"Also SO vorbereitet wie SIE
war dieses Jahr noch KEINER!"
Was für ein seltsamer Umzug das war.
Keiner, wirklich keiner der vorherigen elf
hatte sich auch nur ansatzweise so angefühlt.
Ok doch - vielleicht jener vor gut dreißig Jahren.
Der, der mich in dieses merkwürdige, irgendwann aber
doch lieb gewonnene Land der Schwaben gebracht hatte.
Der, der mich erstmals im Leben mit einer Frau
(ok, Mädchen)zusammenziehen ließ. Was auch bald schon nicht gut
ausgegangen war. Wie so oft danach auch wieder.
Fazit: Ich sollte so was echt nicht tun.
Und deshalb hab ich's auch nicht mehr vor:
Frauen nur noch ambulant.
Was hatte meine Hausärztin gegrinst, als ich ihr das sagte.
Geradezu
verständig gegrinst.
Zurück zum Umzug:
Akribisch wie noch nie war ich vorgegangen diesmal.
Strategisch, diszipliniert.
Checklisten hatten monatelang den Schreibtisch okkupiert.
Sogar für meine Verhältnisse war es extrem vorbereitet.
Das befand auch der Umzugsteamleiter, der ein paar
Wochen vor dem Umzug die Wohnung besichtigte.
Und über die bereits ausgedruckten DIN A4-Blätter
staunte, auf denen jedes zukünftige Zimmer und jedes
dort abzuladende/aufzubauende Möbelstück.
"Endlich mal was Anderes als ARIAL oder TIMES
NEW ROMAN. Oder noch schlimmer, COMIC SANS!
Woher kenne ich diese Schriftart?!" hatte er sich gewundert.
Nun war das Grinsen auf meiner Seite.
"SF FEDORA!"hatte ich triumphierend geantwortet,
"das ist aus den
Indiana Jones-Filmplakaten.""Also SO vorbereitet wie SIE war dieses Jahr noch KEINER,
daher: Machen Sie sich keine Gedanken, dieser Umzug wird easy."Nicht nur war diese Firma 50% günstiger gewesen als die erste,
bei der ich angefragt hatte und die mir empfohlen worden war.
Das Team, was pünktlich am Auszugstag morgens auf der
Matte steht und welches aus 2 Ukrainern/Russen, 1 Italiener,
1 Osmanen und 1 Deutschen namens Ole bestanden hatte,
entpuppt sich als ein wahrer Schatz.
Der Italiener und Ole sind die ersten am Start und als sie
die Wohnung betreten, schauen Sie sich um, nicken erleichtert
und dann kommt der Satz, den man hören will:
"Sieht sehr gut aus, wir sind jetzt dran, lehnen Sie sich zurück,
Sie brauchen ab jetzt nichts mehr tun."Und genau so ist es auch.
Der Teamleiter kommt, ein unglaublich sanfter, freundlicher
dünner junger Mann mit von einem Leben leidgeprüften Augen
und einer geradezu introvertierten Demut.
Egal, wie oft ich den Jungs Kaffee anbiete, sie lehnen ab.
Egal, wie oft ich den Jungs Essen anbieten, sie lehnen ab.
Meine gesamte Bude ist in unter 4h ausgeräumt, unterbrochen nur
von einer einzigen Kaffeepause, zu der ich alle fast nötigen musste.
In dieser Pause stehen wir alle zusammen, endlich greifen sie
auch mal in die ihnen bereit gestellte gemischte Cola-Kiste,
dann rauchen sie, fangen an zu erzählen, ich stelle mich zu ihnen.
Sie reden von ihren Wohnungen.
Wie lange sie schon was Anderes suchen, jahrelang teilweise.
Was sie bezahlen monatlich.
Wie sie dort wohnen.
Fast alle wohnen so, wie ich es "in prekären Umständen" nenne.
Der Italiener lächelt sanft, als er berichtet, sobald er die Heizung
in seiner Wohnung auch nur halb herunterdrehe, erfriere er dort
schier, weil die Isolierung quasi nicht existiert.
Der Teamleiter sucht auch schon seit Jahren etwas Größeres,
aber bezahlbares. Chancenlos sei das. Aber er und seine Frau
könnten sich nur diese 45 qm leisten.
Der Ellbogen des Osmanen landet in seinen Rippen, er grinst,
er ermahnt ihn "Beeil Dich besser Alter, ihr seid bald zu dritt!"
Der sanfte Schmächtige sieht meine hochgezogenen Augenbrauen
und erläutert schüchtern grinsend "...wir werden bald Eltern."
Die Pause ist zum Glück kurz.
Denn alle Geschichten, die die Männer erzählen, sind schaurig.
Und sie wissen noch nicht einmal, wo genau sie heute
abend übernachten werden - das teilt die Umzugsfirma
ihnen erst unmittelbar vor der Abfahrt mit.
Und wieder einmal ist da diese Erkenntnis, die mir seit
Monaten immer wieder bewusst wird:
Die Netten, die Freundlichen, die Emsigen in diesem Land,
die, welche diesen ganzen F)$§& -Laden hier am Laufen halten
und die dieses im Zerfall befindliche System noch irgendwie
es schaffen zusammen zu halten: Das sind die, die es am
Schlechtesten haben, denen es am wenigsten gedankt wird,
die unterbezahlt, mindergeschätzt und verachtet werden.
Und um das auch einmal unmissverständlich zu sagen:
Keiner, nicht ein einziger von all jenen, die ich die letzten
zwei Jahre so kennengelernt habe, hatte Eltern aus Deutschland.
Nicht einer.
