13 Mai 2023

vom Fallschirm und Rettungsboot



Als die drei Frauen aus der gleichen Firma eines vormittags
miteinander teamsen, ist unser letztes Treffen mit einer von ihr,
der Chefin, vielleicht 2 Monate her.

Das war an ihrem Ende-dreißigsten Geburtstag gewesen.

Ein wahrlich rauschendes Fest war das, bei einem Italiener
um die Ecke am alten Wohnort der Eltern der beiden
blonden, quirligen Söhne im Kindergartenalter, die ich
auch schon hatte kennenlernen dürfen.

Um die 28 Gäste waren wir gewesen, in dem kleinen,
schnuckeligen Restaurant mitten im Stadtteil.

Was uns aber nicht daran gehindert hat, über 40 Flaschen
Wein wegzusaufen. Und da waren Bier und Begrüßungs-
Sekte noch nicht mal mit drin.

Auf dem Bürgersteig waren wir umgefallen hinterher
und ich kann kaum noch nachvollziehen, wie ich es
geschafft hatte, uns noch irgendwie ein Taxi zu besorgen.

Aber zurück zur Chefin des Weiberhaufens.

Eine tolle Frau, fand ich damals schon sofort.
Fröhlich, stand- und trinkfest, attraktiv, ein tolles
Ausdrucksvermögen. Eine Drahtseilnerven-Mama.
Und dieser Humor.

Sie merken schon, 'ne?
Als wir ein paar Monate zuvor bei der vor-Renovierung-
Einweihung des frisch gekauften Hauses bei denen daheim
durch die entkernten Räume gestiefelt waren, hatte ich absolut
Bauklötze gestaunt:

Ein nahezu perfektes Haus. Mit riesig viel Platz am Ende einer
Sackgasse im Speckgürtel um Köln - in perfekter Lage.

Dazu ein fleißiger, netter fröhlicher Mann mit eigener Firma und
-wie gesagt- zwei wunderbaren, gesunden Jungs.

Es tut nicht einmal weh zuzugeben, dass ich damals ein wenig
mit gesenktem Kopf durch den parkähnlichen Garten bei den
Vieren in ihrem baldigen neuen Heim gestiefelt war und mir
gedacht hatte:

Und was hast DU so hinbekommen?
Eine eigenhändig zerschleuderte Ehe.

Davor eine rechtzeitig gelöste Verlobung.
Weit davor eine Liebe, die Dich und das Kind
nicht behalten wollte.
Super.

Nicht, dass Du das Allermeiste von all dem wirklich hättest
haben wollen, im Nachhinein.
Aber schon gut so, denn: Erreicht hast Du es ja eh nicht.

Und 'immer gut, etwas Anderes zu wollen
als das, was man ohnehin nicht hat erreichen können.


Ein wenig...sagen wir bewundernd hatte ich auf die beiden
und ihre Kinder und ihr baldiges Heim geschaut.
Wenig später zogen sie dorthin um.

Zurück in der Gegenwart.

Die 3 Frauen sind im Firmen-weekly-call und da bricht
die Chefin auf einmal schluchzend zusammen.

Schon ganz am Anfang, vor mehr als dreizehn Jahren,
habe ihr Mann seinen Alkoholkonsum nicht immer im Griff
gehabt, aber nun sei es unerträglich geworden. Teilweise 
sei er morgens halb elf schon nicht mehr ansprechbar.

Seine Selbständigkeit leide massiv unter seinen Ausfallzeiten.
Der Kindergarten habe sie besorgt angesprochen, dass der
Vater seine Kinder mittags zunehmend in einem Zustand abholte,
in dem die Kinder eigtl. nicht mehr ausgehändigt werden dürften.

Anders als früher werde er inzwischen auch ausfallend und laut,
wenn sie ihn darauf anspräche. Intimitäten habe es in diesem
Umfeld seit Monaten keine mehr gegeben.

