18 April 2025

Wasserstandsmeldung (Brief an die Vorstände - update 2 )

Sie erinnern sich bestimmt noch:

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich meinem
Unverständnis über die Vertriebsführung hier in
unserer Firma einen gewissen Ausdruck verliehen.

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 SPOILER:


Ich habe bei 3 Einschätzungen leicht falsch gelegen:

a) Es hat nicht bis ENDE APRIL gedauert bis die Vorstände
    nervös werden, sondern bis ENDE MÄRZ.

b) die Vertriebsmaßnahmen kommen nicht IM JUNI,
    sondern SOFORT. 

c) das Vertriebs-Incentive kommt nicht IM SEPTEMBER,
    sondern bereits MITTE APRIL.

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Da das erste Vertriebsquartal gelaufen ist,
wäre es an der Zeit für einen ersten Rückblick
und neuen Ausblick:



Die gesamte Entwicklung schreitet schneller voran,
als ich das vermutet hatte. Viel schneller.

Aus Sicht der Führung. waren die Vertriebszahlen
Ende März offenbar besorgniserregend genug, 

Jedenfalls alle außer meinen.
 
Aber alle meine Kollegen sind in ihren Gebieten
jeweils im Minus, und zwar fett zweistellig:


( ich bin der blau unterlegte ganz unten
am Rand. Der ohne ein minus davor. )

Nicht, dass ich irgendwas dazu beigetragen hätte.
Nicht, dass ich irgendwas dafür könnte.

Ich hab von diesem neuen Job genau genommen
immer noch keine Ahnung und bin genau so doof
wie noch vor sechs Monaten.

In Teams-Meetings nicke ich an den strategisch richtigen
Stellen (=z.B. eine Führungskraft spricht gerade) demonstrativ
konzentriert in die Kamera und hoffe, dass keiner schnallt,
dass ich von der Hälfte der auf den Powerpointfolien verwendeten
Abkürzungen nicht einmal deren Bedeutung kenne,
geschweige denn deren Inhalt.

Wenn mal reihum eine Einschätzung und Wortmeldung
von jedem von uns eingefordert wird, dann referiere ich
jovial und langatmig so lange gestenreich über die
Gesamtbedeutung des Themas für das zu erwartende
Betriebsergebnis und den unmittelbar bevorstehenden und
absehbaren Erfolg der durch unsere kluge Führung ergriffenen
Vertriebsmaßnahmen, bis jedes Gesicht im Teilnehmerchat
peinlich berührte Erleichterung ausstrahlt, wenn ich bloß nur
endlich wieder die Klappe halte.

Ich achte auf Großveranstaltungen im Vertrieb genau
auf das aktuelle wording des Vorstandes. 

Dieses Vokabular setzt den neuen Trend. Immer!

Dieses Vokabular wird alsbald komplett runterfärben
auf die niedrigeren Führungsgebenen.

Dort wird es so lange wiedergekäut werden, bis es durch
eine neue Mode und ein neues wording ersetzt wurde.

Vor ein paar Jahren gab es hier einen sehr rustikal-robusten
Vertriebsvorstand mit dunkelrotem Führungsstil und streng
zurückge-Gel-ten Nasslook-Haaren, ein echter Lude und niveau-
moralisch etwa auf dem trumpschen Breitengrad angesiedelt.

Der brachte gerne auch dutzendfach die Phrase "WIR MÜSSEN
JETZT ENDLICH DIE P.S. AUF DIE STRASSE BRINGEN!"


Kurz danach plapperten meine Ex-Chefin und ALLE ihre Kollegen
haar.genau.diesen.Müll in JEDER ihrer Teamrunden nach:

   "Wir müssen nun unsere Möglichkeiten konsequent nutzen
     und die P.S. auf die Straße kriegen."


Wie das die Hohepriester des vorherigen Pharaos halt so machen,
um ihre Köpfe nicht zu verlieren, wenn der alte frisch tot ist und der
neue Pharao grimmig die neue Religion mit Feuer und Schwert verkündet.

Das aktuell präferierte Wording des frischen Vertriebsvorstandes ist:

   FREUDE.

  Es müsse wieder FREUDE machen, raus zu gehen!

  Wir alle brauchen mehr FREUDE, in die Beratungen einzusteigen!

Unser aller Erfolg stehe und falle mit DER FREUDE am Vertrieb!

