"Pass nachher ein bisschen auf Rain, Du wirst
sehen, diese Kundin ist nicht ganz einfach."
"Ach komm, ich hab ein Händchen für schwierige
Charaktere, das weißt Du. Lass mich mal machen."
Oh, boyyyy...
[ 15 min später, die Kundin erscheint im Büro. ]
"Danke, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben,
und das bei dem schönen Wetter, es soll ja richtig warm werden!"
( angekündigt waren 32°C für heute...)
"Ach! Das ist doch nicht warm! Mir kann es nicht warm genug sein.'Ist eh viel zu kalt hier in Deutschland! Ich bin lieber woanders."
"Wir haben heute zwei Themen für Sie, bei dem Einen gab es
glaube ich Fragen Ihrerseits das Depot betreffend...?"
"Ja also ich krieg' da seit über einem Jahr keine Post mehr!
mir ist das eigtl. alles egal, aber mein Steuerberater sagt, er
kann den Jahresabschluss nicht machen ohne die Unterlegen!"
"Lassen Sie mich kurz nachschauen, was hier der Sachverhalt ist."
( ich öffne mit meinem Beraterzugang
den Posteingang des Depots.
Dort liegen seit 15 Monaten:
26 Nachrichten.
Davon ungelesen: 26.)
"Sie haben bei denen ein Online-Depot - das heißt, sämtlicheden Posteingang des Depots.
Dort liegen seit 15 Monaten:
26 Nachrichten.
Davon ungelesen: 26.)
Post seit 05.2022 wartet dort darauf, abgerufen zu werden,
schauen Sie mal, hier?"
"Das will ich nicht. Ich will Papierpost, ich mag diese ganzen
Onlinegeschichten nicht, ist mir alles viel zu unsicher.
Und dann schon wieder ein neues Passwort, nein danke.
Drucken Sie mir das bitte aus."
"Gerne. Welche dieser Unterlagen benötigen Sie denn?"
"Das weiß ich doch nicht, die kriegt der Steuerberater,
soll der das machen! Drucken Sie alle aus."
[ Kurzes Schweigen.]
nicht befassen, einen Onlinezugang habe ich nie von Ihnen erhalten!
Und früher als mein Vater noch lebte, kam da eh andauernd viel
zu viel Post, da muss man auch mal an die Umwelt denken!"
( erneutes Schweigen, während im benachbarten Büroraum
soeben 26 PDF-Dateien zu je 3-5 Seiten
surrend ins Ausgabefach fallen. )
soeben 26 PDF-Dateien zu je 3-5 Seiten
surrend ins Ausgabefach fallen. )
"Gut...dann haben wir den Punkt erledigt, das zweite Thema ist,
dass Sie im Winter Geld von uns wieder rausbekommen.
Hierzu kommt im September Post zu Ihnen nach Hause, aber es
werden um die 170k Euro sein. Wie sind denn Ihre Pläne und
Ziele in den nächsten Jahren? Was können wir idealerweise hier
für Sie tun?"
"Das weiß ich noch nicht, bis Dezember ist ja noch lange hin."
"Wofür war denn dieser Vertrag ursprünglich vor 25 Jahren mal vorgesehen?"
"Den hab ich gemacht als ich mich selbständig gemacht habe,
als Ersatz für die gesetzliche Rente. Da hab ich ab dann ja
nichts mehr eingezahlt."
"Ich verstehe. Benötigen Sie das Geld dann sozusagen als
monatliche private Rentenversorgung?"
"Das weiß ich noch nicht, ich könnte auch das Grundstück
nebendran kaufen, wo ich mein Geschäft habe."
"Wollen Sie dort noch einmal bauen?"
"Nein."
"Wollen Sie es verpachten oder so etwas in der Art?"
"Nein."
[ kurzes Augenzusammenkneifen bei den Beratern im Raum. ]
"Wenn ich das richtig sehe sind Sie jetzt 60 Jahre alt, wann planen
Sie denn, in Ihren Ruhestand überzutreten?"
"Das weiß ich noch nicht. So, wie es mir Spaß macht. Solange
die Kunden noch mitziehen. Und wenn das mal nicht mehr
so ist, mache ich kurzfristig von einer Woche auf die andere zu."
"Davon ausgehend, dass dieser Vertrag einmal Ihre
Altersvorsorge war: Wie decken Sie geplantermaßen die
monatlichen Ausgaben irgendwann im Ruhestand,
wenn Sie mit dem Geld bald ein Grundstück kaufen?"
"Dann verkaufe ich es vielleicht einfach wieder."
"Sie überlegen also, jetzt mit dem Geld ein Grundstück zu kaufen
und eventuell in zwei oder 4 oder x Jahren wieder zu verkaufen?"
"Ja, vielleicht?"
