Es ist schon manchmal merkwürdig mit mir:
Erst mache ich es mir zu leicht, drücke mich
so gut es geht halbe oder ganze Ewigkeiten
selbst vor Dingen, von denen ich WEIß, dass sie
GUT ausgehen werden (geschweige denn vor denen,
die auf jeden Fall schlimm ausgehen werden).
Und dann wieder mache ich es mir Bonus-schwer,
WENN ich es denn endlich mal angehe.
Den seit Monaten aufgeschobenen Besuch bei der
kleinen Frau, die mal gut und gerne meine Schwiegermutter
hätte werden mögen, hatte ich extra im Kalender fix
eingetragen.
Und zwar auf den Geburtstag ihres verstorbenen Mannes.
Den sie immer noch täglich oder mehrmals täglich besucht.
Die Autofahrt in den kleinen Ort im Westerwald bringt
unzählige Erinnerungen zurück.
Vielleicht liegt es an meinem Alter, dass sie mich nahezu
ausnahmslos zum Lächeln bringen hinter meinem Steuer.
Da links ging es zum Band-Proberaum mit Earn und seinem
Bruder. Aber Bands und ich, das ging nie gut aus.
Da hinten rechts vor der Currywurstbude geht es rein
zu dem Haus wo Schwebbel früher wohnte.
Der ordentlich Ärger mit seiner Mutter bekommen hatte,
weil wir heimlich ihren gesamten Gewürzeschrank in der
Küche "upside down" neu eingeräumt und oben drauf
Pornohefte "versteckt" hatten.
Ein paar hundert Meter hinter dem Ort ist jetzt links ein riesiges
Gewerbegebiet. Früher waren da Felder, über die ich oft
händchenhaltend mit Nici und dem Familienhund gelaufen bin.
Da rechts ging es in den Wald zum Räuberkeller, einem urigen
Gelagekeller mit Kutschausfahrt und Gesang.
Auch der ist längst zu.
Der Zielort naht, leider gibt es gleich nach dem Ortsschild links
den Blumenladen nicht mehr, wo ich Nicis Mutter immer Blumen
gekauft hatte. Gerbera waren ihre Lieblingsblumen.
Aber die Pizzeria, in der wir schon als Teenies saßen - die ist
immer noch da! Unglaublich.
Am Ortsausgang rechts waren früher auch nur Felder,
nun auch hier ein kleines Gewerbegebiet, ich habe es bei der
Vorplanung auf G-Maps gesehen.
Dort soll es noch Blumen geben.
Und die letzte im Ort verbliebene Theke mit Kuchen.
bisschen um, während ich warte.
Der Duft von Blumenläden löst in mir ein Gefühl von "zu hause"
aus. Es ist zwar kein in sich angenehmer Geruch.
Aber in einem Floristikladen zu stehen wirkt in der Nase
noch genau so wie vor dreißig oder vierzig Jahren.
Und das zu Erleben wiederum ist heutzutage eine Seltenheit.
Wieder lächle ich vor mich hin.
Beim bezahlen bestätigt mir die Dame, dass hier nebenan der
weit und breit einzige Laden mit Kuchentheke sei.
Ich nehme dort zweimal gedeckten Apfel- und zwei mal
Käsekuchen mit.
Ich hörte, Käsekuchen ginge immer.
Und dann atme ich ein paar mal etwas schwerer ein und aus,
als ich vor dem kleinen, nicht mehr ganz frischen Häuschen
vorfahre und in die enge Parklücke zwischen Straße und
Hausmauer nach Jahren im ersten Anlauf so einparke, als
sei ich hier immer noch jedes Wochenende zuhause.
Ich nehme Blumen und Kuchen, klingele, die Tür geht auf,
die kleine Frau sieht mich, schlägt die Hände vor ihr Gesicht,
nicht komplett vor die Augen, aber so wie Scheuklappen links
und rechts der Augen, aus denen nun Tränen wie Sturzbäche
die Wangen hinunterlaufen.
Darauf hatte ich vorbereitet sein müssen, und das bin ich auch.
Wir umarmen uns, lange und fest. Das ist gut so, denn die Zeit,
in der diese Frau häufig und fest umarmt wurde, sind vorbei.
Alle sind aus dem Haus raus, sie lebt dort allein.
Und sie geht nicht mehr raus.
Nur noch auf den Friedhof.
regelmäßiger Gast zu sein, wenig verändert.
Aus den handgemalten Basteleien, die früher dort von den
Kindern gehangen haben, wurden handgemalte Basteleien
von Enkeln, die inzwischen aber auch anderes im Sinn haben
als die Oma.
