Brauhaus in Leimen, ca. 2014 oder 2015.
Ich sitze mit der Freundin-plus mittags am Brauhaustisch,
und wir warten auf unsere Getränke und das Essen.
Wir machen das hier hin und wieder, im Anschluss an unseren
check-out im BDSM-Appartement ganz in der Nähe.
Es kann sogar sein, dass wir ein bisschen Händchen halten, oder
wenigstens liegen unsere Hände auf dem Tisch nah beieinander.
Aber trotzdem fallen ihr wieder meine Daumennägel auf, die ich
mehr oder minder inzwischen gekonnt in den Händen verstecke,
damit man sie nicht sieht.
Eine bereits völlig automatische Geste, seit ich beobachtet hatte,
dass auf der Arbeit Kunden in Terminen immer wieder meine Hände
angeschaut hatten - und mir natürlich sofort klar war, weshalb.
Sie sehen einfach entsetzlich aus, seit ich sie ca. 2001 mal immer
weiter aufgeknibbelt und -gerissen hatte und die Nägel nun wie
zerfalzt immer wieder neu reißen, manchmal exakt in der Mitte,
weil die Nagelspannung eben eine gesunde, glatte Nageloberfläche
verlangt.
Sie biegt mit ihren Fingern meine Hände auf und fragt mit leicht,
aber erkennbar hochgezogenen Augenbrauen:
"Glaubst Du ECHT, dass DIE nochmal was werden?!"
und ich daraufhin so: "Ja, klar!"
"Seit wann sind die jetzt so?"
"Etwa 14 Jahre."
"Deine Einstellung find' ich einfach nur geil."
***
Es gibt ja diese Theorie (Sie dürfen die auch gerne "Humbug" nennen),
dass sich eine negative seelische/psychische Konstitution irgendwo
im realen, physischen Körper ein Organ sucht und dieses dann ebenfalls
krank werden lässt oder zumindest eingeschränkt funktionieren lässt.
Da denke ich oft an meine Kollegen Tom und Alessandro:
Beide haben es andauernd mit dem Rücken. Obgleich keinerlei
lokaler Befund an ebendiesen Bereichen gefunden wird.
Was Beiden gemeinsam ist: Das sind alle beide Menschen, die sich
wahnsinnig reinsteigern können in Dinge bzw. die sich Sachen
zu sehr zu Herzen nehmen.
Zumindest mehr, als man von außen nachvollziehen könnte.
Vielleicht waren das bei mir eben diese Fingernägel?
***
Eine Zeit lang musste ich die Daumen tatsächlich lackieren,
damit sie überhaupt einigermaßen nach was aussahen, dieser
Lack hielt selten mehr als wenige Stunden.
Das war früheren Bloglesern auch einmal aufgefallen, als ich
einen Contestwunsch im Blog erfüllt hatte und für die Gewinnerin
ein HOW TO PLAY- Video gedreht hatte.
Und zwar von dem iPad-Spiel HELLO KITTY BEAUTY SALON.
2012 war das gewesen.
Und gleich die ersten Kommentare im Blog waren damals gewesen:
"Du lackierst Dir DIE NÄGEL?!"
So gut wie jeder, dem ich mal einen intensiveren Blick gestattet hatte
auf diese Daumennägel hatte gemeint, dass das nix mehr wird, da
hülfe nur: Nägel ziehen und vernünftig nachwachsen lassen.
Aus irgendeinem Grund war ich aber ausgerechnet da
so der Bewahrer und Reparierer statt der Wegwerfer.
Und so blieben die Nägel dran.
Unansehnlich, versteckt, Jahr für Jahr.
***
Kurz nach der Trennung im Sommer vor zwei Jahren standen eine Menge
Möbelaufbau- und Montagearbeiten an, außerdem viel zum Tragen, buddeln,
schrauben, bohren...körperliche Arbeit halt.
Arbeit mit den Händen vor allem.
Merkwürdigerweise fingen trotz der zusätzlichen Belastung und dem
hundertfachen Händewaschen jeden Tag und wasweißich noch alles
die Nägel an, sich zu erholen.
Das war absolut unerwartet.
Landeshauptstadt BaWü, Anfang 2023.
Inzwischen sind nochmal anderthalb Jahre vergangen.
Jeden Monat ging es den Nägeln besser.
Lackiert werden sie schon sehr lange nicht mehr.
Glattgefeilt werden sie nur noch selten.
Sie sehen zu 95% wieder so aus, wie gesunde Nägel aussehen sollten.
