11 Januar 2024

Nordmannpalme in Ausbildung

[ oder: wie ich zu Herrmann kam. ]

Oft im Leben eines Mannes läuft es ja so:

Da setzt man EIN MAL eine gute Idee um,
und ZACK!, übernehmen die Frauen keine
Minute später das Kommando.

So auch diesmal. Aber der Reihe nach.

In der Vorweihnachtszeit (und unmittelbar nach
dem Einzug in die neue Bude) fuhr ich gefühlt
3x täglich zum lokalen Baumarkt.

Irgendwas fehlte immer. Täglich. Mehrmals.

Meine Einkäufe waren schon erledigt, ich hatte
bereits bezahlt, war auf dem Weg zum geparkten Auto,
da fiel mein Blick auf eine vor dem Markt aufgebaute
Palette.

Auf ihr stand auf eine - auf eine sehr überschaubare
Anzahl geschrumpfte- Tannenbaumschule.
Ich drehte um und lief zweimal um die Palette herum.

Alle Bäume waren in zwischenzeitlich
weitaus zu klein gewordene Töpfe eingepflanzt.
Die Erde sah fürchterlich aus. Hochverdichteter Lehm,
an der Grenze zur Asphaltkonsistenz.

Eines der Bäumchen weckte mein Interesse.
Es schien mir zuzuwinken.
Ich griff zum Handy in der Gesäßtasche, machte ein
Foto von ihm, sendete es der Liebsten: "Soll ich?"

Ihre Antwort war nach 20 sec da und enthielt u.a.
einen sehr häufig wiederholten hell klingenden Vokal,
ergänzt um eine inflationäre Anzahl Herzaugen-Emojiis.

Gesagt, getan. Noch ein Foto von der Warenetikette,
dann zurück in den Baumarkt an die Kasse.

Dort das Handyfoto der etwas verdutzen Verkäuferin
vor ihren Handkassenscanner gehalten - Piep, funktioniert.

Knapp 30 Euro wechseln den Eigentümer und dann laufe
ich erneut nach draußen und ... bin kurz geneigt, mir nochmal
die andere Palette mit den etwas größeren (und teureren)
Tannenbäumen nebendran näher anzusehen.
Ob ich nicht einfach....

Dann wende ich mich wieder meinem gekauften Bäumchen zu.
Es schaut fast enttäuscht.

Das bringe ich keinesfalls übers Herz - also, zwei Schritte,
zwei Hände die nach dem Kübel greifen, und dann sind wir
beide unterwegs zu meinem Kofferraum.

Welcher leider nicht ganz ausreichend Deckenfreiheit hat.
Egal. Die 3 km wird die Tanne auch in stabiler Seitenlage schaffen.

Zuhause angekommen fallen die Frauen erst über die
mitgebrachte Schokolade und dann über den Baum her,
welcher von mir unter von Konditionsmangel zeugendem Keuchen
erst einmal auf die Dachterrasse gewuchtet werden muss.

Die Liebste denkt bereits in Deko- und Weihnachtschmuck-
Kategorien, während ihre Schwester missbilligend das Erdreich
und den zum Bersten ausgelasteten Pflanztopf beäugt.

"Der muss da raus, der kann da nicht bleiben." stellt sie fest.

Kurz wehre ich mich gegen die unmittelbar bevorstehende 
zusätzliche einstündige Arbeit, doch 2 Paar eindringlich
dreinschauende Rehaugen stimmen mich schließlich um.

15 min später fummele ich 3 Stockwerke tiefer leise fluchend
in den erst vor einer Woche dort frisch verstauten Kartons
und Kisten herum, aber bald steht fest:

Die Tanne hat jetzt nur noch die Wahl zwischen
entweder einer Existenz in Seramis-Kugeln.
Oder aber in Palmenerde. Was Anderes habe ich nicht.
Und ich fahre JETZT NICHT NOCH MAL zum Baumarkt.

Ich entscheide für: Palmenerde.

Ein bisschen skeptisch schaut die Rehaugenfamilie schon,
als ich den Sack Palmenerde die kleine Holztreppe hinauf
zur Dachterrasse hochwuchte.

Aber mein Gesichtsausdruck lässt möglichen Widerspruch
(oder auch nur unachtsam zu Bedenken gegebene Ratschläge)
als eine richtig schlechte Idee erscheinen und im Keim ersticken.

Jedenfalls fast.

"PALMENerde, Rain? Echt jetzt?"

(Der MUT ihrer Schwester
ist schon erstaunlich manchmal)

"Ruhe jetzt!" fauche ich leicht gereizt zurück,
"Er heißt Herrmann, und er ist eine stolze deutsche
Nordmannpalme in Ausbildung. Die Erste ihrer Art!
Halb Tanne, doch bald schon Palme!

Nie zuvor gesehen, erst recht nicht rechtsrheinisch!"

Da sind die 4 Rehaugen wieder, diesmal leicht skeptisch.
Egal jetzt.

Schließlich kann nicht JEDE meiner Reden diesen
magischen Sportpalastcharakter ausstrahlen.
Auch ich werde älter.

Ich buddle Hermann aus und beschließe, wenn ich
erst Kaiser bin, jene Barbaren ebenfalls hängen zu lassen,
welche diese kleinen Tannen in hochverdichtete
reinrassige Lehmerde einsargen.

Ein größerer Topf wird ordentlich mit Palmenerde befüllt,
dann kommt Herrmann rein. Oben nochmal ganz schwach
angedrückte Palmenerde, bisschen Seramiskugeln und noch
 2 l Wasser zum Einstand drauf - fertig!

Zeit für ein Kölsch. Prost, Herrmann!

