

Nachts gegen Mitternacht gibt es da eine kleine Miniserie,
eine Comicserie, die mich eigenartig fasziniert:  THE MAXX.

THE MAXX besteht aus nur 13 Episoden zu je knapp 12 Minuten,
dann ist Schluss.

Es geht um den Landstreicher MAXX,
ein "Obdachloser, der in einer Kiste lebt", ein merkwürdiges
lila Superheldenkostüm trägt.
Und dazu überdimensionale braune Stiefel.




Die Serie folgt den Abenteuern des Titelhelden in 2 Welten:

Der realen Welt und einer alternativen Realität, die als
Outback bezeichnet wird und die es nur in seiner Phantasie gibt.

Oder gibt es sie doch? Aber nur ER kann sie sehen?

Im Outback ist THE MAXX der mächtige Beschützer einer
Dschungelkönigin, bei der es sich in der realen Welt um 
seine freiberufliche Sozialarbeiterin Julie Winters handelt.

In der realen Welt ist Julie diejenige, die THE MAXX mehrmals
rettet, in der sie ihm aus der Klemme hilft und das eine oder
andere Mal gegen Kaution aus dem Gefängnis rausholt.

In der Outback-Welt ist THE MAXX hingegen IHR Retter,
der sie gegen die Angriffe der Isz verteidigt (schwarze
rennende Blobs) und gegen den bösen Mr. Gone.

Schwierig wird die Lage für den MAXX, als Mr. Gone ihm
in BEIDEN Welten begegnet, im Outback und der Realwelt.
Nun muss er ihn auf mehreren Ebenen bekämpfen.

Wie sich herausstellt, wurde Julie als Teenager von einem
Mitfahrer vergewaltigt.

Als Bewältigungsmechanismus flüchtete sie in eine Welt, die
sie aus den Erzählungen eines Onkels (= Mr. Gone) kannte,
nämlich das australische - Outback.

Dort ist sie eine Königin des Dschungels, die ihr Leben im
Griff hat und alles kontrolliert.

Eines Abends überfährt sie mit ihrem Auto einen Obdachlosen,
den sie in Panik hinter Mülltonnen schleift und dort mit einem
Lampenschirm abdeckt, welcher zuvor mit ihrem "Outback"
in Verbindung stand.

Damit reißt sie unbewusst die Barriere zwischen realer Welt
und Ihrer Bewältigungswelt ein:

Der Lampenschirm verschmilzt mit dem Obdachlosen
und wird zu seiner Maske.
Der Obdachlose wird zu THE MAXX.

Die Serie ist noch im InternetArchiv zu finden und gehörte
zur MTV's ODDITIES -Reihe.

Enjoy :-).

28 April 2025

Rheinbrücke BN

[ Flashbacks habe ich seltener inzwischen.
Aber es gibt sie ab und an noch. ]


Der Abend am Rhein ist erheblich schneller
zu Ende als geplant, zumindest der musikalische Teil.

Das Klassikkonzert, auf das ich mich mit der Liebsten
gefreut hatte ("Die Musik von Hans Zimmer"), war in
Moderation, Stimmung, Orchester und vor Allem location
eine solche Enttäuschung, dass es schwer war, den Saal
wirklich erst zur Pause zu verlassen.

Vorsatz:
Nie wieder Brückenforum Bonn.

Auf dem kurzen Fußweg zurück zum Parkhaus sehe ich
an der Kreuzung ein nett beleuchtetes uriges Lokal.

Es wirbt mit "daumendicken Koteletts" auf der Tafel.

  Irgendwie zieht es mich dort hin.
   Irgendwas ist da.
    Noch weiß ich nicht, was.

Durch das getönte Fenster zur Straße hin schaue ich in den
Gastraum, als mich ein kleiner Schlag trifft und ich verstumme.

   Verdammt, ich kenne diesen Laden.

Da vorne links am tisch, der vierte nach dem Eingang.
Da saß ich schon einmal.

Vor 28 Jahren im Sommer.
Turtelnd, händchenhaltend, verliebt.

   Glücklich.

Auf eine Art glücklich die es nur 1x pro Leben gibt.

Die Liebste wird auf mein Schweigen aufmerksam,
wie ich ohne sie anzusehen links hinter meiner Schulter spüre.

Überlege kurz, ob ich da wirklich nochmal rein will.

Entscheide dann, dass ich genau deshalb da rein will.
Alte Wände wollen irgendwann überstrichen werden,
wenn es wieder frisch aussehen soll. 

"Lass uns übernächste Woche hier einen Tisch reservieren!"

Die Liebste schaut erst erstaunt und bald begeistert:

Sie hat in der Zwischenzeit die Speisekarte neben der
Eingangstür studiert.

Man bietet hier Rinderrouladen mit Kartoffelklößen
und Rotkohl
an. Ihre Zustimmung ist daher gesichert!

   Zwei Wochen später:

Ich sitze an dem Nebentisch jenes Tisches, der mich
vor fast dreißig Jahren erst zu einem sehr glücklichen
und dann zu einem sehr einsamen Menschen machte 
und trinke begeistert gutes Kölsch, während mich von
der Säule gegenüber ein Plüsch-Elch anlacht.

Alles hier und heute ist fein, es gibt keine schlimmen
Gefühle mehr, das Bier ist gut, der Laden halb besetzt
und daher nicht zu laut, das Essen ist -nach einer sehr
herausfordernden Wartezeit- einfach fantastisch.

Ein weiterer Abend mit Händchenhalten und gutem Essen
hat einen weiteren alten Geist vertrieben.