07 Oktober 2022

vom ungedankt fürsorglichen Mann

Telefonat mit der Freundin.

Dass mir beim L1DL mein Leergutbon ausm Einkaufswagen
geklaut worden war, wusste sie schon, von meinem Insta-account.

Aber dennoch hatte ich auch gute, frohe Nachrichten für sie!

"Ach, und ich hab Dir was mitgebracht! Die hatten was im
Angebotsgang beim L!DL, da konnte ich unmöglich dran vorbei !"


"Na, jetzt bin ich aber mal gespannt ?"
 
"Ein Garten-Kniekissen ! Das ist was zum Knie-schonen, da hab
ich Dir zwei Stück von mitgenommen !"




"Ach so? aber...Du wohnst doch im ersten Stock,
Du hast doch gar keinen Garten mehr ?!"

"Aber einen Schreibtisch im Büro !"

    ----[ Stille ]----

    ---- [ Pause ] ----

    ----[ hörbar seufzendes Ausatmen ] ----

"Das ist doch jetzt nicht Dein FUCKING ERNST, oder !?!"

"Mein voller !"



Lektion des Tages:
Egal wie man's macht, es ist falsch.


05 Oktober 2022

6x Zahnpasta

 
Der Typ Mensch, der immer alles im Haus haben will,
weil er sonst fürchtet, etwas könnte ja mal fehlen,
der bin genau ich.

Keine Ahnung, wo das herkommt.
Vermutlich von meinem Vater.

Der stets die Auffassung vertrat, man müsse alles
mehrfach, mindestens aber doppelt verfügbar haben.
Im Falle dass eines davon kaputt geht.

Als konkrete Beispiele führte er an: Auto, Kühlschrank, Frau.

Ich könnte nicht bestätigen, dass diese seine Einstellung
und vor allem dessen Umsetzung ihn zu einem glücklicheren
Leben verholfen hätte, im Prinzip war vielmehr sein ganzes Leben
ein gelebtes Gegenbeispiel für das, wie man Dinge tun / lassen sollte.

Aber das spielt für das, was wir glauben und übernehmen wollen
ja keine Rolle.

Für das, was uns steuert und heimlich leitet, ist das
sichtbare Ausbleiben eines Erfolges bei unseren Vorbildern
ja irrelevant:

Wäre es anders, würde eigene erlebte körperliche Gewalt
ja spätestens dann beim eigenen Kind enden.
Das Gegenteil scheint zu oft der Fall zu sein.

Jetzt bin ich zwar etwas abgeschweift und weiß auch noch
nicht, wie ich die Kurve zur Zahnpasta wieder unfallfrei
hinkriegen soll, aber:

In meinem Badezimmerspiegelschränkchen stehen
sechs verschiedene Zahnpastatuben.

Eigentlich sieben, aber die "normale" orange Elm3x fehlt gerade,
sie ist derzeit im Außendienst unterwegs (im Reisekulturbeutel).

Und immer, wenn ich diese kleine Sammlung sehe,
muss ich erst grinsen und dann an meinen Dad denken.







03 Oktober 2022

von Sibylle

 

Auf den durchweg positiv kommentierten User-Fotos
in der KOMOOT-App hatte die kleine Steinbrücke mit
dem Rundbogen offen gesagt weitaus imposanter
ausgesehen als in der Realität, als ich dort ankam,
mitten im Wald.

Fast wäre ich sogar dran vorbei gefahren.

Aber als ich die kleine ebike-Tour in diese Richtung plante,
konnte ich das freilich noch nicht wissen.


Dort nach ca. 1h angekommen mache ich dann das,
was alle anderen auch gemacht hatten (nämlich prätentiöse
Handyfotos, aus möglichst tollen, tiefen Winkeln),
ehe ich weiterfahre. ;-)


Das Problem ist nur, dass die Navi-App sich weigert,
den Weg zu berechnen, weil ich minimal außerhalb des
käuflich erworbenen Kartenbereichs geraten bin.

Leicht missmutig starte ich also die (für Fahrradausflüge
manchmal tödliche) G00gle M4ps-App und lasse mir grob
die Himmelsrichtung des benachbarten Ortes auf der anderen
Seite des Baches anzeigen, den auf ein Bier einen Besuch
abzustatten ich mir spontan vornehme.

Auf dem Weg dorthin komme ich vorbei an einer der vielen
Pferdeweiden, dann stehe ich auch schon mitten im Ort an der Kirche.








Das Handy zeigte in 200m Distanz eine derzeit geöffnete
Wirtschaft mir Außensitzbereich an.

Das ist gut.

Denn einerseits bin ich durstig.
Zweitens ist der Fahrradmotor schon wieder überhitzt.
Und drittens braucht der Akku ebenfalls 'ne Pause.




Ich stelle meine Larissa in den Schatten neben einem
stattlichen Brennholzstapel ab und setze mich unter
einen der Brauerei-Sonnenschirme draußen in den Biergarten.

Außer mir ist nur ein weiterer Tisch belegt.

Eine Frau mittleren Alters und mutmaßlich ihre Mutter
sitzen zwei Nebentische weiter und befinden sich bei der
Speisenauswahl in der Karte.

Es dauert ein wenig, bis die Wirtin aus dem Gebäude kommt,
bis dahin habe ich mich schon auf der ausgehängten Außenkarte
orientiert und weiß auch schon was ich will:

Ein dunkles Weizen und den Burger des Hauses.

