12 November 2022

vom Rückblick in 25 Jahren

  [ von der Abwesenheit von Türen, Teil 3 ]



Weiter gehts , Teil 3/5:

"Was für ein Leben führst Du in 25 Jahren? Wie bist Du dann?
Auf was für ein Leben schaust Du zurück?"


Eine von den Fragen, die ich selbst mir tatsächlich
noch nie gestellt habe - umso interessanter empfinde ich es,
sie als "Wunschaufgabe" zu beantworten.

In 25 Jahren habe ich sehr viel präziser als heute und gleich
nochmal viel präziser als VOR 25 Jahren im Fokus, was relevant
ist und was nicht. Was bleibt, und was keine Chance hat, von
Dauer zu sein.

Von Allem, was nicht relevant und potenziell von Dauer ist,
habe ich mich dann getrennt.

In 25 Jahren höre ich kein Radio mehr und schaue kein Fernsehen.
Ich lese auch keine Nachrichten oder Tageszeitungen mehr.

Meine Nachrichten und den Austausch zu aktuellen Themen werde
ich statt dessen von dem jungen Mann beziehen, welcher den Rasen
mäht und den Pool sauberhält.

Er nennt mich scherzhaft einen DALEK (das ist in den Vierzigerjahren
des einundzwanzigsten Jahrhunderts ein Begriff, der heute in etwa dem
"Boomer" entspricht) und rollt immer mit den Augen, wenn ich ihm
vom Aufkommen der ersten Compact Discs erzähle.

Meine Partnerin und ich werden zurückgezogen auf dem Land leben,
das Wasser* in der Nähe, es wird viel Grün um uns sein, und es gibt
einen Hund und eine Katze im Haus, vielleicht auch zwei.

* hinsichtlich WASSER bin ich noch unentschlossen,
ob das ein Meer, einen Fluss oder einen See meint.
Aber: Hauptsache Wasser.

Jegliche Digitalität hat unser Leben verlassen, sofern sie nicht zum
Überleben notwendig geworden sein sollte.

Auf unserer überdachten Veranda findet man direkt am Garten eine
Grillstelle mit kleiner Kohleofen-Küche und ein Grammophon,
das keinen Strom zum Abspielen benötigt, gleich daneben klettern
die Climatis am Holzgatter auf das Dach.

Viele selbstgemalte Zeichnungen und Bilder finden sich um die
Korb-Sitzgruppe mit den sechs Sitzplätzen, aber 18 Kissen.

Meine früher bemalten und kunstvoll verzierten Hirsch-Geweihe sind
inzwischen schon sichtbar verwittert, aber sie hängen unverändert
ordentlich in Reih' und Glied gleich neben den vom Holzdach
herabhängenden Schneckenhaus-Treibholz-Ketten, bei denen ich
mich jedes Jahr wundere, wie sie auch dieses Mal die Herbststürme
haben überstehen können.

Ich selbst kann mich (nun mit 72) nach jahrelangem inneren Disput
inzwischen an den Genen meines Vaters erfreuen, denn zum Einen habe
ich keine Glatze und zum Zweiten bin ich zu >50% noch nicht ergraut.

Aus mir ist ein sehr sanfter, oft lächelnder Mensch geworden, dessen
Worte meist mit Güte und nach einiger Überlegung ausgesprochen werden
und dem der sarkastische, bisweilen gar zynische Unterton seiner eigenen
frühen Blogbeiträge inzwischen zuwider geworden ist.

Mein Wunschgewicht habe ich nicht halten können, dafür ist der in
Jahren zusammen gesammelte Weinkeller und sind die Ergebnisse
aus meiner Outdoor-Küche stammenden Eigenkreationen zu lecker
und (sicherlich) auch zu kalorisch.

Aber ich bin ja insgesamt auch nachsichtiger geworden - mit mir,
und auch den Menschen um mich herum. Es hat sich eine gewisse
Demut und Dankbarkeit für jeden neuen Tag eingestellt.

Schaue ich zurück auf die Jahre und Jahrzehnte, lehne ich es 
nach wie vor ab, so einen Scheiß wie "My way" von Sinatra zu singen,
das gab ja damals auf meiner Verabschiedung aus der Firma bereits
einen Riesen-Eklat.

Gerade noch rechtzeitig war ich aus dem Gebäude entkommen:
Nur Momente später, und der Sicherheitsdienst hätte mich begleitet.
Aber auf diese warmen letzten Worte an Vorgesetzte und Vorstand 
hatte ich mich monate-, nein jahrelang vorbereitet, die Rede war
zu gut, um nicht gehalten zu werden, mein Wort drauf.^^

Nein, ich werde ganz sicher nicht sagen können "ich würde alles 
nochmal genau so tun." Dafür waren doch recht viele einige späte,
einige sehr späte Lerngeschenke dabei, dafür waren manche Preise
zu hoch, die man selbst oder die Nahestehenden um einen herum
hatten entrichten müssen.
Tatsächlich bedauere ich dann erheblich mehr, als die meisten anderen,
die ich kennen gelernt hatte.

