Nicht, dass ich Instagram je richtig gemocht hätte.
Aber irgendwas musste man man ja machen, als bloggen nicht ging.
Also überbrückte ich die schreibarme Zeit mit... Fotoscheiß.
Denn von Facebook hatte ich mich schon Ende 2016 verabschiedet,
weil mir das tracking und die ganzen Idioten und auf den Geist gingen
(und hey, das war noch vor Reichsbürgern, Querdenkern, Impfgegnern,
eine aus heutiger Sicht sehr vorausschauende Entscheidung).
Und Twitter ging mir gleich in mehrfacher Hinsicht auf die Eier.
Erstens das Filterblasengetue von Pseudointellektuellen und
zweitens der unglaubliche Druck, in (damals) 140 Zeichen witzig
und kreativ rüberkommen zu müssen.
Wenigstens waren die Accounts mit Erwachseneninhalten ganz
inspirierend, also hab ich Twitter als Pr0n-Lagerstätte behalten.
Dann also IG ausprobiert.
Erster Eindruck damals:
Nur Pseudomodels, Reiche und Superkreative hier, was soll ich da?
Die accounts (w) mit den sehr vielen Followern scheinen außer
3 Kilo Makeup in der Fresse plus 18 gestapelten Filtern und
blingbling-Effekten auf ihren 30-Sekunden-Selfievideos auch
wenig zu sagen zu haben.
Wenn sie nicht gerade Werbung für ihren kostenpflichtigen
OnlyFans-account machen.
Wobei ich Wert darauf lege,
dass ich absolut NICHTS gegen OF
und seine Nutzerinnen habe, im Gegenteil.
Und die vorgeblich männlichen accounts sind mehrheitlich bei IG,
um den weiblichen accounts zu folgen. Mit Kommentaren in jenen,
die bisweilen abenteuerlich bis peinlich wirken.
IG ist für mich so ein bisschen wie früher die Gala im Wartezimmer,
Sonderausgabe "Royals": Alles ein bisschen glitzernd, fake und
oberflächlich.
Und dann, wie aus dem Nichts, war auf einmal SIE da.
Eine Blogleserin von früher, die mich via IG anschrieb.
Das war am 28.07.2021.
Eine private, zunehmend vertrauliche Unterhaltung entsponn sich,
die über viele Wochen und Monate fortgesetzt und vertieft wurde.
Gerade in den Wochen und Monaten unmittelbar nach der Trennung
und während des Auszugs und der Scheidung tat es unglaublich gut,
mehrmals die Woche abends einen Zuhörer und Redepartner zu haben.
Wie sich herausstellte, hatte sie ein beängstigend gutes Gedächtnis für
meine alten Blogposts - und zwar blogübergreifend.
Ich meine: Wie viele Leute kennen SIE, die noch wissen, wodurch
Sie und ihr Lebenspartner 18 Jahre zuvor zusammen gekommen sind
und die Sie NIE GESEHEN haben?
Nicht nur Überschriften und Inhalte waren ihr gegenwärtig, nein:
Auch die Wortwahl, die Bilder und sogar bisweilen die
Schriftformatierung konnte sie widergeben und mich erinnern,
wann ich was wie gesagt hatte.
Dinge, die ich selbst schon so genau nicht mehr wusste.
Beispielsweise hatte ich ihr erzählt, dass die kleine Nichte mir
in ihrem Abschiedsbrief vorgeworfen hatte, ich hätte ihre Tante
im Blog fett genannt. Das hatte mich sehr gegrämt.
Mary hatte instant Widerspruch eingelegt:
Meine Formulierung sei nicht "fett", sondern "fettärschig" gewesen.
Und es sei außerdem für jeden Leser erkennbar im Spaß formuliert
gewesen, denn ich hätte das betreffende Wort damals durchgestrichen
im Text - und gleich dahinter eine sanftere Formulierung gewählt.
Es hat mich all die Monate zutiefst beeindruckt, einen Gesprächspartner
mit soviel Überblick, Einfühlungsvermögen, Wortgewandheit und
Detailwissen zu meinen Gedanken vergangener Jahre gegenüber zu haben.
Es tat...unglaublich gut.
Kurz weh getan hatte es, einen lang gehegte, erheblichen Denkfehler
durch sie widerlegt zu bekommen:
Vielleicht entsinnen Sie sich meiner diversen Ausführungen zu dem
Wunsch, bedingungslos geliebt zu werden.
Ohne Anlass, Ohne Zweck, einfach nur, weil ich DA bin.
Wie Mary mir sehr behutsam aber eindrucksvoll nachwies,
kann es das bei erwachsenen Menschen nicht geben, es sei denn,
es besteht ein pathologischer Geistesrahmen bei wenigstens
einem der Beteiligten.
Unkonditionale Liebe erführen nur Kinder, und nur in ihrem Fall
sei es nicht in irgendeiner Form schadhaft, unkonditionale Liebe
zu wollen.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich genau das
immer gewollt hatte - es war mir nicht um die Liebe eines
Erwachsenen gegangen. Ich wollte als Kind geliebt werden.
Das war eine hart zu schluckende Pille, der ich mich erst
im Verlauf einiger Tage mental hatte annähern können.
Genau das macht gute, wichtige Kontakte aus:
Einen Rat anzunehmen von jemandem, vom den man
nichts erwartet hatte.
Von jemandem, der kein Interesse an Einem verfolgt.
Sehr guter Artikel dazu
hier von Wild Duck.
Wir alle können jemandem brauchen,
der uns zuhört und uns einen Rat zu geben bereit ist,
obwohl er kein Interesse an uns verfolgt.
Seien Sie dankbar, wenn Sie so jemandem im Leben haben.
Und ihn behalten können.
Ach, und:
Sagen Sie das demjenigen ruhig hin und wieder mal.
In einer Phase meines Lebens, in der viele sich abgewandt
hatten und gegangen waren, war sie plötzlich da wie aus
dem Nichts, für eine Zeit lang.
Und diese wertvolle gemeinsame Zeit,
ist etwas, für das ich sehr dankbar bin.


Was ist aus ihr geworden? Es klingt so, als sei eure gemeinsame Zeit vorbei.
AntwortenLöschenDanach sieht es auch die letzten Wochen aus, ja.
LöschenIrgendwann verstummte sie.
Und das ist auch normal, die Tiden der Zeit spülen Menschen an unseren Strand, und sie sind es auch, die sie uns wieder wegnehmen.