26 November 2022

Scherkopfhalter

Im Prinzip halte ich mich für einen
ziemlich nachhaltig lebenden Menschen:

Meine Lebensmittel-Wegwerfquote liegt
irgendwo bei wenn's hoch kommt 3%.

Meine Kleidung trage ich, bis sie kaputt ist.
Wasserhähne, die ohne sofortige Verwendung 
laufen, bereiten mir fast körperliche Schmerzen.

Technische Geräte werden nur unter genau zwei
Voraussetzungen neu angeschafft:

1. ihr Vorgänger ist kaputt

2. ihr Vorgänger ist zwar noch funktionierend.
    hat aber bei einem Menschen, den ich mag
    und der ihn nötiger hat als ich, eine sinnvolle
    letzte Verwendung auf seine weiteren Jahre.

Das hat nichts zu tun mit dem, was wir in den letzten
Jahren an erstarktem Umweltbewusstsein gesehen
und erlebt haben, was Aktivisten und Medien uns neu
in unser Gedächtnis gespült haben.

Denn all dies ist quantitativ - totaler Blödsinn.

Das, was wir hier tun, vom Christbaum abschalten bis
zum Abschaffen von Plastikstrohhalmen, vom Atom-
oder Kohleausstieg bis zum Mülltrennen ist -golbal gesehen-
völlig irrelevant, taugt nicht einmal mehr als Symbolpolitik.

Es hat mehr was zu tun mit meiner Erziehung, denke ich:
Mein Vater war (deutlich zu) alt, als ich auf die Welt kam.

So wie er selbst sozialisiert und erzogen wurde, in einer Zeit
des Mangels und der Dankbarkeit für Kleinigkeiten, war
kaum anders zu erwarten, als dass er mir seine Werte in
Sachen Lebensmittel, Wasser, Ressourcen überhaupt auf
jene Art und Weise vermittelte, wie er es eben nur konnte.

Ein Nebeneffekt dieser Wertevermittlung war vielleicht auch,
sich nicht deshalb von etwas zu trennen, weil man es
nicht mehr mag, obgleich es noch an sich funktionsfähig ist.
eine für mein Zusammenleben
mit Frauen etwas zu giftige Lektion,
wie sich noch herausstellen sollte.

Anders lässt sich nicht erklären, dass ich seit nunmehr
knapp 20 Jahren mit Celvin im Haushalt lebe und mal mehr
und mal weniger gut zurechtkomme, obgleich ich ihn kaum
eine Stunde davon wirklich gemocht hatte.

Das ist Celvin:


[ sagen Sie, was Sie wollen, aber einen
Rotations-Scherkopfrasierer nach
Celvin Rotane zu benennen,
ist jetzt nicht ganz soooo unkreativ ]

Wie Sie beispielsweise am mehrfach geflickten Ladekabel
erkennen können, hat Celvin bereits etliche Jahre an meinem Hals
und in meinem Gesicht hinter sich.

Auch ist seine Ladestation inzwischen sehr unansehnlich:
Jahrelange Sonneneinstrahlung durch das Badfenster haben den
ehemals klarsichtigen Kunststoff vergilben lassen.

Die analoge Uhr darin ist daher nicht mehr ablesbar und hat aus 
diesem Grund seit 2012 schon keine neue Batterie mehr gesehen.

In Sachen "elektrische Männerrasur" gibt es im Prinzip
ja auch nur 2 Religionen:

Entweder Sie gehören der Konfession BR4UN an,
das sind die bewährten Elektrorasierer mit statischem Kopf
(heutzutage aber ebenfalls gefedert), die monodirektional
über eine Scherwalze ihren Job am Hals erledigen.

Oder Sie glauben an federndgelagerte Rotationsscherenköpfe
aus dem Hause PH1L1PS und Co. - die mit den 3 runden
Scherkopfelementen oben drauf.

Weil mir Letzteres um die Jahrtausendwende eher einleuchtete,
hatte ich damals wochenlang die Preisentwicklung studiert,
denn die UVP des Herstellers von knap 300 EUR wollte ich auf
gar keinen Fall hinblättern, und bei -glaube ich- 200 Ocken
hatte ich schließlich zugeschlagen.

Relativ bald hatten sich die Schwächen von Celvin Rotations-
Scherkopf gezeigt:

Schon unter leichten klimatischen Bedingungen hatte er sich im
zerklüfteten Gelände meines Halsgebirges ähnlich schwer getan
wie die Sowjets damals in Afghanistan.

Schlimmer war es im Hochsommer - sobald der Hals leicht
schwitzig wurde, ließ die Fähigkeit des Rasierers, sauber und
gründlich seine Arbeit zu verrichten, deutlich nach.

Trotzdem behielt ich ihn, all die Jahre.
"Was einmal gekauft ist und noch funktioniert..." und so weiter.

