Seit 9 Monaten liegt rechts vor mir auf meinem Schreibtisch
(genauer gesagt auf meinem Notebook) das Päckchen mit den
6 Kuchengabeln.
Es wartet darauf, überbracht zu werden und einen traurigen
Menschen wenigstens kurz zum Lachen zu bringen.
Aber von vorne - Flashback, Herbst 1992.
Weil ich kein Zuhause mehr habe, übernachte ich an den
Wochenenden außerhalb der Kaserne bei meiner Freundin
im Haus ihrer Eltern im Westerwald.
Zwar könnte ich auch auf der WoZi-Couch schlafen,
bevorzuge tatsächlich aber die harte Esszimmer-Eckbank
in einem selten genutzen Durchgangsraum.
Dort werde ich auf der langen Sitzbankseite einige Monate
meine Nächte verbringen.
Wo ich kann, helfe ich im Haushalt.
Hund streicheln, Gartenarbeit mit dem Vater,
Geschirr trocknen in der Küche usw.
Irgendwann gibt es Kuchen vom Blech vom Dorfbäcker.
Pflaumenkuchen, um genau zu sein.
Anschließend bestehe ich darauf, beim Aufräumen und
Saubermachen zu helfen, und dabei passiert es:
Zusammen mit dem Einpackpapier und den Kuchenkrümeln
kommt eine Kuchengabel mit rein und wandert in den Müll.
Eine Woche später bemerkt die Hausfrau das Fehlen dieser Gabel
und ein über Jahrzehnte währender running gag entsteht:
Wann immer ich (auch Jahre nach Ende der Beziehung zur Tochter)
in der Haustür stehe, werde ich begrüßt mit
"Du schuldest mir noch meine gute Kuchengabel!"
verbunden mit herzlichem Landfrauenlachen und einer Umarmung.
2018 stirbt der Familienvater.
Ich fotografiere die Beerdigung, mache die Dankeskarte.
An diesem Tag ging auch das "Leben" seiner Frau zu Ende.
Ihre große Tochter erzählt es mir wenn ich nachfrage mit
leiser Stimme und gesenktem Blick,
Jeden Tag geht sie an sein Grab. An manchen Tagen mehrmals.
Danach geht sie in ihr kleines, altes Haus zurück, wo die Decken
so niedrig sind, dass ich mich in manchen Türrahmen immer hatte
bücken müssen und tut - nichts.
Sie geht nicht mehr raus, ihre beste Freundin ist auch schon seit
vielen Jahren tot, nur der Hund blieb ihr noch.
Als ich Ende letzten Jahres hier hin zog, reduzierte sich
die zu fahrende Autodistanz von 3,5 Stunden auf 40 Minuten.
Das nahm ich zum Anlass, einen Satz Kuchengabeln zu kaufen,
um ihn ihr einmal überraschend freitags morgens in der Haustür
stehend zu überreichen mit den Worten
"Hier ist Deine Kuchengabel zurück, mit Zinsen!"
Der Gedanke war, zu sehen, ob es sie zum Lachen bringt
und evtl. ein paar frohe Minuten zu vermitteln vermag.
Nur: Ich komme nicht dazu.
Das ist natürlich eine dumme Ausrede, man kommt IMMER
zu ALLEM, was einem wirklich WICHTIG ist. Punkt.
Es ist mir selber peinlich.
Auch weil ich emotionale Trauer nicht gut abkann bei
Menschen, die ich lieb habe. Es fühlt sich so wehrlos an.
Nun habe ich mir einen neuen Anlauf als Termin gesetzt
und in den Kalender eingetrragen.
Weil es so lange wie möglich vor mir her geschoben habe,
wählte ich einen besonders schwierigen Termin, als Ausgleich
für mein monatelanges Versäumen: Den 18. September.
Vielleicht kann sie gerade an diesem Tag ein
freundliches Gesicht brauchen.
Oder aber, es geht komplett in die Hose.
Aber auch dann bin ich wenigstens vor Ort.
Das ist eine sehr schoene Idee und ein hervorragender Anlass!
AntwortenLöschenAls mein Onkel starb, ging das Leben meiner Tante auch mehr oder weniger zu Ende. Sie freut sich immer sehr, wenn man an seinen Geburtstag denkt und sich meldet, um gemeinsam auf den Onkel anzustossen. Eine Umarmung, ein wenig ueber alte Zeiten zu reden, zu wissen, dass der Verstorbene auch anderen etwas bedeutet hat... und man ist an so besonders schweren Tagen nicht ganz allein.
Eine berührende Geste die aus dem tiefsten Herzen kommt, chapeau Herr Rain. WolfE
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