13 Januar 2024

Handwerksscheiß


Zwar bastle ich gerne, immer schon.

Als Kind baute ich im Dutzend Modellschiffe zusammen,
aber auch Flugzeuge, T-Fighter aus Star Wars, und mehr.

Als Erwachsener war dann Geschenke basteln und vor Allem
die dazugehörigen Karten und Geschenk-Umhüllungen basteln
für mich mit das Schönste.
Schöner noch als selbst beschenkt werden.

Ich darf (und möchte) aber mit aller Deutlichkeit klarstellen,
dass sich dieses Bastel-Gen, nicht, niemals und auch zukünftig
auf GAR keinen Fall auf Handwerkstätigkeiten übertragen hat.

Das weiß auch jeder.
Ich kann das einfach nicht.
Null.
Handwerksscheiß kann ich auf den Tod nicht ab.

Das Resultat ist zum Beispiel, dass wenn Menschen erstmals
in meine Wohnung kommen und meine Deckenleuchte sehen,
kurz schweigen - und dann irgend so was Berührtes von sich
geben wie "...gell, die hast DU SELBER da oben hin montiert?!"

Hätte ich das Geld, würde ich bei einem Wohnungsumzug
am Liebsten alten Schlüsselbund und neuen Schlüsselbund
an professionelle Relocators abgeben und 14 Tage später
einfach meine neue, frisch renovierte und vollständig montierte
und eingerichtete und dekorierte Wohnung aufschließen.

Habe ich aber nicht.

Und was ich aber noch mehr hasse als Handwerksscheiß,
ist es, Leuten Gefallen schuldig zu bleiben - was sich nicht
vermeiden lässt, wenn man unentgeltlich handwerkliche
Hilfe in Anspruch nimmt. Kann ich nicht gut, mag ich nicht.

Somit muss ich solcherlei Dinge auch mal: Selber hinkriegen.
Dies allerdings mit welchselndem Erfolg.

Wie manche Leser/innen hier im Blog bestätigen können,
haben mir in der Vergangenheit die Produkte der Firma
HENKEL sehr brauchbare Dienste geleistet, allen voran:

Das gute PATTEX !

Blogveteranen erinnern sich vielleicht noch, als ich beim
Einzug in die vorletzte Wohnung ein Speisekammerregal
an die Wand bohren wollte und erst den 6er, dann den 8er,
dann den 10er-Dübel in der Rotbacksteinwand versenkte.

Und irgendwann SO die Schnauze voll hatte, dass ich eine
halbe Tube PATT3X in dem inzwischen penisgroßen Loch
in der Wand verfüllte und dann so lange 12er-Dübel rein
steckte, bis es irgendwann voll war.

In der Verfüllungsbranche auch als
"Houston 620" - Methode bekannt.

Googlen Sie das aber besser nicht.
Keinesfalls aber, wenn im Büro!

Das Ganze ließ ich dann über Nacht hart werden, und das
hiernach verschraubte Regal konnte 15 Jahre später nur mit
grenzatomarer Gewalt wieder von der Wand entfernt werden.

Sie sehen, ich bin vom Fach. Nicht.

Aus diesem Grund schob ich die Montage des halben Dutzends
Leuchten in der neuen Wohnung auch weitestmöglich nach
hinten raus.

Das auch, weil meine Mängelskills im Handwerklichen
nur noch unterboten werden von meinen Skills in Sachen
ELEKTRIZITÄT, wie der nachfolgende Dialog Ihnen
eindrucksvoll vermittelt:


( ich sag 'mal so:
Für Menschen wie MICH
wurde der SICHERUNGSKASTEN erfunden. )


Als es dann vorgestern zur Montage der Deckenleuchte
in der KÜCHE kam, stand ich zusätzlich zum Standardproblem,
dass da DREI Kabel aus der Decke, aber nur ZWEI aus der 
Lampe rauskamen, noch vor einem ganz anderen:

( Okay - das Kabel-Problem löst man mit dem
Glaubensbekenntnis aller Elektriker*,
aber was konnte ich 
da hin hängen, so dass
hinterher noch die Türen aufgehen ?! )

 

* das geht so:
"Schwarz ist rot / Plus ist Minus /
an grüngelb kommt Tesa
und dann schnell zuschrauben!"

oder so ähnlich

Tatsächlich gab's die passende Lösung beim ALD1
in der Angebotszeile. Eine quadratische Deckenleuchte,
die den Stromanschluss genau in der richtigen Ecke hatte.