Neulich aber brach in Folge langjähriger Nutzung im Rahmen der
Materialermüdung erst die linke, dann schnell auch die rechte 
Arrettierung des Scherkopfhalters aus der (Plastik-)Verankerung.

Eine neue musste bestellt werden.
Kostenpunkt: 18,99 EUR.



Der Preis an sich war ja gar nicht mal dass Problem -
alle 18 Monate z.B. die 3 Scherköpfe für schlanke 70 EUR*
auszutauschen, ist da schon weitaus aufwendiger.

Auch der Erhalt der Ware, die einem absolut über-
dimensionierten Karton kam, welcher sagenhafte
49 Gramm gewogen hatte, war nicht das Thema gewesen.



Nein, das Problem war, dass es fast 2,5 Wochen gedauert hatte,
bis die Ware bei mir war, und ich in der Zeit ganz normal beim
ALD1 einkaufen gewesen war. Unrasiert.

Wo ich dann im Angebot einen Billig-Scherkopfrasierer
der Discounter-Elektrohausmarke erspäht hatte.

Der dann -mangels Auslieferung des Ersatzteiles für Celvin-
auch gleich im Einkaufswagen gelandet war.



Gesamtpreis des Discounter-Rasierer übrigens:
Knapp 20 EUR.

In der Zeit bis zur Auslieferung des Scherkopfhalters für
Celvin rasierte ich mich also entweder nass (selten) oder
aber mit dem Billigrasierer.

Und was soll ich sagen, das Rausurergebnis ist zwar leicht
schlechter.
Aber dafür, dass das Gerät gegenüber der Neupreisbeschaffung
des Anderen etwa 90% günstiger ist, ist die Rasur keinesfalls
auch 90% schlechter.

Sie ist wenn's hoch kommt 15% schlechter.

Und nun überlege ich:
Für den Celvin fallen alle 18 Monate 70 EUR an
und ca. alle zehn Jahre ein neues Scherkopfhaltesystem samt
Arretierung für sagen wir insgesamt 25 EUR.

Für das Geld könnte ich mir alle eineinhalb Jahre einen
neuen Discounterrasierer kaufen, anschließend wegwerfen
und hätte immer noch Geld gespart, dazu hätte ich immer
einen fast neuen Rasierer (und dessen Akku).

Einzig mein blödes Scheißgewissen gegenüber Celvin
und der Umwelt hält mich davon ab, aber eigentlich
müsste man das genauso machen. 

24 November 2022

woran Sie GenX-er erkennen

 
1. uralte Reispackung, noch mit Boomer-Werbung drauf

2. unfancy old school -Mittagessen ausm tiefen Teller,
    unfotogen AF

3. kurz nach elf = schon gegessen + Herd schon wieder geputzt






[ P.S. Sie brauchen mich nicht darauf
hinzuweisen, dass der Herd noch nicht geputzt ist.

Das ist nämlich offensichtlich. ]

22 November 2022

vom allfaserigen Glücklichsein

  [ von der Abwesenheit von Türen, Teil 5 ] 

 


Weiter gehts , Teil 5/5, und dieses Mal hatte ich meine
Antwort schon fertig noch bevor ich die Frage zu Ende
gelesen hatte.


"Wann hast Du Dich zum letzten Mal mit jeder Faser
Deines Körpers glücklich gefühlt und warum?"

Mir fallen zwei (und genau zwei) Situationen ein,
in denen das der Fall war.

Die eine spielt -ich glaube- Winter 1976 und sie spielt genau hier.

Mein Vater geht sonntags immer mit mir in den Wald,
zum Spazieren, es ist ein eiskalter, aber sonniger Wintertag, 
und genau an dieser Stelle stellt er immer seinen orangebraunen
Mercedes ab.

Wir laufen ein paar Schritte vom Auto weg,
und dann ruft er "warte hier" und rennt in Richtung Wald,
in seinem braunmatten Wildledermantel mit den Lammfell-
Appplikationen an Hals und Kragen, mit seiner russischen
braunen Winterfellmütze, und dann dreht er sich um zu mir,
er lacht und strahlt, er geht leicht in die Hocke und dann
sehe ich seine mir ausgestreckten Arme, ich höre seine Stimme
"Komm zu mir, Mickey!"

Und ich laufe.
Ich renne, mit ausgestreckten Armen, ich renne so schnell
ich nur kann, die eiskalte Luft brennt auf meinen Bronchien,
alles egal jetzt, die schneidende Kälte treibt mir die Tränen
beim Laufen aus den Augen, ich fühle, wie sie im Lauf
nach hinten zu meinen Ohren rinnen, doch alles egal,
nur noch wenige schnelle Schritte, dann bin ich in seinen
festen Armen, durch das Wasser in den Augen sehe ich 
alles wie durch einen Strahlenkranz, aber das ist nicht wichtig,
gleich bin ich da.

