14 Oktober 2022

von der Lüge


 
Gestern Nacht sah ich diese Kreidetafel in einer zu meinem Glück
mäßig besuchten Bar.
'Zum Glück' deshalb, weil dadurch ein (wirklich gutes) Gespräch
eben noch ohne zu schreien möglich war - was heutzutage ja oft
keine Selbstverständlichkeit ist in Bars.

Über diesen Satz habe ich auf der Heimfahrt noch lange nachdenken müssen.
Ich sehe auch durchaus den Punkt, den die Verfasserin hatte
anbringen wollen.

Aber ich teile ihn nicht.
Zum Einen ist die der (nicht ausnahmslos falschen) Aussage zugrunde
liegende Annahme nur selten zutreffend:

Es wäre keineswegs so, dass Freundschaften ohne Lügen auskämen, aber
die Aussage, dass Freundschaften existieren, die von einer Lüge lebten,
trifft nach meiner Wahrnehmung nur auf einen Bruchteil von Beziehungen
überhaupt zu.

Die Folgeaussage, dass eine solche (seltene) Freundschaft dann beim
Auftreten der ersten Wahrheit stürbe, gilt in dieser Pauschalität ebenfalls
nicht - jedenfalls nicht für mich.

Ich selbst kann diese Aussage hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes
für mich persönlich sogar kategorisch ausschließen, sehe aber auch die 
andere Seite: Lang genug war ich mit den anderen Seite verheiratet,
um zu wissen, dass einige, mutmaßlich gar die erdrückende Mehrheit
der Menschen so denkt und empfindet.

Den Satz "ich habe da wohl mit einer Lüge gelebt" habe ich öfter
von Menschen zu hören bekommen oder gelesen, und er war stets
mit spürbarer Enttäuschung des Aussprechenden verbunden.


Genau da scheint mir der Knackpunkt zu liegen:
Sobald ich einen enttäuschten Menschen wahrnehme, spitze ich
die Ohren, denn oft genug scheint die Geschichte mit dem, was er/sie
für "die Wahrheit" hält, nicht vollständig zu Ende erzählt. oft fehlt was.

Nichts Anderes beschreibt das Wort "ent-täuschen" ja:
Das Auflösen einer vorherigen Täuschung, also eines
eigenen Wahrnehmungs- oder Erwartungshaltungsfehlers.

Und zudem hat nicht jede Lüge das Potenzial, eine Beziehung zu
sprengen, sie zu beenden, vor allem hat sie sehr oft die Absicht dazu nicht.
Im Gegenteil lügen wir gar nicht mal selten, weil uns der Gegenüber eben
doch sehr am Herzen liegt.

Weil uns das Leid, was unsere Wahrheit in ihm auszulösen vermöchte
eben zu sehr selbst nahe geht.
Weil wir ihn gefahrlos behüten und schonen wollen.

An dieser Stelle der Argumentation sagte man mir mal, "dann ist
das aber keine Liebe, wer jemanden belügt, der KANN es mit
demjenigen nicht gut meinen, der will nur sich selbst schonen!"


Und selten hörte ich einen Satz, der so sehr mit jeder Silbe und
mit jedem Zeichen so falsch sein kann wie dieser.

Hierzu und zu der Kreidetafel da oben habe ich eine klare
eigene Position:

Erstens, ich bezweifle keinesfalls, dass der Vorwurf oben von den meisten
Menschen als zutreffend wahrgenommen wird und dass sie diese dort
beschriebene Version davon, was Liebe ist und was sie zu leisten hat
akzeptieren und leben.

Ich bezweifle aber, dass ich selbst jemals bereit sein könnte, dies als
Voraussetzung für Liebe anzunehmen:
Meine Definition von Liebe beinhaltet das genaue Gegenteil
von diesem Postulat.

Mir macht es auch nichts aus, dass nahezu alle Menschen, die
ich je getroffen habe, das anders sehen als ich:
Quantitative Erwägungen bzw. Mehrheitsempfinden haben
keinen Einfluss (mehr) auf das, was sich für mich richtig anfühlt.

