09 August 2023

vom Mami-Taxis und Felgenglocken

[ sollte der heutige Gedankengang bei
Ihnen den Eindruck erwecken, ich wäre
ein sexistischer, misogyner alter Sack,
liegen Sie damit verdammt falsch.

Ok, das "alt" ist vielleicht doch zutreffend.]



In den eineinhalb Jahren, die ich jetzt hier in der Wohnung bin,
hab ich noch nicht ganz rausgefunden, was sich im Haus
gegenüber tagsüber abspielt.

Das mag daran liegen, dass ich keine Frau bin, mir mithin die
ihr genetisch anvertraute Grundneugier sowie der anschließend
erforderliche Datenspeicher und die für die anschließende
multilaterale Kommunikation extrem schnelle Weiterverarbeitung
bis zu Gossipfähigkeit mehrheitlich, aber nicht vollständig fehlen.

Es ist im Gegenteil vielleicht bezeichnend, dass ich Ihnen zwar
heute noch den bürgerlichen Mädchennamen der längst verstorbenen
Shyla Stylez oder das Geburtsdatum von Peta Jensen nennen kann,
aber keinen der Nachbarn gegenüber kenne.

Na jedenfalls:
Gegenüber im Haus wird irgendwas mit oder an Kindern gemacht.

Immer zur vollen Stunde fahren fremde Autos vor unser Haus,
sodann wird ein Kind entladen (oder bisweilen verklappt),
welches dann an der Haustür klingelt und meist länger warten muss,
bis der Summer ihm ebendiese öffnet.

Denn der Summer öffnet nur UND NUR: zwei Minuten vor voll.

Und eine Stunde später kommt das Auto wieder und wartet ein paar
Minuten, bis das Kind wieder herauskommt, woraufhin das Auto
wieder mit ihm beladen wird und davon fährt.

Ich vermute, dort wird Nachhilfe gegeben oder Logopädie oder
so etwas. Psychologen gibts hier keine.
Musikunterricht ist es auch schon mal nicht.

Oh Himmel, Gott sei Dank,
es ist KEIN Musikunterricht!

Diesen ganzen Prozess bekomme ich dann mit, wenn ich
schnippelnd oder schälend in meiner Küche stehe und die
Gesamtszene beobachten kann.

Es mag damit zusammenhängen, dass diese Transportfahrten
ausschließlich zu Tageswerkszeiten erfolgen, dass es zu nahezu
100% immer Frauen (meistens die Mütter) sind, welche die
Kinder bringen und abholen.

Mütter müssen ja andauernd ihren Nachwuchs irgendwo hin
bringen und wieder abholen. Mütter halten den ganzen Laden
mit Schule, Sport, Musik, Nachhilfe, Freundesbesuche, Arzttermine
usw. usw. schließlich am Laufen.

Das bedeutet, man sollte regulär eine Menge Übung im Autofahren,
im Anhalten, Einparken, Ausparken erwarten können.
Weil das ja andauernd vorkommt und somit:  Geübte Praxis ist.

Nichts davon beobachte ich, nahezu nie ist das, was ich sehe,
eine Bestätigung für das, was zu erwarten wäre.

Was ich beobachte, ist mehrheitlich, aber nicht immer:
Eine einzige Katastrophe.

Die Mamis parken nicht ein, sie halten mehr oder minder
weit weg vom Bordstein - einfach an. Gerne auch mal so weit,
dass daneben noch bequem ein Fahrradweg verlegt werden könnte,
ohne dass der Bordstein im Weg wäre.

Sieht man sich etliche der Reifenfelgen dieser Autos von meinem
Aussichtspunkt im 1. OG an, versteht man auch sofort, WARUM 
die Frauen so halb in der Straße stehend anhalten:

Mutmaßlich wurde ihnen mit Scheidung gedroht,
sollten sie auch nur noch ein einziges Mal mit einer
weiteren zerschrammten Felge daheim auftauchen.

Und jeder, der jetzt widerspricht, soll mich mal
besuchen kommen 
und den Bordstein bei uns
vorm Haus
ansehen - aber nur den bei uns,
denn der ganze Rest der Straße
(wo nur Anwohner parken) sieht
völlig 
in Ordnung aus. 
Und deshalb - bleiben Sie sehr weit weg vom Parkrand stehen.
Das ist aus meiner Sicht auch gleichmaßen cleverer wie nachvollziehbar.

Ok, manche versuchen es in 4 oder 5 Zügen, an einer ansonsten
tagsüber völlig freien Straßenecke ohne andere Autos, mit ca.
15-20m freiem Parkraum irgendwie doch etwas unpeinlicher
und näher an den Bordstein zu gelangen.

