19 Mai 2023

calling Elias

Obwohl es mein Job ist, muss ich mich bis auf den heutigen Tag
immer noch jedes Mal zusammenreißen, um das Telefon in die
Hand zu nehmen und Menschen anzurufen.

Jahre - wenn nicht Jahrzehnte- habe ich gebraucht,
um das in einer Selbstverständlichkeit zu tun zu können, wie sie
anderen Menschen quasi ab Werksauflieferung bereits zueigen ist.

Doch neulich fiel mir einer meiner jüngeren Schützlinge
weit unten im Süden wieder ein, und spontan dachte ich:

Schreib den Elias* mal an.
Wie es ihm geht.
Ob er support brauchen könnte.

* oder so ähnlich könnte er heißen

Gesagt, getan. Keine 30 min später war seine Antwort da.
Offenbar hatte ich im richtigen Moment eine Eingebung gehabt.
"Oh Himmel! GUT dass Du Dich meldest! Das kommt perfekt!"

Gestern fand der vereinbarte Videocall statt.
Erst war ich sickig, weil er 25 min später erschien und ich
schon gecancelled hatte. Aber die Verzögerung war nicht auf
seine Kappe gegangen, insofern - verziehen.

Ein ganz und gar erstaunliches Gespräch entsponn sich.

Ich traf auf einen wissenhungrigen, zuhörenden jungen Vertriebler,
der immer und immer wieder meine Einschätzung aktiv einforderte,
mir konkret Szenen und Einwandsituationen beschrieb und meine
Art, diese zu lösen hören wollte.

Das allein ist schon...selten. Sehr selten sogar.
Bei dieser Agenturvertretung gibt es außerdem die Besonderheit,
dass es dort gleich zwei Azubis gibt - außer ihm selbst nämlich
noch den Sohn des Agenturinhabers.

Dieser Sohn ist ein Jahr weiter als Elias, also ein Lehrjahr früher.
Sieht man die beiden nebeneinander (was mir regelmäßig passiert),
glaubt man das nicht.

Man glaubt eher, es sei umgekehrt.
Dann gibt es in diesem einen Ort gleich drei weitere Agenturen,
und alle haben Azubis. Absolute Seltenheit bei uns in der Branche.

Natürlich kennen die sich alle untereinander.
Und so kamen wir noch auf seine AzubikollegInnen zu sprechen.

Ganz vorsichtig fing er plötzlich an rauszuhören, wie ich denn die
anderen so sähe.
Kleine Alarmglocke bei mir im Kopf.

Wie er das meine.
Naja, wie ich ihn denn so in einer Reihe mit den anderen wahrnehmen
würde, so von der Eignung und Aufnahmefähigkeit her.

Da war ich baff.
Das hat in zwanzigplus Jahren noch nie einer gefragt.
Ich antwortete wahrheitsgemäß.
Dass ich ihn als einen der wenigen ansehen würde, die in
5 Jahren noch hier seien.

Er schien sehr erleichtert.
Nicht nur, weil ich ihm gerade ein gutes Zwischenzeugnis ausgestellt hatte.

Wir kamen noch auf seine unmittelbaren Azubikumpels zu sprechen.
Ich hörte, wie sich die Stimmlage und die Spannung
auf den Stimmbändern veränderten.

Und dann fiel ein Satz, über den ich nicht aufhören kann nachzudenken.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein gerade mal
Anfang Zwanzigjähriger ihn aussprach.

"Weißt Du Rain...ich will nicht schlecht reden über meine
Mit-Azubis. Aber Du merkst vor allem den anderen Jungs echt an,
dass sie noch nie in ihrem Leben wirklich was tun mussten fürs Geld.
Das war immer da.
Papa hat immer geliefert.
Papa hält immer die Hände schützend drüber.
Du weißt, dass die niemals einen Ausbildungsplatz bei uns bekommen,
aber Papa hat's hingebogen? In der Situation bin ich genau nicht!"


"Sei froh darüber, Elias. Deren Fall könnte irgendwann so hart sein,
so hart wirst DU nie fallen können. Und das ist etwas, das verdient
viel eher Dein Mitleid als Deinen Neid. Nicht jetzt, aber bald."

Kurzes Schweigen im Call.

Wären wir live im gleichen Raum gewesen, wäre das der Moment
für so was wie eine Umarmung gewesen.
Aber ich glaube, wir haben das auch auf die Distanz gut angedeutet.

Sieht so aus, als hätte ich einen neuen Premium-Schützling.

Den darf ich nicht aus den Augen verlieren.
Keinesfalls darf ich das.


[ das Foto heute hat ausnahmsweise mal
rein gar nichts mit dem Textinhalt zu tun.

Falls Ihnen das überhaupt aufgefallen wäre. ]

17 Mai 2023

vom Sonntagsruck

Dieser Frühling ist mir zu kalt.
Eindeutig ist er das.

Es gab schon Jahre, in denen man Anfang März bereits
im T-Shirt draußen in der Sonne auf der Terrasse hat
sitzen können.

Und es gibt Jahre wie dieses, wo ich immer noch jeden
Morgen die Heizung anstelle - und wenn ich rausgehe, 
trage ich Langärmliges und eine Jacke. Mitte Mai, WTF.

Wie oft ich schon am Fenster gestanden war die letzten Wochen,
auf die kleine Wetterstation schauend, missmutig die Temperatur
und die Niederschlagswahrscheinlichkeit ablesend, um dann
doch wieder den Schlüssel neben die Haustür zu hängen und
die Ebike-Pläne erneut aufzuschieben.

