04 September 2022

von München



Es macht mir nichts aus, unterwegs zu sein,
schon gar nicht beruflich bedingt:

Die Landschaft vorbeiziehen zu sehen,
während man seine Lieblingsmusik hört
und das im klimatisierten Firmenwagen zu
vergüteter Arbeitszeit finde ich großartig.
Außendienst wäre der geilste Job.
Wären da nicht die Menschen.

Neulich brachte ich es auf gleich drei Auswärts-
übernachtungen am Stück, das gab es noch nie.

Aufgrund eines Präsenzworkshops gleich am nächsten
Morgen mitten in München habe ich Vorabendanreise
gebucht und mache mich sogleich nach dem Einchecken
wieder auf die Socken bzw. in die Bahn.


An einem Wochentag nachmittags in die Innenstadt von
MUC zu fahren, mag zwar schon luftiger und entspannender
sein als das an einem Wochenende zu machen.

Trotzdem ist es mir zu viel.
Zuviel Gedränge, zu viel laut, zu viele Menschen.


Eigentlich bin ich für ein Abendessen am Marienplatz ausgestiegen,
aber die Menschenmengen schnüren mir Kehle und Appetit zu
und ich laufe weiter Richtung Viktualienmarkt.

Dort ist es allerdings kaum besser, ich drehe 5 oder 6 Runden
wie eine hungrige Hyäne um eine von Löwen bewachte
erlegte Gazelle, dann ziehe ich mich in die Seitenstraßen zurück
und finde dort einen nette Außensitzgelegenheit unter
riesigen Brauereischirmen.




Die Bedienung ist freundlich, für Münchner Maßstäbe
recht zügig und der Flammkuchen ist in Ordnung.

Nach dem zweiten Paulaner schlendere ich noch eine 
Runde durch die Straßen und Gassen, aber ich werde nicht
warm mit dieser Stadt.

Das wurde ich vor ein paar Wochen schon nicht, nicht
zu Fuß, nicht bei der Stadtrundfahrt, nicht in den zahlreichen
Besuchen dort ab etwa 1995.

Klar gibt es überall schöne Fleckchen.
Aber die, die ich da gesehen habe, waren allesamt außerhalb
von München, nicht in der City, die mir ziemlich überbewertet
erscheint. 

Und zum Thema "überbewertet" schaue ich noch einer
alten Gewohnheit folgend in die Schaufenster mit den
Immobilienangeboten - und stürme sogleich
rhythmischen Schrittes fürbass.


Mangels Lust auf Stadtspaziergang fahre ich zurück ins
Hotel, dabei die für mich seltene Fahrt im ÖPNV genießend.



Zurück im Hotel erspähe ich staunend erstmals seit den 80ern
wieder einen ARCADE-Automaten vor Flamingo-Wandteppich.





Leider ist das kein echter ARCADE, sondern eine
moderne Emulation der alten Spiele - eine defekte dazu.

Egal, es tut trotzdem gut, mal wieder Equip aus einer
Zeit zu sehen, in der man glückliche Stunden an einer
Maschine verbracht hat.

Etwas, das der heutigen alltäglichen Erfahrung an 
Maschinen eben oft fehlt.

Schade, dass er defekt war, am SHINOBI war ich mal richtig gut.


Ich lege mich aufs Bett und warte auf den Abend.

Die Zeit bis dahin verbringe ich vor dem iPad, 
vorsorglich habe ich mir einige Folgen der sehr
empfehlenswerten Serie RAY DONOVAN runtergeladen
und offline aufs iPad gezogen.

Ray Donovan als Serie ist wirklich cool, man lernt
so viel über den Umgang mit Menschen,
besonders das Feingefühl Frauen gegenüber betreffend.


Für das Abendessen habe ich mir auf Google Maps 
einen fußläufig erreichbaren Biergarten um die Ecke
ausgesucht - mein Bedarf an ÖPNV.Menschen und
Innenstadtläufern ist für heute für die Woche gedeckt.

Auf dem Weg dorthin komme ich an einem der wenigen
neuen Wohnbauten sowie an einer Gebäudesanierung vorbei.