( Millimeterarbeit )


So. Und nachdem DAS nun geschafft ist, kann ich
nächstes Mal erzählen wie ich ganz zum Schluss
mit dem Rückenwind geglückter Montagen dann
die Bad-Leuchte montierte.

Mit neuem Bohren und Dübeln.
Über dem Wandheizkörper.
Also GENAU über dem Wandheizkörper.

Jedenfalls ist es bestimmt kein Zufall,
dass die Liebste immer kurz grinst, 
wenn sie da jetzt die Heizung aufdreht.

Vielleicht bin ich doch kein so schlechter Handwerk.^^

11 Januar 2024

Nordmannpalme in Ausbildung

[ oder: wie ich zu Herrmann kam. ]

Oft im Leben eines Mannes läuft es ja so:

Da setzt man EIN MAL eine gute Idee um,
und ZACK!, übernehmen die Frauen keine
Minute später das Kommando.

So auch diesmal. Aber der Reihe nach.

In der Vorweihnachtszeit (und unmittelbar nach
dem Einzug in die neue Bude) fuhr ich gefühlt
3x täglich zum lokalen Baumarkt.

Irgendwas fehlte immer. Täglich. Mehrmals.

Meine Einkäufe waren schon erledigt, ich hatte
bereits bezahlt, war auf dem Weg zum geparkten Auto,
da fiel mein Blick auf eine vor dem Markt aufgebaute
Palette.

Auf ihr stand auf eine - auf eine sehr überschaubare
Anzahl geschrumpfte- Tannenbaumschule.
Ich drehte um und lief zweimal um die Palette herum.

Alle Bäume waren in zwischenzeitlich
weitaus zu klein gewordene Töpfe eingepflanzt.
Die Erde sah fürchterlich aus. Hochverdichteter Lehm,
an der Grenze zur Asphaltkonsistenz.

Eines der Bäumchen weckte mein Interesse.
Es schien mir zuzuwinken.
Ich griff zum Handy in der Gesäßtasche, machte ein
Foto von ihm, sendete es der Liebsten: "Soll ich?"

Ihre Antwort war nach 20 sec da und enthielt u.a.
einen sehr häufig wiederholten hell klingenden Vokal,
ergänzt um eine inflationäre Anzahl Herzaugen-Emojiis.

Gesagt, getan. Noch ein Foto von der Warenetikette,
dann zurück in den Baumarkt an die Kasse.

Dort das Handyfoto der etwas verdutzen Verkäuferin
vor ihren Handkassenscanner gehalten - Piep, funktioniert.

Knapp 30 Euro wechseln den Eigentümer und dann laufe
ich erneut nach draußen und ... bin kurz geneigt, mir nochmal
die andere Palette mit den etwas größeren (und teureren)
Tannenbäumen nebendran näher anzusehen.
Ob ich nicht einfach....

Dann wende ich mich wieder meinem gekauften Bäumchen zu.
Es schaut fast enttäuscht.

Das bringe ich keinesfalls übers Herz - also, zwei Schritte,
zwei Hände die nach dem Kübel greifen, und dann sind wir
beide unterwegs zu meinem Kofferraum.

Welcher leider nicht ganz ausreichend Deckenfreiheit hat.
Egal. Die 3 km wird die Tanne auch in stabiler Seitenlage schaffen.

Zuhause angekommen fallen die Frauen erst über die
mitgebrachte Schokolade und dann über den Baum her,
welcher von mir unter von Konditionsmangel zeugendem Keuchen
erst einmal auf die Dachterrasse gewuchtet werden muss.

Die Liebste denkt bereits in Deko- und Weihnachtschmuck-
Kategorien, während ihre Schwester missbilligend das Erdreich
und den zum Bersten ausgelasteten Pflanztopf beäugt.