Halten Sie mich für eine Memme - aber bei 14°C fahre ich
nicht mit dem Fahrrad raus, mach ich nicht, keine Chance.

Hinzu kommt:
Selbst wenn es dann mal schön ist, muss ich mich derzeit
zu absolut Allem regelrecht zwingen.

Zwingen zu Arbeiten,
Zwingen zu vernünftiger Ernährung,
Zwingen, vor die Tür zu gehen.
Auf ein ernstes Wort?
Ich hab mir diese Erwachsensein-Kacke
echt nicht so anstrengend vorgestellt.
Aber am Sonntag war es soweit.
Da gab ich mir einen Ruck.

Das Wetter war schön.
Die Temperaturen ließen keine Ausrede glaubhaft erscheinen.
Ich wollte nicht noch einen Tag vor dem Computer verbringen.

Also: Schnell umziehen, schnell ein paar Sachen einpacken.
Schnell die Schlüssel und RAUS aus dem Haus.
Bevor der innere Schweinehund wieder aufwacht und womöglich siegt.

Schnelle Schritte das Treppenhaus hinab.
Unten stelle ich fest: Handyakku ist auf 20% runter.
Und das Ebike ist nur gut zur Hälfte geladen.

Egal.
'Muss es heute mal ohne Navi-Begleitung gehen.
Und der Akku vom Fahrrad wird sicherlich halten.

Ich fahre eine andere Strecke als sonst den Berg hinauf.
Oben angekommen eine erste kleine Pause.

Ich bin froh, mich heute überwunden zu haben.
Der Ausblick belohnt mich.

Da fällt mein Blick auf einen Gehwegaufsteller.
Eine Weinverkostung wird beworben.
Heute.
Und gleich um die Ecke.

Also geht es weiter, grob in die Richtung der Veranstaltung.
Aber ich nehme noch ein paar Kurven in Richtung eines
anderes Weingutes.


Die Strecke ist sogar durch die Terrassen der Weinberge
völlig mühelos. Dem Ebike sei Dank.

Ich genieße es, hier allein unterwegs zu sein.
Nur für mich.

Kurz kommen mir Erinnerungen an einige der
auseinandersetzungsreichen Fahrradausfahrten
mit der Exfrau aus früheren Jahren in den Sinn. 

Wie gründlich ich sie nach der Trennung verloren hatte,
diese Furcht vor dem Alleinsein.
Darauf bin ich ein wenig stolz in meinem Leben.
Aber: Schon komisch.

Irgendwann verfahre ich mich ein bisschen, höre aber
aus  dem Weinberg oberhalb von mir viele Stimmen.

Dort muss die outdoor-Verkostung sein?
Und tatsächlich:
Zufällig bin ich richtig gefahren, es sind schon einige Besucher vor Ort.


Dieser Platz gilt auf Google Maps als Aussichtspunkt für
eine schöne Aussicht, ich hatte ihn ohnehin bereits markiert
als "irgendwann mal besuchenswert".

Und ich werde heute wahrlich nicht enttäuscht
für das Überwinden des inneres Schweinehundes.


Ich stelle mein bike ab und gehe zum Ausschank.
Sie haben einen Riesling, wie schön.
Auch wenn es ein halbtrocken-fruchtiger ist.

Egal.
Heute ist alles egal.
Hauptsache allein hier draußen sein dürfen.



Sie haben auch noch eine leere Weinkiste
und ein Sitzkissen für mich übrig.

So setze ich mich ganz an den Rand des Geschehens,
dorthin, wo ich mich wohl fühle, und genieße Ausblick,
Wetter und Wein.

Und ich genieße meine Gedanken.
An Menschen, die ich immer lieb haben werde.


Anschließend fahre ich weiter.
Das Wetter hält sich wacker, obgleich sich jetzt, gegen
Nachmittag, schon auch die eine oder andere Wolke vor
die Sonne schiebt und sofort für empfindlich niedrigere
Fahrtwindtemperatur sorgt.

Die Speisekarte von einem der Biergärten in der Umgebung
möchte ich noch anschauen, komme aber ungeplant vorher an
einem anderen Biergarten vorbei, der mir völlig unbekannt war.

Und mit Blick auf die vielen Menschen, die mir heute bereits
unterwegs begegnet sind, scheint das nicht nur mir so zu gehen:
Die Location ist zumindest im Außenbereich unbesucht.


In der Durchreiche zwischen Gastroküche und dem
Biergarten finde ich die Wirtin. Und weil sie AlpIrsb8cher Weizen
da haben, parke ich mein bike erneut und nehme Platz im Garten.


Zeit, ein paar Nachrichten zu beantworten.
Zeit, das Gesicht ein wenig in die Sonne zu halten.
Zeit, die Stille einmal zu genießen, trotz des Pfeiffens
auf den Ohren.

Zeit, dankbar zu sein und sich vor Augen zu halten,
wie gut man es hat.

Und wie sehr es doch meist belohnt wird,
den inneren Schweinehund zu überwinden.


15 Mai 2023

vom Humboldt-Pinguin


 
"Bitte fügen Sie dieser Schadenmeldung Skizzen, Bilder oder Videos
des Schadens bei und beschreiben Sie den Schadenhergang."

"Ein Humboldt-Pinguin schnappte nach meinem Handy."

"Ein...was ?"

"Yapp. Humboldt."