Ein wenig bedattert bleibe ich kurz stehen.
Eines der Gebäude scheint auf meiner Seite
so gar keine Fenster zu haben?




Bei dem neuen anderen Gebäude setzt man die aus
Übersee vertrauten, billigen Etageneigänge um,
inklusive Blick auf die / von der Straße.

Dafür mag es Gründe im Energiehaushalt des Hauses
wie auch die Herstellungskosten betreffend geben,
wohnen möchte ich so trotzdem nicht.






Gebäudeseiten wie diese lassen mich staunen.

Kann es, darf es möglich sein, die baurechtlichen
Grenzen des Erlaubten bei Fenstern so weit
auf ein Minimum zu drücken? 


Noch ein paar hundert Schritte, vorbei an einem
geschlossenen Lebensmittelmarkt mit sprachlich
reduzierter Außenwerbung, dann bin ich auch schon da.

Der Biergarten ist riesig, wird von Augustiner betrieben
und direkt nebenan ist ein Spielplatz, entsprechend viele
Eltern mit Kindern in Sichtweite sind heute abend hier.

Unter den großen Kastanien verteilen sich Menschen,
Hunde und Kinder weitläufig, das macht die Anwesenheit
heute Abend angenehm.

Im Gebäude stelle ich mich an der Kassenschlange an.
Auch hier gilt:

Der Münchner bringt Skilift-Erfahrung mit,
und da heißt es ja auch "aktiv anstehen am Lift",
mehr als einmal also schiebt sich jemand vor mich
und spart so Zeit.

Also seine, nicht meine.
Ich habe es nicht eilig, auf Auseinandersetzungen
habe ich auch keine Lust, ich möchte nur:

Bier und Haxe.
Leichtes Abendessen also.

Haxe mit sogar erträglichem Kartoffelsalat ist schnell erledigt.
Bleibt das Bier.

Ich stelle mich samt Tablet an der Getränkeausgabe an
und werde instant als Tourist identifiziert.
Auf der Karte stehen nur Maß-Biere.

Ich frage nach einer halben Maß.
Ebenso schnell wie südurban schallert es zurück
"Mir homm nur a Maß und an Schnitt!"

Ich nehme den Schnitt, weil ich mich dunkel entsinne,
dass das ein kleineres Getränk ist.

Bekomme eine Maß voll BIERSCHAUM hingestellt
und verziehe mich damit höflich und dankbar in den
Außenbereich.





An der Bierbank meiner Wahl angekommen (= weit und breit
keine anderen Gäste) hat sich ein Teil des Bierschaumes
inzwischen sogar wieder in trinkbares Bier zurückverwandelt.


Im Laufe der Grillhaxe werde ich immer wieder mal
einen kleinen Schluck zurückverwandeltes Bier einnehmen
können, bringe nach getätigter Mahlzeit brav mein Tablett in
den dafür vorgesehenen Sammler und verzichte auf eine zweite
Bierschaumerfahrung, gehe stattdessen zurück ins Hotel und
telefoniere noch eine Stunde mit der Freundin.

München, Du hast es gut.
Kannst Dir erlauben, was Du willst, die Leute
lieben Dich trotzdem.

Sicher sehen wir uns einmal wieder.
Aber erst, wenn ich wieder muss.  ;-)

Pfüati.

Am nächsten Tag reise ich weiter ins Allgäu
und lasse mich dort zwei Tage und Nächte
von Gegend, Menschen und Essen verwöhnen.



2 Kommentare:

  1. In München selber möcht ich nie wieder wohnen (versteh auch meinen Bruder nicht - der liebt das). Und Innenstadt schon mal gar nicht. Da ist mir mein Umland-Dorf schon lieber 😉

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    1. Tatsächlich kann ich mir SCHON vorstellen,
      mitten in einer Stadt zu leben - ich habe in Köln Seitenstraßen gesehen,
      leise und voller Bäume über dem Asphalt, da glaubt man nicht in einer Großstadt zu sein.

      Aber Bayern gefällt mir umso besser, je weiter weg ich von MUC bin :-).

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