04 März 2024

vom ersten Tag, zu alt sein

 
So schnell hatte ich das nicht kommen sehen:

Zum ersten Mal hat mir gestern jemand durch die
Blume angedeutet, dass ich in meinem Job zu alt
sein könnte für das, was er und sein Team als
Support brauchen.

Aber der Reihe nach.
Im Rahmen meiner Vorstellungsrunde hatte ich mir
das größte Team aufgehoben, bis ich "warmgelaufen" war.
In diesem Team werden mehrere Dutzend Mitarbeiter von
zwei Geschäftsführern gesteuert.

Erstmal war zum Termin einer der beiden nicht da.
Ein Arzttermin mit seinem Kind. Okay, entschuldigt.

Der Andere war...sagen wir, höflich reserviert.
Er hatte ausgesprochen präzise Vorstellungen von dem,
was er an Support in seinem Team kommuniziert haben
möchte und was nicht.

Vor allem, was nicht. Dazu gab es einige Minuten.
Und Kommunikation bitte explizit NUR über den Chef -
keinesfalls etwa seine Mitarbeiter direkt anmailen.

Sagen wir so: Was alle anderen gerne haben möchten,
will dieses Team ganz genau nicht. 

Das kann, das darf natürlich sein.
Das Team ist nicht umsonst eines der deutschlandweit Größten.
Die machen das schon richtig, so wie sie das wollen, 
so auf ihre Art. Ist halt nicht meine Art.

Trotzdem war da etwas für mich Unerwartetes, Ungewohntes
im Raum gewesen. Ich hatte im Nachgang überlegt, was ich
anders hätte machen können im Erstgespräch. Ich befragte 
den mit anwesenden Regionalmanager, meinen Kollegen.
Er kannte mich aus etlichen anderen Terminen und meinte
"alles richtig gemacht".

Letzte Woche dann Kick-Off-event mit allen Vertriebspartnern,
hunderte waren zur Abendveranstaltung geblieben.

Ein großes Wuseln in der Kantine, lange Schlangen am Buffet,
dutzende Tische und Gesprächsgrüppchen.

Da sehe ich den damals nicht anwesenden zweiten
Geschäftsführer am Getränkeautomaten stehen und in sein
Handy tippen. Er muss so Ende dreißig sein.

Ich nutze die Gelegenheit, spreche ihn an, stelle mich vor.

Er wirkt...merkwürdig. Gar nicht "willkommend" wie Andere.
Er fragt mich, für was ich denn bei uns zuständig sei,
was sich aus mehreren Gründen bis zu ihm durch gesprochen
haben muss, wie ich sicher aus anderer Quelle weiß.

Ich sage ihm, ich sei sein neuer Ansprechpartner für die
Themen X und Y.

Ich erzähle ihm, dass ich schon in seiner Geschäftsstelle den
einen oder anderen kennengelernt hätte und dass er leider an
diesem Termin aber verhindert gewesen sei.

"Was für ein Termin?" fragt er nach.
Ich antworte.
"Ach so." quittiert er.

Irgendwann bilde ich mir ein, jetzt gerade gemustert zu
werden, und in dem Moment setzt er auch schon an
zur unsanften Landung:

"Weißt Du...wir haben jedes Jahr 5 Azubis bei uns.
5 neue Azubis jährlich , und wir wollen jedes Jahr mehr einstellen.
Wir brauchen da eigentlich jemanden, der für uns und
mit uns diese Menschen an der Hand nimmt, fachlich qualifiziert,
begleitet. Wir als Team wollen wachsen und und weiter entwickeln,
über einen längeren Zeitraum."


Ich verstehe seinen Punkt nicht.
Da hilft normalerweise: Nachfragen.

"Ja...und?"

Er schaut mich an wie einen, dem man Alles lieber
langsam erklären sollte.
"Wie alt bist Du?"

Ich bin schlagfertig und entgegne in einer zwanzigstel Sekunde
"Ja, wie alt bin ich denn? Was denkst Du?"

Aber in Wirklichkeit hat mich diese Frage doch überrascht.

