Es muss am Alter liegen, dass ich mich zunehmend
Ereignissen und Begegnungen erinnere, die nicht
nur Jahre, sondern Jahrzehnte zurückliegen.
Ich sehe auch den Grund oder Anlass hierfür nie.
Sie sind - einfach da.
Mal tagsüber, im Auto auf irgendeinem Hin- oder Rückweg,
weil ich immer häufiger Radio und Musik ganz aus lasse.
Mal nachts um halb drei, wenn ich aus dem Bad zurück
ins Bett komme - und plötzlich ist die Nacht vorbei.
Weil alte Erinnerungen plötzlich präsent werden.
Neulich schlage ich in der nächtlichen Dunkelheit
die Augen auf und da sehe ich vor mir: Tony Peeters.
Den muss man nicht kennen.
Den kennt niemand hier.
Das war der Mitfünfziger-Chef der Tanzband, die jedes
Wochenende während der Saison im Kegelclub-und-
Camper-Hotel spielte, in dem ich mit 18 Jahren
nachts ab 21 Uhr gejobbt hatte während der Schulzeit.
Nach dem Abendessen war der Essensaal dann stets zu
einer Tanzfläche umgebaut worden und dann ging so gegen
21.00 Uhr die Show los.
Meist musste ich mich ein bisschen beeilen, rechtzeitig
vorher meine fahrbare elektrische Kühltheke aus dem
Stuhl- und Tische-Depot zu holen, bevor es kurz darauf
los ging mit der Musik, denn der Lagerraum lag hinter
der Tanzfläche.
Sobald ich ihn angeschlossen und in Betrieb gesetzt hätte,
würde noch ein fahrbarer Kühlschrank dazu gestellt und die
Teamleitung vom Service würde sodann die vorbereiteten
Brötchen, Gurken und Salate aus dem Kühlhaus holen und
meine Auslage bestücken.
Die Setlist von Tony Peeters & Band kannte ich bald schon
auswendig. Als harter Metaller der Teeniezeit absolut nicht
meine Musik, aber nach ein paar Monaten wippte ich dann
doch hin und wieder unter der Theke mit dem Fuß mit.
Jeden Samstag und Sonntag die gleiche Playlist.
Dusty Springfield, Peter Alexander, Genesis, Wolfgang Petry.
Das Highlight der Show - und dieses Bild hatte ich nachts
vor Augen - war stets sein eigenes Medley aus Udo Jürgens
"Ich war noch niemals in New York", im Mittelteil abrupt
in "New York, New York" von Frank Sinatra übergleitend,
um dann wieder sanft mit Udo Jürgens zu enden.
Während dieses Wechsels im Mittelteil griff Peeters
rasch hinter sich, warf sich in einen weißen Schal und
einen schwarzen Zylinder und verließ sein Keyboard,
um mit einem schwarzen Stock und Mikrophon die
vorderste Linie der Bühne einzunehmen und tänzelnd
in den Fred-Astaire-Musical-Modus zu schalten.
Auf DIE Fusion war vorher noch keiner gekommen,
das Stück war richtig gut.
Entsprechend begeistert huldigte das (zugegebenermaßen
unkritische) Kegelclubpublikum dem Sänger.
Peeters war ein guter Entertainer, der das lieferte, was
Menschen glücklich machte und abschalten lassen konnte.
Seine Band waren gute Handwerker, die sich angenehm
im Hintergrund bewegten - etwas, das zu sehen mir heute
oftmals fehlt.
Wie jeder gute Lokalmusiker der späten Achtziger soff
auch Peeters an diesen Abenden ordentlich.
Wenn alle drinks den ganzen Abend frei sind, darf das
nicht verwundern, außerdem hatte er als Frontmann
reichlich Zuspruch aus den Reihen des MILF-Publikums.
Sehr selten stand er nachts halb eins noch kurz bei mir
an der Kühltheke, in der ruhigen Zeit, erst wieder gegen
2 Uhr wenn die Disco nebenan schließen würde, wäre
hier wieder die Hölle los.
Einmal war er wirklich schwer angetrunken und beschwerte
sich wütend darüber, dass ihm jemand sein Fußpedal (für
die Lautstärkeregulierung des Keyboards) doch glatt
nach dem Auftritt von der noch aufgebauten Bühne weg
geklaut hätte.
Aber irgendwann hatte ihn ein weiterer Aufriss in den
direkt gegenüber liegenden Fahrstuhl gezogen und mit
aufs Zimmer geschleppt.
Ich denke manchmal noch an diese Zeit und an Sie,
Tony Peeters. Sie leben sicherlich nicht mehr.
Ein bisschen habe ich Sie beneidet.
Sie und Ihren Erfolg als Musiker,
an Ihre Fähigkeit so extrovertiert zu sein,
für den Zuspruch und den Applaus.
Ein bisschen bin ich dankbar für die Nächte gleich
neben dem Tanzsaal, auch wenn es bisweilen hart war,
montags morgens um 5 nach Hause zu kommen und um
halb acht wieder im Unterricht zu sitzen.
Ich war jung und brauchte das Geld.
Vor Allem aber bin ich dankbar, dass Sie an dem Abend
nicht auf die Idee gekommen sind, in den blauen Rucksack
gleich neben mir zu schauen.

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