26 Juni 2022

von die Löwe und der Huhn

 
1949, Kalifornien, Raketentestgelände.


Der leitende Testingenieur lässt einen Raumfahrer mit 16 Sensoren
verkabeln, um herauszufinden, welche maximalen Beschleunigungswerte
der menschliche Körper bei Raketenstarts auszuhalten vermag.

Diese Sensoren können von ihrer Mechanik her nur auf 2 Arten
angeschlossen werden: Richtig herum, oder aber um 90° verdreht.

Das schweineteure Experiment scheitert - weil es jemand fertig bringt,
alle 16 Sensoren ausnahmslos exakt falsch anzuschließen.

Daraus postuliert der leitende Testingenieur eine Gesetzmäßigkeit:

 „Wenn es mehrere Möglichkeiten gibt,
eine Aufgabe zu erledigen,
und eine davon in einer Katastrophe endet
oder sonstwie unerwünschte Konsequenzen
nach sich zieht,
dann wird es jemand genau so machen.“

Nach jenem Ingenieur wurde diese Formulierung dann benannt
(Edward A. Murphy).



2022, Nordschwaben, L1DL-Einkaufsmarkt.


Der leitende Wocheneinkaufsverantwortliche kam erneut
nicht erfolgreich an der Angebots-Insel in der Mitte
des Discountermarktes vorbei und steht daher nun mit
Kühlschrankware sowie einem Stützkopfkissen für EUR 9,99
und einer Freizeit-Herrenhorts, die so lächerlich kurz ist,
dass er damit glatt als schwuler 70's-Tennistrainer durchgeht,
an der Kasse.

Die sehr freundliche, aber mit ihrer Tätigkeit im Discountermarkt
erkennbar an der Lastgrenze ihres Intellekts operierende Verkäuferin
von vorhin an der Angebots-Insel sitzt nun an der Kasse.

Zunächst läuft alles glatt:
Der Pfandbon wird gescannt.
Die L1DL-Plus-App vom Handy wird zutreffend erfasst
("heute ein Eisbergsalatkopf gratis bei Einkäufen >10 Euro"),
da schlägt Murphy zu.

Die Shorts wird nicht erkannt.

Die Verkaufsfrau fragt ihre Kassenkollegin.
Die sagt "manuell eintippen".

Dafür braucht Sie einen Schlüsselchip zum Entsperren.
Der Schlüsselchip fliegt im hohen Bogen über die
Plexiglasbarrieren.
Die Kasse unlocked.

Die Hose wandert in meinen Einkaufskorb, da höre ich ein
minimales, helles "klack" aus Richtung Kasse.
Es klingt wie ein überlanger fake-Frauen-FrenchNail,
der versehentlich über das matte Kassendisplay geschrabbt ist.

Und genau das ist auch passiert:
Sie ist da jetzt irgendwo drauf gekommen.
Weiß aber nicht wo.
Alle Einkäufe sind weg.
Die Kasse steht auf null.
Die Kassierein macht sehr große besorgte Augen.

Auf meiner L1DL-App ist der Einkauf gebucht.
Und bezahlt.
Bei ihr in der Kasse aber nicht.
Augenrollen und Geschnaufe hinter mir am Kassenband.

Die Kasse wird geschlossen, die Kunden stellen sich grummelnd
woanders an, der Marktleiter wird herbeigerufen. Er könnte von
irgendwo zwischen der Türkei und dem arabischen Raum stammen,
und damit ist klar, was das heißt:

Er ist schnell, freundlich, kompetent und kann bei allem Stress
auch noch LÄCHELN.

Die Kasse zickt weiter, sie lässt nichts mehr rein.
Die Augen des Marktleiters pendeln zwischen dem Kassendisplay,
meinem Handydisplay, den Kunden und der Kassierein rasch hin
und her.

Ich wohne der sehr komplizierten technischen Lösung live bei,
hoffe währenddessen, dass aus dem Schwarzwälder Schinken in
meinem Einkaufskorb nicht inzwischen Kochschinken geworden ist
(weil 32°C draußen) und tatsächlich gelingt es dem Marktleiter,
den Einkauf manuell korrekt zu bonnieren.

Die Kassiererin schließt die Augen,
hält ihre Hand fest auf die Brust
und atmet hörbar erleichtert aus.

Der Marktleiter lächelt und muntert sie auf, er will noch etwas
die Spannung Abbauendes sagen wie "Ach, manchmal ist eben
einfach der Wurm drin!".


Aber entweder ist ihm das Sprichwort nicht genau geläufig,
oder aber, es geht im Arabischen/Türkischen ganz anders.

Er will aber etwas sagen!

Und dann kommt es strahlend,
lächelnd,
munter aus ihm heraus,
und diesen einen Satz,
der jetzt kommt,
den merke ich mir jetzt bis an mein Lebensende
für.genau.solche.Situationen:

" „Ache weißu, manche mal
bissu die Löwe

und manche mal
bissu der Huhn!"



6 Kommentare:

  1. Und sowas find ich klasse ... hab schon genug deutsche Filialleiter erlebt, die Fehler machende Mitarbeiter vor Kunden und Kollegen zur Minna gemacht haben. Wo ich dann aber manchmal laut werde, weil: sowas geht gar nicht.

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    1. Dann einfach das nächste Mal zu ihm (meistens ist es ja ein ER) hingehen und sagen:

      " „Ache weißu, manche mal bissu die Löwe
      und manche mal bissu der Huhn!"

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  2. Ich musste sehr lächeln. Das ist eine bezaubernde, kleine Alltagsweisheit.

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    1. Lächeln ist gut und wichtig :-).
      Mir sind solcherlei Alltagsweisheiten ja auch viel lieber,
      bei denen man LÄCHELN kann. Das macht die ANDEREN gleich erträglicher.

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