miteinander teamsen, ist unser letztes Treffen mit einer von ihr,
der Chefin, vielleicht 2 Monate her.
Das war an ihrem Ende-dreißigsten Geburtstag gewesen.
Ein wahrlich rauschendes Fest war das, bei einem Italiener
um die Ecke am alten Wohnort der Eltern der beiden
blonden, quirligen Söhne im Kindergartenalter, die ich
auch schon hatte kennenlernen dürfen.
Um die 28 Gäste waren wir gewesen, in dem kleinen,
schnuckeligen Restaurant mitten im Stadtteil.
Was uns aber nicht daran gehindert hat, über 40 Flaschen
Wein wegzusaufen. Und da waren Bier und Begrüßungs-
Sekte noch nicht mal mit drin.
Auf dem Bürgersteig waren wir umgefallen hinterher
und ich kann kaum noch nachvollziehen, wie ich es
geschafft hatte, uns noch irgendwie ein Taxi zu besorgen.
Aber zurück zur Chefin des Weiberhaufens.
Eine tolle Frau, fand ich damals schon sofort.
Fröhlich, stand- und trinkfest, attraktiv, ein tolles
Ausdrucksvermögen. Eine Drahtseilnerven-Mama.
Und dieser Humor.
Einweihung des frisch gekauften Hauses bei denen daheim
durch die entkernten Räume gestiefelt waren, hatte ich absolut
Bauklötze gestaunt:
Ein nahezu perfektes Haus. Mit riesig viel Platz am Ende einer
Sackgasse im Speckgürtel um Köln - in perfekter Lage.
Dazu ein fleißiger, netter fröhlicher Mann mit eigener Firma und
-wie gesagt- zwei wunderbaren, gesunden Jungs.
Es tut nicht einmal weh zuzugeben, dass ich damals ein wenig
mit gesenktem Kopf durch den parkähnlichen Garten bei den
Vieren in ihrem baldigen neuen Heim gestiefelt war und mir
gedacht hatte:
Und was hast DU so hinbekommen?
Eine eigenhändig zerschleuderte Ehe.
Davor eine rechtzeitig gelöste Verlobung.
Weit davor eine Liebe, die Dich und das Kind
nicht behalten wollte.
Super.
Nicht, dass Du das Allermeiste von all dem wirklich hättest
haben wollen, im Nachhinein.
Aber schon gut so, denn: Erreicht hast Du es ja eh nicht.
Und 'immer gut, etwas Anderes zu wollen
als das, was man ohnehin nicht hat erreichen können.
Ein wenig...sagen wir bewundernd hatte ich auf die beiden
und ihre Kinder und ihr baldiges Heim geschaut.
Wenig später zogen sie dorthin um.
Zurück in der Gegenwart.
Die 3 Frauen sind im Firmen-weekly-call und da bricht
die Chefin auf einmal schluchzend zusammen.
Schon ganz am Anfang, vor mehr als dreizehn Jahren,
habe ihr Mann seinen Alkoholkonsum nicht immer im Griff
gehabt, aber nun sei es unerträglich geworden. Teilweise
sei er morgens halb elf schon nicht mehr ansprechbar.
Seine Selbständigkeit leide massiv unter seinen Ausfallzeiten.
Der Kindergarten habe sie besorgt angesprochen, dass der
Vater seine Kinder mittags zunehmend in einem Zustand abholte,
Anders als früher werde er inzwischen auch ausfallend und laut,
wenn sie ihn darauf anspräche. Intimitäten habe es in diesem
Umfeld seit Monaten keine mehr gegeben.
Die Situation sei vor den beiden Jungs nicht mehr zu verbergen.
Vor Allem der Kleinere komme immer öfter zu ihr, umarmte sie
mit Gorillagriff und beteuere intensiv, wie sehr er Mama lieb habe.
Bevorzugt kurz nach einer der häufigeren Auseinandersetzungen
seiner Eltern.
Doch nun sei sie am Ende und habe ihn vor die Tür gesetzt.
Seinen Bruder und seine Eltern habe sie mit eingebunden.
Entweder er begäbe sich in den Entzug und in die Therapie,
oder das sei es gewesen mit ihrer Ehe.
Trotz frisch umgebautem Haus und dann wieder aufzugebendem
Vollzeitjob und Personalverantwortung und Allem.
Betretenes Schweigen im VideoCall.
Nach wenigen Sekunden ergreift die zweite Frau das Wort.
"Bei uns ist es das Gleiche..." zögert sie erst noch.
Doch dann berichtet auch sie vom jahrelangen Trinken ihres
Freundes, von den vielen Ausfalltagen, von gewalttätigen
Auseinandersetzungen und nach dem letzten Wochenende,
wo er so betrunken gewesen sei, dass er in den Wohnzimmer-
Glastisch gefallen sei und sich dabei zwei Rippen gebrochen
habe, von ihrer Androhung die Beziehung zu beenden und dann
seiner Einsicht in letzter Sekunde, sich um einen Therapieplatz
zu kümmern. Den er antreten kann, sobald die Rippen verheilt
sein werden.
Erneute Stille im Call.
Und das war (ohne dass ich dabei war) wohl der Moment,
in dem meine Freundin ganz froh war, nur den Typen
zu haben, den sie hat.Und einfach nur Schweigen zu dürfen.
Nicht mit einstimmen zu müssen in Berichte über
Horrorerlebnisse und Gewalt und Tränen.
Kein Zweifel:
Manche Menschen sind erheblich gefährdeter als Andere.
Auch ich muss aufpassen, Suchtverhalten habe auch ich
schon ab und an mal an den Tag gelegt.
Zwar zum Glück nie für lange.
Aber auch ich habe schon mal monatelang an 26 von 31
Abenden Alkohol getrunken.
Und tagsüber kreisten nennenswerte Teile meines
Gedankentages um den Abend. Und Alkohol.
Und schon seit ich Azubi war, endete jeder
"sind Sie suchtgefährdet?"-08/15-Test mit "dunkelrot".
Auch, wenn ich mich so gut wie immer besser und wohler
unter Alkohol gefühlte hatte als im Normalzustand:
Ich hab' schon fürchterliche Rückmeldungen bekommen zu
meinem Verhalten unter Alkoholeinfluss.
Und ich denke oft an sie.
Aber bisher hat mich irgendwas immer noch rechtzeitig
gerettet. Lang habe ich darüber nachgedacht, was mich
irgendwann doch immer wieder die Kurve rechtzeitig
kriegen lässt und ich dann monatelang völlig akzeptabel
konsumiere, seien es Spiele, Alkohl oder sonstwas.
Das Ergebnis hat mich offen gesprochen nicht beruhigt.
Es ist nicht die Verantwortung mir selbst gegenüber.
Es ist auch nicht die Verantwortung Anderen gegenüber.
Es wäre auch nicht etwa eine verlorene Selbstachtung,
keine Sorge vor einer Geldnot,
keine Furcht vor Ansehensverlust,
keine Angst vor dem Abwenden von Freunden.
Nein, was mich wirklich abhält von einem allzu ungesunden
und unkontrollierten Verhalten ist allein die Furcht vor dem
Entzug und -vor allem- die Erkenntnis, danach nie wieder
etwas Alkoholisches trinken zu dürfen.
Und wenig erscheint mir vermeidenswerter als diese Situation.
Etwas nicht mehr zu können, weil man es nicht mehr darf.
Und so vermeide ich allzu viele von den Fallschirmen und
den Rettungsbooten, wie Grönemeyer es ausdrückte.
Damit sie mir nicht irgendwann ganz verloren gehen.

