Es gibt noch so einige Momente des Alltags heute,
an denen Du mir wieder kurz in den Sinn kommst.
Beispielsweise muss ich immer lächeln, wenn ich das
Putzwasser aus dem Eimer ausleere, wenn ich fertig bin
mit dem Wochenendputz.
Sauberkeit war Dir immer wichtig. Oder lass es mich
genauer sagen: Sauberkeit war etwas, das einem Teil
von Dir deshalb wichtig war, weil Du Dich wohl fühlen
wolltest in Deiner Umgebung.
Zumindest war das die offizielle Begründung.
Aus meiner Sicht gab es vielleicht noch eine inoffizielle:
Es war Deine Art, einen Beitrag zu leisten, etwas beizutragen
zu dem, was unsere Beziehung, unser Zusammenleben
ausgemacht hatte.
Und außerdem war Dein Pflichtbewusstsein wirklich ausgeprägt.
Immer war es das gewesen.
Es war dies in einem Ausmaß gewesen, wo ein Mithaltenwollen
meinerseits damit von vorneherein als ein wenig aussichtsreiches
Unterfangen ausgesehen hätte.
Aber darüber haben wir nie so wirklich gesprochen.
Wie über so Vieles relevante nicht.
Wenn ich also heute mein Wischwasser aus dem gleichen
roten Eimer mit Henkel ausleere, den auch Du damals
benutzt hast, dann sehe ich Dich im Geistze um die Ecke in der
Küche der alten Wohnung kommen.
Mit aufeinander gepressten Lippen, manchmal auch mit
vor den Mund gehaltener Hand.
Und zwar kurz nachdem Du DEIN Wischwasser ausgeschüttet
hattest, und dann hin und wieder flüstertest:
"Meine Güte, war das Wasser dreckig!"
Gerade so, als hättest Du Dir selbst Vorwürfe gemacht, so lange
nicht gewischt zu haben. Dabei waren bei uns im Haus zwischen
zwei Grundreinigungen selten mehr als 10 Tage vergangen,
in den allermeisten Jahren aber nicht mehr als eine Woche.
Zu der Choreographie in unserer Ehe hatte es dann gehört,
dass ich (nicht ganz ernst gemeint) nachhakte, dass es doch
angesichts der Regelmäßigkeit Deiner Haushaltsreinigung
wohl kaum sein könne, dass dieses Wasser irgendwas Anderes
als reinklar gewesen sein könne.
Worauf Du hin manches Mal mit leicht eingepressten Lippen
entgegenet hattest "Das Wasser war sogar schwarz!"
Schwarzes Wasser.
Über Wasser, das nie so wirklich schwarz gewesen war.
Nicht bei Dir, nein.
Daran muss ich immer denken.
Wenn ich meinen roten Eimer heute ausleere.
Manches Mal mit Wasser, was tatsächlich als schwarz
hätte bezeichnet werden können.
Nur frage ich mich schon, wozu das gut sein soll.
Dass ich dann an Dich denke.
Vielleicht ist das ja bei Tätern so.
Vielleicht ist es gerecht so.
04 Juni 2023
schwarzes Wasser
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