28 Juni 2022

Zum Halbjahresende '22

 
Hast Du es auch bemerkt?

Der Zenith ist durch, ab jetzt werden die Tage
wieder kürzer und die Nächte wieder länger.
Halbjahresende '22.

Ging schnell, oder?


Vereinzelt wurden auch schon die ersten Lebkuchen
im Verkauf gesichtet.

Falls noch irgendwer Zweifel daran hatte,
dass diese ohnehin schon hinreichend
merkwürdige Welt vollkommen
den Verstand verloren hat.

Halbjahresende 2022.
Kannst Du Dich eigentlich noch z.B. an 2018 erinnern?
An irgendwas davon?

Ich schon, hat aber berufliche Veranlassung, und das sind
mehr so Dinge, die man in seinen Beratungsgesprächen braucht,
um den Menschen Mut zu geben, im Sinne von:
"Am Ende wird alles gut."

Du weisst schon.

Vor ziemlich genau einem Jahr begann das hier Alles:
Unser altes Leben kam zu einem Ende, und in Summe
finde ich es erstaunlich, auf wieviel man verzichten
kann, wenn man muss. Und wie Vieles sich als verzichtbar
entpuppt, ist es erst einmal nicht mehr da.

Zum jetzigen Zeitpunkt hatte ich unbedingt fertig sein wollen,
mit dem Herrichten der neuen Wohnung, mit dem angekommen
sein, mit Allem.

Hat nicht geklappt.

Schon irre, was so ein ganz normales Leben mit Vollzeitjob,
Einkaufen, Wäsche, Kochen und wasnochalles so an Zeit frisst.

Aber das Eine ist mir wichtig:
Zu keinem Zeitpunkt hatte ich nicht genügend wertgeschätzt,
was Du alles an Erledigungen, Arbeit und Mühe in unseren
gemeinsamen Haushalt investiert hattest.

Was da geschah, habe ich immer gesehen.
Und was ich sah, hat meine eigenen Maßstäbe auf immer geprägt.

Manchmal stehe ich am Herd, rühre mit irgendwas in
einer meiner Pfannen herum und denke lächelnd zurück an
diese Zauberwerke, die am Herd aus Deiner Hand enstanden,
manchmal tatsächlich fast zu schade, um sie mit einer
Gabel im Teller zu verletzen, sie gar zu essen.

Der Umfang, das Volumen an Einzelverhalten, das ich mir
wohl zu Recht vorwerfen lassen muss, sind vermutlich
stellaren Ausmaßes.

So siehst Du es, und ich zweifle nicht daran, denn:
Ich werde nicht mit Dir streiten über das, was war.

Weil die reale Chance besteht, dass Du Recht haben könntest
mit all den vielen, umfangreichen, gemeinen Dingen,
die Du mir anlastest.

Aber dieses Küchen-Ding von Dir ist eines, da bin ich sauber.

'Gibt ja jetzt nicht so viele Felder, wo ich das so sagen kann.
Aber hier kann ich das.
Episch sauber bin ich da, frei von Vorwerfbarkeit und Allem.

Für jedes Deiner hervorragenden Essen habe ich mich bedankt,
täglich, für ausnahmslos jedes.

Weil es erstens immer lecker war, ich zweitens absolut wusste,
welche Arbeitszeit darin steckte und drittens mir klar war,
was es Dir bedeutet, Anerkennung ausgesprochen zu bekommen.

Was ich aber auch sehe:
All das ist heute nichts mehr wert.

Es ist nicht mal ein Tropfen, der vom Dach des Empire State Buildings
auf den glühend heißen Asphalt fällt und der sich einbildet, er könne
den glühenden Boden des Hasses, auf den er aufschlägt samt der
in ihm fundamental verbetonierten Abneigung zu mir auch nur
ansatzweise so etwas wie kühlen, löschen, mildern.

Aber zurück zum Halbjahresreporting:

Zum Halbjahresende träume ich an 4 von 7 Nächten die Woche
von Dir oder den Menschen, die uns einst gemeinsam umgaben,
von denen nun nahezu alle nur noch Dich umgeben.

Zum Halbjahresende höre ich in meinen Träumen nachts ihre Worte,
ihre Sätze, fast immer vorwurfsvoll, was sie da reden und wie sie
es tun, dabei stets gewaltbereit und konfliktunterlegt.

Zum Halbjahresende schweigst Du in meinen Träumen, immer.
Immer, wenn ich von Dir träume, schweigst Du.
Aber nur Du.
Keiner der Anderen.
Interessant, oder?

Zum Halbjahresende steht mehr und mehr fest, dass mein
in fast zwanzig Jahren sehr langsam liebgewonnener Job
nichts mehr für mich ist.
Mir nichts mehr bedeutet.
Die Zeiten haben sich geändert, auch hier.
Ich war zu langsam. Einmal mehr.

Zum Halbjahresende läuft daher meine Bewerbung
auf was Anderes.
Es sieht womöglich auch nicht mal so schlecht aus dafür.
Fast finde ich es schade, dass ich für den neuen Job
nicht nochmal umziehen müsste.

Zum Halbjahresende steht auch fest, dass meine linke Hand
nicht mehr gut wird von allein.
Der Daumen kann nicht mehr gekrümmt und belastet werden,
nicht einmal unter Schmerzen.

Folgen der Umzugs- und Renovierungsarbeiten, denke ich.
Reißverschlüsse, Schnürsenkel, Hemdknöpfe, Milch-TetraPaks,
Schlüsselschlösser - alles nicht mehr möglich.

Ringbandstenose, der OP-Termin steht seit Wochen.
Und gleich danach kann ich weitermachen mit der
verdächtigen Karpaltunnelkacke.
Um das Brennen rechts seitlich im Knie, wannimmer ich
mich hinknie, kümmere ich mich dann im Winter. Oder so.

Zum Halbjahresende bin ich zumindest buchhalterisch mal
von allen meinen Schulden runter.
Sieht man mal ab von denen, für die ich mitunterschrieben habe.

Zum Halbjahresende finde ich mein Selfie aus dem Dezember 2019
wieder und könnte heulen:

50% des erreichten Gewichtsverlustes habe ich mir
inzwischen wieder draufkonsumiert.
Neue Klamotten mussten her, wenigstens übergangsweise.

Zum Halbjahresende sind die letzten 3 Menschen, die mich von
früher kannten, mehr oder minder vollständig aus meinem
Leben ausgeschieden. Sie finden praktisch nicht nicht mehr statt.
Uns trennt das Leben, wie Thomas D. sagen würde.

Zum Halbjahresende habe ich immer bessere, weil genauere
Vorstellungen davon, was ich alles nicht will.

Zum Halbjahresende sehe ich bei Weitem noch nicht den Weg.
Aber drehe ich mich um, dann sehe ich sehr genau, wo ich herkam.

Und die noch glimmenden Brückenreste sehe ich auch.
Ihre Trümmer qualmen noch ein wenig, und der Rückenwind,
der mich nach vorne treibt, weht den letzten Geruch ihrer Existenz
in meine Nase, während ich einfach weiterzulaufen versuche.

Er tut das, damit ich nicht vergesse.



2 Kommentare:

  1. Herr_Zimmermann28. Juni 2022 um 23:43

    May the bridges I burn light my way.

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    1. Verursacht aber Schattenwurf in Laufrichtung, muss man mit beachten.^^

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