wie ich den heutigen post betiteln soll.
Viel länger als ich das sonst tue.
Bei dem da oben ist es geblieben.
Und seien Sie gewiss:
Ich weiß selber, dass er total misslungen ist.]
Selbst konkrete Orts- und Terminvorschläge werden
erst nach Wochen oder gar Monaten beantwortet.
Schon seit Jahren ist das so.
Ich habe es ihr nie übel genommen.
Aber eine Nachricht wie diese von ihr schon einmal
irgendwann erhalten zu haben, in dieser Dringlichkeit,
daran konnte ich mich nicht erinnern.
bis wir uns sehen würden, aber dann sitze ich doch
freitags abends im Auto und fahre die A3 in der
Dämmerung den Westerwald hinunter.
Im Auto ziehen die Bilder der letzten Jahrzehnte
an mir vorbei. Keinen Menschen in meinem Leben
kenne ich länger als sie.
Flashback: Donnerstag, 15. August 1985
Ich laufe hinter dem Direktor der neuen Schule über
den Pausenplatz her in meinen künftigen Klassenraum.
Neben mir ein kleiner, kahlgeschorener Skinhead
in grüner Bomberjacke und Springerstiefeln.
Auch er ist nicht nur neu in dieser Schule,
sondern er heißt auch noch so wie ich.
"Na, auch neu hier?" bricht er als Erstes das Eis.
"Ja..." und mehr bekomme ich nicht raus, denn ich
bin alles, nur nicht freiwillig hier.
Das relativiert sich, als wir den Klassenraum betreten,
in dem noch großes Gewusel herrscht, der erste Tag
nach den Sommerferien, alle kennen, begrüßen sich,
springen umher, suchen sich einen Platz.
Bzw. haben sie das schon getan. Und so:
Hat nur die Bank ganz rechts hinten noch 2 freie Plätze.
Ich gehe nach ganz hinten, zumal ich einen Kopf größer
bin als der andere Neue.
Bevor ich mich setze, wandert mein Blick einmal quer
durch die Reihen, alles neue Gesichter, die nun verstummen.
Und uns kollektiv... mustern.
Mein Blick bleibt wie eine hängengebliebene Plattennadel
auf IHR kleben:
Unglaublich... klein.
Dunkelbraune enge Locken.
Blitzende große Augen.
Ein strahlendweißes Dentagardlächlen.
Atemberaubend hübsch.
Und die größten Brüste der Klasse, ach was, der Schule.
Kein Zweifel, ich bin schockverliebt.
Sie wird mich mustern, gleich darauf den Blick abwenden
und Jahre später erzählt mir die damals neben ihr sitzende
Manuela von ihrem grinsenden Zuzwinkern und in meine
Richtung Nicken mit den Worten: "Och, jooaah."
Und ich werde mir denken "Wird hier vielleicht doch nicht
ganz so schlecht werden, jetzmaguckn."
Die nächsten Jahre werden ein bisschen wild,
Teenagerjahre eben.
Scoundrel days.
Wir rennen Seite an Seite in unsere individuellen Verderben,
oder sagen wir: Erfahrungen.
Ich werde ihr immer zuhören, sie mir seltener,
aber noch seltener wird sie auf mich hören.
Einmal, nur ein einziges Mal ist sie diejenige, die mich
inständig warnt, mich bekniet bis zum Telefonterror.
Aber da bin ich schon verloren.
Und nicht auf sie in diesem Moment gehört zu haben,
wird mein Leben für seinen gesamten weiteren Verlauf prägen.
Während der Westerwald unter meinen rollenden Reifen näher
kommt, wandern die Bilder immer schneller an mir vorbei.
Ihre erste Hochzeit, in einem eingeschneiten Hotel am
Arsch der Welt in Kanada. Weia.
Dann die Geburt ihres Kindes.
Und ich der einzige, der schnallt, dass sie in dem Namen des
Mädchens einen Hinweis auf Michael Jackson verstecken wird.
Die Scheidung.
Die nächste Ehe. Das nächste Kind.
Der gemeinsame Neubau mit ihrem Mann.
Und dann: Die große finanzielle Katastrophe.
Die verschimmelte Bauruine. Der Millionenschaden.