Und dann springe ich mit aller Kraft, die der kleine Junge 
aufbringen kann den letzten Meter ihm entgegen, in diese
großen, sicheren Arme, er fängt mich, presst mich fest an
seine Brust, wir drehen uns um seine Achse, meine Beine
fliegen unten weg, wir lachen laut auf und halten uns
so fest wie es Menschen nur können.

Das hier ist der perfekte Moment, das hier ist reines Glück.

Und hätte mir damals jemand gesagt, so wird es nie wieder
werden, bald schon nicht mehr mit ihm, und auch danach
nicht wieder mit sonst wem, ich hätte mir ohne zu Zögern,
voller Überzeugung und mit Recht das Leben genommen.




Die andere spielt im Herbst 1997, und sie spielt genau hier.

Wir haben uns kennengelernt auf der Geburtstagsparty 
meiner langjährigsten, engsten Freundin, und obgleich
sie keine Schönheit ist, beeindruckt sie mich sofort,
mit ihren Tanzbewegungen und ihrem engen weißen Pulli
über den massiven Brüsten.

Als ich sie zwei Wochen später in ihrer Studentenwohnung
besuche, explodieren wir, aus den geplanten 3-4 Stunden
werden 5 Tage, die ich dort bleibe, danach sind wir zusammen,
es fühlt sich an nach "für immer".

Jedes Wochenende kaufe ich Rosen und fahre zu ihr,
die Zeit ist voller Glück, voller Nähe, voll blindem
Verständnis, das keine Worte benötigt, Magie herrscht.

Eines Tages nehmen wir einen kleinen Picknickkorb mit
Champagner, Frikadellen, Krabbensalat und Anderem mit
und setzen uns nur wenige Ecken von ihrer Wohnung weg
an den Rhein.

Wir essen, trinken, rauchen, küssen, und ich liebe, wie man
eben nur einen Menschen lieben kann.
Als der Himmel zuzieht, lehnen wir uns aneinander,
ich halte sie fest in meinen Armen, während sie einnickt,
mit dem Gesicht in meiner Halsbeuge.

Kurz darauf beginnt es leicht zu nieseln, aber ich halte
meine auseinander  gestreckten Hände über ihr Gesicht,
damit sie nicht nass wir dund aufwacht.

Langsam fangen meine Haare an, im Nacken herunter
zu tropfen, aber das macht nichts, wichtig ist, dass 
sie trocken bleibt und schlafen kann.
Ich passe auf sie auf und beschütze sie, und wertvoller
als hier und jetzt habe ich mich nie gefühlt.

Das hier ist sie, die Rolle, die ich nie wieder aufgeben
möchte in meinem Leben, das hier ist das Glück, nach
dem ich mich so lange gesehnt hatte, das hier ist die Art
von Liebe, nein, Magie, die ewig brennt und die ein
Leben lang wärmen wird, in dieser Welt der Kälte.

Und keine sechs Monate später wird von all dem
nichts mehr übrig geblieben sein.

Außer dieser Welt, die immer noch ist, wie sie ist.


20 November 2022

von merkwürdigem Curry-Hähnchen-Eintopf, Leben und Sex

 

Dank meiner letzte Küchenexperimente bin ich
ein bisschen mutiger geworden. Das Meiste hat ja
ganz gut geklappt.

Der Suchbegriff "Eintopf" quer über meinen in der Cloud
gehüteten Rezepteordner brachte dann ein schon vor
vielen Jahren abgelegtes* Rezept zum Vorschein namens


* "abgelegt" ist auch so ein GenX-Ding,
man hat ja immer irgendwie Angst, dass
das Internet "mal weg sei" und genau DANN 
braucht man UNBEDINGT seine Rezepte,
weshalb man diese offline und lokal speichert.
weil dann kann man ja 
als Einziger in der Straße
noch kochen, nicht wie all die anderen Dummbeutel,
harrharrhahaaaa,
dabei völlig ignorierend, dass ein Internetausfall auch
mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zusammenfällt mit:
Einem Stromausfall.


Abgesehen davon hatte ich unlängst bereits einen
Hokkaido gekauft und wollte dann aber doch nicht
zum dritten Mal die "Kürbiscremesuppe mit Hackfleisch"
machen - der war also schon mal da.



Das klang perfekt, das war bis auf die Hähnchenbrüste
alles im Haus.

Hinsichtlich der Hähnchenteile diskutierte ich das
kurz mit der Freundin - sie schlug vor, Brustfilets
zu verwenden. Aber weil ich fürchtete, aus denen
ließe sich kein Geschmack rauskochen (und weil
ich es wo immer es geht vermeide, Brühe aus Pulver
einzusetzen), entschied ich mich für:

Hähnchenschenkel mit Haut.