So schnell, wie die 5 Jungs ihre 3 Umzugswagen beladen haben,
kann ich gar nicht schauen, auf einmal verabschiedet sich das
erste Team bereits, keine Stunde später sind auch die anderen beiden
weg, und plötzlich:
Stehe ich in einer absolut leeren Wohnung.
So strange.

Ich sauge alles aus, wische die Hausflurtreppe, denn hier
will ich mir nichts nachsagen lassen, ich kehre Keller und
Garage, dann setze ich mich ins Auto und setze rückwärts
zum vorletzten Mal aus meiner Wohnstraße hinaus, denn
das Haus ist leer, und es gäbe auch niemanden, von dem
ich mich gerne verabschieden würde.
Vier Autobahnstunden später räume ich mein mit
"den letzten paar Sachen" unerwartet randvolles Auto
in der neuen Wohnung aus.
Weitere zwei Stunden danach stehe ich bei meiner Freundin
unter der Dusche und falle danach face down auf meine Matratze.
Am nächsten Tag braucht das Umzugsteam einige Anläufe,
um die Zufahrtswege zur neuen Wohnung zu finden.
Eine Stunde extra geht dafür drauf.
Der Teamleiter begeht als Erstes mit mir die neue,
leere Wohnung, beäugt kritisch die enge Holztreppe ins DG,
greift zum Handy und erkundigt sich, bis wann der gebuchte
Außenaufzug da sein wird.
Das Entladen dauert länger, denn heute muss jeder Karton
und vor allem jedes Möbel treppauf getragen werden.
Der Teamleiter ist zugleich der Monteur, es gibt sich sogleich
an meinen XL-Kleiderschrank.
Die anderen Schleppen wie die Lastenesel, es wird Zeit,
ihr Trinkgeld nochmals zu erhöhen, denke ich mir.
Als ihnen langsam die Kräfte ausgehen, trifft der Außenaufzug
ein und ab da wird alles auf dessen Hebebühne verfrachtet
und von außen in die Wohnung gehoben.
Als das restliche Team bereits auf dem Heimweg Richtung
Stuttgart ist, verbasteln der Teamleiter, Ole und ich noch
geschlagene 60 min damit, meine beiden riesigen Deckenleuchten
zu montieren.
Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit und es
erfordert ohne Übertreibung drei erwachsene Männer, das zu tun.
"Ich weiß jetzt, weshalb Sie die Montage dieser Leuchten mit
gebucht hatten!" grinst der schmächtige sanfte Mann mich von
der Seite an, während sein Kopf schräg abgeknickt unter der
Leuchte unmittelbar an der Flurdecke klemmt.
Das ist der Moment, in dem ich heimlich beschließe,
auch den Designer dieser Leuchten hängen zu lassen,
wenn ich erst Kaiser bin.
Nach mehr als 7h Arbeit müssen die letzten Jungs auch
noch zurück die mehr als 4h nach Stuttgart, ich leere mein
Portemonnaie in ihre Hände aus mit Allem, was noch drin war,
dränge ihnen die unangfassten Colakisten auf und dann:
Stehe ich in einer randvoll mit Kisten zugestapelten Wohnung.
Die Freundin ist sehr zufrieden.
Wir suchen nur den einen Karton mit der Bettwäsche raus,
beziehen das Bett und fallen nach Pizza, Kölsch und Dusche
tot in die Federn.
Anderntags steht ein kleiner Karton von den Nachbarn
vor meiner Tür.
Eine fast zärtliche, handgeschriebene Karte liegt bei.
Nicht zum ersten Mal an diesem Ort spüre ich es:
Hier kannst Du zuhause sein.
Seit Langem zum ersten Mal wieder.
Wenige Tage danach wird der 600 Jahre alte Olivenbaum
im Hof der Anlage mit einer Lichterkette geschmückt.
Er sieht ...einfach zauberhaft aus.
Die Freundin stimmt anderntags sofort zu,
als ich erwähne, dass ich mir zum ersten Mal
seit Jahren wieder einen Weihnachtsbaum überlege
aufzustellen - und so kommt
Herrmann ins Haus,
bzw. auf die Dachterasse.
[ Hermann der Nordmann.
Derzeit in Umschulung zur Palme.
(Lange Geschichte^^) ]
Die nächsten Abende und Nächte im Bett
denke ich immer wieder die gleichen Sätze.
Weshalb war es so unglaublich leicht, wegzugehen?
Weshalb vermisst Du nicht einen einzigen Menschen dort?
Weshalb hattest Du so viel Energie, so viel Vorfreude,
und das bei einem erneuten Umzug binnen 22 Monaten?
Wo war der erwartete Schrecken vor den monatelangen
Anstrengungen, Behördengängen, Schreibkram?
Wieso hast Du keinerlei Lampenfieber vor der neuen Jobaufgabe?
Weshalb hast Du die geplante Abschiedsemail im Job nie geschrieben?
Wie kommt es, dass Du hier von einer Sekunde auf
die andere ein netterer, freundlicherer Mensch bist,
der plötzlich gerne auf Andere zuzugehen vermag?
Warum stören Dich hier Pflichten nicht mehr, die haargenau
die gleichen vorher waren und die Dich dort angekotzt haben?
Wo ist Deine Misanthropie hin?
An der Supermarktkasse, im Straßenverkehr, im Job?
Und der Gedanke, der all das zusammen fasst und der sich
seit Tag 1, da der Umzug feststand, nicht mehr aus meinem
Kopf verbannen ließ:
Wieso fühlt sich ein Ort,
an dem Du nie zuvor warst,
so sehr nach Zuhause an?