Und ganz zum Ende hin möchte ich gerne noch einmal Frieden machen -
allen noch einmal danken, mich bei allen nochmal entschuldigen,
mit meinen noch ein letztes Mal auferstehenden gebrochenen Versprechen,
rufe die Liebenden meines Lebens noch einmal mit ihren Namen auf,
den verlorenen Herzen und den Worten,  welche dem Wind übergeben
wurden, der vor dem Regen aufzieht.
Und der sie ein letztes Mal in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Das ist ein Gedanke, der mir gefällt.




10 November 2022

vom Fremdkörper im Gulasch


[ ich steh total auf kleine Rätsel^^. ]




Das Gulasch neulich aus meiner Küche war überraschend.

Erstens war es (obwohl von mir zubereitet) ziemlich lecker.

Zweitens war es (obwohl, wie ich in den Kommentaren
lesen durfte, dabei ein halbes Dutzend Fehler gemacht
worden waren) wirklich lecker.

Da es zu den Gerichten zählt, die bei jedem weiteren Aufwärmen
nur noch besser werden, neigt man abends (oder tagsüber beim
Vorbeilaufen) zu kleineren Drive-by-Naschereien, gleich aus dem Topf.

So.
Und das wiederum führt dann dazu, dass der letzte geplante Teller...
naja, nur noch etwas spärlich befüllt werden kann, mangels Masse.

So auch hier.
Ein kleines pimp-my-Gulasch musste also irgendwoher
aus dem Kühlschrank gezaubert werden.

In Sachen "spontane Fusionsküche" bin ich ja inzwischen schmerzfrei.
Und so kam....das da oben heraus.

Was sodann versendet wurde, mit einer kleinen Hausaufgabe.
Einer, wie sich herausstelle, zu leichten :-)









08 November 2022

vom Herzempfinden

 [ von der Abwesenheit von Türen,
Teil 2 ]


Weiter gehts mit "Blog-Wunschthemen", Teil 2/5:

- Schreib etwas über Dein Herzempfinden:
Was wünschst Du Dir, wenn Du jeden Wunsch zulässt?


Die Antwort darauf hat vielleicht einen nachvollziehbaren Ursprung
mit "awhhhh"-Charakter, führt aber zu einer ziemlich gewalttätigen
und despotischen Konsequenz.

[ Das ist so ein bisschen wie mit
Asimovs 3 Gesetzen der Robotik - die hören sich alle
gut, friedlich und logisch an, aber die unausweichliche
Konsequenz aus ihnen (Diktatur, Terror, Unterdrückung)
überrascht dann doch erst einmal. ]

Mein Herzempfinden ist, dass ich keinen Menschen
enttäuschen oder verletzen möchte - bzw. genauer, dass 
Menschen, die mich in ihre Herzen geschlossen haben,
keinesfalls durch mich verletzt oder enttäuscht werden dürfen.

Und hier stehe ich bereits an der Asimovschen Klippe.

Weil das Leben zu vielfältig und Menschen (ich selbst unbedingt
eingeschlossen) zu kompliziert und unwägbar, ja indifferent sind,
ist ein solches "Wunschziel" kaum zu erreichen.

Ein in Gänze nicht erreichbares Wunschziel / Phantomziel
sollte folglich  kein solches sein - es ergibt keinen Sinn, ein
Wunschergebnis zu definieren, das man schon deshalb nicht
vollumfänglich erreichen kann, weil dazu benötigte Teile
außerhalb der eigenen Beeinflussbarkeit liegen. Stimmt doch?

Und hier beginnt der zweite Teil der Frage, und ab hier
wirken meine persönlichen Schatten:

Wenn ich mir jeden Wunsch erlaube?
Wenn ich alle Limitierungen, Moral, Menschlichkeit ausschalte?

Und die Antwort auf diese Frage fällt mir tatsächlich leicht.

Der Gedanke daran lässt mich lächeln (in einem gütigen Sinne),
seine Präsenz erzeugt freundliche Wärme und jene friedvolle Stille
in mir, an der es in manchem Alltagsgeschehen, an vielen Tagen voller
to do's und Sachzwängen einfach fehlt.

"...wenn Du jeden Wunsch zulässt?"