Weil ich keine Lust hatte, Lorbeerblätter und Piment-
körner hinterher aus dem Eintopf zu fischen, setzte
ich ein Gewürzsieb ein. 

Etwas mehr Schärfe sollte der (im Rezept so nicht 
vorgesehene) Ingwer bringen, wenigstens ein bisschen^^.


Auf dem Foto sehen die Schenkel deutlich
kleiner aus, als sie es waren.

Strange...dabei bin ich eigentlich darin geübt,
Dinge eher groß zu fotogr....ach, egal.


Auch standen keine Möhren im Rezept, aber
im Prinzip können Möhren immer mit rein, wenn
Hokkaido auch rein kommt. Vor Allem angebratene 
Streifen gehen immer, probieren Sie die mal im Salat.*



* ich weiiiiß, gleich sagt sie
"Salat ist kein Essen!"

Das Ganze wurde so wie es da ist kurz angeschwitzt
und dann (und hier beginnt der Rezeptfehler aus meiner
Sicht) mit 2,5 (!) Litern Brühe aufgegossen.


Nebenher brät man den gewürfelten Hokkaido und den
in Ringe geschnittenen Lauch separat an.


Suppenhühner zu zerlegen oder Fleisch von Geflügel
zu lösen und zu zerkleinern empfinden Manche als 
Arbeit für Sträflinge.

Ich hingegen empfinde es als meditative Übung.
Mich beruhigt das Feinwerken mit den Fingern 
und das Herstellen von Essbarem.


Bevor die Kürbiswürfel in den großen Topf hinzukommen,
lässt man sie einige Minuten aufgegossen köcheln,
laut Rezeptanweisung.


Anschließend rührt man noch die Dose Kokosmilch
unter und schmeckt mit ordentlich Salz, Pfeffer und Curry ab.

Selbstverständlich schmeckt man zwischendrin
etwa 34x mit einem langstieligen Latte-Macchiato-Löffel
die (blubbernde) Suppe im 25-Sekunden-Intervall ab,
mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass man 
anschließend einen recht pelzigen Gaumen hat,
zum Glück aber nur für zweieinhalb Tage. 
So weit, so gut.

Doch gebe ich mir und dem Rezept insgesamt
eine knappe Schulnote 4.

Die Mengenangaben hinsichtlich der aufzugießenden Brühe
sind mal definitiv falsch, das hier war weitaus zu wässrig.

Und tatsächlich wären weder Hähnchenkeulen (Rezept)
noch Hähnchenbrüste (Freundin)  hier das Mittel der Wahl
gewesen für die Brühe.

Sondern einzig und allein das wirklich Wahre:
Ein ganzes Suppenhuhn und fertig!
Und dann aber 3h in den Topf mit dem Vieh.


Außerdem werde ich nächstes Mal die Kürbiswürfel 
zwar schon auch separat anbraten, aber anschließend pürieren
und aus dem Ganzen dann eine cremige Suppe machen,
während ich das Geflügelfleisch komplett bis zum Schluss
separat lasse.

Apropos Hähnchenfleisch:

Die nach dem Auskochen herausgenommenen
Hähnchenschenkel hatte ich zwar schon sachgemäß
ausgelöst, klein geschnitten und wieder zurück in den
Eintopf gegeben.

Nur: Da verschwanden sie dann auch.

Ich habe sicherlich 5 Teller an 2 Tagen gegessen, und
es war kaum ein Stück Fleisch mehr auffindbar.

Beim nächsten Mal ging ich dann mit der Suppenkelle
wie mit einer Reuse durch meinen Bräter durch, weil
irgendwo doch das verdammte Hähnchen zu finden
sein musste!?

Das hatte mit der Kelle in der Hand ein bisschen was
von "Jagd auf Roter Oktober" ;-).

Am Ende des zweiten Tages kippte ich dann ca. 600 ml
Flüssigkeit weg, behielt den restlichen Eintopf und
fror ihn ein, um ihn an kälteren Wochenenden wieder
aufzutauen und mit Kürbiscremesuppe zu pimpen.




Lektion des Tages:


Mit dem Hähncheneintopf ist es
wie mit dem Leben und dem Sex:

1)  zu viel Flüssigkeit mindert das Genussempfinden

2)  so toll die Dinge auch sein mögen, die man reinsteckt,
     nicht immer ist erfreulich, was man hinterher rauszieht.

3)  tolle Einzelkomponenten garantieren noch kein gutes
     Gesamtergebnis (weitere Beispiele: Titten, Ehe, Eintöpfe, Kollegen)


[na, sehen Sie?
Nun ging es ganz zum Schluss doch noch
um Sex, also maulen Sie nicht ]