02 Dezember 2023

One for the road



[ Frühstück in Berlin ]

Auf meinem letzten Außentermin im Allgäu lade ich
jenes Team auf ein Essen und Abschiedsdrinks ein,
bei dem ich das die beiden Jahre zuvor schon viel
regelmäßiger (oder überhaupt mal) hätte tun sollen.

Zu meiner Überraschung hält sich der Teamchef zurück -
weder isst er mit noch trinkt er mit uns ein Bier.

Genauer: Er trinkt den ganzen Abend nur alkolholfreies Bier.

Auf Teilfasten und low carb sei er gerade.
Ah okay, da bin ich ja selber Experte, wir tauschen uns aus.

Ich kenne ihn eigentlich als Party-Tiger und als einen
keine-Gelegenheit-Auslasser. Dafür ist er auch bekannt,
er ist ein bunter Hund dort unten, sein Bruder ebenso.

Aber auf einmal sieht er spürbar schmaler aus im Gesicht.
Aber auf einmal wirkt er fast scheu.
Auf einmal ist die Frau in seinem Büro eine Ex-Frau,
wenngleich noch mit seinem Nachnamen.

Und auf einmal färbt sich seine Stimme mit so was wie
Sendungsbewusstsein. Fast mahnend.

In einem tollen, wirklich sehenswerten Kinofilm sei er
gewesen. One for the road.

Und der wäre auch was für Dich, Rain.
Nee echt jetzt, den musst Du Dir ansehen.
Der lohnt sich. Wirk.lich.


Ein bisschen irritiert (denn er hört einfach nicht auf,
mich anzuschauen) stelle ich mein fünftes Bier beiseite
und greife zum Handy, um mir demonstrativ den Namen 
des Films aufzuschreiben.

Und danach hoffentlich schnell ein anderes Thema
anzusteuern, denn für Filmtipps bin ich heute Abend
wirklich nicht offen.

Zumal nicht für deutsche Produktionen - ich hab da
immer noch die Schweigers, Bleibtreus, Ochsenknechts,
Vogels, M'Bareks im Kopf und kann sagen: Nix für mich.

24 h später, 1 Bundesland nach links.

Auf dem Sofa daheim liegen 2 Koffer.
Der Kleine von gestern und der Große für das Wochenende
ab morgen früh.

Ich sortiere Ladekabel und ausgedruckte Hotelbuchungen
und da fallen mir auch wieder die Kinogutscheine der F+
-Frau in die Hände, samt Fingerfood- und Logen-Service.

Auf dem Handy suche ich nach meiner Notiz von vorgestern.
Da ist sie ja.

Kurz das Kinoprogramm am Ku'Damm googlen - Treffer!
One for the road läuft in Saal 4.

Wir treffen zeitig in der Zoo Loge auf einen Begrüßungssekt
ein, und immer wieder wundere ich mich, wie wenig hier
los ist, wie selten diese feine, entspannte Art, einen
Kinoabend zu beginnen, hier von den Menschen genutzt wird.



Ein besseres Kino als das hier hab ich nicht gesehen bisher:
Genau die richtige Größe, die richtige Beinfreiheit, 
und mit ein bisschen Erfahrung bei der Sitzplatzreservierung
auch auf beiden Seiten der Pärchensitze Abstellflächen für
Getränke und Essentabletts.



Der Film startet und er vergeudet erzählerisch
nicht eine Minute, nicht mal eine Sekunde.
Es geht direkt los und auf die Glocke.

Der Hauptdarsteller sieht 10 Jahre älter aus als er ist.
Und ich finde ihn wirklich gut.

Obwohl keinen Moment ein Zweifel daran besteht,
wie es ausgeht, gewinnt die Beklemmung im Zuschauer
mehr und mehr die Oberhand über das Komödiantische,
und sogar die von mir sonst wenig geschätzte weibliche
Hauptrollenbesetzung brilliert.

Der Film könnte ein Happy End haben, aber das bleibt offen.

Zurück bleiben beeindruckte Zuschauer, die nach einer
gut geschnittenen Kinofilmlänge von deutlich unter 2h
mehrheitlich noch in ihren Sitzen bleiben, als die Lichter
schon wieder angegangen sind.

Ein bisschen fühle ich mich von dem Film ertappt,
und so wird es manchem Anderen vielleicht auch gehen.

Er sensibilisiert auch dann, wenn man sich nicht ertappt fühlt.
Was vielleicht noch wichtiger ist.

"Noch Einen für unterwegs", One for the road,
klare Kinobesuchsempfehlung.


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