  Und jeder von uns muss jeden Tag um die Wichtigkeit seines Tuns
  für die Gesellschaft wissen und MIT FREUDE Vertrieb machen!


Wenn mich mein Chef oder mein Bezirksdirektor oder der
Bereichsleiter oder sonst wer fragt, was ich eigentlich gerade
aktuell so den ganzen Tag tue, dann erzähle ich von den vielen,
spannenden TeamsCalls, die ich unermüdlich jeden Tag führte.

Und den vielen, tollen Außenterminen, in denen ich
mein stetes Bestreben in den Vordergrund stelle,
unseren Vertriebspartnern wieder FREUDE am Geschäft,
die FREUDE an gemeinsamen Beratungen zu vermitteln,
um sie so zu mehr Aktivitäten und Umsatz heranzuführen,
dabei aber nie aus den Augen lassend, dass am Ende des Tages *
stets die FREUDE und somit UNSER ALLER ERFOLG
in den von mir betreuten Bereichen stehen müsse.

*auch so eine bullshit-Formulierung,
die aber einfach nicht totzukriegen ist
und daher bisher Alles überlebt hat.
Aber zurück zu den April-Zahlen:

Der neue Vertriebsvorstand ist ein Schnellblicker und
hat sofort gesehen, dass wir alle talwärts fahren.

Er hat auch sofort die Gründe dafür identifiziert.

Prompt hat er 4 neue Stellen/Funktionen bei uns geschaffen,
die exakt das Hauptproblem adressieren und beheben sollen.

Was übrigens DANN gelingen wird, wenn man sie mit den
RICHTIGEN Personen besetzt. Aber auch NUR dann.

Das wird der Vertriebsleiterin unter ihm nicht gefallen haben,
die vor 4 Jahren genau das Gegenteil veranlasst hatte, als sie
diese 4 Stellen ABSCHAFFTE und deren Tage bei uns
meiner Einschätzung nach absehbar gezählt sind.

Ich habe mir diese neue Stellenbeschreibung angesehen.

Sie ist ein Traum.
Sie ist wie auf mich zugeschnitten.


Alle haben mich darauf angesprochen, alle.
Alle Kollegen.
Meine ehemaligen Kollegen aus dem Süden.
Mein Chef, der Angst hat, dass ich weg gehe.

Ich bin bundesweit für diese Position der geeignetste Mann.
Punkt, Ende, aus.

Und ich werde mich trotzdem auf keinen Fall bewerben,
denn hier ist nicht eine ideelle oder gar emotionale,
sondern eine rationale und strategische Entscheidung gefragt.

Diese Stelle hat nämlich 3 wesentliche Probleme.
  1. Sie ist in unserem Firmen-Organigramm an der
    zweitfalschestmöglichen Stelle untergehängt.

  2. Sie ist unabhängig davon auch noch bei den beiden
    falschestmöglichen Disziplinarvorgesetzten angesiedelt.

  3. Ich hatte diesen Job schon dreimal hier in diesem Laden
    - jedes Mal ist er nach 1 bis 4 Jahren wieder abgeschafft
    worden und ich musste mich intern umgucken, wo ich bleibe.
Warum sollte es diesmal anders sein?

Zudem wird in Kürze ein neues Produkt von uns gestartet,
welches die Verkaufszahlen für 2025 aus dem Keller holen soll
und welches es auch dem einfacher gestrickten Simbel
im Verkauf einfacher macht als die bisherigen Produkte.

Das wird -glaube ich- auch eine kurze Zeit lang gut klappen.

In der Zwischenzeit habe ich endlich meine Vertriebsziele
für das laufende Jahr bekommen.

Ich habe sie einmal gelesen, zweimal, dreimal.

Dann habe ich meinen Direktionsbevöllmächtigten
angerufen und ihn gefragt, ob das der Ernst dieses Ladens
sein könnte.

Er bejahte das.

Ob er sicher sei.
Ja, sei er.

Ok, schön.
Dann hab ich ab Mai halt frei für den Rest des Jahres.

'Scheint ein guter Ebike-Sommer zu werden für Herrn Rain.





[ https://islieb.de/ ]


16 April 2025

deepthroat und Müsli: von der Verbeugung vor Frauen


Es ist 09.10 Uhr morgens hier im Kloster und ich sitze scheixxegelaunt beim Frühstück.