"Der muss da raus, der kann da nicht bleiben." stellt sie fest.

Kurz wehre ich mich gegen die unmittelbar bevorstehende 
zusätzliche einstündige Arbeit, doch 2 Paar eindringlich
dreinschauende Rehaugen stimmen mich schließlich um.

15 min später fummele ich 3 Stockwerke tiefer leise fluchend
in den erst vor einer Woche dort frisch verstauten Kartons
und Kisten herum, aber bald steht fest:

Die Tanne hat jetzt nur noch die Wahl zwischen
entweder einer Existenz in Seramis-Kugeln.
Oder aber in Palmenerde. Was Anderes habe ich nicht.
Und ich fahre JETZT NICHT NOCH MAL zum Baumarkt.

Ich entscheide für: Palmenerde.

Ein bisschen skeptisch schaut die Rehaugenfamilie schon,
als ich den Sack Palmenerde die kleine Holztreppe hinauf
zur Dachterrasse hochwuchte.

Aber mein Gesichtsausdruck lässt möglichen Widerspruch
(oder auch nur unachtsam zu Bedenken gegebene Ratschläge)
als eine richtig schlechte Idee erscheinen und im Keim ersticken.

Jedenfalls fast.

"PALMENerde, Rain? Echt jetzt?"

(Der MUT ihrer Schwester
ist schon erstaunlich manchmal)

"Ruhe jetzt!" fauche ich leicht gereizt zurück,
"Er heißt Herrmann, und er ist eine stolze deutsche
Nordmannpalme in Ausbildung. Die Erste ihrer Art!
Halb Tanne, doch bald schon Palme!

Nie zuvor gesehen, erst recht nicht rechtsrheinisch!"

Da sind die 4 Rehaugen wieder, diesmal leicht skeptisch.
Egal jetzt.

Schließlich kann nicht JEDE meiner Reden diesen
magischen Sportpalastcharakter ausstrahlen.
Auch ich werde älter.

Ich buddle Hermann aus und beschließe, wenn ich
erst Kaiser bin, jene Barbaren ebenfalls hängen zu lassen,
welche diese kleinen Tannen in hochverdichtete
reinrassige Lehmerde einsargen.

Ein größerer Topf wird ordentlich mit Palmenerde befüllt,
dann kommt Herrmann rein. Oben nochmal ganz schwach
angedrückte Palmenerde, bisschen Seramiskugeln und noch
 2 l Wasser zum Einstand drauf - fertig!

Zeit für ein Kölsch. Prost, Herrmann!

Anderntags fahre ich die Frauen erneut zum Baumarkt und
widme mich dort der Männerabteilung*, während die Frauen
Unmengen an Lichterketten, Weihnachtsschmuck und Deko
in den Einkaufswagen laden.

*Leuchtenabteilung mit
vielfarbigen LED-Leisten für
Puffbeleuchtung daheim, dafür
aber mit albernen Fernbedienungen
Zuhause übernehmen die Frauen endgültig das Kommando.

Herrmann bekommt eine Lichterkette, eine Sternspitze,
Kunsttannenzapfen und blaue und silberne Kugeln.

Da Sturm angekündigt ist, befestigen die Frauen jedes einzelne
Dekoelement mit selbst zusammengedrehtem Kaninchendraht.

Und tatsächlich hält er unbeschadet auch den beängstigendsten
Windböen der nächsten Nächte stand und beschert uns
wundervoll beleuchtete Weihnachtsnächte.



Kurz vor den heiligen drei Königen sinniere ich
über das weitere Schicksal von Herrmann.

Ich bringe ins Spiel, dass ich einen Platz außerhalb
des Ortes für ihn zu suchen gedächte, da er ja mit
völlig intaktem Wurzelwerk ausgestattet sei.

Die Liebste ergeht sich in einer für Frauen an dieser Stelle
für mich nicht ungewohnten Reaktion:
Unangemessen heftigem Widerspruch.

Sie argumentiert, Herrmann müsse bleiben!
Er habe, nun da erfolgreich umgetopft, seine neue Bleibe
schon längst gefunden, gehöre schon zu Haus und Familie,
sei gewissermaßen voll integriert! Außerdem wolle sie
wissen, ob er seine Umschulung zur Nordmannpalme 
erfolgreich würde absolvieren können.

