08 Mai 2024

letter instead of a kiss

Manchmal frage ich mich, weshalb ich so ein
unglaublich selektives Erinnerungsvermögen habe.

Es ist sogar geradezu irrwitzig beliebig und launisch.

Einerseits weiß ich noch genau -obgleich ich nie dort war-
dass auf dem Plattenspieler rechts neben Deiner winzigen
Schreib- und Bastelecke in Eurer alten kleinen Wohnung
ein weißer Gartenzwerg stand, im Fach über dem Drucker.

Andererseits konnte ich mich nicht daran erinnern,
dass ich damals die Hochzeit mit der Exfrau gar nicht
mitbezahlt hatte.

Spoiler:
An EINES von Beidem sollte ich noch 
brühwarm und lautstark erinnert werden.

Einerseits könnte ich -obgleich ich sie nie live sah-
Deine Nippel unter hunderten anderen auf Fotos
treffsicher wiedererkennen.

Andererseits kann ich mich beim besten Willen nicht
mehr daran erinnern, wie die Exfrau geküsst hat.
Als sie es noch hat.

Neulich bin durch Dein online-Fotoalbum gesurft.

Viele zarte Sachen dort.
Viele liebevolle Sachen dort.
Einige heiße Sachen dort.

Sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt.
Sie alle nicht.

Ich habe aufgehört, im Leben nach Erklärungen zu suchen.
Erklärungen dafür, wie ich bin und warum.

Erklärungen dafür, warum manche Pflanzen eingingen
und warum andere erst gar nicht aus dem Boden kamen.

Vielleicht keine ganz schlechte Metapher:
Im richtigen Gießen war ich nie besonders gut,
da könntest Du fragen, wen Du wolltest.

Manchmal denke ich an die Exfrau und frage mich,
was sie wohl dazu sagen würde, wie ich über sie denke.
Es wäre ihr vermutlich egal.
Ich hingegen finde, das sollte es nicht.

Manchmal denke ich an Dich, und auch dann frage ich mich,
wie jetzt wohl Deine Reaktion wäre, wenn Du es wüsstest.
Vermutlich würdest Du lächeln.

Es schwimmen seltsame Gedanken hoch und runter in mir.
Alles dabei zwischen "zu wenig gesagt" und "zu viel gesagt".

Ist wie mit dem Pflanzengießen:
Bei mir zu überleben ohne zu ertrinken oder zu vertrocknen
ist offenbar schwer.

Sicherlich liegt der Hauptgrund wirklich bei mir - nahezu
alle, die mich die letzten dreißig Jahre liebten, sagten mir
das hinterher.

>98% aller bisherigen Menschen meines Lebens sind
nicht mehr Teil davon und werden es auch nie wieder sein.
Es wird seinen guten Grund haben.

Es wäre nicht so, dass ich sie alle vermisste.

Es ist vielmehr so, dass ich das Gefühl habe, dass gerade
jene, von denen ich wollte, dass sie mich wirklich kennen,
nicht mehr da sind.

Außerdem habe ich die Befürchtung, 
dass jene, denen ich es hätte zeigen wollen, vielleicht aus
genau diesem Grund jene sind, die nicht mehr da sind.

Aber wer weiß?  Dum spiro, spero.
Und selten (ganz selten) kehrt ja Gutes noch einmal zu uns zurück.

Hast Du beispielsweise mitbekommen, dass twoday.net
wieder online ist?! Und einige der alten Blogs ebenfalls?

Na bitte.

Ich wollte eigentlich auch nur noch sagen, dass gestern und heute
sehr, sehr schlechte Tage waren und ich aus diesem Grund
einen weiteren Zettel (die für Notfälle) aus der Wunderlampe
habe holen müssen.

Ich habe ihn sanft aufgefaltet und habe ihn mir helfen lassen,
ich habe ihn angesehen wie einen Schmetterling, der sich
in meinen Händen aus seinem Raupenkokon rausschält, um
sodann wegzufliegen.

Nun habe ich noch 6 Zettel übrig.

Ich sollte sie sehr mit Bedacht einsetzen:
Dieses Leben ist noch lang.



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