Erstens bin ich seit 06.20 Uhr wach, denn die Schweigemeditation beginnt um 07.30 Uhr, gefolgt von einer Stunde Yoga. Das allein würde vor Gericht schon zur Aussetzung auf Bewährung führen, zumindest für die ersten vier Totschläge des Tages.

Zweitens habe ich um diese Uhrzeit normalerweise bereits den dritten Kaffee drin. So gehört es sich auch.

Hier hingegen ist mir der erste Kaffee des heutigen Tages durch eine kleine Unachtsamkeit am Waffensystem Kaffeeautomat (auf welches ich zu keinem Zeitpunkt eine Einweisung bekommen habe) übergelaufen, um sogleich anschließend in den „Störung!“-Modus zu schalten.

Drittens war das Rührei alle. Sie dürfen einige Toleranz von mir erwarten und mit Vielem bin ich im Rahmen klösterlicher Kompromissbereitschaft auch einverstanden, aber ich habe Akzeptanzlimits, zumal wenn unbewaffnet in Sachen Kaffee.

Nach den Einlassungen des großen Ernährungsphilosophen Garfield kann, wer ohnehin schon schlechte Laune hat, auch gleich mit seiner Diät anfangen bzw. gesund essen. Es muss daher einer dieser merkwürdigen, an der Grenze zum temporären Irrsinn mäandernden Gedanken gewesen sein, vielleicht hat auch das viele Meditieren meinen Geist vom Wege ab geleitet?

Jedenfalls steht jetzt, um 09.13 Uhr und immer noch ohne Kaffee, eine Schale Joghurt mit Fruchtstücken und Müsli vor mir, in welcher ein großer Löffel steckt.

Vom Yoga weiß ich: Unachtsam ausgeführte Bewegungen führen mitunter zu ungutem Körperempfinden. Auf KEINEN FALL sollte man ZU WEIT gehen. 

Dieses Feedback gibt mir auch meine Gurgel, als ich im noch nicht voll erwachten Zustand den Löffel samt Joghurt EINE SPUR zu weit in den Rachen schiebe und davon derart würgen muss, dass ich nur mit Mühe meinen Mageninhalt an dem dafür vorgesehenen zu Ort belassen vermag.

Nachdem sich der Schluckapparat beruhigt hat, strömen tiefe Dankbarkeit und Bewunderung durch meinen Geist:

Mir ist EIN RÄTSEL, wie jene Frauen das beim Blasen nur anstellen, welche sich im Rahmen schlimmer geschmacklicher Fehlentscheidungen mit mir Sex zu haben entschieden hatten.

Deepthroat ist nichts weniger als praktiziertes Kunsthandwerk (eigentlich Mundwerk), während ich hier schon bei 5 Millimeter zu tiefem Müslilöffel meinen Schöpfer vor Augen wähne.

Meine Bewunderung bzw. VERwunderung vertieft sich in diesem Moment, als ich mich an das Verlassen der Dusche heute morgen um 06.35 Uhr erinnere:

Der Blick in den Spiegel im Adamskostüm ließ mich am Verstand bisheriger Sexgespielinnen zweifeln, ich konnte mir kaum ausmalen, was für einen verhütungswirksamen Anblick dieser Körper erst bietet, wenn er dann schwitzend und grunzend im planking Modus und aus der Perspektive der Frau von unten betrachtet so richtig zur Geltung kommt.

Fühle mich in ästhetischer Bewertung an den fetten nackten Jabba the Hut erinnert, der Prinzessin Leia im Metallbikini an ihrer Halskette zurückzerrt um sie abzulecken, und dieser Gedanke macht mich hier und jetzt geiler, als er das sollte. 

In diesem Moment kommt der einzige Mann, der noch übelgelaunter ist als ich um die Ecke. Es ist der Koch des Klosters, und auf seinem Weg zum „Störung!“ blinkenden Kaffeeautomaten, vor dem sich eine veritable Schlange wartender Seminarteilnehmer aufgebaut hat, flucht er für Klosterverhältnisse unerwartet explizit und vernehmlich.

Indes vermag er den Automaten wieder in Betrieb zu setzen, und so habe ich nach nur 10 weiteren Warteminuten endlich meinen Kaffee.