Ich möchte nichts anderes, als die Fähigkeit, jemandem in
die Augen zu sehen und instant seinen freien Willen zu beeinflussen,
zu ändern, umzulenken, ich möchte ihn ohne Aufwand,
ohne Diskussion, Handlung, Mühen zu einem Menschen
werden lassen, der will, was ich will, und der dabei eine Art
von Glück, von Erfüllung, von Befriedigung erfährt, von der 
er nicht wieder loslassen will.


Kein anderer Herzgedanke, keine andere Vorstellung, welche
ich mir gestatte, lässt meinen Ruhepuls und meinen Atem so
spürbar absenken wie der Gedanke an das Umsetzen dieser Zeilen.

Mir ist schon bewusst, dass sich das vielleicht
nach so einer Asimovschen Dystopie anhört.

Aber es stört mich tatsächlich kein bisschen.



06 November 2022

Gulasch und Geister


Zu den Dingen, die ich wirklich noch nie selbst gekocht habe,
hatte stets Gulasch gehört.

Im Prinzip geht das auf zwei Anlässe zurück, der eine war,
dass früher immer die Exfrau das gekocht hatte und ich Gulasch
in der Zeit als Alleinlebender so ein bisschen aus den Augen
verloren hatte. Wie so viele Gerichte, wen man nur seine eigene
Ein-Personen-Versorgung im Blick hat.

Das Andere war, dass es früher gerne mal ein unnötiges Trara
gegeben hatte, wenn ich gemischtes Gulasch bevorzugt hätte,
die Ex (samt ihrer Mutter) aber lieber auf reinem Rindergulasch
bestanden hatten - und mir ist diskussionsfreies Essen meist lieber^^.

Bei unserem täglichen Abend-Call neulich aber blätterten die Freundin
und ich gemeinsam den Discounter-Prospekt online durch (sie am Handy,
ich am 27"Bildschirm, weil ich sonst nix davon sehe^^) und mit
einem Mal meint sie so: "Gulasch ist nächste Woche im Angebot."

Und da war sie, meine Initialzündung bzw. Kochidee.

Außerdem erfüllte "Gulasch" für mich als Mann am Herd
gleich 3,5 sehr relevante Grundbedingungen für Essen:

  1. alles kommt in nur einen Topf
  2. alle Arbeitsschritte folgen linear einem Pfad,
    nichts muss parallel erledigt werden
  3. Fleisch
Mein zusätzlicher "Nullkommafünf"-ter Grund war, dass ich
dieses Gericht bereits auf meinem OneDrive gespeichert hatte,
so wie ein paar tausend andere.

Und ich hatte mir vorgenommen, sobald ich alleine lebe
einfach mal wieder mehr aus meiner "Rezeptreserve"
neu zu entdecken und nachzukochen.

Ich nutze die Gelegenheit, vorher im gleichen Topf (hochwandig,
6 Liter, Edelstahl) für ein weiteres Essen noch Bambussprossen
und in Streifen geschnittene Maultaschen anzubraten. 
Wenn der Herd schon geputzt werden muss,
dann wenigstens mit Recht.

Das geht -man kann es nicht anders sagen- schief.

Die Sprossen werden klasse, die Maultaschenstreifen aber hätten
zwingend in eine Teflonpfanne gehört. Wieder was gelernt.

Das Gulasch vom AlD1 kommt besser als erwartet aus den Verpackungen.

Während es anbrutzelt, entkorke ich die erste Flasche Rotwein zum
späteren Ablöschen, nur um sie gleich darauf in den Ausguss zu kippen:
Wenn der Korken schon beim ersten Rausdrehen zerbröselt, war's das.

Die zweite Flasche hingegen ist gut (Drehverschlüsse sind ohnehin
besser für die Weinqualität, und das fast ausnahmslos), und dann
wollen die Zwiebeln gewürfelt werden.

Immer, wenn ich Zwiebeln würfle, denke ich daran, so etwas wie 
einen satirischen Kochkanal auf YT aufzumachen.

So in der Richtung, wie es frühere Blogstories von mir waren,
nur eben mit Schürze und am Herd plus DashCam.

Sozusagen Lebensweisheiten live von der Arbeitsplatte, gepaart mit
"vorm Bildschirm zusammengeschissen werden", wie man nur an diese
ganzen Pseudoratgeber glauben kann á la "weshalb Sie bisher immer
Ihre Zwiebeln falsch geschält haben!"
und so einen Mist.

Dazu Tipps und Tricks, wie man es schafft, einen Mann in der Küche
(und anderswo, wo Stresspotenzial vorhanden ist) artgerecht zu
behandeln (wissen viele Frauen nämlich nicht).

So in Gedanken versunken, werden es mehr Zwiebeln, als im Rezept
vorgesehen drin steht - dafür lobe ich mich in diesem Moment selbst.

Denn ich stelle schmunzelnd fest, dass ich dieses sklavische
"Apothekerkochen" der letzten Jahre step by step abzulegen beginne.

