05 Februar 2023

uniformierte Uninformierte


Freitags morgens halb zehn in Deutschland,
es klingelt an der Haustür.

Schön, dass ich ausnahmsweise mal ne Hose anhabe,
die diese Bezeichnung auch verdient,
denke ich mir.

Eine Erkenntnis, die sich verfestigt sich, als ich den Hörer
abnehme und unten die Polizei vor der Tür steht.
Die da noch mal ein paar Fragen hätte. 
Aha.

Ich drücke den Summer und warte.
Ich wohne im ersten Stock.
Es sind drei Treppen bis zu mir.
Eine mit 7, eine mit 12, eine mit 11 Stufen.

Und ich hab durchaus Leute schon wirklich langsam
hier hoch zu mir kommen sehen.

Aber der hier, der schlägt sie alle.

Zwischendurch hatte ich oben in der Tür stehend schon kurz
darüber nachgedacht, noch eben schnell die Kehrwoche zu
machen, ich meine, nass durgewischt, das geht ja fix...
aber da kommt er doch noch um die Ecke.

Auf seinem blauen Uniform-Jacket leuchten die
reflektierenden Großbuchstaben, P...O...I...

Denke mir, das könnte auch gut für PENSIONIERT
stehen, da sehe ich ihn von vorne - und bin bestätigt.

Wir grüßen uns, ich bitte ihn herein, wir setzen uns
an den Esstisch.

"Wir sind nochmal wegen des Unfalls gestern bei Ihnen."

Zwar sitzt sein Kollege unten wartend im Auto, aber in
diesem Sinne stimmt das mit dem "wir" schon mal.

"Wir haben auch versucht, Sie anzurufen, aber leider..."

"Hatte ich gesehen", sage ich, "aber an mein Handy werden
anonyme Anrufe nicht durchgestellt, hatte mir nach
dem 7. anonymen Anruf aber schon gedacht, dass Sie
das vielleicht sein könnten."


"Ja, also, nochmal wegen gestern", fährt er fort, "also
Sie haben alle Daten, die Sie von der Unfallgegnerin
benötigen, ja?"

Ich stutze kurz. Das hier ist
eine Anfahrrampe, für was ganz
Anderes, 
das gleich noch kommt.
Er WEIß , dass ich alle Daten habe.

"Ja, ich habe alles, ich brauche nur noch von Ihnen was,
eine Tagebuchnummer, Aktenzeichen oder so was."


"Und Sie sind noch mit dem Auto nach Hause gefahren?"
Leugnen wäre zwecklos, sein Kollege hat erst
vor 3 min 
quer vor meinem Wrack geparkt.
"Ja, bin ich."

"Sie haben aber gesehen, dass ihr Hinterrad schräg raussteht?!"



"Ja klar aber ich wollte nach Hause und es war kalt draußen
Neinnein, das war in der Dämmerung nicht zu sehen, erst
heute morgen ist mir das auch aufgefallen! Ich bin aber sehr
vorsichtig und langsam gefahren, alles gut!"


"Und dann nochmal zum Unfallhergang..:"
(Ahh, okay, 
dafür war die Rampe,
es kann losgehen!)
"...also die Dame ist von Ihrer Spur abgekommen
und Ihnen dann frontal entgegen gekommen?"


"Ja genau, ich konnte dann noch auf den Bürgersteig
ausweichen, aber sie hat mich halt noch seitlich
hinten erwischt."


"Dann war sie wohl eingeschlafen, oder?"
Bingo!

"Ja ist sie - ich hab gesehen wie sie mit geschlossenen Augen
hinterm Steuer direkt auf mich zu kam   Ach... nein, das war
sicher nur ein Moment der Unaufmerksamkeit, es ging ja
alles sehr schnell..."


"Aber wir haben keine Bremsspuren von der Dame gefunden."

"Wir sind ja alle auch nicht sonderlich schnell gefahren,
es war ja innerorts."


"Ihre Autos standen auch etwas weiter als wir erwartet hätten
voneinander entfernt."


"Meiner fuhr ja noch, den konnte ich ein paar Meter weiter
rechts auf den Bürgersteig stellen. Und den von der Dame
hab ich dann noch etwas auf Seite fahren können."


"Sie haben das Auto der Unfallgegnerin bewegt?!"

"Ja, hab ich."

"Weshalb das?"