Gerade noch rechtzeitig, bevor es um 09.30 Uhr weitergeht mit der „Reise durch den Körper“, und während ich unter einer warmen Decke auf meiner Yogamatte mit geschlossenen Augen liege, stelle ich fest, dass man das mit der „Reise durch Körper“ mit geschlossenen Augen gedanklich auch ganz, ganz anders ausgestalten kann.  

15 April 2025

Dienstfahrt 34 (gg)

Es gab hier viel Text die letzten Tage.

Zeit, nochmal durchzuatmen und etwas Landschaft
mit Musik auf sich wirken zu lassen.

Diese Dienstfahrt hier kennen Sie noch nicht.
Sie ist noch aus den Zeiten in Süddeutschland.

(Es gibt noch einige Unveröffentlichte,
aber ich suche noch nach einem Weg
diese zu releasen 
MIT der Musik darin,
ohne dass die Copyright-Bots
das Ding wieder sperren.)

Steigen Sie ein,
ich nehme Sie mit!

14 April 2025

tales from the sales [part I ]

[ wenn das mit dem "endlich dieses Buch schreiben im Ruhestand"
noch was werden soll, sollte ich langsam mal anfangen
mit der Zettelsammlung.



Natürlich braucht auch diese Sammelbüchse als 
ALLERerstes:  Einen Namen.

Und da "SALES STORIES" als Begriff schon leidlich
 anderweitig missbraucht wird, startet heute:

TALES FROM THE SALES.

Enjoy. ]
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Wir sind in den frühen Nullerjahren, und um diese Zeit treiben sich
-vor allem in den entlegeneren Gebieten der Republik- in unserer
Branche noch einige Gestalten im Verkauf herum, bei denen
keiner so richtig weiß, wie

     a) die dort hingekommen sind
     b) die sich dort noch halten bzw. überleben.

Etliche von ihnen haben den Versicherungsverkauf irgendwann
mal abends nebenher angefangen, als Nebenberuf.

Speziell im Siedlungsgebiet der Sweben und Bajuwaren sind
die Landwirtschaft, Milch- und Nutzvieh nicht selten noch
des Vaters Hauptbroterwerb gewesen.

Und der Sohn (es ist fast nie eine Tochter) wollte dann
irgendwann lieber anders sein Geld verdienen.

In der Mehrheit der Fälle hatte es für die seitens der Eltern
mal gerne, mal weniger gerne gesehene akademisch fundierte
Karriere nicht gereicht.

Also: Versicherungsverkauf.
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       Frühjahr 2002.

Wenn man als Jüngster neu in ein etabliertes Team aus
Spezialisten hinzukommt und gleich mal eine neu geschaffene
Aufgabe/Funktion übernimmt, gehört es zum guten Usus,
den Frischling erst einmal auf dessen Vorstellungsrunde
zu den anerkannten Vollidioten im Vertrieb raus zu schicken.

Dieses Vorgehen hat im Wesentlichen dreierlei Zielsetzung:

     1) man kann dokumentieren, dass einer ausm Team "es dort
         noch mal probiert hat"
, einen Schritt voran zu kommen.

     2) der Frischling soll sich gleich anfangs die blutige Nase holen.

     3) das Team braucht endlich mal wieder was zu lachen.

Weil ich bei 3) nicht ganz mitspielte, heiratete ich
aus Rache 
eine von denen, aber das könnte
erstens auch ein wenig anders 
gelaufen sein damals
und zweitens hab ich das schon mal erzählt.

Also: Ich fahre raus und stelle mich bei den Vertriebspartnern vor.

Es wird -mit wenigen Ausnahmen- ein kleines Desaster.
Okay, liegt vielleicht auch an mir.

Ganz an der Ostgrenze meines Betreuungsraumes lebt:  Ulli.
Nennen wir ihn einfach Ulli.

Man soll einen Menschen keinesfalls nach seinem Aussehen 
oder Erscheinungsbild beurteilen, aber ich verspreche Ihnen:

In DEM Fall wird Ihnen das SCHWER gemacht:

Stellen Sie sich einen in einfachen, kurzen Hauptsätzen redenden
150 kg Oger mit engstehenden Augen, hoher Stirn unter der
strohigen Mecki-Frisur und den -außerhalb des UK-
Festlandes- schiefsten und schlechtesten Zähnen,
die Sie jemals sehen werden.