Ich parke ein, es ist dunkel inzwischen.
Ein paar Schritte noch bis zur Bürotür, denn selbstverständlich
wird sie auch heute wieder die Nacht durcharbeiten.
Ich klingle bei ihrem inzwischen dritten Nachnamen,
sie öffnet, wir umarmen uns.
Den Weg nach oben in den ersten Stock schafft sie kaum
in einem Gang. Sie muss unterwegs pausieren.
Später erzählt sie mir, dass sie nach drei bis vier Häusern Fußweg
leicht bergauf außer Atem ist, dann kaum noch sprechen kann.
Also nach 150 Metern.
Das Büro ist auf min. 26°C aufgeheizt, sie schließt die Tür,
damit die Kälte draußen und unsere Unterhaltung drinnen bleibt.
Erstmals fällt Licht auf ihr Gesicht.
In vielen Zuständen habe ich sie schon gesehen.
Dieser hier under-toppt sie alle.
Das Gesicht fahl, eine Einheitsfarbe von Lippen bis Stirn.
Aufgedunsen und unreal.
Die permanent gemakeupten Augen nahezu erloschen.
Du siehst aus wie eine Wasserleiche, ist mein erster Gedanke.
Außer ihre Hände:
Diese sehen aus, als sei sie vor 2 Wochen an Land verstorben.
Die Haut so dünn, dass man hindurch schauen kann.
Bis auf jede einzelne Ader in den Fingern.
Es sind die Hände einer Achtzigjährigen.
Sie ist zwei Monate jünger als ich.
Ihre Beine und Arme sind so dünn, dass ein einziges Hinfallen
mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer beliebigen Stelle
zu einem Bruch führen würde.
Ich bin nicht mal erschrocken. Ich überlege:
Selbst als ich die Beerdigung ihres Vaters fotografiert hatte
vor über 5 Jahren sah sie nicht annähernd so beschissen aus.
Wir fangen an.
Rollen die aktuelle Situation auf.
Bauschaden, eine knappe Million.
Daraus in zehn Jahren aufgelaufener Vermögenschaden: Zwei Millionen.
Der Bauträger: Hat längst Insolvenz angemeldet, am nächsten Tag
unter neuem Namen und verwandtem Inhaber neu eröffnet und
am gleichen Ort weiter gemacht.
Der Architekt: Rechtmäßig verurteilt, aber nur mit 1,25 Mio Haftpflicht
abgesichert. Davon ist mehr als die Hälfte schon weg und es warten
noch ein halbes Dutzend Handwerker auf ihr Geld.
Das Finanzamt: Weigert sich, mehrere Sachverständigengutachten zu
akzeptieren und schiebt den Verzicht auf die dadurch wegfallende
Steuerschuld ca. 400k so lange hinaus, bis es sich Hoffnung machen
kann, dass den Steuerschuldnern im seit Jahren laufenden
Gerichtsverfahren die Puste ausgehen wird und sie einknicken.
Einen letzten Trumpf, eine letzte Karte hat sie im Ärmel,
von der niemand außer mir was weiß. Ein heimlicher, stiller
Grundstückserwerb vor ein paar Jahren.
Als Notgroschen.
Falls mal was sein sollte.
Aber: Dieser Notgroschen hält im Idealfall nur für 3 Monate.
Kein Wunder, bei 40k Fixkosten jeden Monat, inklusive Personal.
Und: Dieser Moment steht unmittelbar bevor.
Sie musste den Betrieb vor zwei Monaten schließen, um Tag und Nacht
an offenen Rechnungen und Steuererklärungen zu schreiben.
In dieser Zeit liefen die Kosten weiter, aber es kam kein Geld rein.
Das Personal muss weiter bezahlt werden.
Die Kredite laufen weiter, teils nur auf Zinsen.
Die Privatschule des Kleinen kostet Geld.
Die Uni der großen Tochter kostet Geld.
Die Mutter hat gerade mal 400 Euro Rente.
Der Vater hatte nichts hinterlassen außer Schulden.
Und: Der Betrieb ihres Mannes läuft schlecht.
Jedes Jahr schießt sie mehr Geld rein als wieder raus kommt.
Sie wird misstrauisch, schöpft Verdacht, fängt an,
Belege und Überweisungen zu sammeln.