Ich gebe zu Bedenken, dass Tannen miteinander kommunizieren
können und deshalb mutmaßlich auch wollen.
Da ich weder tannisch noch palmisch spräche, sei ein 
künftiges Aufwachsen in der Gesellschaft seiner Art,
vielleicht in einem kleinen Wald, doch wohl das Beste für ihn?
Und was, wenn Herrmann, sagen wir, viel größer werden würde?

Doch die Liebste hat entschieden: Herrmann bleibt.
Zumindest für zwei, drei Jahre.

Wahrscheinlich genau so lange, bis ich nicht mehr
in der Lage bin, ihn ohne Außenaufzug von dieser
Dachterrasse runter zu bekommen.

'Muss mal gucken, ob ich vom Umzug noch die
Telefonnummer von dem Mann mit Außenaufzug irgendwo habe.
Könnte mal wichtig werden.^^

Und? Was meinen Sie? Soll Herrmann bleiben?

09 Januar 2024

vom Einpacken und Auspacken, vom Abschiednehmen und Ankommen

"Also SO vorbereitet wie SIE
war dieses Jahr noch KEINER!"



Was für ein seltsamer Umzug das war.

Keiner, wirklich keiner der vorherigen elf
hatte sich auch nur ansatzweise so angefühlt.

Ok doch - vielleicht jener vor gut dreißig Jahren.
Der, der mich in dieses merkwürdige, irgendwann aber
doch lieb gewonnene Land der Schwaben gebracht hatte.

Der, der mich erstmals im Leben mit einer Frau  (ok, Mädchen)
zusammenziehen ließ. Was auch bald schon nicht gut
ausgegangen war. Wie so oft danach auch wieder.

Fazit: Ich sollte so was echt nicht tun.
Und deshalb hab ich's auch nicht mehr vor:
Frauen nur noch ambulant.

Was hatte meine Hausärztin gegrinst, als ich ihr das sagte.
Geradezu verständig gegrinst. 

Zurück zum Umzug:
Akribisch wie noch nie war ich vorgegangen diesmal.
Strategisch, diszipliniert.
Checklisten hatten monatelang den Schreibtisch okkupiert.
Sogar für meine Verhältnisse war es extrem vorbereitet.

Das befand auch der Umzugsteamleiter, der ein paar
Wochen vor dem Umzug die Wohnung besichtigte.

Und über die bereits ausgedruckten DIN A4-Blätter
staunte, auf denen jedes zukünftige Zimmer und jedes
dort abzuladende/aufzubauende Möbelstück.

"Endlich mal was Anderes als ARIAL oder TIMES
NEW ROMAN. Oder noch schlimmer, COMIC SANS!

Woher kenne ich diese Schriftart?!"
hatte er sich gewundert.


Nun war das Grinsen auf meiner Seite. "SF FEDORA!"
hatte ich triumphierend geantwortet, "das ist aus den
Indiana Jones-Filmplakaten."


"Also SO vorbereitet wie SIE war dieses Jahr noch KEINER,
daher: Machen Sie sich keine Gedanken, dieser Umzug wird easy."


Nicht nur war diese Firma 50% günstiger gewesen als die erste,
bei der ich angefragt hatte und die mir empfohlen worden war.

Das Team, was pünktlich am Auszugstag morgens auf der 
Matte steht und welches aus 2 Ukrainern/Russen, 1 Italiener,
1 Osmanen und 1 Deutschen namens Ole bestanden hatte,
entpuppt sich als ein wahrer Schatz.

Der Italiener und Ole sind die ersten am Start und als sie
die Wohnung betreten, schauen Sie sich um, nicken erleichtert
und dann kommt der Satz, den man hören will:

"Sieht sehr gut aus, wir sind jetzt dran, lehnen Sie sich zurück,
Sie brauchen ab jetzt nichts mehr tun."


Und genau so ist es auch.
Der Teamleiter kommt, ein unglaublich sanfter, freundlicher
dünner junger Mann mit von einem Leben leidgeprüften Augen
und einer geradezu introvertierten Demut.