Anderntags fahre ich die Frauen erneut zum Baumarkt und
widme mich dort der Männerabteilung*, während die Frauen
Unmengen an Lichterketten, Weihnachtsschmuck und Deko
in den Einkaufswagen laden.

*Leuchtenabteilung mit
vielfarbigen LED-Leisten für
Puffbeleuchtung daheim, dafür
aber mit albernen Fernbedienungen
Zuhause übernehmen die Frauen endgültig das Kommando.

Herrmann bekommt eine Lichterkette, eine Sternspitze,
Kunsttannenzapfen und blaue und silberne Kugeln.

Da Sturm angekündigt ist, befestigen die Frauen jedes einzelne
Dekoelement mit selbst zusammengedrehtem Kaninchendraht.

Und tatsächlich hält er unbeschadet auch den beängstigendsten
Windböen der nächsten Nächte stand und beschert uns
wundervoll beleuchtete Weihnachtsnächte.



Kurz vor den heiligen drei Königen sinniere ich
über das weitere Schicksal von Herrmann.

Ich bringe ins Spiel, dass ich einen Platz außerhalb
des Ortes für ihn zu suchen gedächte, da er ja mit
völlig intaktem Wurzelwerk ausgestattet sei.

Die Liebste ergeht sich in einer für Frauen an dieser Stelle
für mich nicht ungewohnten Reaktion:
Unangemessen heftigem Widerspruch.

Sie argumentiert, Herrmann müsse bleiben!
Er habe, nun da erfolgreich umgetopft, seine neue Bleibe
schon längst gefunden, gehöre schon zu Haus und Familie,
sei gewissermaßen voll integriert! Außerdem wolle sie
wissen, ob er seine Umschulung zur Nordmannpalme 
erfolgreich würde absolvieren können.

Ich gebe zu Bedenken, dass Tannen miteinander kommunizieren
können und deshalb mutmaßlich auch wollen.
Da ich weder tannisch noch palmisch spräche, sei ein 
künftiges Aufwachsen in der Gesellschaft seiner Art,
vielleicht in einem kleinen Wald, doch wohl das Beste für ihn?
Und was, wenn Herrmann, sagen wir, viel größer werden würde?

Doch die Liebste hat entschieden: Herrmann bleibt.
Zumindest für zwei, drei Jahre.

Wahrscheinlich genau so lange, bis ich nicht mehr
in der Lage bin, ihn ohne Außenaufzug von dieser
Dachterrasse runter zu bekommen.

'Muss mal gucken, ob ich vom Umzug noch die
Telefonnummer von dem Mann mit Außenaufzug irgendwo habe.
Könnte mal wichtig werden.^^

Und? Was meinen Sie? Soll Herrmann bleiben?

7 Kommentare:

  1. Also ich finde Tannenbäume im Topf ja immer eine Herausforderung. Die ersaufen meist darin. Lehm ist gar nicht so falsch, da er sehr viel Wasser aufnehmen kann ... Aber zum Verbleib ... ich bin auf jeden Fall dafür.
    Ich darf einen Ausschnitt des Gedichtes "Stufen" seines Namensvetters (Her(r)mann Hesse) wiedergeben welches absolut zu deiner gegebenen Situation passt ...
    »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.«

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Großartiges Zitat. Danke! Ich sollte mal wieder was vorlesen, fällt mir gerade ein. Und veröffentlichen.
      Mist, ich brauch 'nen Teilzeitjob bei gleicher Bezahlung^^.

      Und ja, das mit der Staunässe von eingetopften Bäumchen ist wirklich heikel - weshalb meine allererste Maßnahme zurück daheim jene war, zur Bohrmaschine zu greifen und den frisch gekauften neuen, größeren Topf erst einmal unten rum zu perforieren.

      Schließlich befindet sich Herrmann in Umschulung zur PALME und nicht zum MANGROVENBAUM!

      Löschen
  2. Herrmann will eindeutig in den Wald.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und da kommt er auch hin.
      Aber eine Saison auf der Dachterrasse kriegt er noch.

      Ich war ja auch dreißig Jahre lang woanders,
      da kriegt Herrmann das auch mal für zwei Weihnachten hin.^^

      Löschen
  3. erinnert mich an eins meiner lieblingsgedichte, von Heine:

    "Ein Fichtenbaum steht einsam"

    Ein Fichtenbaum steht einsam
    Im Norden auf kahler Höh’.
    Ihn schläfert; mit weißer Decke
    Umhüllen ihn Eis und Schnee.

    Er träumt von einer Palme,
    Die, fern im Morgenland,
    Einsam und schweigend trauert
    Auf brennender Felsenwand.


    In den Wald oder Garten mit dem Ding die werden ECHT gross, und das SCHNELL.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich wars - ich hasse Hesse (und Rillke !! ), liebe
      aber Heine, und das sagt wahrscheinlich viel über meine gestoerte Persoenlichkeit aus ;)

      Löschen
    2. Stelle erneut fest:
      Ich sollte mehr Heine lesen. Ja wirklich.

      Was für ein wundervolles Fundstück von Dir. ♥

      Löschen

Hinterlassen Sie dem Feuervogel an dieser Stelle gerne Ihre Gedanken:
Er freut sich über Ihre achtsame Wortwahl, einen freundlichen Ton und Ihren von Miteinander beseelten Gedankengang.
Und in allen anderen Fällen löscht er kommentarlos.
Falls Sie Probleme haben Ihren Kommentar angemeldet abzugeben: Suchen Sie in Ihren Browsereinstellungen nach "Cookies von Drittanbietern blockieren" und deaktivieren Sie diese Option.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.