Jetzt stecken Sie das Ganze in den einzigen in diesem Formformat noch
erhältlichen Anzug (der daher kein guter mehr sein kann), und fertig -

Sie haben nun ein gutes Bild.

Nun schaffen aber die schwäbischen Frauen der Ostalb das Kunststück,
selbst bei einem von Zirkelstammbäumen und Dorfheiratsbrauchtum
geprägten Habitat sich noch ein gewisses Minimalmaß an Anspruchsdenken
zu erhalten.

Aus diesem Grund zieht Ulli die nachvollziehbare (da einzige) Option
und reist mehrmals im Jahr nach Thailand. Und nicht zum Wandern.

Mutmaßlich erlauben die dortigen Habitate weitaus geringeres
Anspruchsdenken unter den Weibchen - jedenfalls heiratet er dort
eine Thailänderin und die kommt auch mit nach Deutschland
und besucht regelmäßig ihre Familie daheim in Khao Lak.

In diesen Phasen fährt Ulli ebenfalls nach Thailand.

Allerdings nicht zu seiner Frau.
Und auch nicht an den gleichen Ort.

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       Frühjahr 2005.

Es lässt sich leider auch bei den hoffnungslosen Fällen nicht
immer vermeiden, dass ich sie besuche.

Ulli ist im späten Frühjahr 2005 -leider- wieder dran.

Weil ich die Anreise mit einem Mittagessen bei den damaligen
Schwiegereltern verbinden und anschließend noch beim
"Schuh Herrmann" vorbeischauen kann, nehme ich es gelassen.

Da sitze ich also ihm (er telefoniert) gegenüber in seinem
schäbigen Sperrmüll-möblierten Siebzigerjahre-Büro,
dessen defekte  Streifenlamellen an den milchigen Scheiben
nach Jahrzehnten im kalten Zigarttenrauch riechen -

da geht die Tür auf und eine asiatische Frau mit einem
kleinen Kind auf dem Arm tritt ein.

Erst halte ich sie für eine Kundin.

Doch dann geht die Frau wortlos und selbstverständlich
hinter den Schreibtischen vorbei und verschwindet im
Hinterzimmer bzw. in der Büroküche.

Ulli sieht sie ohne zu reagieren und telefoniert weiter.

Die Frau kommt mit einem Schlüsselbund in den Händen
zurück und verlässt ebenso wort- und grußlos das Büro.

Die Tür fällt hinter ihr wieder ins Schloss.
Durch das Schaufenster sehe ich sie noch die Straße hochlaufen.

Ulli beendet das Telefonat auf seinem Spiralkabeltelefon
und legt den vor Ohrschmalz und Schorf speckenden Hörer
auf die Marlboro-vergilbte Gabel.

Er erklärt mir zum zehnten Mal, warum hier, wo er lebt,
keine Umsätze möglich seien.

Ich schreibe es zum zehnten Mal widerspruchsfrei auf
und verabschiede mich zum Mittagessen bei Schwiegermama.

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       Sommer 2006.

Ich frage die damalige Lieblingskollegin Andressa (die Regional-
Leiterin unseres Gebietes) ob wir Freitag mittags zusammen essen
gehen zum Wochenausklang.

Sie verneint, sie habe einen wichtigen Termin zusammen mit unserem Chef.

Dabei tut sie ein bisschen zu sehr wie "random abwesend".
Irgendwas passt da nicht.

Die Woche drauf montags platzt dann die Bombe.
Der Hergang geht etwa so:

Ulli hatte seine Thai-Frau bei unseren eigenen Laden lebensversichert.

Weil die Todesfallsumme ohne nähere Einkommensnachweise damals
bei EUR 250.000 lag, betrug die an ihn auszuzahlende Summe im Fall
ihres Todes -surprise, surprise- EUR 250.000.

Ulli hatte seine Frau in Deutschland als vermisst gemeldet, als sie während
des Tsunamis Ende 2004 aus Khao Lak nicht zurückgekehrt und nicht
mehr erreichbar gewesen war.

Ziemlich zeitgleich hatte er bei den Behörden in Khao Lak beantragt,
die Todesfeststellung einzuleiten.

Eine entsprechende Urkunde wurde ihm zugestellt.

Mittels dieser konnte Ulli seine Frau für tot erklären lassen und die
Auszahlung der Risikolebensversicherung rechtmäßig einleiten.
Was unser Unternehmen auch tat.