Egal, wie oft ich den Jungs Kaffee anbiete, sie lehnen ab.
Egal, wie oft ich den Jungs Essen anbieten, sie lehnen ab.




Meine gesamte Bude ist in unter 4h ausgeräumt, unterbrochen nur
von einer einzigen Kaffeepause, zu der ich alle fast nötigen musste.

In dieser Pause stehen wir alle zusammen, endlich greifen sie
auch mal in die ihnen bereit gestellte gemischte Cola-Kiste,
dann rauchen sie, fangen an zu erzählen, ich stelle mich zu ihnen.

Sie reden von ihren Wohnungen.
Wie lange sie schon was Anderes suchen, jahrelang teilweise.
Was sie bezahlen monatlich.
Wie sie dort wohnen.

Fast alle wohnen so, wie ich es "in prekären Umständen" nenne.

Der Italiener lächelt sanft, als er berichtet, sobald er die Heizung
in seiner Wohnung auch nur halb herunterdrehe, erfriere er dort
schier, weil die Isolierung quasi nicht existiert.

Der Teamleiter sucht auch schon seit Jahren etwas Größeres,
aber bezahlbares. Chancenlos sei das. Aber er und seine Frau
könnten sich nur diese 45 qm leisten.

Der Ellbogen des Osmanen landet in seinen Rippen, er grinst,
er ermahnt ihn "Beeil Dich besser Alter, ihr seid bald zu dritt!"

Der sanfte Schmächtige sieht meine hochgezogenen Augenbrauen
und erläutert schüchtern grinsend "...wir werden bald Eltern."

Die Pause ist zum Glück kurz.
Denn alle Geschichten, die die Männer erzählen, sind schaurig.
Und sie wissen noch nicht einmal, wo genau sie heute
abend übernachten werden - das teilt die Umzugsfirma
ihnen erst unmittelbar vor der Abfahrt mit.

Und wieder einmal ist da diese Erkenntnis, die mir seit
Monaten immer wieder bewusst wird:

Die Netten, die Freundlichen, die Emsigen in diesem Land,
die, welche diesen ganzen F)$§& -Laden hier am Laufen halten
und die dieses im Zerfall befindliche System noch irgendwie
es schaffen zusammen zu halten: Das sind die, die es am
Schlechtesten haben, denen es am wenigsten gedankt wird,
die unterbezahlt, mindergeschätzt und verachtet werden.


Und um das auch einmal unmissverständlich zu sagen:
Keiner, nicht ein einziger von all jenen, die ich die letzten 
zwei Jahre so kennengelernt habe, hatte Eltern aus Deutschland.
Nicht einer.

So schnell, wie die 5 Jungs ihre 3 Umzugswagen beladen haben,
kann ich gar nicht schauen, auf einmal verabschiedet sich das
erste Team bereits, keine Stunde später sind auch die anderen beiden
weg, und plötzlich:

Stehe ich in einer absolut leeren Wohnung.
So strange.



Ich sauge alles aus, wische die Hausflurtreppe, denn hier
will ich mir nichts nachsagen lassen, ich kehre Keller und
Garage, dann setze ich mich ins Auto und setze rückwärts 
zum vorletzten Mal aus meiner Wohnstraße hinaus, denn
das Haus ist leer, und es gäbe auch niemanden, von dem
ich mich gerne verabschieden würde.

Vier Autobahnstunden später räume ich mein mit
"den letzten paar Sachen" unerwartet randvolles Auto
in der neuen Wohnung aus.
Weitere zwei Stunden danach stehe ich bei meiner Freundin
unter der Dusche und falle danach face down auf meine Matratze.

Am nächsten Tag braucht das Umzugsteam einige Anläufe,
um die Zufahrtswege zur neuen Wohnung zu finden.
Eine Stunde extra geht dafür drauf.

Der Teamleiter begeht als Erstes mit mir die neue,
leere Wohnung, beäugt kritisch die enge Holztreppe ins DG,
greift zum Handy und erkundigt sich, bis wann der gebuchte
Außenaufzug da sein wird.

