Als der Kunde das Büro betritt, ist die zuständige Beraterin
noch nicht ganz fertig:
Sie richtet in der Büroküche noch schnell einen Teller mit
Schokolade und Plätzchen her.
So ist das in Büros mit rein weiblicher Besetzung:
Es fehlt nie, wirklich NIE an Schokolade und Gebäck.
Und mittags, wenn gemeinsam essen gegangen wird,
gibt es fünfzig mal Bussi-links-Bussi-rechts
auf dem Weg durch den Ortskern, jede Menge Gossip
und immer: Was Süßes zum Dessert.
Sie ruft uns aus der Büroküche zu, wir sollten schon mal Platz
nehmen, sie sei gleich bei uns.
Also stelle ich mich dem Kunden vor, wir nehmen Platz am
schönen Massivholzberatertisch, ich setze mich wie üblich
seitlich im 90-Grad-Winkel zu unserem Besuch und beginne
Smalltalk.
Aber der Kunde will keinen Smalltalk.
Sein Gesicht ist in einer tiefen, verbitterten Art und Weise
das eines Mannes, dem das Leben zuletzt für sein Wesen zu grob
mitgespielt hatte, der eine Spur zu heftig sandgestrahlt worden ist.
Seine Scheidung ist noch nicht lange her. Er hatte umfangreiche
Rücklagen gebildet, aber davon musste ein guter Teil an die
Exfrau abgegeben werden.
Und um den ihm verbliebenen Teil hatte er sich psychisch bedingt
nicht mehr in der erforderlichen Art und Weise kümmern können.
Das ist schlecht, denn er hatte auf Turbozertifikate und andere
Optionen mit Hebelmechaniken und zeitkritischer Betreuung gesetzt.
So gingen weitere 60% des ihm verbliebenen Kapitals sehr schnell
verloren.
Nun kamen düstere Marktaussichten hinzu, Corona in China,
Putin in der Ukraine, Energiepreise gehen durch die Decke in Europa...
Gerade habe ich tief durchgeatmet und mir überlegt, wie ich ein
so begonnenes Gespräch würde fortsetzen können, zumal die
Beraterin immer noch nicht mit am Tisch war, da überrascht mich
der Kunde.
Er lehnt sich sehr weit über den Tisch zu mir nach vorne, sieht mir
aus seinen über dunklen Augenringen tief sitzenden müden Augen
direkt ins Gesicht und fragt, beinahe flüsternd:
"Sagen Sie es mir - wie geht das aus?"
Und einer spontanen Intuition folgend antworte ich noch in der
gleichen Sekunde: "Es geht gut aus. Natürlich tut es das!"
Er lehnt sich überrascht in seine Stuhllehne zurück und sein Gesicht
beginnt tatsächlich so was ähnliches wie entspannte Züge anzunehmen.
"Das..glauben Sie wirklich, oder? Sie glauben, dass
...das alles hier ...gut ausgeht?"
"Aber natürlich tut es das. War es denn je anders?
Am Ende wird doch immer alles gut."
Nun musste er lachen - "Kriege ich das auch schriftlich von Ihnen?"
Es ist das Lachen eines Mannes, der sowohl das Lachenkönnen
als auch das mit der guten Nachricht spürbar gut brauchen kann.
Und ich bilde mir ein, ein gewisses Gespür dafür zu haben,
wenn jemand seine Hand nach mir oder nach etwas in mir ausstreckt,
und sei es manchmal auch auf eine unerwartete Art und Weise.
"Und ob Sie das schriftlich von mir kriegen,
und zwar hier und jetzt."
Der vor mir liegende Kugelschreiber gleitet leicht und rasch
über den bereitgelegten Notizblock und ich gebe es dem Kunden
schriftlich, mit Handzeichen und Datum:
Alles wird gut.
Die Stimmung hat sich binnen weniger Augenblicke gelöst und entspannt.
In diesem Moment tritt die Betreuerin mit Kaffee und Keksen hinzu
und schaute neugierig auf die zwischen uns liegende Notiz.
"Was macht ihr zwei denn da?"
Es ist im Allgäu nicht ungewöhnlich,
dass Betreuer und Kunden per Du sind
und oft herrscht ein freundschaftlicher Ton
den Beratungen und Gesprächen an.
"Wir haben ein bisschen über Märkte und Politik geplaudert
und mussten dann kurz einmal festhalten, wie das alles
hier ausgeht. Ich konnte versichern, dass alles gut wird.
Und das wurde meine erste Notiz für heute, guck mal."
Sie schaut auf den Block.
Schaut uns dann mit dem tiefen Blick einer in ihrer
Weltanschauung kristallin ausgehärteten Überzeugten an
und erwidert:
"Das stimmt nicht!"
Kurz sehe ich meine kommende Gesprächsführung die Donau
runtertreiben, da dreht sie schlagartig das Ruder und ergänzt:
"Alles IST gut! Es muss nicht erst mehr gut WERDEN.
Ja, es passiert Schlimmes auf der Welt, jeden Tag, das war immer so,
es wird immer so bleiben. Was wir aber haben, ist gut, wie es ist:
Wir leben, sind gesund, wir haben genug zu essen, wohnen sicher
und geschützt, die Fertigkeiten die wir erworben haben, kann uns
keiner mehr nehmen, wir können mit unserer eigenen Leistung
etwas bewirken, also: Ist DAS nicht GUT?"
Wir Männer schweigen.
Sie holt erneut aus.
"Du trauerst also Deinen verlorenen sechsstelligen Rücklagen hinterher?
Würdest Du diese Erinnerung daran nicht haben, wärst Du froh
über die Summe, die Dir nun immer noch zur Verfügung steht!
Andere wären es.
Was Dir die Zufriedenheit vergällt, ist die Erinnung daran,
dass es einmal MEHR war! Schreib das Geld ab!
Befreie Dich von dem, was war.
Und dann kannst Du Dich auch wieder FREUEN über das,
was jetzt schon gut ist: Nämlich über das, was Du HAST!"
Bäm.
Der saß.
Ich musste schmunzeln, ich finde es immer klasse,
wenn ich was lernen kann von jemandem.
Das war hier und jetzt gerade passiert, und gründlich.
"So! Und nun gebt ihr mir mal den Block, das kann ich
nicht unkommentiert so stehenlassen!".
Und dann greift sie energisch sie zu Papier und Kugelscheiber
und ergänzt:
"Alles ist gut!"
Das Gespräch wurde noch interessant und länger.
Später gegen Ende fragte der Kunde, ob er unseren
Zettel behalten dürfe.
Ich bejahte, weil jede handschriftliche Notiz eines Anlageberaters
immer dem Kunden zusteht und ausgehändigt werden muss,
ob vielmehr ich mir davon erst noch ein Foto machen dürfte.
Und so fotoprokollierte ich eines der außergewöhnlicheren
Anlagegespräche, das mir immer in Erinnerung bleiben wird.
Und das da hängt jetzt in meinem home office an der Wand.
Finde ich wunderschön ❣️
AntwortenLöschenMich berührt das immer noch. Aber ich gucke ja auch jeden Tag auf das Foto :-).
LöschenEcht suess. Und stark.
AntwortenLöschenFür mehr solche Menschen im Leben!
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