31 Mai 2024

von Tupper und Butter

 
Stehe mit frisch gewaschenen Händen in der Küche
vor dem geöffneten Küchenschrank und starre
verwirrt in ebenjenen.

Es handelt sich um den Teil der Küche, in dem
sämtliche Schüsseln, Behälter und Mikrowellenteller
von Tupperware lagern, und ich weiß intuitiv nur,
dass ich hier gerade falsch bin.

Erstens lagern hier gar nicht alle Tupper-Sachen.

Nie und nimmer würde mein Bestand, selbst infolge
post-ehelicher Aufteilung auf ein Minimum geschrumpft,
je ausreichen, um ihn in einem Schrank unterzubringen.

Zweitens ist das, was ich suche, nicht in diesem Schrank.

Weil -soviel ist mir jetzt bereits klar- das, was ich suche,
kein Tupper-Element ist.

Leider fällt mir jetzt, nur wenige Sekunden nach Öffnen
des Schrankes, aber auch partout nicht mehr ein,
wonach ich hier tatsächlich und vergeblich
gesucht haben könnte. Tupper ist es jedenfalls nicht.

Schließe die Küchenschranktür wieder und diszipliniere
meine in frustrierte Unruhe fallende Atmung.
Beginne zu verstehen, weshalb demente Menschen mit
zunehmender Progredienz so aggressiv werden.

Sehe mich um.

Bemerke auf der Spüle die zum Abtropfen auf dem Kopf
stehenden (weil frisch gespülten) Einzelteile der Butterdose
aus Keramik.

Da guck an, die nächste Merkwürdigkeit:
Ich habe dafür doch eine Spülmaschine?!
Wieso spüle ich das von Hand?

Aber ah, okay, das erklärt immerhin die nassen Hände.
Wir sind einen Schritt weiter.

Sehe mich weiter um.
Auf dem Herd liegt eine prall gefüllte Brötchentüte
vom Bäcker Nelles.

Stimmt, ich war ja dabei, Frühstück zu machen.
Stimmt, und dann fiel mir auf, dass die Butterdose
fast leer war, und deshalb wollte ich sie vor dem 
Frühstücken noch schnell von Hand sauber spülen und
dann - wieder auffüllen.

Mit Butter. Neuer, frischer Butter.

Butter, Rain, BUTTER, nicht TUPPER!!
GottverficktescheißewasistnurmitDeinemGehirn.

Gehe einen Schritt weiter, am Tupperschrank vorbei,
öffne die Kühlschranktür und hole die bereitgelegte Butter
heraus, trockne die Butterdose vollends ab, befülle sie mit 
neuer frischer BUTTER und rufe die Liebste dann
ins Obergeschoss hinunter zur Frühstückseinnahme.

28 Mai 2024

Is it this

 
In seinem Wohnzimmer stehen jener Gitarrenverstärker und die
große ENGL-Box, die bis vor Kurzem noch mir gehörten
und welche in Ermangelung der "großen zwei" limitierenden Parameter
(Geldbedarf und Platzbedarf) nun ihm gehören.

Sein eigener Verstärker steht gleich daneben,
ebenfalls ein ENGL-Top. Unsere Sound-Präferenzen
hatten sich über die Jahre immer weiter angenähert.



Da stehen wir nun, er in Flip-Flops, ich in nicht ganz
altersgerechten Stoffsneaekern in Jeansoptik, und wir
stöpseln unsere E-Gitarren in die jeweiligen Verstärker.

So stehen wir also da, ziehen fragend die Augenbrauen hoch
und warten darauf, dass der Andere etwas sagt - die Situation
bringt uns instant zum Lachen!

"Wann sind wir das letzte Mal zusammen mit umgehängten
Gitarren in einem Raum gestanden? Das muss...24 Jahre her
sein, richtig?"
spreche ich aus, was mich beschäftigt.