Das Ergebnis verbittert sie: Nicht ganz auszuschließen,
dass sie auch in dieser Ehe ausgenommen oder sagen wir
übervorteilt wird.
Ihr Tonfall, wenn sie über ihren Mann (und das Geld,
was er versenkt) redet, macht mir weitaus mehr Sorgen
als die finanzielle Lage.
"Was soll ich nur tun?"
Das muss das erste Mal sein, dass sie mich so direkt um
Rat fragt, seit wir keine D-Mark mehr haben, und das ist
in keinem Fall eine Übertreibung.
Ich spiele mit ihr etwas durch, das ich "Plan C" nenne.
Kurz zusammengefasst wäre das: Alles aufgeben, liquidieren.
Insolvenz und für ein paar Jahre noch als gut bezahlte Angestellte
weitermachen, das eigene Wissen weitergeben, junge Akademiker
ausbilden und zu Fachleuten schleifen.
"Und wofür hab ich dann all die Jahre das hier gemacht,
Tag und Nacht, verzichtet? Während Andere sich ein schönes
Leben mit ihrer Familie gemacht haben?"
Ich versuche ihr klarzumachen, dass die Rückwärtsbetrachtung
sie in jedem Fall verbittern und in keiner Rechnung zu einem
positiven Ergebnis bringen wird.
"Die Retrospektive wird Dich stets verbittern."
Da geht die Tür auf.
Ihr Mann steht in der Tür.
Auch er sieht aufgequollen und völlig am Ende aus.
Ich stehe auf, laufe ihm entgegen, wir umarmen uns.
Er ist einer von den Guten, keine Frage, aber auch er
kämpft um sein geschäftliches Überleben.
Seine Miene wird finster, seine Stimme leise, als er sich
seiner Frau zuwendet:
"Ich war grad unten im Keller...es ist soweit. Das Öl ist alle."
Schweigen legt sich über den Raum.
Er fährt fort, dass er mit einem Ansaugtrick noch versuche,
Reserven freizumachen, das würde den einen oder anderen
Tag bringen. Aber dann sei es vorbei mit warmem Wasser.
Nur dass sie Bescheid wisse.
Noch zwei, drei Sätze, dann geht er wieder ins Erdgeschoss
in seinen eigenen Betrieb.
Wir sind wieder allein, sehen uns an, schweigen.
Sie schaut mich traurig an.
Ich rolle mit meinem Schreibtischstuhl nahe an sie ran,
als ich ein Knacken unter einer der Rollen höre.
Nach unten schauend sehe ich, dass ich über einen leeren
Tablettenblister gefahren bin.
Ich bücke mich und hebe ihn auf, drehe ihn in meinen Fingern.
Sie sieht mein Augenbrauenrunzeln und kommt meiner Frage zuvor.
"Ibuflam", sagt sie. "Gegen die Schmerzen im Rücken. An manchen Tagen
denke ich, mir schiebt einer ein Messer von hinten unter das Schulterblatt."
"Wie viel?" frage ich.
"8 bis 10" antwortet sie.
"ACHT bis ZEHN Ibuflam AM TAG?!"
"Nein. 8 bis 10 Gramm Ibuprofen am Tag. Manchmal mehr."
"Und was sagen Deine Magengeschwüre dazu?!"
"Dagegen nehme ich was. Aber es kann jederzeit schiefgehen."
"Wenn es nicht um Dich selbst ginge: Was würdest Du sagen,
wie lange kann ein Mensch das durchhalten?"
"Ich muss aber, Rain. Ich muss."
"Hast Du die Vorsorgevollmacht ausgefüllt,
die ich Dir 2x schon mitgebracht habe?"
"Sie liegt da hinten."
"Ist das ein JA?"
"Nein."
"Habt ihr ein Testament?"
"Nein."
So langsam ich kann, atme ich aus und schließe die Augen.
Das hier wird heute zu nichts mehr führen.
Ich greife ihre zierliche, zittrige Hand, die ich zu meinem
Bedauern nie wirklich habe festhalten dürfen.
"Weißt Du noch, damals auf der Schule?
Ich fasse es nicht, wo die Jahre hin sind.
Wieviel ZEIT wir damals hatten!