[ Schweigen im Raum. ]
"Die aktuelle Preislage am Immobilienmarkt zeigt sehr hohe
Schwankungen, wir liegen aktuell ca. 15% unter den Preisen von
vor 9 Monaten - da wir gerade über Ihre Altersvorsorge reden,
ist das etwas, was Ihnen Sorge bereitet, wenn wir von einem
möglichen Grundstückskauf jetzt und Wiederverkauf in wenigen
Jahren reden?"
"Nö. Um die Preise hier bei uns mach' ich mir keinerlei Sorgen.
Ich weiß ja auch noch gar nicht, ob ich das will und wenn ja, wann."
[ Denkpause. ]
"Denken Sie, bis zur endgültigen Entscheidung wegen des Grundstücks,
dass eine flexible Geldanlage für den Zeitraum bis dahin für Sie
in Frage käme?"
"Kann schon sein."
"Wenn Sie mal zurückdenken, was Sie bisher in einer solchen
Situation am liebsten abgeschlossen haben - was waren das
für Geldanlagen? Mit welchen Anlagen haben Sie sich bisher
am ehesten wohlgefühlt?"
"Ach, am Liebsten mit gar Keinen. Am Liebsten wäre mir, mich
gar nicht damit zu befassen und alles unters Kopfkissen zu legen
- ich lese nicht gern!"
[ Denkpause. ]
"Kommen wir noch einmal zurück zu dem ursprünglichen Zweck -
wenn Sie in irgendeiner Form eine monatliche Versorgung brauchen,
und das zum Beispiel über den Kauf und Weiterverkauf des
Grundstücks später gestalten wollen, mit welchen fixen Ausgaben
im Alter rechnen Sie? Welche Kosten sollten für Sie immer gedeckt sein."
"Das weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen."
[ Denkpause. ]
"Möchten Sie, dass wir einmal gemeinsam über die mögliche
Situation in ein paar Jahren, was Renten und Ausgaben betrifft
zusammen drüberschauen?"
"Ach nein, damit befasse ich mich noch nicht.
Ich mag es nicht so lange im Voraus zu planen.
Ich kenne so viele Leute, die ratzfatz weggestorben sind,
vielleicht werde ich ja auch gar nicht alt?"
"Davon ausgehend, dass Sie nahezu keinerlei gesetzliche
Altersrentenanspräche haben dürften, könnten man es ja
als ein gewisses Risiko ansehen, große Teile Ihrer Rücklagen
in einen Immobilienkaufpreis zu investieren? Schon der
Verfügbarkeit wegen?"
"Nö. Vielleicht habe ich ja auch noch woanders Geld?" (grinst)
"Dann zeige ich Ihnen fürs Erste einmal unsere flexiblen
Geldparkmöglichkeiten - das, was ich Ihnen gleich zeige,
bekommen Sie heute noch in Schriftform.
Hätten Sie das dann lieber in Papierform - oder als Email !?"
Die Kundin grinst etwas keck.
"Nein das geht schon in Ordnung als Email. Aber bitte nicht
so viel zu lesen, ich hab da keinen Nerv für und ich will mich
damit auch gar nicht groß befassen, ich leite das eh noch an
jemand Anderes weiter, der soll sich das ansehen und mit dem
bespreche ich das dann."
( Eigentlich hab ich auf den ganzen Zirkus
da jetzt schon keinen Bock mehr,
aber es kommt noch besser. )
aber es kommt noch besser. )
[ Die nächsten 10 min fokussiere ich mich auf die
wesentlichen 3 slides aus meiner 15-seitigen Produkt-Präsi
und halte alles so KISS, wie es nur geht. ]
"Sollen wir Ihnen dann die Depotauflösung auch
unterschriftsreif vorbereiten?"
"Ja. Aber ich möchte da jetzt dann doch
endlich mal den Onlinezugang für haben!"
[ irritierte kurze Blicke zwischen dem Berater und mir. ]
"Hatte ich Sie richtig verstanden, dass Sie das Depot
auflösen möchten?"
"Kann sein. Weiß ich noch nicht."
"Die Auflösung dauert auch nicht lange, vielleicht 2 Wochen
bis alle Abrechnungen da sind. Danach wäre der Zugang...
nun ja, hinfällig?!"
"Ja und?"
"Darf ich etwas zu meinem Verständnis fragen, ich hatte Sie
so verstanden, dass Sie Onlineverwaltungen nicht präferieren
und die letzten 15 Monate deshalb auch nie online da drauf waren
- das war ja einer der Gründe für die anstehende Depotkündigung.
Werden Sie den Zugang denn zukünftig nutzen können?"
"Das weiß ich noch nicht. Aber ich finde,
es gehört sich so, dass Sie mir den zuschicken."
"Dann...werde ich das veranlassen. Und das Angebot stelle ich
Ihnen bis heute abend zusammen und sende es allen Beteiligten
heute per Email. Sie schauen es sich dann an,
wenn Sie soweit sind."
Alle erheben sich zur Verabschiedung.