Indes, irgendwas schien mit den Papieren aus Khao Lak nicht ganz
gepasst zu haben. Und mit mutmaßlich vielen weiteren damals schnell
ausgestellten Urkunden ebenfalls nicht - jedenfalls hatten die lokalen
Behörden anderthalb Jahre lang weiter ermittelt.

In der ersten Jahreshälfte 2006 meldet sich dann die Polizei in Khao Lak
bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart.

Unter anderem mit einer heimlichen Videoaufnahme.
Welches den Bang Niang Wochenmarkt in Khao Lak zeigt.

Auf welchem die angeblich tote Ehefrau beim Einkauf zu sehen ist.



Die schwäbischen Ermittlungsbehörden stoßen alsbald auf die
Zahlungsströme der Todesfallauszahlung und informieren den
auszahlenden Versicherer - also uns.

Parallel dazu wird sein Versicherungsbüro observiert - und die 
nach einigen Wochen dort wieder ein- und auskehrende Frau als
die verschollen dokumentierte tote Ehefrau identifiziert.

Unsere Revisionsabteilung reagiert schnell.
Die IT bereitet alles termingenau vor.
Der Vertrieb bekommt Handlungsanweisungen.

Und dann stehen mein Chef, Andressa, der IT-Spezialist und
der angereiste Revisionsmann Freitag mittag kurz vor Ladenschluss
in der Bürotür des völlig verdutzen Ulli und händigen ihm die
fristlose Kündigung aus, bauen unsere per Fernwartung zuvor
blitzartig gesafelockte Computer ab, dokumentieren die ausgehändigten
Papiere und der Mann von der Revision informiert Ulli über die
heute erfolgte Betrugsstrafanzeige.

Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei.

Monate später enden unsere Versuche, die Betrugssumme von
Ulli zurückzuerlangen mit der Abgabe seiner eidesstattlichen
Versicherung. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst die Insolvenz
vorangetrieben.

Zahlungen an seine Ehefrau können nicht nachgewiesen werden
und wären ohnehin nutzlos - es besteht ein Ehevertrag und seinen
eigenen Angaben zufolge hat er das Geld ohnehin in
asiatischen Casinos verzockt.

Dies ist im Prinzip nicht mal unglaubhaft - seine Spielerkarriere
ist jahrelang ein gehütetes, aber offenes Geheimnis.

Kein Jahr später arbeitet er wieder anderswo in unserer Branche.

Und wie mir Google Maps bestätigt:
Auch noch im gleichen Büro.

13 April 2025

ab ins Kloster!

     Meine Damen und Herren:

Ab heute stehen BILDUNG und ERHOLUNG
auf meinem Programm.

Für eine Woche ziehe ich mich in die klösterliche
Abgeschiedenheit zu den Salvatorianern zurück.

Der Kurs dort nennt sich "Mindfulness-Based Stress Reduction".

Als jemand, der schon zweimal in Psychotherapie,
einmal auf Antidepressiva war und zwischendrin den einen
oder anderen Weinkeller leergesoffen hat, sehe ich ihn als
geeigneten Weg zur künftigen Prophylaxe in Eigenarbeit.

Nicht, weil ich es akut nötig hätte. Es geht mir blendend.

Sondern weil ich nicht vorhabe, eines der drei vorgenannten
Medien (oder Schlimmeres) wieder zu einem relevanten Teil
meines Lebens werden zu lassen.

Und abgesehen davon gibt es 5 Tage Sonderurlaub,
da anerkannter Bildungsurlaub.

Ich kann Frau Mirtana nicht genug dafür danken,
dass sie mich auf den Trichter gebracht hat.

Übrigens nehme ich auch die seit 14 Monaten noch
originalverpackten Laufschuhe mit.

Vielleicht wird's ja was damit.
Der Maschinist hatte mich wieder angefixt dazu.
Und man wird ja noch von Erfolgen träumen dürfen.

Alternativ suche ich mir vor Ort was zum Vögeln.
Vielleicht haben die im Kloster ja eine Dungeon?
In meiner Phantasie haben ALLE Klöster so was!

Und sollten alle Stricke reißen:

Ich habe Gitarre und Verstärker im Kofferraum.
Mein letzter selbst geschriebener Song ist von 2003,
auch schon wieder viel zu lange her.

     Gehaben Sie sich wohl.



[  Discessum ad monasterium ]