In Sekunden tropft die Ahnung durch, dass die Anfahrrampe mit den
"Azubis" und dem "längeren Zeitraum" eine Andeutung gewesen
sein könnte, dass ich altersbedingt erstens nicht mehr die Azubis
zu "erreichen" in der Lage sein könnte und zweitens ich ja auch
nicht mehr sooo allzu lange als der Ansprechpartner im Berufsleben
zur Verfügung stehen könnte.

Hinweis:
Bei uns im Laden geht man normalerweise
mit 58 Jahren in den Vorruhestand.

Er ziert sich, die Gegenfrage hat nun ihn kalt erwischt.

Er will nicht antworten, aber jetzt bin ich schon angepisst,
jetzt lass' ich ihn da nicht mehr raus, ich bestehe grinsend
auf einer Antwort, die widerwillig irgendwann aus ihm
raus kommt.

Und dann schätzt er mich auch noch 2 Jahre älter,
als ich es bin.

Noch ein Novum:
Nicht nur hält mich erstmals jemand zu alt in meinem Job
für die Art support, die er gerne hätte.
Erstmals werde ich in meinem Leben auch
älter geschätzt, als ich bin.

Offenbar waren die letzten zweieinhalb Jahre fordernder,
als ich es mir einzugestehen bereit war.

Eine Fehleinschätzung, die beispielsweise
ein schneller Blick 
auf meine Handy-Selfie-
Sammlung des Jahres 2020
ganz schnell hätte beheben können.

Der Vergleich zum aktuellen Spiegelbild spricht einfach Bände,
da komme ich nicht drum herum, das weiß ich auch.

Das Gespräch kommt zu einem raschen Ende, wir tauschen
ein paar Freundlichkeiten aus, ich kündige an, in Kürze dem
Team eine Info-Schulung anzubieten, das Angebot wird
freundlich nickend goutiert, ein Handschlag und wir gehen
auseinander zu anderen Tischen.

Ich schlendere nachdenklich durch die Menschenmassen.
Das war er also.
Der erste Tag.


Das erste Mal, bei dem Dir jemand zu verstehen gegeben hat:

Du bist evtl. nicht mehr in der Position, junge Menschen zu erreichen.
Wir hätten lieber Deinen Vorgänger auf der Stelle zurück gehabt.

Dieser war im Sommer
zur Konkurrenz gewechselt.
Und etwa halb so alt wie ich.

Ich muss ihn anrufen. Den Vorgänger.
Ich hab seine Nummer noch, wir telefonieren manchmal.
Ich hätte gerne seine Einschätzung zu dem Team, den Menschen.
Vielleicht übersehe ich was.

Und in der Zwischenzeit gehe ich in mich und
überdenke, was diese Erfahrung mit mir macht und
wie ich mich verhalte, wenn ich noch einmal in diese
Situation kommen sollte.

Ab jetzt bin ich 'mal besser vorbereitet.

Denn das hatte ich nicht kommen sehen.
Noch nicht.







10 Kommentare:

  1. Du hast noch Glück, dass der Wink erst so spät kam. Es fühlt sich scheiße an.

    Ich wurde längst abgewrackt und da stand noch keine 4 vorm Alter. Es macht den Unterschied, aus welcher Generation der Kommentar kommt. Da sollte man differenzieren. Mir sagen das die Mitte 20er. Die wissen schon alles. Ich warte auf die Rente, denn die Vermittlung von Spezialwissen ist nicht mehr gewünscht. 🤷‍♀️ In der Zwischenzeit hoffe ich, dass ich nicht verblöde.

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    1. Ich teile Deine "die wissen schon alles"-Beobachtung.

      Erfahrungswerte zählen weniger denn je.
      Spezialwissen ist fakultativ (und daher verzichtbar), weil ja bei Bedarf abrufbar in Wikipedia, ChatGPT und Co. Es ist außerdem teuer im Unterhalt, und schon von daher wird ein Spezialist als Kostenfaktor bzw. Fressfeind im Kampf um Ressourcen verstanden.

      Dass das mit dem Verblöden ausbleibt, mag ich nicht mehr zu hoffen - ich bin heute bereits messbar dämlicher und stumpfer als noch vor wenigen Jahren.