Die Situation sei vor den beiden Jungs nicht mehr zu verbergen.
Vor Allem der Kleinere komme immer öfter zu ihr, umarmte sie
mit Gorillagriff und beteuere intensiv, wie sehr er Mama lieb habe.
Bevorzugt kurz nach einer der häufigeren Auseinandersetzungen
seiner Eltern.

Doch nun sei sie am Ende und habe ihn vor die Tür gesetzt.
Seinen Bruder und seine Eltern habe sie mit eingebunden.
Entweder er begäbe sich in den Entzug und in die Therapie,
oder das sei es gewesen mit ihrer Ehe.
Trotz frisch umgebautem Haus und dann wieder aufzugebendem
Vollzeitjob und Personalverantwortung und Allem.

Betretenes Schweigen im VideoCall.

Nach wenigen Sekunden ergreift die zweite Frau das Wort.
"Bei uns ist es das Gleiche..." zögert sie erst noch.

Doch dann berichtet auch sie vom jahrelangen Trinken ihres
Freundes, von den vielen Ausfalltagen, von gewalttätigen
Auseinandersetzungen und nach dem letzten Wochenende,
wo er so betrunken gewesen sei, dass er in den Wohnzimmer-
Glastisch gefallen sei und sich dabei zwei Rippen gebrochen
habe, von ihrer Androhung die Beziehung zu beenden und dann
seiner Einsicht in letzter Sekunde, sich um einen Therapieplatz
zu kümmern. Den er antreten kann, sobald die Rippen verheilt
sein werden.

Erneute Stille im Call.

Und das war (ohne dass ich dabei war) wohl der Moment,
in dem meine Freundin ganz froh war, nur den Typen
zu haben, den sie hat.Und einfach nur Schweigen zu dürfen.

Nicht mit einstimmen zu müssen in Berichte über
Horrorerlebnisse und Gewalt und Tränen.

Kein Zweifel:
Manche Menschen sind erheblich gefährdeter als Andere.
Auch ich muss aufpassen, Suchtverhalten habe auch ich
schon ab und an mal an den Tag gelegt.

Zwar zum Glück nie für lange.
Aber auch ich habe schon mal monatelang an 26 von 31
Abenden Alkohol getrunken.
Und tagsüber kreisten nennenswerte Teile meines
Gedankentages um den Abend. Und Alkohol.

Und schon seit ich Azubi war, endete jeder
"sind Sie suchtgefährdet?"-08/15-Test mit "dunkelrot".

Auch, wenn ich mich so gut wie immer besser und wohler
unter Alkohol gefühlte hatte als im Normalzustand:

Ich hab' schon fürchterliche Rückmeldungen bekommen zu
meinem Verhalten unter Alkoholeinfluss.
Und ich denke oft an sie.

Aber bisher hat mich irgendwas immer noch rechtzeitig
gerettet. Lang habe ich darüber nachgedacht, was mich
irgendwann doch immer wieder die Kurve rechtzeitig
kriegen lässt und ich dann monatelang völlig akzeptabel
konsumiere, seien es Spiele, Alkohl oder sonstwas.

Das Ergebnis hat mich offen gesprochen nicht beruhigt.

Es ist nicht die Verantwortung mir selbst gegenüber.
Es ist auch nicht die Verantwortung Anderen gegenüber.

Es wäre auch nicht etwa eine verlorene Selbstachtung,
keine Sorge vor einer Geldnot,
keine Furcht vor Ansehensverlust,
keine Angst vor dem Abwenden von Freunden.

Nein, was mich wirklich abhält von einem allzu ungesunden
und unkontrollierten Verhalten ist allein die Furcht vor dem
Entzug
und -vor allem- die Erkenntnis, danach nie wieder
etwas Alkoholisches trinken zu dürfen.

Und wenig erscheint mir vermeidenswerter als diese Situation.
Etwas nicht mehr zu können, weil man es nicht mehr darf.