Die Kundin wirkt hörbar und sichtlich erleichtert,
Die Kundin wirkt hörbar und sichtlich erleichtert,
dass das Gespräch zum Ende kommt.
Und hier bin ich zum ersten und letzten Mal
mit dieser Kundin völlig einer Meinung.
"Ich weiß aber noch nicht, wann ich das mache!
Heute abend hole ich erstmal meine Puertoricaner
vom Flughafen ab, die kommen ein paar Tage zu mir!"
"Ah, Sie bekommen Besuch? Na, das Wetter scheint
ja mitzuspielen, möchten Sie gemeinsam Ausflüge machen?"
"Nö. Das weiß ich doch jetzt noch nicht,
worauf wir morgen Lust haben!"
Was FRAG ich auch so doof.
Warum habe ich es im Urin, dass genau diese Kundin Sie in wenigen Jahren anrufen und mit erbostem Unterton fragen wird, wo ihr Geld sei, sie bräuchte es genau jetzt und heute. Schließlich hätten Sie ihr ja zu diesen Anlagemöglichkeiten, aus denen sie jetzt erst mit zweiwöchiger Verzögerung die Auszahlung bekäme, geraten. Und sie müsse doch heute noch den Lieferdienst für das 3-Sterne-Menü bezahlen. Gefolgt von einem mit einem Seufzen ausgesprochenen "Einmal mit Profis!"
AntwortenLöschenSie haben den vorliegenden Kundentypus vollinhaltlich beschrieben und treffsicher zugeordnet! Man meint, Sie wären einer von uns Finanzhaien!
LöschenIch freue mich selten, wenn ein Kunde im Anschluss an meine Beratung uns absagt, aber in diesem Fall bete ich, dass die Kundin ihre mutmaßlichen Fehlentscheidungen bitte ohne uns trifft.
Hab mindestens 3 graue Haare nur vom Lesen bekommen.
AntwortenLöschenSeit ich Fachspezialist im Außendienst bin, ist Plantur39 mein stetiger Begleiter unterwegs in meinem Kulturbeutel. Und ich trinke regelmäßig Alkohol.^^
LöschenDeswegen arbeite ich nicht mit Kunden. Ich hätte die nach zwei Minuten mit den Worten "Kommen Sie wieder wenn Sie wissen, was Sie wollen" raus geschmissen ;-)
AntwortenLöschenDas aber ist - Vertrieb: JEDER sieht die Gebühren, Kosten, Provisionen, aber fast niemand sieht, wie das alles erzieht wird.
LöschenÜbrigens sind uninformierte, unschlüssige und teilinformierte Kunden sogar die REGEL -es ist die Aufgabe von Leuten wie uns, bei dem Finden von Wünschen, Bedürfnissen, Lebensplanungen zu helfen und wenn‘s geht sanft schubsend zu begleiten.
Es gibt aber auch Grenzfälle wie diesen hier.
Er macht Leute wie uns dankbar für all die anderen, denen wir helfen können und die sich auch helfen lassen.
*erzielt* Damn you, iPad autocorrect!
LöschenAch erziehen passt doch aber auch ^^
LöschenIch habe weder die Geduld noch das dafür nötige Händchen, um Kunden zu beraten ohne dabei mehr Schaden als Nutzen zu erzielen. Und solche Fälle wären die sehr kurze Lunte für die nichtvorhandene Geduld. Deswegen mache ich auch keinen Vertrieb, sondern Back-Office.
LöschenUnd so hat ein jedes Schäfchen auf der Weide des Herrn an jenem Platz "Mäh!" zu machen, an den der Herr es hingestellt hat :-).
Löschen(Mein Chef schaut manchmal etwas irritiert, wenn ich unvermittelt im Gespräch diesen Satz bringe, er mag ihn nicht, kann ihn aber auch nicht unterbinden^^)
Also wenn ich 170k einfach mal so rumliegen haette, und vllt auch noch woanders irgendwas *grins*, wuesste ich vllt auch nicht, was ich will, weil ich mir in meinem Leben wahrscheinlich noch nie irgendeinen Kopp um irgendwas habe gemacht haben muessen...
AntwortenLöschenOffen gesagt war das die sehr ähnliche Aussage des Beraters dieser Familie. Er kannte schon den Vater dieser Kundin. Zwar auch ein eindeutig speziell fokussierter* und begabter Mensch, aber er sah schnell, dass er die finanziellen Weichen für seine Tochter würde proaktiv stellen müssen. Was er auch tat, mit uns als Anbieter.
Löschen( *Einmal musste er zu einem persönlichen Unterschrifttermin wegen einer Sachversicherung zu uns kommen, das war in den Neunzigern.
Auf dem Weg zu uns baute er einen Autounfall.
Hinterher wollte er von UNS den Schaden erstattet bekommen: Schließlich hätte er NUR WEGEN UNS überhaupt an dem Tag aus dem Haus gemusst…….)