Das Entladen dauert länger, denn heute muss jeder Karton
und vor allem jedes Möbel treppauf getragen werden.
Der Teamleiter ist zugleich der Monteur, es gibt sich sogleich
an meinen XL-Kleiderschrank.
Die anderen Schleppen wie die Lastenesel, es wird Zeit,
ihr Trinkgeld nochmals zu erhöhen, denke ich mir.

Als ihnen langsam die Kräfte ausgehen, trifft der Außenaufzug
ein und ab da wird alles auf dessen Hebebühne verfrachtet
und von außen in die Wohnung gehoben.

Als das restliche Team bereits auf dem Heimweg Richtung
Stuttgart ist, verbasteln der Teamleiter, Ole und ich noch
geschlagene 60 min damit, meine beiden riesigen Deckenleuchten
zu montieren.

Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit und es
erfordert ohne Übertreibung drei erwachsene Männer, das zu tun.

"Ich weiß jetzt, weshalb Sie die Montage dieser Leuchten mit
gebucht hatten!"
grinst der schmächtige sanfte Mann mich von
der Seite an, während sein Kopf schräg abgeknickt unter der
Leuchte unmittelbar an der Flurdecke klemmt.

Das ist der Moment, in dem ich heimlich beschließe,
auch den Designer dieser Leuchten hängen zu lassen,
wenn ich erst Kaiser bin.

Nach mehr als 7h Arbeit müssen die letzten Jungs auch
noch zurück die mehr als 4h nach Stuttgart, ich leere mein
Portemonnaie in ihre Hände aus mit Allem, was noch drin war,
dränge ihnen die unangfassten Colakisten auf und dann:

Stehe ich in einer randvoll mit Kisten zugestapelten Wohnung.




Die Freundin ist sehr zufrieden.
Wir suchen nur den einen Karton mit der Bettwäsche raus,
beziehen das Bett und fallen nach Pizza, Kölsch und Dusche
tot in die Federn.

Anderntags steht ein kleiner Karton von den Nachbarn
vor meiner Tür.




Eine fast zärtliche, handgeschriebene Karte liegt bei.



Nicht zum ersten Mal an diesem Ort spüre ich es:
Hier kannst Du zuhause sein.
Seit Langem zum ersten Mal wieder.

Wenige Tage danach wird der 600 Jahre alte Olivenbaum
im Hof der Anlage mit einer Lichterkette geschmückt.

Er sieht ...einfach zauberhaft aus.


Die Freundin stimmt anderntags sofort zu,
als ich erwähne, dass ich mir zum ersten Mal
seit Jahren wieder einen Weihnachtsbaum überlege
aufzustellen - und so kommt Herrmann ins Haus,
bzw. auf die Dachterasse.



[ Hermann der Nordmann.
Derzeit in Umschulung zur Palme.

(Lange Geschichte^^)  ]


Die nächsten Abende und Nächte im Bett
denke ich immer wieder die gleichen Sätze.

Weshalb war es so unglaublich leicht, wegzugehen?

Weshalb vermisst Du nicht einen einzigen Menschen dort?

Weshalb hattest Du so viel Energie, so viel Vorfreude,
und das bei einem erneuten Umzug binnen 22 Monaten?

Wo war der erwartete Schrecken vor den monatelangen
Anstrengungen, Behördengängen, Schreibkram?

Wieso hast Du keinerlei Lampenfieber vor der neuen Jobaufgabe?

Weshalb hast Du die geplante Abschiedsemail im Job nie geschrieben?

Wie kommt es, dass Du hier von einer Sekunde auf
die andere ein netterer, freundlicherer Mensch bist,
der plötzlich gerne auf Andere zuzugehen vermag?

Warum stören Dich hier Pflichten nicht mehr, die haargenau
die gleichen vorher waren und die Dich dort angekotzt haben?

Wo ist Deine Misanthropie hin?
An der Supermarktkasse, im Straßenverkehr, im Job?

Und der Gedanke, der all das zusammen fasst und der sich
seit Tag 1, da der Umzug feststand, nicht mehr aus meinem
Kopf verbannen ließ:

     Wieso fühlt sich ein Ort,
     an dem Du nie zuvor warst,
     so sehr nach Zuhause an?