Und so fühlen sie sich auch wieder an.
Nach mehr als zwanzig Jahren.
Man sieht ihnen ihre Krankheitsgeschichte nur noch mit Blick
auf die hellen Flächen an der Nagelwachstumsstelle an:
Bei gesunden Nägeln machen sie 15% des Nagels aus.
Bei meinen Daumen sind es 50%.
Ganz und gar erstaunlich finde ich das.

Ist mir ebenfalls aufgefallen, aber eigentlich nie viel bei gedacht, da dieses Thema Daumennägel hier Standard ist. Dass es ein Gemütsproblem zu scheint sein scheint, habe ich vor über einem Jahr verstanden, als es immer extremer wurde. Das macht mir gerade Mut, aber bestätigt mir leider meine derzeitige Vefassung. Dankeschön fürs Teilen! <3
AntwortenLöschenGerne :-).
LöschenWas diese "Organ-Emotionierung" angeht, bin ich zu 100% selbst schuld gewesen, ich habe diese Nägel (bewusst oder unbewusst) immer wieder zerstört.
Und ich VERMISSE es, dieses Gefühl, mich zu beschädigen, es hatte etwas zutiefst Lösendes, Konzentriertes, Spannungsabbauendes in sich
... und vor allem war es: Ausgleichend.
Kann man bei Dir irgendwo online mitlesen/nachlesen, was Dich umtreibt / gedanklich beschäftigt?
Ich hätte Interesse :-).
Schuld bin ich auch, da gibt es nichts zu schönen. Baustellen gibt es derer viele, mit diversen Warnstufen. Die ignoriere ich ebenso gern.
LöschenSelbstzerstörerisches gibt es in Gedankenform extremer als aufs Körperliche bezogen. Bei den Nägeln hat es doch gereicht. Es ist nicht so krass ausgeprägt wie bei Dir.
Es gibt nichts online. Ich bin eine Geschichtenerzählerin, die höchstens Papier und Füller zur Hand nimmt, um temprorär den Seelenmüll auszukippen. Allerdings ist es völlig unkonkret, denn was aus dem Kopf aufs Papier ploppt wird wahr und damit unkontrollierbar. Danke für das Interesse, da kann ich wenig anbieten. :)
Ehrlich gesagt: Ich finde das ganz und gar nicht erstaunlich.
AntwortenLöschenIch hätte "einfach nur" die FINGER weglassen müssen von meinem Daumennägeln.
LöschenAber irgendwie ging das nicht...
Die einen zerstören sich die Fingernägel, die anderen knibbeln Wunden auf und so Dämlack-Experten wie ich kauen auf der Innenseite der Unterlippe herum ... Irgendeine selbstzerstörerische Macke hat vermutlich jeder und sie wird für die meisten Menschen eine ähnliche Funktion erfüllen... Vollkommen dämlich, zumal das irgendwann echt schmerzhaft wird mit aufgebissenen Lippen essen und trinken zu wollen.
AntwortenLöschenUnd vergiß das mit "hätte einfach nur ...". Das funktioniert: Null. Du kannst Dir dreiundzwanzig Stunden und neunundfünzig Minuten am Tag sagen "Lass das!" sowie Dich beherrschen und dann kommt eine unbeobachtete Minute und ZACK, hat es Dich wieder.
Bei mir hört das auf wenn ich wieder in der Balance bin ... Oder sich der Mist, der sich irgendwo im Seelenleben festgeklebt hat, endlich gelöst hat. Wenn es nicht immer so scheißanstrengend wäre, den Grund herauszufinden ...
Liebe Grüße,
Frau Mirtana
„Anstrengend“ ist die zusammenfassende Kernbezeichnung für das, was ich im Erwachsensein erlebt habe bisher.
LöschenIrgendwann habe ich Gott weiß wo mal gelesen „Es ist unglaublich, wieviel Kraft die Seele dem Körper zu verleihen vermag.“
AntwortenLöschenUnd was in die eine Richtung gilt, gilt auch für die andere.
Ich hätte ja gerne mal Vorher-Nachher-Fotos gesehen 😉🙃
Guter Vorschlag! Ich gucke mal ob ich den Schrottplatz am Ende der Finger damals einmal fotografiert hatte!
LöschenLouise Hay oder Siegmund Freud hätten da sicher einiges zu sagen können. ;)
AntwortenLöschenDie würden mich nie wieder runterlassen von ihrer Couch. ;-)
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