02 Juli 2022

von der Bewerbung

 
März 2018, Landeshauptstadt BaWü, Hotel Nähe Flughafen

Ein bunt gemischter Haufen angestellter Außendienstler
sitzt im Seminarraum des Hotels und wartet auf den
Beginn des Seminars "Konfliktlösungen auf Distanz".

Vielleicht sollte man "ex-Außendienstler" sagen, denn im
Rahmen einer von vielen Umstrukturierungen hat es nun
diesmal uns, die wir hier sitzen, erwischt.

Bei nächster Gelegenheit werden wir unsere Dienstwagen-
schlüssel abgeben. Nun machen wir uns vertraut mit dem
Arbeiten unterm Headset und vor dem Bildschirm.

Bürostuhl statt Autositz.
Softphone statt Diensthandy.
Webcam statt face-to-face.


Der Raum ist gefüllt mit sehr gemischter Motivation:

Manche sind noch frustriert vom Abserviertwerden.
Manche freuen sich darauf, aus Stadtverkehr, Staus und
Parkplatzproblemen wegzukommen.

Manche wollen das hier wirklich gut machen.
Manchen ist anzusehen, dass sie hier von ihrem Chef
angemeldet wurden und sich den Digital-Scheiß auf ihre
letzten 25 Dienstmonate schon mal auf gar keinen Fall
in der Praxis antun werden.

Es ist die prä-Corona-Zeit, da wissen wir alle noch nicht,
was uns bevorsteht und wie sehr wir das hier brauchen werden.

Die Seminarleiterin ist superschlank und hat leuchtendrote Haare-
also meine volle Aufmerksamkeit ist ihr heute schon mal sicher.

Sie wählt ein sanftes, mitnehmendes Intro für ihren Workshop,
in dessen weiterem Verlauf auch jeder von uns mal ein
"Trocken-Telefonat" aus dem Zimmer nebenan mit der Gruppe
und "Anruf auf Lautsprecher" führen wird.

Als ich dran bin, kriege ich ein für mich zufriedenstellendes Feedback.

Sie ergänzt es um die Empfehlung, dass ich -wenn das mit dem Job
hier bei uns nicht mehr laufen würde- eine Telefonsexhotline für
einsame Frauen aufmachen könnte, die richtige Stimme dafür hätte ich.

It stuck in my mind.


Juni 2022, Landeshauptstadt BaWü, Niederlassung Nähe Flughafen

Ein bunt gemischter Haufen angestellter Außendienstler
sitzt im Seminarraum der Niederlassung und wartet auf den
Beginn des Workshops "Rollenschärfung".

Die nächste interne Umstrukturierung hat uns hierher gebracht,
für mich inzwischen sogar schon die zweite seit 2018.

Auch diesmal ist "sie" wieder mit dabei als einer der beiden
Durchführenden - und der Wokshop stellt sich mehr als eine
Bestandsaufnahme á la "was ist für Euch überhaupt leistbar?"
heraus.

Wie sich herausstellt, muss auch sie im Anschluss an den
Hauptbahnhof, wie auch ich - also nehme ich sie im Auto
mit.

Wir geraten in den schlimmsten Stau der City, den ich in
29 Jahren in dieser Drecksstadt gesehen habe - so dass ich
sie erst 7 Minuten vor Abfahrt an ihrem ICE absetzen kann.

Die ungeplant längere Fahrzeit nutze ich, um sie nach ihrer
Meinung zu fragen hinsichtlich einer Tätigkeit als Trainer,
für mich selbst.
Was ich bisher an Feedback zu meinen eigenen Veranstaltungen
im Bereich Workshops & Co. bekommen habe, stimmte mich
immer positiv.

Sie empfiehlt mir, einmal das Gespräch mit ihrem Chef zu suchen.
Das tue ich, er lädt mich zu einem Gespräch ein,
und  zwei Wochen später stehe ich nach Langem mal wieder in
Anzugsklamotten 400km entfernt vor dem Eingang zur Cafeteria.

Ich bin pünktlich, er hat sich die Zeit falsch eingetragen,
also nutze ich die ungeplante Zusatzpause für einen ersten
Kaffee und ein paar sortierte Gedanken.


Kann ich das, Trainer sein?
Mit welchen Veränderungen wäre ein Jobwechsel verbunden?
Was wird meine ex-Chefin sagen, sie rechnet ab 2023 eigentlich
wieder verstärkt mit mir?
Muss ich nochmal umziehen?
Wie sind da wohl die Kollegen so?

Als er schnellen Schrittes um die Ecke biegt,
fühle ich mich gleich wohl und entspannt.

Er holt sich einen Espresso, ich habe noch meinen
Milchkaffee mit Herz, die Cafeteria ist fast leer und wir
sind ungestört.

Ein produktives Gespräch entspannt sich,
vielleicht gäbe es die Möglichkeit tatsächlich, im nächsten
Jahr zusammen zu arbeiten. Das müssen Andere entscheiden,
aber ich nehme die grundsätzliche Bereitschaft dazu wahr.
Das entspannt mich.

Was mich noch mehr entspannt und überrascht, ist dass mein
Gegenüber bereits nach sehr wenigen Minuten äußert, dass die
Art wie ich auftrete schon mal dafür spräche.

Und so verbleiben wir - mit einigen neuen Gedanken im Kopf trete
ich die Heimfahrt an und beschließe, mich einmal bei jenen
umzuhören, die den Job schon machen.

Und dann sollte ich mir so langsam mal ein paar vorsichtige,
vorbereitende Sätze für das Gespräch mit meinem Chef und
seinem Chef einfallen lassen.

Aber da mache ich mir vermutlich schon wieder
viel zu viele Gedanken.


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