Zweitens, in "einer Freundschaft, die durch eine enttarnte Lüge endete",
wurden aus meiner Sicht die Begriffe Ursache und Anlass verwechselt:

Eine Freundschaft, die endet, ohne nach dem "warum hast Du das gemacht"
zu fragen oder die die Antwort darauf nicht als entschuldigenden
mildernden Umstand versteht, der mangelt es nicht nur an der für dem,
was ich in Freundschaften als Voraussetzung nicht zu verzichten bereit bin,
nämlich Großherzigkeit.

Sondern die hat auch den Menschen auf der Seite gegenüber samt dem,
was ihn bewegt, steuert, ängstigt und plagt nie verstanden.

Anders gesagt hatte es dann an der für mich obligatorischen Voraussetzung
für Freundschaft gefehlt, und die enttarnte Lüge war lediglich einer
der möglichen Anlässe, das aufzudecken und erfahrbar zu machen.

Aber vielleicht auch hatte genau das Hildegard Knef in Wirklichkeit gemeint:

Dass Freundschaft von beiden Seiten erfordert, alles darzulegen,
alles zu zeigen, an keiner einzigen noch so kleinen Stelle ein
"so tun als ob" darzustellen.

Denn alles davon Abweichende könnte eines Tages als Lüge, als
Unwahrheit interpretiert und vorgeworfen werden, mit dem Ergebnis,
dass die Freundschaft dann stirbt?

Möglich wär's.
Sollte das stimmen, erklärte das Vieles, für mich zumindest.

Meine eigene Erklärung für das Enden von Freundschaften ist eine
weitaus Unspektakulärere, eine Einfachere, und sie macht auch niemandem
und zu keinen Zeitpunkt einen Vorwurf, egal ob Wahrheitsapostel oder
ein mit einer Lüge Lebender, und sie geht etwa so:

Menschen sind uns stets nur Geschenke auf Zeit, 
und die Dauer ihrer Begleitung in unseren Leben ist stets endlich,
außerdem fast immer kürzer als geplant, gedacht, gewollt.

Warum genau sie aus unseren Leben einst ausscheiden, ist geradezu
lächerlich irrelevant - mal ist es die Zeit, mal die divergierenden Interessen,
mal die Partner, mal der Job, mal eine Auseinandersetzung, mal ist es
ein "ich weiß gar nicht mehr so genau, warum?".

Nicht selten können wir nach Jahren gar nicht mehr begründen,
wie und warum diese Freundschaften zu ihrem Ende kamen.

Es gibt eine Szene in der seit Ewigkeiten abgedrehten Serie
"Desparate Housewives", in der Gabrielle von ihrer Freundin Lynette
einer Lüge überführt wird und diese ihr vorwirft "echte Freunde
sagen es,  wenn sie in Not sind"
und Gabby antwortet sinngemäß
"Nein, echte Freunde verstehen und schweigen, wenn sie sehen,
dass der Andere lügt, sie helfen, ohne ihn bloßzustellen".

Ich war schon immer "Team Gabby" :-).








6 Kommentare:

  1. Immer wieder faszinierend, wie sehr die Interpretationen von solchen Dingen vom persoenlichen Bias abhaengen.
    Nenn mich naiv, aber ich haette in diesem Schild Freundschaft als "Freundschaft" gelesen. Also eben keine echte Freundschaft.
    Gerade so beruehmte Menschen schlagen sich ja mit massenweise Leuten rum, die irgendwas (Ruhm, Geld, Beziehungen) abgreifen wollen und dafuer irgendetwas heucheln, ohne wirkliche Freundschaft zu geben bereit zu sein; die sind dann halt weg, wenn es nichts mehr zu holen gibt.

    Es gab bestimmt einen konkreten Anlass fuer diesen Spruch. Der dann sicher auch was mit Ent-taeuschung zu tun hatte - jedoch wuerde ich hier von arglistiger Taeuschung ausgehen.
    Ganz normale Freundschaften verzeihen auch mal Luegereien und zerbrechen nicht daran, aber, und das ist das Gute, jedenfalls so wie ich es in wirklichen Freundschaften kenne und erlebe: Sie _brauchen_ in der Regel gar keine Luegen. Man muss da niemanden schuetzen oder schonen. Das was Gabby da sagt, unterschreibe ich voll, aber ich wuerde das, was die da in DH miteinander haben, auch eh nicht als Freundschaften bezeichnen.