Die ältere Dame schätze ich auf Ende sechzig, Anfang siebzig
- und damit werde ich gleich fürchterlich daneben liegen.

Sie hat ein einnehmend freundliches, schwäbisches Gemüt
und ist -ganz unschwäbisch- redselig wie eine Rheinländerin!

Das gefällt mir und binnen 30 Sekunden hat sie mich
überzeugt von der Kombination Schnitzel-Pommes-Salat
und helles Weizen ("das ist besser, das ist vom Fass!")

Letzteres steht schneller auf dem Tisch als ich meine Handys
wegsortieren kann.


Der Beilagensalat kommt auch rasch und wird sich als
der beste Beilagensalat in Jahren herausstellen.

Handgeschabtes, selbst eingelegtes Weißkraut,
handgeraspelte frische Möhren und ein unfassbar leckerer,
lauwarmer schwäbischer Kartoffelsalat.

Ich bin baff erstaunt. Hier esse ich sogar die rote Beete,
sonst grundsätzlich ein no go für mich.



Bald kommt das Essen, ich konnte noch nicht mal mit dem
Beilagensalat fertig werden, alles ist schmackhaft und fein.
Heute habe ich sehr Glück damit, auf eine fremde Empfehlung
gehört zu haben.


Auch die Damen am Nachbartisch haben schon
ihre Essen, auch sie hören sich zufrieden an.

Wie schade, denke ich mir, dass hier so wenig Leute sind.
Ok, es ist unter der Woche, aber das hier hätte mehr an
Besuch wirklich verdient.

Die eigentliche Überraschung geschieht aber erst
nach dem Essen, ich bestelle die Rechnung und gehe erst
fest davon aus, dass die alte Dame sich vertan hat, als sie sagt
"Das macht dann 14,80 EUR."

Und wer beschreibt mein verduztes Gesicht, als ich den als
"Alternative" ausgewiesenen Teller SchniPoSa mit lediglich
8,-- Euro (!) berechnet sehe.

Das ist mir fast peinlich. 
Ich gebe zwanzig Euro, sage "das stummt so", die Dame lehnt
2x erst ab, 2x muss ich insistieren und verspreche, wiederzukommen.



Die herzliche Dame -Sybille- setzt sich nun an den Nebentisch
zu den  beiden anderen Frauen, während ich noch mein Bier
austrinke.

Wie sich herausstellt, betreiben sie und (ihre Schwägerin?) 
die Gaststätte nun allein. Wegen ihres Mannes und seiner
Gaststätte, die dies einmal war, sei sie hier wohnen geblieben.

Weil (ihre Schwägerin?) aber nun auch schon "in einem Alter"
sei, würden sie nun im Herbst drinnen in der Wirtschaft den
Wintergarten aufgeben, es sei alles zu viel.

Außerdem mache ihr die rechte Hand zu schaffen, die linke gehe
ja noch, aber wenn die Teller recht voll aus der Küche kämen,
schaffe die Rechte das nicht mehr.

Wie lange sie das hier schon mache, fragt die ältere der beiden
Frauen.
"Seit ich mit meinem Mann zusammen gekommen bin, wir
waren 65 Jahre lang zusammen, davon 63 Jahre verheiratet!"

In meinem Kopf rattern die Jahreszahlen und ich stelle fest,
dass ich hier mit meiner Altersschätzung wenigstens um
10, eher um 12-13 Jahre daneben lag:

Diese Frau muss um die achtzig sein, das geht nicht anders.

Und dafür kommt sie verdammt agil daher, meine Fresse,
an manchen Morgenden komme ich schlechter ins Bad
als die aus ihrer Küche!

Ja, es sei immer viel Arbeit gewesen, und dann die drei Kinder.   
Mehrmals hätten sie vor der Trennung gestanden, sie habe
ihrem Mann stets gesagt "wenn ich gehe, nehme ich die 
Kinder mit, das weißt Du!" und das habe immer wieder für
ein Weitermachen gereicht.

Eine nicht immer leichte Ehe sei das gewesen, all die 63 Jahre.
Auch in der Gastronomie habe es sehr schwere Jahre gegeben.
Aber sie seien immer irgendwie zusammen durchgekommen.

Ja, und zum Schluss habe sie ihn ja auch noch zusätzlich zu
der ganzen Belastung hier sechs Monate lang zuhause gepflegt.

Und an dieser Stelle verstummen die Gespräche am Nebentisch
und ich spüre, dass eine gemeinsame Lebensgeschichte soeben
zu Ende erzählt wurde.

Die Damen möchten auch zahlen.
"Des machdann gradaus 53 Euro..siehsch amole Riehdda,
da hosch dei Rennde fiar d'Woch au gut nausbracht!"


Und alle Frauen lachen, ich lache mit.
Zeit aufzubrechen.

Ich setze mich wieder auf meine Larissa,
lege den Helm an, schaue lippenbeißend auf die restliche
Akkuanzeige:

Der Weg ist 3x so lang, wie noch Akku da ist, aber es geht
ab jetzt fast nur noch bergab, damit wird der Akku
schon noch reichen.


Auf dem Heimweg komme ich an Longhorns und Apfelbäumen
vorbei und bin einen Moment lang sogar ganz froh darüber,
keine 63-jährige Ehe mehr erleben zu können.