Jeden Tag konnten wir uns was Neues vornehmen.
30 Minuten auf den Bus zu warten war uns unerträglich lang.
Wir lagen den ganzen Tag im Freibad.
Es war alles so unbeschwert, unverplant, und ohne Sorgen..."
Sie lächelt traurig.
"Du hast keine Ahnung, wie oft ich daran denke."
Ohje, So viel ... mir fehlt grad der passende Ausdruck. Unglück, Ausweglosigkeit, Tunnelblick. Dass man nicht MUSS, dass es auch anders geht, dass es Auswege gibt, erkennt man leider oft erst dann, wenn es gar nicht mehr geht.
AntwortenLöschenIch nehme an, das Gespräch ist eine Weile her - hast Du was Neues (Positives!?) gehört? Das wäre wünschenswert, wirklich.
Sie ist genau dieser Typ Mensch: It ain't over till it's over.
LöschenUnd so lange wird eisern durchgehalten.
Ich habe sie ganz konkret angesprochen auf die Möglichkeit, dass sie das nicht überlebt, wenn sie so weitermacht - weißt Du, was ihre Antwort war?
"Wenn ich dann -hoffentlich- die lange weiße Treppe NACHOBEN statt nach UNTEN gehe, und ich warte an der großen Pforte auf Einlass, dann weiß ich, dass Papa da wartet, und dem will ich keinesfalls in die Augen gucken und ihm sagen müssen 'ich hab nicht alles bis zum letzten Atemzug gegeben."
Das war todernst gemeint von ihr.
Oh mein Gott... Ich bin sehr sprachlos und wünsche mir sehr, dass sie auf dich hört/gehört hat. Sonst haben ihre Kinder bald keine Mama mehr... (selbst wenn man sich selbst aufgegeben hat ist das ja normal ein Argument, was noch zieht...)
AntwortenLöschenIch weiß, wie sie erzogen wurde. Es gibt keine Chance.
LöschenSie ist erst zufrieden, wenn sie umgefallen ist, weil dann niemand mehr glaubhaft über sie sagen kann "sie hat nicht alles versucht".
Aber ich kann doch nur alles versuchen wenn ich lebe? Wenn ich gesund bin? Ich bin doch krank gar nicht leistungsfähig...? Das ist einfach so unglaublich kurz gedacht... und am Ende stehen da 2 Kinder die irgendwann realisieren: "das hätte nie so weit kommen müssen." aber sie werden, wenns scheiße läuft, sehr früh Waisen... das macht mich gerade sehr traurig. Alles versuchen heißt eben auch, die "Niederlage" anzuerkennen. Nach dem Fall steht das Krone richten und aufstehen.
LöschenAlles absolut und vorbehaltlos richtig.
LöschenAlles logisch.
Würden doch nur Menschen nach den Prinzipien von Einsicht und Logik funktionieren und handeln.
Erschreckend.
AntwortenLöschenIch bereite mich im Geiste darauf vor, irgendwann in nicht ganz ferner Zukunft an einem Krankenhausbett zu stehen und zu besprechen, wie es jetzt weitergehen soll.
LöschenDas alles noch ohne Vorsorge und Testament, vor allem wenn es um soviel Geld und Besitz und all dem geht, was damit zusammenhängt, vor allem in Bezug auf die Kinder, da fehlen mir die Worte. Man kann ja alles versuhen oder es wollen, aber da fehlt mir jeglicher Bezug zur Realität. Von Lesen her...Egoismus trotz allem Mitgefühl... Wie geht es Dir damit?
AntwortenLöschenJa, man betrachtet das, was man liest. Das ist so bedrückend zu lesen und da wird mir vor dem nahenden Unheil schlecht... 😔
LöschenWas Eltern aus ihren Kinder machen...dazu habe ich meine eigene Weltanschauung.
Als involvierter Ratgeber, Freund etc. ist die Frage doch normal nach dem Befinden oder?
Ich vermute, Du wirst ein unerschütterlicher Freund zu sein?
Das hab ich jedenfalls vor, ja.
LöschenDie Situation, wenn da "Keiner mehr ist", die kenne ich selbst.
Aus dem Grund fällt mir das mit der "Unerschütterlichkeit" wahrscheinlich auch leicht.