"Da war ein schlafendes Baby im Auto hinten drin.
Der Wagen stand aber halb mit dem Hintern auf die
Straße raus, die Leute fuhren verdammt knapp vorbei.
Die Dame selbst hatte zitternde Hände und Knie, da
dachte ich, schaff das Auto aus dem Feierabendverkehr,
dann kann das Baby weiterpennen.
Die Dame war einverstanden und erleichtert."

"Sie haben aber gesehen, dass bei dem Wagen der Dame 
die Aufhängung gebrochen war und das Rad fehlte?!"


"Ja, hab ich. Hat auch echt bisschen gedauert,
bis ich den auf dem Bürgersteig drauf hatte und gestunken
hat das, weil die elektrische Handbremse nicht mehr aufging,
sie machen sich echt keine Vorstellungen!!
."

"Ach so ja. Na gut...was ich halt nicht recht verstanden habe,
ist weshalb sie nicht gewartet haben, bis wir da sind und weg
gefahren sind, beide Autos sind Leasingfahrzeuge, ich meine,
da wartet man ja normalerweise auf die Polizei...?"


"Also erstens, es gab keinen Personenschaden und der laufende
Verkehr wurde nicht mehr beeinträchtigt, zweitens hatten die
Dame und ich alle Daten die wir brauchten ausgetauscht und
drittens musste ich dringend pinkeln da dachte ich, hier weiter
rumstehen macht keinen Sinn, wenn das Auto ja noch fährt."


"Und nur der Vollständigkeit halber, es waren kein Alkohol
und auch keine Betäubungsmittel im Spiel?"


"Nein, nichts dergleichen."
Ich bilde mir ein, so etwas wie eine leichte
Enttäuschung in seinem Gesicht zu erkennen:

Heute nichts dabei für ihn:
Kein § 315c StGB,
kein § 142 StGB,
kein §316 StGB...
Nix zu holen hier.

"Na gut, dann... notiere ich das hier im Protokoll,  und Sie
erhalten dann in Kürze von uns das Aktenzeichen per Email."

Er spricht "Email" tatsächlich so aus wie "Ismail".

Er steht auf.
Wir verabschieden uns.
Die Haustür fällt hinter ihm ins Schloss.

Kurz danach wendet der blau-silberne Mercedes-Kombi
im Hof und fährt von dannen.

Ich greife zum Handy und tippe eine WhatsAppnachricht.
Sie endet etwa mit den Worten "...und sagen Sie bloß nix
von wegen 'eingeschlafen', niemandem."


Kurze Zeit späte kommt ihre Antwort.
Sie bedankt sich. Ihr Mann hätte sie auch schon deshalb
zusammengefaltet. Wir einigen uns auf "unaufmerksam".

Und dem Baby? Dem geht's super.



Großes Buch Erde, Kapitel 17, Rubrik "gute Taten",
einen kleinen Strich für den Herrn Rain.

Ja fein.
Nur noch 599.999 bis zum Himmel.

Wird evtl. knapp.

13 Kommentare:

  1. Oh je. Da habt Ihr beide ganz offensichtlich ordentlich was abbekommen - das tut mir wirklich leid.
    Aber wärs so schlimm von wegen "eingeschlafen" am Steuer? Macht das einen Unterschied, ob "müde" oder "unaufmerksam"? Aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich nur sagen: Machts eigentlich nicht ;)
    Und "zusammenfalten" lassen würde ich mich bei sowas heute auch nicht mehr. Der Mann soll einfach nur froh sein, dass seiner Frau und dem Baby nichts passiert ist. Alles andere lässt sich immer ersetzen.

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    1. "Wir" haben nicht wirklich was abbekommen - die Dame nur einen kleinen Schrecken, das Baby und ich gar nichts, die Autos sind eben ordentlich zerballert. Es ging keiner der Airbags hoch, insofern - Anderen passiert Schlimmers.

      Und ja, es macht einen riesigen Unterschied, ob "unaufmerksam" oder "am Steuer eingeschlafen" - Letzteres ist ein Straftatbestand, einer davon ist hinter den Paragraphen oben im Text zu finden.

      Dem Mann der Dame war das sofort klar, daher seine berechtigte Panik... Er war übrigens stundenlang nicht auf dem Handy zu erreichen, ich meine etwas von "Männerabend" rausgehört zu haben...insofern ein bisschennachvollziehbar, wenn er anschließend entsprechend schockiert war.