Das ist dann so was ähnliches wie meine private Kirchturmglocke:

Regelmäßig zur vollen Stunde höre ich vor meinem Heimbüro
laut aufheulende Motoren, langsam heißschleifende Kupplungen
und sehe dann beim vorsichtigen aus-dem-Fenster-spähen
irgendwas wie einen Hyundai i20 oder einen Opel Corsa
sich in Zeitlupe auf den Bordsteinrand zubewegen.

Zwar in Zeitlupe, aber bei 6.000 U/min des Motors.

Steht das Auto dann genau dort, wo es 4 min zuvor bereits
auch schon zum Stehen gekommen war, zeigt sich bald,
ob Straßenverkehrsbeherrschung und Kindeserziehung
den gleichen Parametern unterliegen:

Kann ich's?
Oder stellt beides jeden Tag eine neue Herausforderung dar?

Neulich brauchte eine Mami geschlagene 5 Minuten, um das Kind
zu entladen, ihm die Spielkonsole abzunehmen (4x), das auf dem
Weg zur Haustür 3x umdrehende (weil unlustige) Kind wieder mit
Engelszungen oder anderem Ungeeigneten doch zum Klingeln
zu überreden, und dann erschöpft auf den Fahrersitz zurückfallend,
als endlich die Haustür rettend hinter dem Kind ins Schloss gefallen
war, sodann erst einmal 10 min zum Handy gegriffen wurde und sich
erkennbar bedürftig eine Fluppe ins Gesicht gesteckt wurde.

Anderntags fuhr eine Omi vor, der die schon leiderfahrene Mutter
des kleinen Rotzdrachens für den heutigen Tag den Transport des
fetten Orcs aufgehalst hatte und welche offenbar unerfahren in
Quests dieses Schwierigkeitsgrades war, zumal das Entladen 
des identisch breiten wie hohen Speckwürfels in die Kategorie
"Endboss in der Eiskronenzitadelle" fiel.

Omi fand sich dann zwischen zwei wartenden Autos (wartend, weil
das geparkte Auto halb auf der Straße stand und keiner mehr vorbei
konnte) und dem krähenden Rotz-Orc wieder - und ihr war
5 min später nach Auflösen der Situationen anzusehen, dass dies
ihr letzter Gefallen dieser Art gewesen sein dürfte.

Schon deshalb, weil ein weiterer solcher
zum Herzstillstand führen würde.

Manche Aufgaben sind ohne Panzerschokolade eben schwierig,
zumal bei den heutigen Enkeln.
Und nicht alles war schlecht damals beim BDM.

Wiederum anderntags röhrte es nicht etwa zur vollen Stunde,
sondern es kratzt-kreischte.

Das sind die Momente, wo man mit geschlossenen Augen
vom Bürostuhl in Zeitlupe aufsteht und tief ausatmend zum
Fenster geht, um sodann die Erfolglosigkeit des Versuchs
zu begutachten, aber doch bitte wenigstens heute mal ausnahmsweise
das Auto bündig und unfallfrei am Bordsteinrand abzustellen.

Die Frau lief erst rechts vorne zur in Mitleidenschaft
gezogenen Felge, dann noch 2 weitere Mal um das Auto
herum, öffnete dann den Kofferraum, entnahm dort nichts
und lud auch nichts ein, ging dann zur Fonttür rechts,
öffnete diese und lud die erste langhaarige kläffende
Fußhupe aus dem Auto.

Sodann schritt sie um das Auto herum an die linke Fonttür,
um dort die zweite kläffende Kurzhaar-Fußhupe zu entladen.

Mit beiden Fußhupenleinen um die Handgelenke gewickelt, 
scheiterte sie hiernach, die Beifahrertür zu öffnen, um die Frucht 
der Lenden eines Mannes zu entgurten, der sich wohlweislich
für den heutigen Tag lieber was Anderes vorgenommen hatte.

Problem war hierbei, dass sich Sohnemann weder abschnallen
noch aus dem Auto entladen lassen wollte:

Bis hierher hatte das Prinzchen noch nicht eine einzige Sekunde
von seinem Handy aufgeschaut und Mimik und Körperhaltung 
ließen auch nicht im Entferntesten darauf hoffen, dass er daran
irgendwas zu ändern gedächte.

Muttern hingegen sah mit beiden Hundeleinen um die Handgelenke
gewickelt aus wie ein japanisches Bondagemodell, war daher
ebenso unbeweglich wie dieses und zudem mit den beiden Tölen
bereits mehr als gefordert, welche an ihr zerrten und kläfften.

Sie klopfte von außen an die Beifahrerscheibe, zunehmend
schriller den Beginn der vollen und bezahlten Stunde ermahnend.

