09 Oktober 2022

von Abrissbirnen und Kronleuchtern

[ der ursprüngliche post title hatte gelautet
"von der Taubheit in der Welt",
aber ganz so auf die Kacke hauen 
wollte ich dann doch nicht. ]

Und so oft zeigt sie es uns, diese Welt.

Mit wie wenig Feingefühl die Menschen in ihr
Dinge zu bewerten vermögen,
wie haareraufend offenkundig ihr Danebenliegen ist,
nicht aus Ignoranz heraus,
vielmehr aus echtem, schuldlosen Unvermögen stammend,
wie Heiden in der Diaspora.

Wie wenig sie Perlen, gar Diamanten wertzuschätzen vermögen,
betäubt, geblendet, oftmals abgestumpft wie sie sind,
ein andermal ungereift in ihrem Sinnesempfinden,
indifferent vor der geschmackssicheren Wahl
des Schönen, des Gelungenen, des Edlen, des Guten. 

Und oft sind wir in Deutschland -und selten versteige ich
mich derart globalpauschalisiert generaljustiziell-
die wirklich Allerignorantesten und Dämlichsten.
Aber dazu später mehr.

Flashback:

Die stark sechsmonatige Phase zwischen Herbst 2013
und Frühjahr 2014 wird mal im Nachhinein als eine
gute und kreative Zeit der Popmusik dieser Welt 
bezeichnet werden dürfen.

Im Prinzip warteten wir damals nach Heldentaten aus
dem Jahr 2012 wie Alex Clare's Too Close und
Charly Rae Jepsen's Call me maybe, nach
Rihanna's Diamonds und nach Adele's Skyfall
auf etwas Neues, was Großes, was all dem
vielleicht doch noch das Wasser reichen könnte?

Sie gestatten mir bitte,
"Gangnam Style" und "Tage wie diese"
unter den Tisch der historisch
relevanten Relevanz fallen zu lassen.

Und dann kommt im schon verloren geglaubten 2013
eine oftmals unterschätzte (youtuben Sie ihre
Akustik-sessions) und trennungsschmerzverarbeitende
Miley Cyrus und haut mit WRECKING BALL eine
wahre Hymne aller Teeniegirls ever raus.

Eine neunstellige Anzahl an Aufrufen dieses YT-Videos
spricht an sich schon Bände.     

Jeder sprach damals über das nackte Mädchen auf der Abrisskugel,
wenige schauten auf die lyrics, noch weniger sahen
die schmerzhafte Transformation des Künstlers vor ihren Augen,
und aus meiner Sicht wurde das Songwriting oft unterbewertet.

Einige Kommentare unter dem YT-Video sagen, "die Welt war
damals nicht bereit für diesen Song"
, ich unterschreibe das.

Und dann kam Sia.
2× Gold, 41× Platin und 2× Diamant.

Chandelier definierte vieles neu, und dabei war der Song
noch nicht einmal perfekt produziert. Echt nicht.

Aber in den wichtigen Stellen, da vermochte das
Produzententeam mit dem richtigen Gespür diesen
unfassbaren Rohdiamanten freizulegen, die in den Strophen
noch getunte und gechoruste Stimme von Sia wird im Refrain
nahezu clean und straight nur in den Volumes normalisiert,
minimal gedoppelt, ansonsten ihrer eigenen Strahlkraft überlassen.

Und man hört Sia in dem Song ihre damals fast 39 Jahre
nicht eine Silbe lang an.

Wie viele takes es gebraucht hat, um diese vocals zu
erzeugen, der Aufwand muss immens gewesen sein.

Mit weitaus mehr Aufrufen als dem Miley-Cyrus-Hit 
(nämlich zweieinhalb Milliarden) strahlt Chandelier
als etwas in diesem Jahrzehnt Einzigartiges heraus.

Außer natürlich in Deutschland.

Wo dieser Song und auch der von Miley Cyrus ihre
weltweit deutlich schlechtesten Platzierungen erreichten.

Im genannten Zeitraum waren hierzulande nämlich
absolut uneinholbar vorne plaziert:

Die Alben von Helene Fischer,  Frei.Wild, Andrea Berg, 
Kollegah und Farid Bang, Matthias Reim, Heino, Prinz Pi,
Tim Bendzko, Prince Kay One, Die Amigos und Sido.

Sie können das googlen,
Sie finden dann aber die ganze Liste, und
glauben Sie mir, es wird nicht besser.

Aber dass ein Hymne wie Chandelier  wirklich nirgends auf
dieser Welt eine Nummer 1 wurde, das werde ich ihr nie verzeihen.^^

Deshalb, lassen Sie uns das Ding nochmal feiern.

Bevor YT irgendwann komplett kostenpflichtig wird
und der große DRM-Krieg losbricht und alles Gute
endgültig gelöscht werden wird.

I'm gonna swing from the chandelier
from the chandelier

I'm gonna live like tomorrow doesn't exist
Like it doesn't exist

I'm gonna fly like a bird through the night
feel my tears as they dry

I'm gonna swing from the chandelier
from the chandelier


    

2 Kommentare:

  1. Wow, ich staune immer wieder ueber Deinen Musikgeschmack.
    Ich reihe mich dann mal in die Riege der ahnungslosen Tauben ein, ist beides gar nicht meine Musik.

    (Aber immer noch Meilen besser als die Liste des Grauens "hierzulande", die Du da erwaehnst ...)

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    Antworten
    1. Gibt ja nicht (mehr) so viele herausragende Popsongs, schon gar nicht „real“ gesungene, das hier war wohl einer der Letzten.

      Und ich staune selber hin und wieder über meinen Geschmack, auch den in Sachen Musik^^ (HotelRain)

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