Es wird dringend Zeit für Kuchen.
Ihr Kaffee kommt aus einer alchimistisch anmutenden Maschine,
die sich abenteuerlicher ein Doctor Snuggels nicht hätte einfallen
lassen können.
Aber er schmeckt exakt wie ihr Kaffee früher.
Erstaunlich.
Auch ansonsten ist hier die Zeit stehen geblieben.
Links neben mir auf der Esszimmereckbank liegen jene
fein säuberlich und akurat sortiert.
Die Unterhaltung gerät leicht und flüssig, ich freue mich.
Kein Stocken, keine schlimmen Geschichten, ein Thema
gibt das Andere, es gibt Jahre an gemeinsamer Vergangenheit
nachzubesprechen.
Meine Ankunft hatte sich im Vorfeld herumgesprochen,
daher bin ich kein bisschen verwundert, dass irgendwann
die Tür schallert und Nici in der Tür steht.
Wir umarmen uns, es steht ihr gut, dass sie wieder fitter und
erheblich gewichtsreduzierter ist, sie wirkt auch gelöster,
als ich das aus den Erzählungen ihrer Schwester neulich
vermutet hätte.
Eine Menge alter Lacher wird aufgetischt, wir tauschen
Updates zu gemeinsamen Bekannten aus, ein Thema gibt
das Nächste.
Es wird ein toller Vormittag. Und wir vereinbaren, zusammen
zu Würstchen und Glühwein zu gehen, sobald die Weihnachts-
märkte aufmachen.
Die Heimfahrt sieht mich erneut lächeln.
Das hier war eine gute, eine sehr gute Sache.
Schön :-)
AntwortenLöschenLG
Mechthilda
P.S. Und die Kuchengabeln?
Sie hat erst verwirrt dreingeschaut, aber als ich ihrer Erinnerung auf die Sprünge half, hat sie herzlich gelacht 😄.
LöschenP.S. Stimmt, darüber hatte ich irritierenderweise keine einzige Zeile verloren - ich korrigiere das!
LöschenGehst Du selten in ein Blumengeschäft?
AntwortenLöschenDiese Wegstrecken durch diese Gegend interessieren mich ja...
Es ist schön, wenn man nach Jahren Menschen trifft, die eigentlich nie weg waren und direkt wieder anknüpfen kann. Hier passen die 3 Wünsche, das ist doch genau das, obwohl Du die Person kennst. Es kam unerwartet und es war gut.
Verdammt....Du stellst die wehtuh-Frage, aber das ist gut so (wirklich).
LöschenDenn JA, ich gehe extrem SELTEN in einen Blumenladen.
Das war mal anders. Ganz anders.
Weshalb, nehme ich mir mal hier zu erzählen vor.
Die noch ausstehenden Leser/innen-Wünsche habe ich keinesfalls vergessen. Die handgeschriebenen Römertopfrezepte, die 3 Wünsche...ABER: Das hier war eine gute Bekannte, das gilt nicht.
Gewünscht war explizit: Eine Fremde / ein Fremder.
Also bin ich das noch schuldig.
Und ich vergesse *NIE* Schulden.
so schoen zu lesen und so schoen fuer alle Beteiligten :)))
AntwortenLöschenWarum nur - zum wildfi....... Geier- DRÜCKT MAN SICH so
Löschenewig lange vor solchen Begegnungen ?!?
Es wird doch eigentlich immer SCHÖN?
Ich kapier' mich nicht.
Weil immer die Angst mitschwingt: "Und wenn es doch doof wird? Was ist, wenn ich mir nur Vorhaltungen usw. anhören darf?" ...
AntwortenLöschenVielleicht auch die Angst vor schwer erfüllbaren Erwartungen in der Zukunft, welche mit solchen Besuchen manchesmal einhergehen?
Am angenehmsten ist es für mich bei Treffen mit langen (oder gern auch extrem langen) Abständen immer, wenn sich das Gefühl einstellt - genau wie Nova schrieb: Es ist als wäre man nie weg gewesen. Dieselbe Vertrautheit wie immer / wie früher.
Im ersten Abschnitt von Dir steht gerade mein zusammengefasstes Privatleben / Eheleben der letzten 25 Jahre :-).
LöschenZu erleben, dass Treffen "nach Langem" einfach nur schön und vertraut sein können, dass man einfach nur SEINER SELBST WILLEN gern gesehen wird, ist ein tolles, erleichterndes Gefühl.
Es tut mehr für die eigene Selbstwerteinschätzung als hundert andere Dinge.