    Dein ganzer Post zielt ja aber gar nicht auf Freundschaften, sondern auf engere Beziehungen ("Liebe") ab, dazu habe ich natuerlich auch Meinungen, aber die Wunden aus noch nicht zu lang Vergangenem sind noch zu frisch, um da jetzt nicht _sehr, sehr_ biased antworten zu koennen, daher lasse ich es ;)

    Nur allgemein: ich glaube, dass die allermeisten Luegen eben _nicht_ aus Altruismus, sondern aus Egoismus (dazu zaehlen vor allem auch Bequemlichkeit und Konfliktvermeidung ("doch, das Kleid steht dir!", "ja, das Essen war lecker" beim Kellner, "oh, ja, schoen" beim Friseur)) entstehen.
    Wobei ich mich natuerlich ueberhaupt nicht ausnehme :)

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    1. Interessant.
      Dass die meisten Lügen nicht aus Altruismus entstehen sondern aus Egoismus, glaube ich sofort.

      Aber es -beispielsweise- als Egoismus zu labeln, weil man es nicht erträgt, die Effekte der eigenen Wahrheit am Gegenüber zu erleben (und deshalb lügt), finde ich auch nicht gerecht.

      Tatsächlich glaube ich auch nicht, dass die Mehrheit der Fälle, in denen von Hintergehen und Heucheln und wasnochalles gesprochen wird, tatsächlich ebendiese Hintergründe haben. Ich glaube es einfach nicht, meine Erfahrung zeigt mir Anderes. Einfache Label sind meist falsche.

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    2. viel emotionales von letzter nacht (nach 1 oder 2 wein zu viel) geloescht, das nicht hierher gehoert, sondern bestenfalls in mein blog...

      aber ich glaube, hier einen knackpunkt zu sehen: Du siehst egoismus als vorwurf, als etws negatives.

      so isses aber nicht.

      jeder ist egoistisch und das ist auch richtig so, man selbst ist die person, auf die man am meisten achtgeben muss, sonst, und das kennen in der bubble hier wahrscheinlich alle, depression burnout blabla.

      du schreibst:

      "Aber es -beispielsweise- als Egoismus zu labeln, weil man es nicht erträgt, die Effekte der eigenen Wahrheit am Gegenüber zu erleben (und deshalb lügt), finde ich auch nicht gerecht."

      also "man", also "du", (oder auch "ich", ich meine, ich bin die, die den vater ihres kindes 15 jahre lang betrogen hat, ich bilde mir ein, ein wenig zu wissen, wovon ich rede), ertraegt es nicht oder moechte die konsequenzen nicht oder whatever ... dass man die effekte am gegenueber nicht erleben moechte... dann ist es eben nicht das gegenueber, das man schuetzt. sondern man selbst. das ist okay. aber dem gegenueber nimmt man die moeglichkeit, zu entscheiden. was es damit machen wollen wuerde. man nimmt ihm die selbstbestimmung. und genau dessen sollte man sich halt auch bewusst sein.

      waeh viel zu philosophisch hier alles heute.

      hast Du tittenbilder?

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    3. Ein Kommentar, der als ALLERerstes drüberstehen haben sollte *WAIT FOR THE END"* ;-)

      Ja ich seh das schon - wer den Anderen nicht leiden sehen will und ihn deshalb belügt, der schützt am Ende nur sich selbst, weil er es eben selbst nicht ertragen kann.

      Wenn es DAS ist, dann ist es eben so,
      dann muss man sich das label "Egoist" eben zu Recht antackern lassen.

      Akzeptieren ist das Eine, es verstehen aber ein ganz Anderes.