      Was aber vielleicht gar nicht so schlecht ist, denn ich nehme die heute auch schon bereits simplere und stumpfere Menschenumgebung als auffällig zufriedener und glücklicher wahr als ich mich selbst verorte :-)

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    2. Schulungen für Spezialwissen sollen nicht mehr durchgeführt werden. Im Gehalt der "Älteren" spiegelt sich das jetzt schon wieder. Die 20 Jahre Jüngeren verdienen ähnlich oder schon mehr als man selbst.

      Verblödung dahingehend, dass die Herausforderung fehlt. Ich muss mich ja nicht mehr anstrengen, mein Wissen erreicht ja schon den minimalen Anspruch, kaum Denkleistung notwendig und noch weniger sozialer oder fachlicher Austausch.

      Natürlich sind alle zufriedener und glücklicher, man muss ja nicht mehr denken. Bist Du es damit ebenso? Ich bin es jedenfalls nicht und kämpfe mich mühsam durch jeden Tag.

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    3. Hier sind die Dinge etwas anders - die Jüngeren, später eingestellten bekommen z.T. drastisch weniger Gehalt und ihre betriebliche Altersvorsorge leistet ebenfalls deutlich weniger.

      Was die fehlende Herausforderung angeht: Jein.
      Ich versuche, MEINEN Anspruch auf Herausgefordertwerden weitestgehend herauszuhalten aus meinem Beruf - es hat sich herausgestellt, dass alle Ebenen (Kollegen, Konzern, Führungskräfte) damit überfordert wären bzw. dies inkonkgruent geht mit dem, was von IHNEN verlangt wird (daher Störfaktor).

      Was mich geistig fit hält, mache ich privat.
      Der Job dient nur dem Broterwerb.
      Trotzdem nutze ich die Möglichkeiten, die es noch gibt,
      um auch dort ein bisschen Spaß zu haben, während ich mich nicht körperlich kaputtarbeiten muss. :-)

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  2. Hab nur ich das Gefühl, dass viele Jüngere gar nichts mehr lernen oder hören WOLLEN? Und dann oft noch sehr überheblich reagieren, wenn man sie drauf anspricht?

    Mit 58 in den Vorruhestand? Das wär schön gewesen. Da bin ich leider bloß schon 4 Jahre drüber. Und muss mehr als das noch arbeiten...

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    1. Sagen wir so, auch früher (TM) waren Erfahrungswerte schon aus Sicht der Erfahrungsbesitzer mehrheitlich untergeschätzt^^.
      Aber ja - heute scheinen solche skills kaum noch erwerbenswert, der Aufwand zu ihrer Gewinnung nicht lohnenswert zu sein.

      Es liegt aber auch an der demographischen Keule:
      Wenn junge Menschen ein knapper werdendes Produktgut darstellen, um das sich jeder bemühen muss, es in seinen Betrieb zu bekommen, sinkt die Produktqualität. Daran führt in unserem Wirtschaftssystem kein Weg vorbei, denn der Qualitätsanspruch auf verknappende Güter muss immer fallen.

      Ich kann für mich auch noch nicht sagen, ob ich mit 58 hier weg gehen DARF oder gar WILL, aber die Aussicht, nicht bis 67 durchrennen zu müssen, hat etwas beruhigendes auf mich - vielleicht identifiziert mich genau DIESE Aussage als "alten Menschen" :-D.

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  3. Keine Bange, Herr Zaubermann. Man gewöhnt sich dran. Ich habe inzwischen auch eine 6 vorne stehen und habe mir angewöhnt, mit meinem Alter zu kokettieren :-) Der Gesetzgeber ("Die Renten sind sicher!") will ja, dass ich bis weit über 66 die Tretmühle bewege. Habe mir aber geschworen, dass mit 65 Schluss ist. Schließlich fällt mir das Aufstehen und die Motivation jeden Morgen schwerer ...

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    1. Bei mir ist das noch nicht so ausgeprägt, aber eben auch dank Wohnort- und Betreuungsgebietswechsel. Hier wirkt (noch) das Neue und Ungewohnte positiv auf mich.

      Aber auch ich will keinesfalls für mich ausschließen, dass es bei mir in absehbarer Zukunft einen "gleitenden Ausklang" geben wird bezüglich Arbeitszeit, Arbeitseinsatz, Präsentismus geben könte.

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