      Ich bin auch schon (unberechtigt) laut geworden, wenn jemand, den ich lieb hatte, in einer Gefahrensituation war, die aus meiner Sicht hätte leicht vermieden werden können.^^

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  2. Huch, anonym wolltsch doch gar nicht. Schicke mal die "Unterschrift" schnell noch hinterher :)

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  3. Alter, das sieht aber schon sehr heftig aus. Da machen sich wohl doch die SUVs mit den riesen Knautschzonen bezahlt ... wenn das Baby dabei noch einfach WEITERSCHLAFEN konnte??! Waere die Dame nen Kleinwagen (oder auch nur nen alten VW-Bus) gefahren, haette das evtl nicht so glimpflich geendet.

    Die Frage nach Alkohol oder BTM ist ja voellig bescheuert, woher solltest Du das fuer sie wissen - und fuer Dich selbst wuerdest Du im Fall der Faelle ga am naechsten Tag auch nicht mehr "JA" schreien O.o

    Polizei ey, man fuehlt sich immer gut aufgehoben.

    @Helma ja, das kann einen erheblichen Unterschied im Strafmass bedeuten.

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    1. In der Tat sah mein SUV erheblich sanfter lädiert aus als ihr Renault Kombi. Immerhin konnte ich noch NACH HAUSE fahren.

      Ich erinnere an der Stelle an einen sehr ähnlich aussehenden Schaden aus einem Vorfall in 2014 (auch verbloggt damals, sogar in REIMFORM!!), wo mich eine Straßenbahn komplett weggerammt hat - das war auch ein SUV damals gewesen (Audi Q5), und mit KEINEM anderen Auto hätte ich danach noch die 114 km bis nach Hause fahren können...sagt was ihr wollt über SUVs, aber es sind sichere Autos.

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  4. Das ist ja eine große Reparatur erforderlich! Der Spengler wird sich freuen.
    Und die Dame erst. Gutes Karma kann ja nie schaden

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    1. Hab heute mal mit der Karosseriewerkstatt telefoniert:
      13 Tage später, und die haben noch nicht mal ANGEFANGEN mit der Reparatur:
      Die gegnerische Versicherung (...WGV...war ja klar... grmpf) hat erstmal den TÜV RHEINLAND nach BaWü fahren und ein Gutachten machen lassen (bis das schriftlich da ist, gibt es keine Reparaturfreigabe, und es wird WOCHEN dauern bis alle Teile da sind...KAGGE!).

      Der TÜV kommt aktuell auf einen Schaden von EUR 11.918.
      Prost! 🍾

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    2. Es lebe die Bürokratie!!
      Und die Lieferkette und dann auch noch die "just-in-time" Kagge
      Zeit der Konsumenten kostet ja nichts!

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    3. Genau der Punkt wird immer mehr zum quantifizierbaren Einsparfaktor.

      Normalerweise bekomme ich eine Benachrichtigung aufs Handy, sobald meine Autotür geöffnet wurde.
      Die letzten drei Tage seither war das nie der Fall.

      Wochen wird es noch dauern, bis ich mein Auto wiederhabe… 😥

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  5. Es ist ein gutes Gefühl jemand zu kennen, der auch in solchen Situationen gut zu anderen Menschen ist. Ich befürchte viele andere hätten die Verursacherin noch an Ort und Stelle in Grund und Boden geschrien und den RA noch vor Ort verständigt. Eindeutig eine Menge gute Karma Punkte verdient

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    1. Ich hab ihr die Standheizung in meinem Wagen angemacht für den Römer Babysafe samt Baby^^.
      Im Nachhinein wäre ich (samt Standheizung) besser noch da geblieben - sie hat nachdem ich weg war noch 2h in der Kälte gewartet auf den ultrafrechen Abschleppdienst...

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  6. Der meine hat letzte Woche 2,5 Stunden gebraucht, bis er vor Ort war. Sagen wir mal so: die Polizistinnen scheinen das schon geahnt zu haben und waren so lieb, mich nach Hause zu fahren.

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    1. Sieht so aus, als hätte ICH zumindest bisher immer einen Riesendusel gehabt mit meinen Abschleppern^^.
      'Wieder was, wofür man dankbar sein könnte.

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