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  2. Ich sehe das wie Moya: Dein Post zielt mehr auf Liebe in Beziehungsebene denn auf Freundschaften ab. Moya, die in Deinem letzten Absatz zitierten Aussagen hab ich früher öfter verwendet - weil ich dem anderen einfach nie ein schlechtes Gefühl vermitteln wollte. Irgendwann aber verstand dann auch ich, dass man damit aber niemandem hilft ;) Seither reagiere ich ehrlich, aber diplomatisch ;)

    Rain, was Beziehungen betrifft, kann ich Deine Worte so nicht (für mich) unterschreiben. In einer Beziehung - auch in der Freundschaft - muss man nicht alles offen legen, offen sagen; es muss nicht alles transparent sein.
    Aber da gibt es den Unterschied zur (bewussten, arglistigen oder aus eigener Bequemlichkeit/ aus eigenem Egoismus heraus) Täuschung. Wenn man einem anderen Menschen etwas vorgibt, das nicht den Tatsachen entspricht, das nicht dem eigenen Wesen entspricht - dann hat das nichts mit der Wahrnehmung oder gar dem Wunschdenken des anderen zu tun. Dann handelt es sich hier um eine tatsächliche Lüge, die umso tiefgreifender wird, je mehr ein anderer Mensch Deinen Worten vertraut und sein Leben darauf einrichtet.
    Eine Freundschaft und auch eine Beziehung zerbrechen nicht an jeder Lüge - aber dabei kommt es immer auf die Tragweite dieser Lüge an. Wenn die zutage tretende Wahrheit das bisherige Leben völlig verändert, wenn sie Einfluss auf die Form der Beziehung zueinander hat, dann geht es nicht darum, ob hier zwei Menschen in einer Beziehung sind, die ein völlig konträres Beziehungsmodell leben wollen - sondern wie offen diese beiden Menschen ihr favorisiertes Beziehungsmodell überhaupt miteinander (!) kommuniziert haben. Wenn man dem anderen jedoch die Sicherheit vermittelt, auf die eigenen Worte vertrauen zu können, im Gegenzug aber versteckt genau diese Neigungen auslebt - dann kann man dem anderen nicht vorhalten, dass er vertraute - und das gemeinsame Leben bis zum Aufdecken der Lüge als eine auf eben Lüge aufgebaute Beziehung empfindet.
    DANN hätte ich persönlich es fair und wertschätzend empfunden, dem anderen zu sagen: "Ich brauche dies und jenes für mein eigenes Glücksgefühl - und geht das mit dir und mir nicht, dann muss es ohne dich (und mich) gehen."

    Ein ehemaliger Freund von mir erzählte mir damals, er habe einen Hirntumor, ein Glioblastom. Eine Erkrankung, von der man weiß, da gehts nicht darum, ob man überlebt, sondern nur, wie lange man noch hat. Irgendwann gab es Hinweise, die mich misstrauisch machten, ob er wirklich an dieser Art Hirntumor leidet (das ist eine längere Geschichte und gehört hier nicht her).
    Ich erzählte einer gemeinsamen Freundin davon und sie fragte mich: "Warum ist das wichtig für dich, ob das stimmt oder nicht?" Und ich antwortete: "Weil es doch auch etwas mit mir macht: Ich sorge mich, ich fühle mit, ich weine mit, ich unterstütze finanziell, ich höre zu." Die Freundschaft ist letztlich aus anderen Gründen zerbrochen, aber ich frage mich nach Deinem heutigen Post: Wäre sie zerbrochen, wenn sich herausstellte, dass die Erkrankung gelogen war?
    Ich kanns Dir nicht mal beantworten. Sicher ist nur eins: Ich würde ihm nicht mehr vertrauen können.
    Ja, es gibt immer Beweggründe für etwas, das man tut. Doch selbst wenn man ganz vieles irgendwie nachvollziehen und verstehen kann, dann bedeutet es nicht, dass es nicht mit einem selbst trotzdem etwas macht. Und wenn die Freundschaft vielleicht nicht sofort daran zerbricht, zerbröselt sie über die nachfolgende Zeit. Genau das habe ich mehrfach in verschiedenen Freundschaften erlebt. Weil man einfach nicht mehr vertraut.

    Und so sehe ich das in Freundschaften wie auch in der Liebe: Wenn das Vertrauen weg ist, wirds schwierig. Umso mehr, je tiefgreifender die Lüge war.

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    1. Hört sich wahr an, tatsächlich. Das war mein erster Gedanke.

      Und liest sich auch nach dem vierten Mal so, als hättest Du ein paar Jahre lang mir über die Schulter geschaut beim Leben, strange ;-).

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Er freut sich über Ihre achtsame Wortwahl, einen freundlichen Ton und Ihren von Miteinander beseelten Gedankengang.
Und in allen anderen Fällen löscht er kommentarlos.
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