Immer wieder erstaunlich,
was man alles tut, um innere Stabilität
herzustellen. Oder sie zu bewahren.
Zu den im Nachhinein wirklich weniger cleveren
Ideen von mir gehörte es, unmittelbar nach der Trennung
und dem beginnenden Auszug der Ex all jene Dinge,
die sie nach und nach ausräumte und wegfuhr,
sofort und vor allem identisch nachzukaufen.
Die grauen Zoeppritz-Couchdecken fehlten plötzlich?
Ich suchte so lange auf Ebay-Kleinanzeigen, bis ich
sie nachkaufen konnte. In grau.
Die Auszüge mit den AMC-Töpfen waren geleert?
Ich kaufte genau diese AMC-Serie nach.
Die Loom-Korbflechtstühle waren eines Abends weg?
Ich fuhr bis nach Frankfurt, um das möglichst ähnliche Set
einem Studenten aus der Garage seiner Eltern abzukaufen.
Die Tischdecke fehlte?
Ab zu Erw1n Mü11er und so lange gesucht, bis die
Arnsberg-Serie in dieser Farbe im Onlineshop auftauchte.
Der Staubsauger verließ das Haus?
Der typgleiche Vorwerk-Sauger war am nächsten Tag da.
Die Geschirrvitrine?
Wurde sofort nachbestellt, das Highboard auch,
und die Couch aber gleich mal so richtig.
Mir war dieses Verhalten früh schon selbst auffällig geworden.
Aber ich hatte es anfangs auf das inzwischen gewachsene
Qualitätsbewusstsein abgeschoben, außerdem auf die Macht
der Gewohnheit und das Liebgewonnenhaben von dem,
was man hatte.
Und außerdem: Warum nicht wiederbeschaffen, womit man
stets zufrieden war?
Mit der Zeit wurde mir aber klar: Das allein ist es nicht.
Den Verlust dessen, was so lange immer da gewesen war,
ertrug ich nicht gut.
Es galt, ihn zu mildern, abzufedern, und dazu ersetzte ich
täglich neu aus dem Haus Gehendes durch möglichst Identisches.
Vielleicht wollte ich auch Handlungsfähigkeit dokumentieren,
das sich selbst neu Organisieren, und dabei noch ein bisschen
die Augen zumachen dürfen vor dem unausweichlichen Verlust
auf anderer Ebene.
Nun sind all diese Sachen um mich herum, aber sie haben sich
eine neue Aufgabe gesucht in meinem Leben, denn ihre erste,
ursprüngliche Aufgabe haben sie erledigt:
Sie haben mir den Verlust all dessen, was ich hatte,
portionsweise gelindert und meinen Fall gebremst.
Heute sitze ich zwischen all ihnen, und nun erinnern sie mich.
An das, was ich mal hatte. In einem anderen Leben.
Aus Trostspendern und Milderern sind
stumme Mahner und Erinnerer geworden.
16 April 2022
von der gekauften inneren Stabilität
4 Kommentare:
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Da gäb's für mich nur eins: verkaufen, und wirklich andere Dinge anschaffen. Müssen ja auch nicht neu sein. Aber halt ganz anders^^
AntwortenLöschenJa, JETZT sehe ich das auch so!
LöschenSei nicht immer so hart zu Dir selber. Die Strategie den Fall ein wenig abzufedern, abzubremsen hat funktioniert? Dann war es die richtige, wenn vermutlich auch nicht gerade billige Strategie. Am Ende sind Dinge eben nur Dinge und wenn sie ihre Aufgabe für Dich erfüllt haben, dann schick sie weiter. Und ersetz sie durch Dinge, die dann "DEINS" sind. Die Dich nicht ständig ermahnen und erinnern. Die Dir gehören und Teil Deiner Gegenwart sowie Zukunft sind. An denen nicht die Vergangenheit klebt wie altes Kaugummi unter Schulbänken.
AntwortenLöschenEs sei mir verziehen, doch ich musste bei dem Satz "Die Tischdecke fehlte" schon schmunzeln. Mir ist kein Mann bekannt, dem tatsächlich eine Tischdecke auf dem Tisch fehlen würde.
Und, wie woanders schon erwähnt, solltest Du es tatsächlich erwägen die Lampen ... Hey, versuchen kann ich es ja ;-)
Statt dem „Ersetzen“ versuche ich derzeit noch erstmal etwas anderes, mehr Spielerisches: Im Vorbeilaufen raune ich diesen Gegenständen so was wie „haltet die Klappe!“ zu - ich habe gute Erfahrungen seither damit gemacht, mich innerlich zu lösen, wenn mir Dinge auf den Geist zu gehen beginnen.
LöschenWas derzeit schon passiert.
„fehlende Tischdecke“ - das stimmt, das tut ein Mann normalerweise nicht, das muss man erklären:
Dieser Tisch ist sehr alt und seine Oberfläche unglaublich weich.
Bereits Fingernägeltrommeln genügt, um Kerben in seine Oberfläche zu schlagen.
Deshalb habe ich hier schnell Abhilfe besorgt.
Und die Metalllampen?
Bleiben bis zum letzten Atemzug hier ;-).
Es gibt kaum noch welche, und für Gebrauchte werden Mondpreise aufgerufen.