Dass ich anfange, loszulassen von dem Verhalten, ein Kochrezept
für einen quasi-Auszug aus der Heiligen Schrift zu halten.
Dass ich behutsam Verhalten abzulegen beginne, das ungesund war
für mich. Und für meinen Gegenüber.

Und schon erstickt es wieder, das Lächeln. Erinnerungen kommen.
Schuldgefühle wehen aus dem Dampf über dem Topf zurück in den Kopf.

Mir fällt beim Umrühren des Fleisches der Holzlöffel aus den Fingern -
eine Reaktion´von mir, wie sie früher so typisch und geradezu lächerlich
vorhersehbar war, wenn die Exfrau die Küche betreten hatte.

Ich ziehe einen Froschmund und rede mir gut zu.
Eigentlich scheiße ich mich leise zusammen, aber freundlich.
Also, freundlicher als früher.
Kleine Fortschritte.

Während die Zwiebeln im Topf mit anbraten, beschließe ich spontan*,

...ach, noch so eine in der Küche
*bisher unbekannte Verhaltensweise,
die mir selbst zu gestatten ich noch
vor nicht allzulanger Zeit noch nicht
in der Lage war


noch zwei Kartoffeln klein zu würfeln und mit anzubraten.

Etwas Stärke im später zerkochenden Sud wird sicher nicht schaden
und ...naja:
Die Exfrau hatte auch immer ein paar Kartoffelstücke mit drin.
In ihrem Gulasch.

Die Kartoffeln sind schnell aus der Speisekammer geholt,
und dann, als es wegen des schon fortgeschrittenen Bratvorgangs im
Stahltopf langsam zeitkritisch wird, gewinnen wieder alte, noch gut
vertraute Verhaltensmuster in der Küche stressbedingt die Oberhand,
weil man ja keinesfalls was falsch machen will,
es kommen Tick-hafte Muster zurück,
repetitive Handlungen helfen jetzt.

Also wird jede Kartoffel in genau der gleichen Manier geschält.
In exakt 10 Zügen wird sie das.

Es werden nicht 9 und es werden auf aber GAR keinen Fall
womöglich 11, nein, es werden ZEHN.

Erst die Polkappen des unkantigen Karoffeloids,
erst für die Nord-Polkappe 2 Züge mit dem Schälmesser,
dann für die Süd-Polkappe 2 Züge mit dem Schälmesser,
es verbleiben 6 Schälzüge für die Seitenpartien, dass muss,
das kann nur zu schaffen sein,
jetzt nicht noch einen Fehler, alter Junge,
Du hast schon das gemischte Fleisch gekauft,
Du hast schon zu viele Zwiebeln drin,
statt dem Rinderfond hast Du nur Pulver im Haus,
Du hast schon den Holzkochlöffel runtergeschmissen,
jetzt bitte nicht noch bei den Scheißkartoffeln versagen.

Ich stehe neben mir und schaue mir zu,
das hier muss jetzt keinen Sinn machen,
das hier muss jetzt einfach nur klappen,
dann bin ich beruhigt,
dann kann ich wieder stolz sein,
dann kann ich wieder ein paar Geister mit dem Stuhl in Vorhalte
zurück aus der Manege drängen.

Und es klappt.
Die Kartoffeln zischen im Edelstahltopf, 
ich verrühre alle Gewürze mit etwas Rotwein und Tomatenmark.

(ein Geheimtipp, mit dem ich alle Rezepte leicht abwandle:
Nie die Pulvergewürze trocken mit reingeben,
sondern immer mit einer
passenden Flüssigkeit verrühren).

Während im letzten Schritt noch die 3 Paprikas
in Stücke geschnitten werden müssen (wobei auch hier
wieder eine eigenentwickelte Carvingtechnik zum Einsatz
kommt), ist nach dem Ablöschen des Topfes bereits Ruhe
in die Küche eingekehrt.

Ok, und der ordentliche Schluck Rotwein aus der Pulle vorhin,
der nach den Kartoffeln, der hat auch geholfen.

Das Rezept nehme ich ab jetzt nicht mehr ernst.
Es war ohnehin auf 5 (!) Arbeitsstunden ausgelegt, 
weil das Fleisch an insgesamt drei Tagen für jeweils 90 min
aufgekocht wird (ein Einmachgläser-Gulaschrezept).

Als die Paprikastücke in den Topf gleiten, schalte ich
den Herd aus. Ich kenne inzwischen meine Töpfe und auch
diesen merkwürdigen Herd, diese Hitze wird nun reichen.

Anderntags probiere ich mein erstes selbstgemachtes Gulasch.
Und bin sehr zufrieden.

 Im Sinne von:  Zu Frieden.