Irgendwann bekam sie den Türgriff zu fassen, keifte den
Rotzlöffel an, welcher sich in Zeitlupe und immer noch
ohne vom Handy auch nur einen Moment aufschauend erhob
und jovial-gemächlichen Schrittes zur Haustür gegenüber begab,
dort erst einmal eine Minute ohne zu Klingeln stehenblieb,
weil man mit beiden Daumen auf dem Handydisplay nun einmal
nicht klingeln kann:

Man ist ja schließlich kein Oktopus.
Dafür muss man einfach Verständnis haben.

 (eine Einstellung, die Frau Mutter
zu teilen sich nicht unerwartet 
außer Stande sah und darob
rotlila im Gesicht anlief).

Und noch während ich mir einbildete, dass die Feldraben bereits
konzentrische Kreise über der Szene zu fliegen begannen,
vermied das rettende Summen der Haustür gefolgt vom Eintreten
des jungen Troglodyten einen weitaus unschöneren Ausgang
dieser Szene.

Worüber ich sehr froh war - bedenkt man, dass ich zu diesem
Zeitpunkt dran war mit "großer Kehrwoche" und dazu auch
das Beseitigen von Unkraut und Kadavern auf dem Gehweg
vorm Haus gehörte.

Mami ließ sich dann im Schlittenhund-Modus von den beiden 
Tölen zum Feldweg gegenüber zerren, woraufhin die Mehrbeiner
sich erst einmal gründlich entluden und Mami Gelegenheit gaben,
ihr XXL-Smartphone in der Größe eines kleinen iPads zu checken.

Und so geht das hier, tagein, tagaus.
Übrigens kam neulich tatsächlich mal ein Dad vorbei und
setzte seinen Nachwuchs ab.

Genau so eine Erziehungskatastrophe wie die anderen.
Nur das "Auto an den Bordstein stellen" lief besser.

'Hätte deshalb fast meinen 17.00 Uhr -TeamsCall verpasst.
Mangels Felgenglocke.

13 Kommentare:

  1. Überwiegend köstlich zu lesen. 🤭

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    1. Freut mich, aber Hypokrit, der ich bin, sorgt mich das überwiegend ;-)

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    2. Naja, wertend von der Optik her. "Rotzdrache, fetter Orc, Speckwürfel". Ich sehe durchaus teilweise den Spielzusammenhang.

      Für mich gehören sich jedwede wertende Ausdrücke bezüglich der Optik von Menschen im Allgemeinen nicht.

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    3. Bezugnehmend auf Felgen & Co... Gab es da nicht mal eine Sache mit einem Reifen und einem scharfkantigen Bordstein...? 🤔😉

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    4. Lektion des Tages:

      "Wannimmer Du SO KURZ DAVOR warst, eine der Hochnotpeinlichkeiten in Deinem Leben erfolgreich verdrängt zu haben, kannst Du Dich DARAUF VERLASSEN, dass das Gedächtnis EINER FRAU Dich wie ein Halmamännchen wieder zurück auf den Startpunkt setzt!

      :-).

      TOUCHÉ.

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  2. Gut, dass du wohlweißlich verschweigst, wie du PANIK hattest, dass ich mit dem Bulli Bessy hätte touchieren können OBWOHL DA EIN 7,5-TONNER LOCKER DRAN VORBEI GEPASST HÄTTE OHNE AUCH NUR DEN WINDHAUCH EINER BERÜHRUNG. Das würde ja so gar nicht zum Frauen können nicht parken oder autofahren-Klischee passen. ;-) :-P

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    1. Also erstens kann ich mich da ÜBERHAUPT NICHT dran erinnern,
      zweitens hab ich NIE GESAGT, Frauen könnten nicht einparken, ich sage nur, dass 95% ALLER die HIER an der Straße einparken, das nicht können (und ich kann auch nix dafür, dass da in all den Monaten bisher nur EIN EINZIGER MANN hinterher ausgestiegen ist),
      drittens zwingst Du mich jetzt zum Äußersten:

      Ich werde Fotobeweise vorlegen müssen.

      (Mir graut jetzt schon vor den ganzen Fotoretuschearbeiten vor einer Veröffentlichung...)

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    2. Gelobt sei die Altersdemenz. Oder wars der Alkohol?
      *rennt kichernd weg :-P

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    3. *Zieht die Laufschuhe an, mit einer Hand nach der Gerte suchend*

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    4. bin schon weg :-P
      *in Schlappen rennend gesendet

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  3. Troglodyt. You made my day!
    Danke für diesen kleinen Einblick in Ihren Alltag. :-)

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