Er grinst über meinen Rechenfehler,
den typischen Rechenfehler, der alle Ü-Fü's als solche brandmarkt:

Erst vor 4 Jahren hatte ich über Achim genau so gegrinst,
als dieser mich vor versammelter Partymannschaft auf seinem
50. Geburtstag als alten Schulfreund vorgestellt hatte,
welchen er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hätte!

Und dem die Gesichtszüge entgleisten, als ich ihm grinsend
eine Hand mit drei ausgestreckten und eine Hand mit
null ausgestreckten Fingern entgegengestreckt hatte.

Und genau SO wie ich damals grinst Tom jetzt:
"VierundDREISSIG, meintest Du!"

Und nun schaue ich genau so wie damals Achim
und wir lachen erneut.

Es stimmt - beim letzten gemeinsamen Jammen lebten ja
unsere Väter beide noch. Nun sind wir froh, jeder aus 
seinen Gründen, dass diese Männer weg, anderswo, weit,
aber Hautsache weg sind.

Ich habe die rote Gitarre heute dabei, die ist schneller
umzustimmen, und umstimmen muss ich: 

Tom hat für seine Liveauftritte alles auf Es runtergestimmt.
Also muss ich mich anpassen.

Und wir sind nun in einem Alter, in dem wir für eine
geringere Saitenspannung nicht ganz undankbar sind.



"Was spielen wir zuerst?" fragt Tom.
Diese Frage stellt sich mir nicht, deshalb braucht
die Antwort auch nur Millisekunden.

"Is it this"!
Er grinst, nicht zum letzten Mal heute.

Das war sein erster selbstgeschriebener Song,
ich liebte ihn, er ging über korrupte Politiker,
Fremdenfeindlichkeit im Heimatland und den
Israel-Palästina-Konflikt.

Will heißen: Es fühlt sich nicht so wirklich an
nach 34 Jahren Vergangenheit.

Es gibt kein Schlagzeug, keinen backing track,
keinen Taktgeber, aber egal, der Song sitzt,
auch nach Jahrzehnten noch.

Die letzten Töne verklingen, wir sind angezeckt,
gleich geht's weiter, auch die anderen Songs sitzen.

Okay, weitestgehend.
Mal vergisst er seinen eigenen Text, mal vergesse ich,
wie ich in meinem eigenen Song aus dem Refrain in die
Bridge übergeleitet hatte.

Wir helfen uns gegenseitig aus, der Eine weiß,
was dem Anderen verloren ging.

"Nein stop mal, das hier leitet in einen F-Dur über!"

"Dann... wäre der Song aber in D-Moll geschrieben!"

"Stimmt ja auch!"

"..."

"..."

"Du sagst, ICH soll ALLEN ERNSTES mal
einen Song in D-MOLL geschrieben haben?! ICH !?"

"Hast Du."

"Ich BIN aber kein D-Moller!"


(Er blickt auf meinen Bauch)  "Guck Dich doch mal an!"

Es gibt wieder viel zu lachen. Wie konnte ich
so viele Jahre darauf verzichten?

Und dann sagt er "Moooment, hier ist der Beweis!",
greift hinter sich, zieht einen uralten Fresszettel aus
dem Koffer und hält ihn mir vor die Nase:

Meine eigene Handschrift, aus dem Jahr 1988.
Meine eigenen Notizen, wie man diesen Song spielt.

Er ist: In D-Moll.

Etwas sehr wohliges, zuhausiges durchströmt mich
in diesem Moment.

Wir mischen unsere eigenen Stücke mit dem Zeug,
das wir ab der Teeniezeit liebten, also Metallica,
Megadeth, aber auch The Cure, und zum Schluss
noch ein bisschen was Sanftes von Green Day.

Bald sind wir fix und fertig, es gibt Bier auf dem Balkon,
es gibt das Versprechen, wieder zusammen zu spielen.

Und es gibt eine Liste, handgeschrieben, mit Songs,
die wir uns vornehmen.

Vielleicht ein bisschen arg spät. aber: Wir sind wieder da.