11 April 2023

von Freibad-Walter


Wenn ich auf mein jetziges Alter noch so etwa 5 oder 6 Jahre
draufzähle, lande ich bei dem Alter, in dem mein Vater war,
als er mir gehörig auf den Sack zu begehen begann.

im Prinzip ist "auf den Sack gehen"
auch ganz und gar nicht die treffende
Bezeichnung, aber alles Andere würde
für hier und heute zu weit führen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ich mich zunehmend
mit meiner (und damit seiner) Lebenssituation im Geiste befasse.

Es gab ein paar Dogmen bei uns daheim. Einige sogar,
nicht alle davon ausgesprochen, sondern implizit.

Aber wirklich einige davon auch laut und unmissverständlich
ausgesprochen und an mich/uns adressiert.

Wobei die impliziten nicht
minder unmissverständlich
gewesen wären.

Eines dieser Dogmen war, dass man nicht im Stehen isst.

Mein Vater empfand das kulturlos - und er hätte mir jederzeit
ohne Vorwarnung den Teller aus der Hand geschlagen, hätte
er mich in der Küche beim im-Stehen-Essen erwischt.

Vielleicht muss man entschuldigend anmerken, dass sein Bild
einer heilen, funktionierenden Familie jenes war, dass man in
50er-Jahre-Ratgebern für "die gute Hausfrau" nachlesen kann.

Da ist das Essen fertig und aufgetischt, wenn der Mann heimkommt.

Da sitzen alle friedlich und lächelnd um den Familienvater herum.

Es gibt keine Probleme zu besprechen, in der Schule alles bestens.

Die Hausfrau glücklich über seine Anwesenheit.

Tee wird gereicht.

Der Kontext bzw. die Schlussfolgerung, die bei mir im Kopf
als Heranwachsender hängenblieben, war:

In einer eintakten Familie wird nicht im Stehen gegessen.
Und vor Allem auch umgekehrt.


Und dann war ich als Teenie mal bei einem Mädchen bei uns
im Ort daheim, das ich eine Zeit lang ziemlich interessant fand.

Walter, ihren Vater, kannte ich fast nur in der Ausprägung
"schlecht gelaunt dreinschauend" und "streng".
Auch ihr gegenüber.

Das durfte aber nicht verwundern, denn als Bademeister in
einem Dorffreibad voller hormondurchspülter Teenies war sein
Arbeitstag sicherlich oft alles Andere als ein Zuckerschlecken.

Insofern sei er entschuldigt - die Sommer mit uns werden
unwidersprochen anstrengend gewesen sein^^.

Aber an diesem einen Tag traf ich ihn daheim bei ihr zuhause.
Sie selbst war aus irgendeinem Grund gerade weg, eventuell
etwas Wegbringen oder Abholen, ich weiß es nicht mehr.

Jedenfalls war ich kurz allein bei ihr daheim - und ihr Vater
kam zur Tür rein.

Zu sagen, sein Gesichtsausdruck zeugte von wenig Begeisterung,
als er einem dieser Hormonterroristen aus dem Freibad
jetzt auch  noch in seiner Mittagspause daheim ins Gesicht blickte,
wäre eine glatte Untertreibung.

Immerhin ließ er mich nur unangesprochen links liegen.
Und stellte sich: An den Herd.

Auf dem Herd stand eine Pfanne mit Angebratenem drin.
Er stellte die Pfanne nicht an.
Er entfernte nur den Deckel.
Nahm sich eine Gabel.

Und aß.
Im Stehen.
Am Herd.


Ich schaute um die Ecke etwas im Hintertreffen zu.
Und dachte an das Bild, was mein Vater mir eingebleut hatte.

Heute stehe ich selbst öfter mal in der Küche oder am Herd.
Und esse.
Im Stehen.
Am Herd.
Und aus der Pfanne.

Es gibt niemanden mehr, der mir den Teller aus der Hand
schlagen könnte oder wollte. Niemanden mehr, der mich
maßregeln würde dafür. Ich kann das unsanktioniert tun.

In diesem Momenten ist Erwachsensein großartig.

Und trotzdem denke ich jedes.verdammte.einzelne.Mal
wenn ich im Stehen in der Küche esse - an Walter.
Und an meinen Vater.
Und mein schlechtes Gewissen.

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