Obwohl es mein Job ist, muss ich mich bis auf den heutigen Tag
immer noch jedes Mal zusammenreißen, um das Telefon in die
Hand zu nehmen und Menschen anzurufen.
Jahre - wenn nicht Jahrzehnte- habe ich gebraucht,
um das in einer Selbstverständlichkeit zu tun zu können, wie sie
anderen Menschen quasi ab Werksauflieferung bereits zueigen ist.
Doch neulich fiel mir einer meiner jüngeren Schützlinge
weit unten im Süden wieder ein, und spontan dachte ich:
Schreib den Elias* mal an.
Wie es ihm geht.
Ob er support brauchen könnte.
Offenbar hatte ich im richtigen Moment eine Eingebung gehabt.
"Oh Himmel! GUT dass Du Dich meldest! Das kommt perfekt!"
Gestern fand der vereinbarte Videocall statt.
Erst war ich sickig, weil er 25 min später erschien und ich
schon gecancelled hatte. Aber die Verzögerung war nicht auf
seine Kappe gegangen, insofern - verziehen.
Ein ganz und gar erstaunliches Gespräch entsponn sich.
Ich traf auf einen wissenhungrigen, zuhörenden jungen Vertriebler,
der immer und immer wieder meine Einschätzung aktiv einforderte,
mir konkret Szenen und Einwandsituationen beschrieb und meine
Art, diese zu lösen hören wollte.
Das allein ist schon...selten. Sehr selten sogar.
Bei dieser Agenturvertretung gibt es außerdem die Besonderheit,
dass es dort gleich zwei Azubis gibt - außer ihm selbst nämlich
noch den Sohn des Agenturinhabers.
Dieser Sohn ist ein Jahr weiter als Elias, also ein Lehrjahr früher.
Sieht man die beiden nebeneinander (was mir regelmäßig passiert),
glaubt man das nicht.
Man glaubt eher, es sei umgekehrt.
Dann gibt es in diesem einen Ort gleich drei weitere Agenturen,
und alle haben Azubis. Absolute Seltenheit bei uns in der Branche.
Natürlich kennen die sich alle untereinander.
Und so kamen wir noch auf seine AzubikollegInnen zu sprechen.
Ganz vorsichtig fing er plötzlich an rauszuhören, wie ich denn die
anderen so sähe.
Kleine Alarmglocke bei mir im Kopf.
Wie er das meine.
Naja, wie ich ihn denn so in einer Reihe mit den anderen wahrnehmen
würde, so von der Eignung und Aufnahmefähigkeit her.
Da war ich baff.
Das hat in zwanzigplus Jahren noch nie einer gefragt.
Ich antwortete wahrheitsgemäß.
Dass ich ihn als einen der wenigen ansehen würde, die in
5 Jahren noch hier seien.
Er schien sehr erleichtert.
Nicht nur, weil ich ihm gerade ein gutes Zwischenzeugnis ausgestellt hatte.
Wir kamen noch auf seine unmittelbaren Azubikumpels zu sprechen.
Ich hörte, wie sich die Stimmlage und die Spannung
auf den Stimmbändern veränderten.
Und dann fiel ein Satz, über den ich nicht aufhören kann nachzudenken.
Vor allem, wenn man bedenkt, dass ein gerade mal
Anfang Zwanzigjähriger ihn aussprach.
"Weißt Du Rain...ich will nicht schlecht reden über meine
Mit-Azubis. Aber Du merkst vor allem den anderen Jungs echt an,
dass sie noch nie in ihrem Leben wirklich was tun mussten fürs Geld.
Das war immer da.
Papa hat immer geliefert.
Papa hält immer die Hände schützend drüber.
Du weißt, dass die niemals einen Ausbildungsplatz bei uns bekommen,
aber Papa hat's hingebogen? In der Situation bin ich genau nicht!"
"Sei froh darüber, Elias. Deren Fall könnte irgendwann so hart sein,
so hart wirst DU nie fallen können. Und das ist etwas, das verdient
viel eher Dein Mitleid als Deinen Neid. Nicht jetzt, aber bald."
Kurzes Schweigen im Call.
Wären wir live im gleichen Raum gewesen, wäre das der Moment
für so was wie eine Umarmung gewesen.
Aber ich glaube, wir haben das auch auf die Distanz gut angedeutet.
Sieht so aus, als hätte ich einen neuen Premium-Schützling.
Den darf ich nicht aus den Augen verlieren.
Keinesfalls darf ich das.
[ das Foto heute hat ausnahmsweise mal
rein gar nichts mit dem Textinhalt zu tun.
Falls Ihnen das überhaupt aufgefallen wäre. ]
Mir ist erst einmal das hübsche Art Deco Ornament um die Klingel aufgefallen.
AntwortenLöschenUnd vorher die hörbare Überraschung in Ihrem Text, dass sich jemand so bei Ihnen rückversichert, Ihre Einschätzung anfordert.
Ich lese das mit einem kleinen Lächeln, weil mich Ihre Ungläubigkeit wieder daran erinnert, das Sie einfach nicht gut genug über sich selber denken. Wir hatten das schon einmal ;-) Glauben Sie einfach ein wenig an sich - wäre meine Idee
Ich weiß nicht einmal mehr, wo ich das Foto mit der hübschen Klingel aufgenommen hatte? Muss mal nachsehen, wo ich da war...
LöschenWas Ihre Einschätzung angeht:
Ich glaube total an mich - und denke im Job auch gut über mich!
Indes erlebe ich sehr, sehr häufig, dass es mir entweder nicht gelingt, das inhaltlich zu transportieren, ODER ABER dass meine Zielgruppe im Job...... sagen wir einfach, in der erdrückenden Mehrheit der beobachteten Fälle kommt es nicht dazu, dass sie das Gehörte (zu Ihrem eigenen Besten) in die Umsetzung bringen.
Das ist das Freundlichste, zu dem ich im Rahmen einer Bewertung kommen kann :-).
Das Photo passt doch sehr gut! Solche Momente können doch nicht lange genug dauern!
AntwortenLöschenGratuliere Ihnen zu dem neuen Schützling und Aufgabe!
Viele Spaß und gemeinsame Erfolge
Ich versuche mein Bestes :-). Oder zumindest das, was ich gut und leicht zu leisten bereit bin.
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