Und so vermeide ich allzu viele von den Fallschirmen und
den Rettungsbooten, wie Grönemeyer es ausdrückte.

Damit sie mir nicht irgendwann ganz verloren gehen.




10 Mai 2023

Absage

 
Wenn man nach seiner Bewerbung zu einem "Feedbackgespräch"
eingeladen wird, weiß man im Prinzip ja schon:

Hier geht das nicht weiter für Dich.
Das ist ein Absagebegründungstermin.


Weil ja einer der wesentlichen Negativpunkte der Bewerber
in solchen Gesprächen jener ist, dass man nicht wirklich erfährt,
weshalb man aus dem Rennen ist, dies andererseits aber auch
eine Menge Ärgerpotential für die Einstellenden bietet
(nämlich dann, wenn sich ein Bewerber auf den Schlips getreten
fühlt und die Firma wegen vermuteter Ungleichbehandlung verklagt),
tut sich diese offene Flanke heutzutage kein Arbeitgeber mehr geben, 
der bei Verstand ist.

Wichtig ist auch, in so einem Feedback-Ablehnungsgespräch
wenn möglich möglichst mehrere Faktoren zu nennen, die zur
Ablehnung geführt haben, damit der Bewerber nicht auf die Idee
kommt, wegen eines singulären Grundes (womöglich juristisch
anfechtbar)  aussortiert worden zu sein.

Beispielsweise nennt man dann 1 fehlenden Punkt aus den harten,
funktionserfordernden skills (harte Faktoren, derzeit für die
Einstellung hier und jetzt nicht vorzeigbar) und dann noch 1 fehlenden
Punkt aus den weichen, persönlichkeitsbezogenen Skills
(weiche Faktoren, die zeitpunktunabhängig der Einstellung
ganz grundsätzlich im Wege stünden).

Nimmt man Beides zusammen als Absagegrund, entzieht man sich
bestmöglich einer monokausalen (womöglich juristisch heiklen)
Vorwerfbarkeit.

Man ist gut beraten, in solchen Feedbackgesprächen,
gerade auch per VideoCall, aufmerksam zuzuhören.

Erstens kann man ja was über sich lernen.

Zweitens kann man ja was über die lernen.

Drittens kann man sein oben ausgeführtes Bild von HR-Leuten
einer Realüberprüfung unterziehen.

In meinem Fall dauerte der Online-Feedbacktermin,
Wetter-Smalltalk und Urlaubstage-Geplänkel einbezogen:
Exakt 6 Minuten.

In dem sehr freundlichen und unvorwerfbar offenen Gespräch
wurden mir die 2 Gründe genannt, wegen derer es für mich
nicht weiter in die nächste Runde ginge:

1. Zweifel an der Teamfähigkeit (soft skill / permanent lack)
2. Zweifel an der Trainerbefähigung (hard skill / temporary lack)

Beides in Summe führte dann zum Ausscheiden aus dem Rennen.
Nahezu mustergültig wie aus dem Lehrbuch abgesagt.

Nun muss man fairerweise dazu sagen, dass es absolut Gründe
gegen mich als Trainer dort gäbe. Reihenweise sogar.

Aber eben solche, die zwar ehrlich(er) gewesen wären in meinen
Augen, die aber allesamt angreifbar gewesen wären im Nachhinein.

Vielleicht muss man sich vor Augen führen, 
dass solches HR-Verhalten einfach nur menschlich ist:
Keiner macht sich mehr Ärger als theoretisch möglich,
nicht für einen Fremden.

Und ein Fremder bin ich nun mal.
Einer von über 70 Bewerbern.

Hält mich das auf? Nein, das tut es nicht.

Schon morgen geht es weiter.
Mit dem nächsten Bewerbungsgespräch.

Zeit für eine kleine Autofahrt.

Haltet mich nicht auf :-).