08 April 2022

vom noch ungefassten Herzen

 
Zumindest in Gedanken habe ich da schon ein paar Mal angerufen:

Unser Vorstand hat ab und an einen eigenen Podcast,
der Überraschungsmoment dabei ist, dass ER derjenige ist,
der Mitarbeiter bei uns interviewt.

Letztes Mal ging es um das Thema "psychische Gesundheit",
und er hat 15 min lang immer wieder betont, dass jeder von uns
in sich reinhören und bei bedarf sich Hilfe holen sollte.

Dann hat er ein neues Programm bei uns vorgestellt, eine Art
Telefonseelsorge bei uns, an die man sich wenden kann, wo
geschultes Fachpersonal ansprechbar ist, das zuhört, das die
Informationen vertrauensvoll behandelt.

Und seither bin ich wirklich nah dran, mich dort mal hin zu wenden.
Die interne Seite mit den Kontaktadressen ist seither stets offen,
sobald der Browser startet.
Ich versuche, meine Hemmschwelle zu senken.

Und seither spreche ich Sätze im Geiste in ein Telefon, das noch nicht
aufgehoben und auf dem noch keine Nummer gewählt wurde.
Immer will ich vorbereitet sein.
Nie will ich etwas einfach nur auf mich zukommen lassen.
Das bin so sehr ich, es ist schon lächerlich.

Wie weit werde ich kommen, meine Gedanken auszusprechen,
bevor ich stocke und verstumme?
Was werden, was könnten die antworten?

Was würde ich antworten?
Wenn ich derjenige wäre, der dort ans Telefon geht?

Und der Gegenüber erzählt mir, er habe seine Ehe, seine Freunde,
seine Patenkinder, seine Wohnung, seine Funktion in der Firma,
seine vertraute Chefin verloren?
Und darauf angesprochen scheint ihn
absolut nichts davon zu schmerzen, denn er fühlt nur Taubheit?

Der nun in einer neuen Wohnung wohnt, die er als fremd empfindet,
der von seiner Freundin geliebt wird, die er nicht zurückliebt,
der seinen neuen Job nicht richtig mag,
der seinen neuen Chef nicht richtig mag,
der an vier Abenden in der Woche Alkohol trinkt und
dem von seinen alten Hobbies keines mehr so wirklich Freude macht?
Außer vielleicht bloggen?

Was würde ich so jemandem raten, wenn ich ein
therapeutischer Profi wäre?
Was würde ich so jemandem raten, wenn ich ihn mögen würde?



4 Kommentare:

  1. "Gib ihm Zeit", wuerdest Du raten.
    Zeit anzukommen. Zeit durchzuatmen. Zeit zu schauen, wofuer es nun an der Zeit ist :)

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    1. Zeit.
      Zeit.

      Ich werde unruhig, wenn ich sehe,
      wie dieses komische Konstrukt ZEIT
      mir gerade zwischen den Fingern wegrinnt
      wie Sand, den man erfolglos zu behalten versucht.

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  2. "Und darauf angesprochen scheint ihn absolut nichts davon zu schmerzen, denn er fühlt nur Taubheit?"

    Ich würde ihm sagen, wenn ich ihn mag, daß das normal ist. Mehr noch, es ist die gesunde Reaktion auf Schmerz, der zu tief geht als daß er auf einmal in seiner Gänze zu ertragen wäre. Das Leben hat ihn auf den Kopf gestellt, nichts ist mehr, wie es mal war. Das schüttelt das Gefühlsleben durcheinander.

    Das Gefühlsleben ist nicht dumm, sondern so gnädig und zieht eine Decke der Taubheit über alles. Es tut das nicht, um zu schaden. Sondern um zu schützen. Die Taubheit wird mit der Zeit nachlassen. Wenn die Kraft und der Mut da ist, sich mit dem zu beschäftigen was dort zu finden ist.

    Hab Geduld, würde ich ihm sagen. Und trink nicht alleine, sondern ruf an - dann trinken wir zusammen.

    Das Miststück

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    1. Das hat jetzt schon das Potential
      für den KOMMENTAR DES JAHRES.

      Ich danke Dir SEHR für ihn.♥
      Ich werde noch öfters hierher kommen,
      um ihn noch einmal zu lesen.

      Und das mit dem "Lass uns zusammen trinken"
      hat mich wirklich zum Lächeln gebracht :-).

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